evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Stolpersteine

in der Tübinger Innenstadt

Mit den Stolpersteinen wird ein individuelles Gedenken ermöglicht an jene, die hier ihr Zuhause hatten, die aber unter dem NS-Terror ausgegrenzt, vertrieben und ermordet wurden. Das Leid, das ihnen zugefügt wurde, soll gewürdigt werden und ein Zeichen gegen Diskriminierung von Minderheiten gesetzt werden.

Die Tübinger Stolpersteine reihen sich ein in das europaweite Erinnerungsprojekt.

plan_stolpersteine

Seit 2011 gibt es Stolpersteine in der Tübinger Südstadt.

Am 10. Juli 2018 wurden auf Grund einer Initiative, deren Anliegen von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) mit Nachdruck unterstützt wurde, an 8 Orten von Gunter Demnig weitere 29 Stolpersteine in der Tübinger Innenstadt verlegt. Dazu waren für drei Tage 23 Nachfahren der Tübinger Juden aus England, Frankreich, Israel und den USA angereist. In einer Broschüre werden die Biographien der betroffenen jüdischer Mitbrürger gewürdigt.


Broschüre
(als PDF in Englisch und Deutsch)

Die Broschüre mit den Biographien der ehemaligen jüdischen Tübinger ist auf Deutsch und Englisch im Fairen Kaufladen Tübingen, Marktgasse 12 für 8 Euro erhältlich. Ebenso die Neuauflage „Die Tübinger Juden“ von Lilli Zapf für 15 Euro.

Biographien

Die Biographien sind der Broschüre entnommen.
Dort sind auch Quellenangaben aufgelistet.




Jakob Oppenheim

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

HIER WOHNTE

JAKOB OPPENHEIM

JG. 1874

"SCHUTZHAFT" 1938
GESTAPOZENTRALE
FLUCHT 1940
USA

Jakob Oppenheim wurde am 27.04.1874 in Bebra (Hessen) geboren und kam 1905 nach Tübingen. Er war verheiratet mit Karoline Oppenheim, geb. Seemann aus dem fränkischen Aschbach. In Tübingen kam 1907 sein Sohn Heinz und 1911 seine Tochter Gertrud zur Welt.

Jakob Oppenheim war einer der erfolgreichsten und angesehensten Kaufleute in Tübingen. Er übernahm 1906 das Damenkonfektions- und Aussteuergeschäft „Eduard Degginger u. Co.“ in der Neuen Straße 16; der Name wurde abgeändert in „Eduard Degginger-Nachfolger“.

Später kaufte er von der Stadt Tübingen das frühere Offizierskasino Neue Straße 1, ließ es großzügig umbauen und verlegte sein Geschäft dorthin. Gesellschafter wurde sein Schwager Albert Schäfer, der 1911 nach Tübingen kam. Die Firma Degginger-Nachfolger war für eine Stadt wie Tübingen in dieser Branche ein ungewöhnlich großes und repräsentatives Geschäft. Nach großen Einbußen während des Ersten Weltkrieges kam es Mitte der zwanziger Jahre zu einem erheblichen Aufschwung; entsprechend stiegen der Umfang des Geschäftes und das Ansehen seiner Inhaber.

Von 1914 bis 1925 war Jakob Oppenheim Synagogenvorsteher und von 1925 bis 1934 Gemeinde und Stiftungspfleger der Tübinger jüdischen Gemeinde. Schon ab 1930 machte sich der zunächst schleichende , später offene Boykott jüdischer Geschäfte, flankiert von SA Posten vor dem Geschäftshaus bemerkbar und brachte erhebliche Einbußen, die seiner Firma sehr schadeten und schließlich die Firma in den Ruin trieben. Unter enormem politischen Druck vermietete er zunächst sein Geschäft an den NSDAP-Genossen Karl Haidt und 1937 wurde bereits der Name „Eduard Degginger-Nachfolger“ im Tübinger Handelsregister gelöscht.

Wiederholt fanden Verhöre von Seiten der Gestapo in Stuttgart statt und machten die Ausreise aus Deutschland unvermeidlich. Als letzte der Tübinger Juden gelang ihm und seiner Frau Karoline 1940 die Flucht über Genua in die USA. Der als Fracht aufgegebene Hausrat kam nie an der neuen Adresse in den USA an. Jakob Oppenheim lebte in Cleveland Ohio mit gebrochenem Herzen, wie sein Sohn Heinz schrieb. Er starb sehr geschwächt am 05.03.1947 in den USA.

Karoline Oppenheim, geb.Seemann

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

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KAROLINE OPPENHEIM

GEB. SEEMANN
JG. 1883

Flucht 1940
USA
TOT 7.11.1944

Karoline Oppenheim, geb. Seemann wurde am 28.05.1883 in Aschbach bei Bamberg geboren. Sie war die Ehefrau des Textilkaufmanns Jakob Oppenheim und kam mit ihm 1905 nach Tübingen. In Tübingen wurde 1907 ihr Sohn Heinz und 1911 ihre Tochter Gertrud geboren. Karoline Oppenheim war sehr sozial engagiert, sie war Mitbegründerin des Jüdischen Frauenchores und war im Jüdischen Frauenverein tätig. Im Jüdischen Frauenverein waren alle jüdischen Frauen Tübingens organisiert. Die Aufgaben des Vereins umfassten ein breites Spektrum von Bildungsarbeit über sozialpolitische Tätigkeiten bis hin zur gesellschaftlichen Standortbestimmung jüdischer Frauen. Karoline Oppenheim flüchtete 1940 mit ihrem Mann in die USA zunächst nach Cleveland Ohio und zog später zu ihrer Tochter Gertrud nach Pennsylvania. Dort starb sie am 7.11.1944.

