evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Gedenke und vergesse nicht

Dr. Michael Volkmann

Ansprache am 26.01.2020, Jüdischer Friedhof Wankheim

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben uns versammelt, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Anlass dazu gibt uns der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee.

International ist der 27. Januar der Gedenktag an die Opfer der Schoa. 90 % der in Auschwitz Ermordeten waren Jüdinnen und Juden. Darum stehen wir hier, auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinden von Wankheim und Tübingen. Hier nun wollen wir aller Menschen gedenken, die von Nationalsozialisten und ihren Helfern verfolgt, gedemütigt, entrechtet, beraubt, gequält und ermordet wurden, Männer, Frauen und Kinder. Das waren neben Juden besonders Sinti und Roma und Angehörige weiterer Völker, die von den Nazis als „Untermenschen“ diffamiert wurden, vornehmlich Slawen. Weiter die politisch Verfolgten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere, die Widerstand leisteten. Dann die Menschen, die sich dem NS-Terror aus religiöser Überzeugung nicht beugten, Zeugen Jehovas oder auch der polnische Klerus und alle anderen, die aus Glauben widerstanden oder den Kriegsdienst verweigerten. Dazu auch Deserteure und Saboteure. Weiter Homosexuelle und als „asozial“ Abgestempelte. Behinderte, Kranke und andere nicht Arbeitsfähige. Auch Straffällig gewordene. Zwangsarbeiter aus besetzten Ländern, Kriegsgefangene, besonders russische. Zahllose bei Vergeltungsaktionen und als Geiseln ermordete Zivilisten. Menschen, die „ausgemerzt“ und „ausradiert“ werden sollten. Eine nicht enden wollende und daher unvollständig bleibende Aufzählung.

Ihrer aller erinnern wir uns hier an diesem Gedenkstein, dem wohl ältesten Tübinger Schoa-Mahnmal. Der Überlebende Viktor Marx hat ihn aufstellen lassen, als er im Sommer 1945 noch einmal in Tübingen war. Auch die Namen seine Frau Marga und seiner Tochter Ruth stehen darauf. Die vierzehn hier namentlich Genannten waren Mitglieder der Tübinger jüdischen Gemeinde gewesen, der spirituellen Heimat von Viktor Marx, bzw. der Eberhardsgemeinde (Elfriede, Hans und Edwin Spiro waren getauft). Er hatte sie gekannt und wusste von ihrem Schicksal, und so gab er ihnen „Denkmal und Namen“, hebräisch Jad Vashem, ein Ausdruck des Propheten Jesaja (Jesaja 56,5), hier auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde. Denn sie haben hier kein Grab. Sie haben nirgends ein Grab mit einem Grabstein. Viktor Marx hat als erster ein Zeichen gesetzt, das sie würdigt und ihre Namen dem Vergessen entreißt. Bis seine Heimatstadt Tübingen seinem Beispiel folgte und im öffentlichen Raum ihrer vertriebenen und ermordeten Jüdinnen und Juden am Synagogenplatz namentlich gedachte, vergingen 55 Jahre. Gedenken passiert nicht von selbst, wir ringen es einander ab. So ist es ja auch mit der jüngsten künstlerisch gestalteten Form des Gedenkens, den Stolpersteinen. Auch sie tragen die Namen derer, die einmal dazugehörten und dann hinausgeekelt oder deportiert und ermordet wurden und deren Nachkommen über die halbe Welt verstreut leben, nur nicht hier in Tübingen.

Viktor Marx wanderte nach Amerika aus, wo er noch einmal eine Familie gründete. In einem Brief schrieb er, dass er das Schlimme, das er erlebt hatte, vergessen wolle (Walter Strauss, Hg., Lebenszeichen. Juden aus Württemberg nach 1933, Gerlingen 1982, S. 193). Wenn ein Überlebender so etwas sagt, dann haben wir es mit größtem Respekt zu hören. Vergessen wollen war die persönliche Überlebensstrategie, zu der er sich in der Lage sah, und sie zeigt ja auch Wirkung.

Uns aber ist dieser Weg versperrt. Die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen sind für uns Grundbedingung für die Existenz unserer Demokratie. Die Verharmlosung oder Leugnung dieser Verbrechen müssen wir als Angriff auf unsere Gesellschaft und unser Gemeinwesen verstehen und dagegen angehen. Besonders, wenn solche Äußerungen zusammen gehen mit der Diffamierung von Juden, wenn die Relativierung der Schoa gekoppelt wird mit Hass gegen Juden oder auch ihren Staat. Wenn wir gedenken, so geschieht das also nie nur im Blick zurück, sondern dann tun wir es auch um unserer gemeinsamen Zukunft willen. Um unseres liberalen demokratischen Rechtsstaates willen. Um unserer Verantwortung willen für das Zusammenleben von uns allen.