Dr. Heinz Oppenheim

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

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DR. HEINZ OPPENHEIM

JG. 1907

Flucht 1936
USA

Heinz Oppenheim wurde am 25.04.1907 in Tübingen geboren: In Tübingen machte er 1925 sein Abitur und studierte anschließend Medizin in Tübingen, München und Wien. Er promovierte 1930 zum Dr. med. Von 1931 bis Ende April 1933 arbeitete er als Assistenzarzt an der Tübinger Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten. Ab Mai 1933 konnte er wegen eines inzwischen geltenden Erlasses des Reichsarbeitsministeriums seine Arbeit als Assistenzarzt in Deutschland nicht fortsetzen und bekam als Jude keine Kassenzulassung. Aus diesem Grund ging er für ein halbes Jahr nach Straßburg und anschließend in die Schweiz in das Klinisch-Therapeutische Institut nach Arlesheim. Da auch in Frankreich und der Schweiz keine Aussicht auf eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit bestand, kehrte er nach Tübingen zurück und versuchte, sich in der Neuen Straße 1 eine Privatpraxis als praktischer Arzt aufzubauen. Auch dies erwies sich als aussichtslos, da er als Jude keine Kassenzulassung bekam und weil NichtKassenpatienten nicht wagten, einen jüdischen Arzt zu nehmen. 1935 heiratete er Dorothee Hayum aus der Rechtsanwaltsfamilie Hayum und emigrierte mit ihr 1936 in die USA. Im Jahre 1945 wurde ihre Tochter Lilian geboren. Von 1943 bis 1945 diente Heinz Oppenheim in der Sanitätsabteilung der amerikanischen Armee. In den USA arbeitete Heinz Oppenheim als sehr angesehener Chefarzt und Professor der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und war Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Vereinigungen. Er war in New York, in West-Virginia und in Kentucky als HNO Spezialist zugelassen. Heinz Oppenheim war Mitglied der Jüdischen Gemeinde „Adath Israel Congregation“. Er verstarb plötzlich im Jahre 1969 in seinem Büro.

Dorothee Oppenheim, geb. Hayum

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

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DOROTHEE OPPENHEIM

GEB. HAYUM
JG. 1912

Flucht 1936
USA

Dorothee Hayum wurde am 28.04.1912 in Tübingen geboren. Sie war die Tochter des Rechtsanwaltes und liberalen Stadtrats Simon Hayum und seiner Ehefrau Hermine Hayum, geb. Weil und besuchte das humanistische Uhlandgymnasium in Tübingen und legte dort das Abitur ab. Sie nahm das Studium der Rechtswissenschaften auf und studierte in München, Freiburg und Tübingen und schloss hier ihr Jurastudium 1934 mit der Promotion ab. Im Jahre 1935 heiratete sie Heinz Oppenheim. Da die Nationalsozialisten per Gesetz am 07.04. bzw. 10.04.1933 Berufsverbote gegen jüdische Beamte und Rechtsanwälte verhängt hatten, hatte sie keine Chance auf eine Zulassung als Rechtsanwältin und musste die juristische Laufbahn abschließen. Sie flüchtete mit ihrem Mann Heinz Oppenheim 1936 in die Vereinigten Staaten. Im Jahre 1945 wurde dort ihre Tochter Lilian geboren, die in Indiana studierte und jetzt in Louisville in Kentucky lebt.

Gertrud Oppenheim, verh. Adler

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

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GERTRUD OPPENHEIM

VERH. ADLER
JG. 1911

Flucht 1938
USA

Gertrud Oppenheim wurde am 17.11.1911 als Tochter von Jakob Oppenheim und seiner Ehefrau Karoline Oppenheim, geb. Seemann in Tübingen geboren. Sie besuchte die Mädchen-Realschule in Tübingen (das heutige Wildermuth-Gymnasium) und anschließend ein Mädchenpensionat in der französischen Schweiz. Danach half sie im florierenden Textilgeschäft ihres Vaters mit bis 1935 und heiratete den Juristen Dr. Otto Adler. Mit ihm flüchtete sie 1938 in die USA und lebte in Philadelphia in Pennsylvania. 1940 nahm sie ihre Eltern Jakob und Karoline Oppenheim auf und kam für deren Unterhalt auf gemeinsam mit ihrem Bruder Heinz Oppenheim.

Albert Schäfer

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

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ALBERT SCHÄFER

JG. 1878

„Schutzhaft“ 1938
Dachau
Gefoltert
Tot an den Haftfolgen
4.5.1941

Albert Schäfer wurde am 26.08.1878 in Hainsfahrth/Bayern geboren. Nach der höheren Schule und einer kaufmännischen Ausbildung war er über längere Zeit bei größeren Textilfirmen in Nürnberg, Würzburg und München tätig. 1911 kam er nach Tübingen und übernahm dort zusammen mit seinem Schwager Jakob Oppenheim die Geschäftsführung des Konfektionshauses „Degginger Nachfolger“. Sie erwarben das ehemalige Offizierskasino in der Neuen Straße 1 und bauten es um zu einem repräsentativen Geschäfts- und Wohnhaus. Schon bald galt es als renommiertestes Konfektionshaus in Tübingen und genoss hohes Ansehen. Von 1913 bis 1933 waren „Degginger Nachfolger“ marktführend in Tübingen aber bereits ab 1931 begann zunächst schleichend, dann ab 1. April 1933 auf staatliche Initiative ein Boykott aller jüdischen Geschäfte. SA-Posten vor den Geschäften hinderten Kunden daran, das Geschäft zu betreten. In der Folge dieses Boykotts kam es zu rapiden Gewinneinbrüchen, nur wenige treue Kunden waren geblieben. Am Morgen nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurde auch Albert Schäfer verhaftet und nach Dachau gebracht. Ende November wurde er aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen mit der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen und mit dem erzwungenen Versprechen, niemandem von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen. Im Januar 1939 mussten Albert Schäfer und Jakob Oppenheim das inzwischen an einen NSDAP Genossen vermietete Geschäftshaus weit unter dem tatsächlichen Wert verkaufen. Im März 1939 beraubte die neu eingeführte sogenannte „Silberabgabe“ darüber hinaus die Familie Schäfer fast aller ihrer Wertsachen. Vom Erlös des Hauses gingen weitere Zwangsabgaben an den Staat ab, die sogenannte „Judenvermögensabgabe“, so dass für Jakob Oppenheim und Albert Schäfer jeweils nur 10 000 Reichsmark übrig blieben, auf die sie keinen Zugriff mehr hatten. Albert Schäfer war zwar frei gekommen aus dem KZ, hatte aber sehr an den Folgen der KZ-Haft zu leiden und starb 63-jährig physisch und psychisch sehr geschwächt am 04.05.1941 in Tübingen. Da die jüdische Gemeinde bereits aufgelöst war, fand sich niemand, der sich um die Beerdigung kümmern wollte. Ein unerschrockener Pferdekutscher versteckte ihn unter einer Plane und brachte ihn so auf den Wankheimer Friedhof. Dort wurde er im Beisein seiner Frau und weniger verbliebener Freunde bestattet, beide Töchter waren schon zuvor aus Deutschland geflüchtet – es ist die letzte Bestattung auf diesem kleinen jüdischen Friedhof gewesen.

Selma Schäfer, geb. Seemann

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

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SELMA SCHÄFER

geb. Seemann
JG. 1887

DEPOERTIERT 1941
RIGA
ERMORDET 23.3.1942

Selma Schäfer wurde am 14.03.1887 in Aschbach geboren als jüngere Schwester von Karoline Oppenheim, geb. Seemann und kam zusammen mit ihrem Mann Albert Schäfer 1911 nach Tübingen. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Herta und Liselotte. Selma Schäfer arbeitete mit im Geschäft ihres Mannes und ihres Schwagers. Neben der Arbeit im Geschäft war sie stadtbekannt für ihr großes soziales Engagement für arme Menschen in Tübingen. Die Wohltätigkeit hat innerhalb der jüdischen Religion einen sehr hohen Stellenwert. Ihr sind in der Tora und im Talmud verschiedene Kapitel gewidmet. Selma Schäfer war Mitglied im Jüdischen Frauenverein Tübingen, der 1924 gegründet wurde und sich sehr im sozialen und kulturellen Bereich engagierte. Nach dem Tode ihres Mannes 1941 wurde Selma Schäfer zwangsumgesiedelt nach Haigerloch. Im November wurde sie von Haigerloch nach Stuttgart gebracht zu der Sammelstelle am Nordbahnhof. Von dort aus wurde sie mit vielen anderen am 1.12.1941 in ungeheizten Güterwägen über drei Tage nach Riga deportiert. Knapp vier Monate später fiel sie am 26.03.1942 einem Massaker in Riga zum Opfer. Sie war bei ihrem Tod 55 Jahre alt. Frau Schäfer hat kein Grab an der Seite ihres Mannes aber ihr Name steht auf dem Sammelgedenkstein der ermordeten Juden aus Tübingen, den Victor Marx nach dem Krieg auf dem Wankheimer Friedhof aufstellen ließ.

Herta Schäfer, verh. Meinhardt

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

HIER WOHNTE

HERTA SCHÄFER

VERH. MEINHARD
JG. 1911

FLUCHT 1937
USA

Herta Schäfer wurde am 27.10.1911 in Tübingen als erste Tochter des Textilhändlers Albert Schäfer und seiner Ehefrau Selma geboren. Sie besuchte die Oberrealschule für Mädchen, das heutige Wildermuth-Gymnasium in Tübingen und danach ein Mädchenpensionat in der französischen Schweiz. Herta Schäfer heiratete 1935 Gustav Meinhardt, der in Nürnberg ein Textilgeschäft hatte und zog zu ihrem Mann nach Nürnberg. Unter dem ständig zunehmenden Druck der Nationalsozialisten entschlossen sie sich 1937 zur Flucht nach New York. Sie lebte in USA/Florida bis zu ihrem Tode im Jahre 1989. Auf Einladung der Stadt kam sie einmal noch zu Besuch in die Stadt ihrer Geburt und Jugend, nach Tübingen.