Darum müssen wir hier an diesem Gedenkstein, auf dem jüdischen Friedhof, auch über Antisemitismus sprechen. Die Verbindung von Antisemitismus und Nationalismus hat Deutschland, hat Europa und die europäischen Juden in die Katastrophe geführt. Nicht selten endet der Hass gegen Juden mit der Selbstvernichtung des Hassers. Umfragen zeigen und bestätigen immer wieder, dass über ein Fünftel unserer Bevölkerung antisemitische Ansichten äußert. Eine Untersuchung der Anti Defamation League in über hundert Ländern ergab, dass jeder vierte Befragte antisemitische Ansichten äußert (global100.adl.org/map). Es sind Ansichten wie: Juden haben zu viel Macht. Zu viel Macht im Geschäftsleben, zu viel Macht auf den internationalen Finanzmärkten, in der Weltpolitik, über die Medien weltweit, über die Regierung der Vereinigten Staaten (das war 2014, also bezogen auf die Regierung Obama), und sie sind verantwortlich für die meisten Kriege. Juden sind loyaler gegenüber Israel als gegen die Länder, in denen sie leben. Sie kümmern sich nur um Ihresgleichen. Sie halten sich für besser als andere. Sie reden zu viel über die Schoa. Man hasst sie wegen ihres Benehmens. – So die Aussagen. Die allermeisten, die so antworten, kennen selbst keine Juden. Sie glauben an Lügen und Verschwörungsmythen.

Bundespräsident Steinmeier sagte in seiner Rede in Yad Vashem über den Antisemitismus, die Menschen seien heute andere, aber es handle sich um dasselbe Böse (hier nachzulesen ...). Das Böse ist dasselbe, seit es Juden gibt. Die älteste jüdische Überlieferung, die Tora im 2. Buch Mose, erzählt, dass der erste, der die Israeliten als Volk bezeichnete, nämlich der ägyptische Pharao, sie zugleich als Feinde des ägyptischen Volkes diffamierte und die Tötung ihrer neugeborenen Knaben anordnete (2. Mose 1). Wie es von Anfang an Antisemitismus gab, wird es ihn auch in Zukunft geben. Die Herausforderung ist eine beständige, wir können und dürfen uns ihr nicht entziehen. Aber was können, was sollen wir tun? Ich orientiere mich als Christ an der Bibel. Mir fällt der Satz des Apostels Paulus im Römerbrief ein: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem (Römer 12,21). Weg und Ziel sind eins.

Lassen wir uns zum Beispiel von diesem Gedenkstein inspirieren: entreißen wir die Namen der Opfer dem Vergessen. Reden wir von konkreten Menschen, wenn wir uns erinnern, und entdecken wir: das waren Menschen wie ich. Und sagen wir das weiter. Namen schaffen Beziehung und Beziehung ist auch das, was wir heute brauchen. Beziehung zu den Menschen, die heute in unserer Gesellschaft von Ausgrenzung und Gewalt bedroht werden. Sie mit Namen kennen und in Verbindung sein. Sie nicht allein und sich selbst und ihren Hassern überlassen.

Ein israelischer Freund hat mir und meiner Reisegruppe vor drei Wochen in Jerusalem von seinem Engagement in der Friedensgruppe „Tag Meir“ erzählt (tag-meir.org.il/en/). Die Mitglieder dieser Organisation besuchen jüdische und palästinensische Opfer von Hasskriminalität und bieten ihnen emotionale und juristische Hilfe an. Mein Freund sagte, er rede auch mit Politikern und, wenn möglich, auch mit Fanatikern und Extremisten. Er sagte: Das sind Menschen wie ich. Er sagte nicht: Wie du und ich, er ließ mich aus dem Spiel und sprach nur von sich: Es sind Menschen wie ich. Das ist sein Motiv, auch Hasser und Gewalttäter nicht auszugrenzen. Er kennt sie mit Namen und er redet sie mit ihrem Namen an.

Wieder muss ich an die Tora denken, an das 1. Buch Mose mit seiner doppelten Beteuerung, dass alle Menschen von demselben Elternpaar abstammen und darum Verwandte sind, nämlich von Adam und Eva (1. Mose 1-3) und, nach der Sintflut erneut, von Noah und seiner Frau (1. Mose 6-9). Täter und Opfer sind immer Verwandte.

Jeder andere Mensch ist wie ich. Das ist die Botschaft der Tora und des Judentums. In der Konsequenz aus dieser Lehre wird die Summe der Tora zusammengefasst in dem Gebot: Liebe deinen Nächsten, er ist wie du (3. Mose 19,18). Es gibt dicht daneben ein eng verwandtes Gebot: Liebe den Fremden, er ist wie du (3. Mose 19,34). Das ist der Kern der Botschaft des Judentums und das Christentum hat sie übernommen. Beide Religionen verbinden das Gebot der Nächstenliebe mit dem der Gottesliebe. Das ist eine starke Botschaft gegen den Hass, die stärkste, die wir haben.

Darum kann die Antwort auf Hass niemals auch wieder Hass sein. Ich muss differenzieren zwischen einem Menschen, der ist wie ich, und seinen Worten und Taten, die ich niemals akzeptieren werde. Und wenn ich es schaffe, ihm das auch so zu sagen, dann kann vielleicht Gutes daraus entstehen.