Liselotte / Michal Schäfer, verh. Wager

Ecke Holzmarkt / Neue Straße

HIER WOHNTE

Liselotte SCHÄFER

VERH. WAGNER
JG. 1921

FLUCHT 1937
PALÄSTINA

Liselotte Schäfer kam als zweite Tochter der Eheleute Albert und Selma Schäfer am 22.06.1921 in Tübingen zur Welt. Sie besuchte ebenfalls die Oberrealschule für Mädchen (Wildermuth-Gymnasium) in Tübingen und erinnerte sich auf Befragen nicht an Diskrimierungen durch Mitschülerinnen und Lehrerinnen in der Schule, außer dass sie nie bei den vielen BDM-Veranstaltungen dabei sein konnte und sich insofern oft allein fühlte. Sie war die einzige Tübinger Jüdin, die sich der zionistischen Jugendbewegung anschloss. In einer Zeitung las sie von der organisierten Auswanderung nach Palästina. Sie besuchte einen sechswöchigen Vorbereitungskurs in München, in dem man Hebräisch lernte und landwirtschaftliches Arbeiten. Ihr Entschluss, nach Palästina auszuwandern, stand fest und so fuhr sie 1937 mit 16 Jahren mit dem Zug nach Triest. Zusammen mit anderen Jugendlichen kam sie mit dem Schiff in Palästina an und es gelang ihr schnell, im Kibbuz-Leben Fuß zu fassen. In Palästina legte sie ihren deutschen Vornamen '''Liselotte''' ab und nahm den hebräischen Vornamen '''Michal''' an als Identifikation mit der neuen Heimat. 1940 gab sie das Kibbuz-Leben auf, um in Tel Aviv Geld zu verdienen für die Flucht ihrer Eltern. Der Tod des Vaters und die Deportation der Mutter kamen jedoch der Flucht zuvor. Im Jahre 1946 heiratete Michal Schäfer Eliahu Wager, dessen Familie aus Odessa kam. Mit ihm hat sie zwei Söhne, eine Tochter und vier Enkel. Mit anderen Familien gründeten sie den Kibbuz „Genosar“ am See Genezareth und zogen dann 1960 zunächst nach Haifa, später 1971 nach Jerusalem. Dort arbeitete Michal Wager noch viele Jahre ehrenamtlich als Übersetzerin im Archiv der Gedenkstätte Yad Vaschem. Soviel wir wissen, lebt sie hochbetagt in Jerusalem und hat gerade ihren 97. Geburtstag gefeiert (Stand August 2018).


Hirschgasse

Rosalie Weil, geb. Herrmann

Hirschgasse 1

HIER WOHNTE

ROSALIE WEIL

GEB: HERRMANN
JG. 1871

EINGEWIESEN 1903
HEILANSTALT SCHUSSENRIED
"VERLEGT" 9.7.1940
GRAFENECK
ERMORDET 9.7.1940
"AKTION T4"

Rosalie Herrmann ist am 20. August 1871 in Stuttgart im Herzen einer jüdischen Familie geboren. Sie hat am 9. April 1896 in Stuttgart Sigmund Weil geheiratet und zog mit ihrem Ehemann am 26. Januar 1903 nach Tübingen. Dort wurde Sigmund Weil Teilhaber, zusammen mit seinem Bruder Albert Weil, am Verlag der „Tübinger Chronik“. Heimwehkrank nach Stuttgart, wurde sie am 13. November 1903 in die Heil- und Pflegeanstalt Schussenried eingeliefert. Dort fiel sie am 9. Juli 1940 der nationalsozialistischen Euthanasieaktion T4 zum Opfer. Die Ehe mit Sigmund Weil war bereits am 1. Mai 1907 beim Landgericht Tübingen geschieden worden.


Mauerstraße

Philippine Reinauer

Mauerstraße 25

HIER WOHNTE

PHILIPPINE REINAUER

JG. 1860

EINGEWIESEN 1941
HEILANSTALT HEGGBACH
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Philippine Reinauer wurde am 15. Juli 1860 in Mühringen, Kreis Horb geboren als erste Tochter von Marx Reinauer und seiner Ehefrau Fanny Reinauer, geb. Reinauer. Ihr Vater zog am 22. August 1872 in Tübingen in das Haus Kirchgasse 13 ein. Im selben Jahr im Oktober meldete er einen Betrieb als Optiker und Graveur an. Sein Schwager Leopold Reinauer lebte in der Collegiumsgasse 6 und hatte ein Geschäft mit Landesprodukten. Philippines Vater starb bereits am 23. März 1881. Seine Frau Fanny lebte ab 1906 in der Kirchgasse 8 und ab 1909 in der Rappstraße 46. Sie ist am 19. März 1919 gestorben. Philippine Reinauer lebte ab 1909 in der Mauerstraße 25 zusammen mit ihrer Schwester Sofie. Von ihrem beruflichen Werdegang ist uns nichts bekannt. Als Berufsbezeichnung wurde Privatière angegeben. Am 26. März 1941 wurde sie 81-jährig in die Pflegeanstalt Heggbach/Laupheim eingeliefert. In dieser Anstalt wurden Juden oft für wenige Monate untergebracht, um anschließend deportiert zu werden. Philippine Reinauer wurde am 11. Juli 1942 in Heggbach abgemeldet und in das Sammellager Stuttgart „verbracht“. Von dort aus ging der Todestransport nach Auschwitz am 13. Juli 1942, wo sich ihre Spur verliert. Vermutlich wurde sie dort ermordet.

Sofie Reinauer

Mauerstraße 25

HIER WOHNTE

SOFIE REINAUER

JG. 1867

EINGEWIESEN 1941
HEILANSTALT HEGGBACH
ERMORDET 11.1.1942

Sofie Reinauer wurde am 6. Februar 1864 als 3. Kind der Eheleute Marx und Fanny Reinauer in Mühringen geboren. Ab 1909 lebte sie in Tübingen zusammen mit ihrer Schwester Philippine in der Mauerstraße 25. Sofie arbeitete von 1922 bis 1937 als Stickerin. Sie hatte dafür einen Gewerbeschein, erzielte aber nur ein sehr bescheidenes Einkommen. Sie wurde, wie ihre Schwester Philippine Reinauer, am 26. März 1941 in die Pflegeanstalt Heggbach transportiert. Dort verstarb Sofie am 11. Januar 1942 eines sog. „natürlichen“ Todes an Altersgebrechen. Ihr Grab liegt auf dem Laupheimer jüdischen Friedhof. Von den vier weiteren Geschwistern der beiden Schwestern hat nur der letzte Sohn Bernhard Reinauer überlebt, der am 5. Februar 1872 ebenfalls in Mühringen geboren wurde, aber bei [[Lilli Zapf]] und in „Zerstörte Hoffnungen“ nicht erwähnt ist. Bernhard ist 16-jährig 1888 in die USA ausgewandert. Wir konnten seinen Lebenslauf im Internet recherchieren. Er lebte in Cook, Illinois und ist 1952 gestorben. Bernhard hatte zwei Söhne, Max Lincoln Reinauer und Robert Louis Reinauer. Sein erster Sohn Max Lincoln Reinauer lebte von 1915 bis 1990 in Los Angeles, Californien und hat ebenfalls zwei Söhne. Mit einem von ihnen, Bruce Reinauer, hatten wir einen Telefonkontakt, vermittelt durch seine Cousine Deonne. Bernhards zweiter Sohn Robert Louis Reinauer ist 1920 in Chicago, Illinois geboren und 2010 in Kitsap, Washington gestorben, wo er ab 1940 lebte. Er hat zwei Kinder, Dirk, geb. 1960, und Deonne Roberta, geb. 1961, von denen wir die Adressen in den USA ausfindig machen und sie anschreiben konnten. Bernhards Enkelin Deonne hat uns einen anrührenden Brief geschrieben.


Kelternstraße

Dr. Albert Pagel

Kelternstraße 8

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Dr. ALBERT PAGEL

JG.1885

DEPORTIERT 1941
THERESIENSTADT
1943 AUSCHWITZ
ERMORDET

Albert Pagel wurde am 03.12.1885 als Sohn des bekannten Medizinhistorikers und Arztes Julius Leopold Pagel in Berlin geboren. Er war ein begabtes Kind, das durch seine Intelligenz auffiel und sehr gefördert wurde. Er besuchte das humanistische Lessing-Gymnasium in Berlin und legte dort das Abitur ab. Danach studierte er Jura und Philosophie in Berlin mit dem Schwerpunkt Rechtsphilosophie. 1907 wurde Albert Pagel Rechtsreferendar und 1911 Assessor und promovierte 1909 an der Universität Gießen. Von 1912 bis 1914 war er Assistent an der juristischen Fakultät der Universität Berlin. Als Richter leistete er im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst an verschiedenen Orten. Da Albert Pagel unter einer chronischen Krankheit litt, die sich unter den Kriegsbedingungen sehr verschlechtert hatte, kam er in desolatem gesundheitlichen Zustand aus dem Krieg zurück. An eine Laufbahn an der Universität oder in der Justiz war nicht mehr zu denken. Da die Eltern Pagel schon 1909 und 1912 verstorben waren, wurde Albrecht Pagel von seiner jüngeren Schwester Charlotte versorgt und gepflegt. Er arbeitete nach 1918 als Privatgelehrter wissenschaftlich weiter, war Mitglied der „Kant- Gesellschaft“ und veröffentlichte Arbeiten zu rechtsphilosophischen und juristischen Themen. Da sein jüngerer Bruder Walter Pagel von 1926 bis 1928 als Assistent am Pathologischen Institut der Universität Tübingen arbeitete, war dies wohl der Grund, weshalb Charlotte und Albert Pagel am 21.08.1927 nach Tübingen in die Kelternstraße 8 zogen. Albert hatte auch in Tübingen gute Kontakte zur philosophischen und juristischen Fakultät und nahm am Universitätsleben teil. Dr. Walter Pagel und seine Ehefrau Dr. Magda Pagel, geb. Koll konnten sich in Tübingen und Heidelberg aufgrund der nationalsozialistischen Gesetze als Juden nicht habilitieren und emigrierten mit ihrem dreijährigen Sohn Bernard 1933 nach Großbritannien. Walter Pagel lebte als angesehener Professor für Pathologie und Medizingeschichte in London und verstarb 1963. Dr. Albert Pagel und seine Schwester Charlotte, die inzwischen beide krank waren, wohnten weiter in Tübingen in der Kelternstraße 8 bis sie beide am 19.08.1942 abgeholt wurden und nach Theresienstadt deportiert und am 23.01.1943 in Auschwitz ermordet wurden.

Charlotte Pagel

Kelternstraße 8

HIER WOHNTE

CHARLOTTE PAGEL

JG. 1894

DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Charlotte Pagel wurde am 29.09.1894 als Tochter des bekannten Medizinhistorikers Julius Leopold Pagel und seiner Ehefrau in Berlin geboren. Sie war die Schwester von Albert und Walter Pagel. Da ihr Bruder Walter Pagel 1926 in Tübingen eine Assistenzarztstelle als Prosektor im Anatomischen Institut der Universität annahm, kam Charlotte Pagel mit ihrem kranken Bruder Albert 1927 nach Tübingen, sie wohnten in der Kelternstraße 8. Charlotte Pagel versorgte und pflegte ihren Bruder, der an einer chronischen Krankheit litt. Es gibt noch Zeitzeugen, die die Geschwister Pagel als sehr liebenswürdige Nachbarn in Erinnerung haben und sich auch daran erinnern, dass Charlotte arme Kinder in der Hölderlinschule mit Vesperbroten versorgt hat, Charlotte Pagel mochte Kinder sehr gerne und die Kinder mochten sie. Eine Mitbürgerin erzählte dieses Jahr in Tübingen auf einem Podium, dass ihre Schwester und sie das Fräulein Pagel sehr geliebt haben, sie sagte: „es war ein ausgesprochen liebevolles Verhältnis; bei ihr gab es immer Anisbrot und sie hat uns schöne Sachen geschenkt.“ Über sie schreibt ihr Bruder Walter, der mit Frau und Kind frühzeitig nach England emigrieren konnte, sie sei der beste und liebevollste Mensch gewesen, sehr schön und von großer Musikalität. Auf eine Karriere als Sängerin und auf eine eigene Familie habe sie verzichtet, um ihren hilflosen Bruder zu versorgen. Beide Geschwister wurden am 23.08.1942 nach Theresienstadt und von dort aus nach Auschwitz deportiert und ums Leben gebracht.


Wördstraße

Josef und Bella Wochenmark

'''Josef Wochenmark, Ph. D.''' und '''Bella Wochenmark, geb. Freudenthal''' Wöhrdstraße 23

HIER WOHNTE
RABBINER

DR. JOSEF
WOCHENMARK

JG 1880

VOR DER DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
8.3.1943

HIER WOHNTE

BELLA
 WOCHENMARK 

  GEB. FREUDENTHAL  
JG 1887
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTAST
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Hier stand das Haus Wöhrdstraße 23. In ihm wohnte in einer Sechszimmerwohnung im zweiten Stock seit Oktober 1925 der Vorsänger und Lehrer Dr. Josef Wochenmark mit seiner Frau Bella und den beiden Söhnen Alfred und Arnold. Der Vater der Familie war, wie sein Sohn Arnold ihn beschreibt: „akademisch gesinnt“, gebildet, belesen, fleißig und sehr bemüht, die Identität als gebildeter, deutscher Jude auszubilden. Er nahm viele Aufgaben der geistlichen Versorgung und der Betreuung der jüdischen Gemeinde wahr, Schul- und Talmudunterricht der Kinder, sowie Krankenbesuche in den Kliniken und verbrachte lange Arbeitsstunden in seiner Bibliothek, in denen er an seiner Dissertation arbeitete; er schloss sie 1933 in Tübingen bei Prof. Dr. Heuer ab. Josef Wochenmark wurde 1880 in Regwadow in Galizien, einem der Kronlande der Habsburgermonarchie geboren und musste nach deren Zusammenbruch 1918 wie viele andere Juden wegen antisemitischer Übergriffe das Land verlassen. Er kannte sehr wohl die starke Ablehnung in der nichtjüdischen, deutschen Öffentlichkeit gegenüber den Ostjuden, aber auch die Vorbehalte des inzwischen, seit der Gleichstellung 1864, integrierten, z. T. assimilierten jüdischen Bürgertums. Josef Wochenmark war, obwohl er aus einem orthodoxen Umfeld kam, innerhalb der Gemeinde betont liberal und innovativ, denn in Tübingen war die Ausübung der jüdischen Religion eher Privatsache. Zu Angehörigen der fast durchgehend nichtjüdischen Universität gab es einzelne, wenige Kontakte, so zum Seminar und Kolloquium seines Doktorvaters und zu den jüdischen Studierenden, die am koscheren Mittagstisch teilnahmen, den seine Frau Bella zusammen mit einer kleinen Pension betrieb. In den täglichen, lebhaften Diskussionen äußerte er offen seine Meinung. Sein Sohn Arnold meinte, sein Vater „hatte das Vertrauen in das deutsche Volk, dass sie zu zivilisiert, zu gescheit sind, um auf einen solchen Halunken wie Hitler einzugehen“ (Siehe Quelle: ''Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden'' S. 96) . Er meinte, wenn man nicht im Kaftan herumlaufe und jiddisch spräche, sondern sich gebildet und angepasst verhalte, würde man auch nicht diskriminiert werden. Die Allgegenwart des Antisemitismus, der allzu vertraut war, verhinderte eine gezielte Wahrnehmung der neuen Dimension. Gerade exponierte jüdische Bürger, deren Integration ins gesellschaftliche Leben gelungen schien, die für die aufgeklärte Moderne standen, gerade sie waren in völkischen Kreisen besonders verhasst, eine Akkulturation sollte gezielt verhindert werden. Durch die Auswanderung und Flucht vieler Mitglieder verkleinerte sich Josef Wochenmarks Gemeinde erheblich, weshalb ihn der jüdische Kirchengemeinderat 1934 nach Schwäbisch Gmünd versetzte. Die Familie Wochenmark geriet in Entscheidungsnot, sollten sie bleiben oder gehen, die Eltern erwogen eine Auswanderung in die USA. Die beiden Söhne Arnold und Alfred waren inzwischen in die Schweiz emigriert. Die Verfolgung nahm zu und die Wochenmarks wurden nach Stuttgart versetzt. Hier, inzwischen 61 Jahre alt, erreichte Josef Wochenmark noch sein Lebensziel, er wurde im März 1943 orthodoxer Rabbiner, der letzte von Stuttgart. Auch hier und trotz widrigster Umstände bildete er sich weiter. Seine Frau Bella arbeitete in Stuttgart als Hilfsarbeiterin. Die Ghettoisierung des Ehepaars als Vorstufe der Vernichtung nahm bedrohlich zu, sie wurden in einem sogenannten „Judenhaus“ interniert. Not, Isolation, Kontrolle, Ausgehverbote und das Tragen des Judensterns bestimmten ihren Alltag. Es blieben nur noch verzweifelte Briefe: „Wir machen hier weiter, solange es geht und hoffentlich seid ihr gesund und verliere nicht deinen Gottesglauben“. Vor der Deportation versuchten Josef und Bella Wochenmark, sich das Leben zu nehmen, Josef Wochenmark starb am 08.03 1943, seine Frau Bella überlebte schwer verletzt und kam im April 1943 nach Theresienstadt und am 10.10.1944 nach Auschwitz; dort wurde sie ermordet.

Alfred Wochenmark

Wöhrdstraße 23

HIER WOHNTE

ALFRED
  WOCHENMARK  

JG. 1917

FLUCHT 1933
SCHWEIZ
1937 USA

Alfred, der ältere Sohn der Familie Wochenmark, wurde am 20. Juni 1917 im schwäbischen Freudental bei Ludwigsburg geboren. Als die Familie 1925 nach Tübingen umzog, war er acht Jahre, sein jüngerer Bruder Arnold vier 4 Jahre alt. Beide Söhne besuchten zunächst die Grundschule in Tübingen und danach das humanistische Uhland-Gymnasium. In der Schule waren beide antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. 1933 hatte Alfred ein besonders schlimmes Erlebnis. Er war, als Hitler durch Tübingen fuhr*, aus Neugierde zur Neckarbrücke gegangen und mischte sich unter die jubelnde Menge. Als er zurückkehrte, fragte ihn die Nachbarin aus dem Parterre: „Na, hast Du den Führer gesehen?“ Alfred antwortete: „Ja, Götz von Berlichingen habe ich auch gesehen“. Hinter ihm stand der SA-Mann, der oben im Haus wohnte. Dieser schlug Alfred blutig und sagte: „Du hast den Führer beleidigt“. Danach wollte Alfred nicht mehr in Deutschland bleiben und nutzte in den Sommerferien die Gelegenheit, mit dem Fahrrad zum Bruder seines Vaters nach Basel zu fahren, der dort eine koschere Bäckerei betrieb. Der 16-jährige war einer der ersten Juden, die 1933 ins Ausland flohen. Die Eltern wollten unbedingt, dass Alfred zurückkommen und in Tübingen das Abitur machen sollte, doch Alfred widersetzte sich. Da er, wie alle Geflohenen, in der Schweiz keine Arbeitserlaubnis bekam, machte er von 1933 bis 1937 eine Lehre als Möbel- und Bauschreiner. In Basel fühlte sich Alfred wieder als Mensch. Doch 1937, nach dem Abschluss seiner Lehre endete seine Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz. Mit großer Energie schaffte der 20-jährige die Einwanderung in die USA, er wandte sich in Basel an die Heilsarmee, die ihn nach Sol Freudental in Baltimore vermittelte. In den USA angekommen fand er als gelernter Möbelschreiner schnell Arbeit in New York. 1940 heiratete er in New York die jüdische US- Amerikanerin Edith Schulman, mit der er zwei Söhne bekam, Kenneth und Lance. 1941 meldete er sich freiwillig für fünf Jahre zum Militär, um „Deutschland zu besiegen“. Er änderte in den USA seinen Namen in „W.Mark“ um. Nach dem Krieg übernahm Alfred Wochenmark eine Möbelfirma, in der sein Sohn Kenneth mitarbeitete. Der andere Sohn Lance studierte Jura. Im Jahr 1987 besuchten Alfred Wochenmark und seine Ehefrau Tübingen, damals wohnte das Ehepaar in Florida. Im Jahre 1998 verstarb Alfred Wochenmark. *Anmerkung: Allgemein geht man davon aus, dass Adolf Hitler niemals in Tübingen gewesen ist (was sonst dokumentiert wäre). Womöglich ist er von Stuttgart aus mit dem Auto über Lustnau (Stuttgarter Straße) zu einer Großveranstaltung nach Reutlingen gereist.

Arnold Wochenmark

Wöhrdstraße 23

HIER WOHNTE

ARNOLD
 WOCHENMARK 

JG. 1921

FLUCHT 1937
SCHWEIZ

Arnold Wochenmark wurde am 31. März 1921 in Crailsheim geboren und kam als vierjähriges Kind nach Tübingen, wo er die Grundschule und das humanistische Uhland-Gymnasium besuchte. Für den jüngeren Bruder Arnold waren die Erinnerungen an Tübingen sehr ambivalent. Auf der einen Seite die Kinderwelt mit Schlittenfahren auf dem Österberg, Spielen mit der elektrischen Eisenbahn und den herrlichen Sommerferien im Schwarzwald, wo die Familie in einem Ferienhäuschen wohnte und der Vater entspannt war. Die Eltern waren sehr „seriös“, es gab wenig Spaß, der Vater schaute streng nach den Hausaufgaben und Arnold musste sich heimlich zum Spielen auf der Straße davonschleichen, in seiner Erinnerung sei es eine ziemlich sorglose Zeit ohne Not gewesen. Doch im Gymnasium endete diese Zeit abrupt. Schon vor 1933 waren jüdische Schüler im Uhland-Gymnasium antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, ab 1933 wurde es richtig schlimm, kein Mitschüler gab ihm mehr die Hand, am Schulausflug wollte keiner neben ihm gehen, niemand sprach mit ihm, auch kein Lehrer, er fühlte sich völlig isoliert. In der Pause wurde er einmal symbolisch gekreuzigt, indem man ihn auf einem Brett festband, die Lehrer schritten nicht ein, die Freude an der Schule wurde zum Horror, seine Leistungen ließen nach, so dass er in die Realschule versetzt wurde. Sein bester Freund aus der Wöhrdstraße kannte ihn plötzlich nicht mehr und erklärte ihm heimlich, er dürfe ihn nicht mehr grüßen, die Hitlerjugend habe es ihm verboten; eigentlich habe er gar nichts gegen ihn, aber er müsse die Freundschaft beenden, Arnold verstand nichts mehr. Ab 1934, als die Eltern nach Schwäbisch Gmünd zogen, war alles noch viel eingeschränkter und schlimmer, es gab nur noch Kontakte mit Juden, sie mussten ihr Radio abgeben und hatten kein Telefon mehr. Auch das öffentliche Schwimmbad durfte er nicht mehr besuchen, „man hatte keine Freude mehr am Leben“, es war deprimierend, doch die Familie hielt zusammen. 1937 schrieb Alfred aus Basel einen Brief an die Eltern, in dem er berichtete, dass sein Onkel einen Platz für einen Bäckerlehrling frei hätte. Diesen Brief verheimlichten seine Eltern Arnold, weil sie andere Pläne mit ihm hatten. Doch Arnold rief seinen Bruder in der Schweiz vom Postamt aus an und erfuhr von der Lehrstelle und dass er sich sofort entschließen müsse. Arnold sagte auf der Stelle zu und stellte seine Eltern vor vollendete Tatsachen und rettete so sein Leben. Seine Aufenthaltserlaubnis war an die dreijährige Lehre gebunden, nach Abschluss der Lehre wurde er nur noch als Volontär befristet geduldet. Ab 1940 musste sich Arnold beim Arbeitdienst in der Schweiz melden, wo harte Arbeit beim Straßenbau und in der Landwirtschaft die Flüchtlinge zur Weiterreise bewegen sollte. Mit dem Kriegseintritt der USA 1941 war es ihm jedoch nicht mehr möglich, zum Bruder in die USA auszureisen; seine Eltern konnte er trotz großer Bemühungen nicht mehr in die Schweiz holen. Auf seine offiziellen Bitten und Anschreiben an die Schweizer Einwanderungsbehörden bekam er die lapidare Antwort: „ Die Einwanderung ihrer Eltern ist unerwünscht“ Seit 1938 hatten die Berner Behörden eine Visumpflicht für Juden eingeführt und lehnten Einwanderungsgesuche bis auf wenige Ausnahmen, prinzipiell ab. In der Schweiz herrschte ein sehr fremdenfeindliches Klima und so war das Zusammenkommen mit anderen jungen Juden am Sabbat und in der Synagoge sehr wichtig, um sich gegenseitig unterstützen zu können, Arnold besuchte regelmäßig den Englisch Club, um sich auf seine Auswanderung vorzubereiten. Das Beste aber an Basel war die Bekanntschaft mit der bildschönen Johanna Braunschweig, die 1942 als 17-jährige aus Frankreich nach Basel flüchtete. Am 18.03.1945 heirateten die beiden in Basel. Alfred half dem jungen Paar bei der Besorgung der Auswanderungspapiere für die USA und so verließen Arnold und Johanna Wochenmark 1946 die Schweiz. Nach einigen Monaten in New York, wo im Juni ihre Tochter Linda geboren wurde, zogen sie um nach San Francisco. Dort arbeitete Arnold zunächst in einer Pralinenfabrik, in der er rasch ins Management aufstieg. 1949 wurde der Sohn Jeffrey geboren, und 1951 ihr Sohn Bernard. 1951 nahm die Familie den Familiennamen „Marque“ an. Linda, die eine Ausbildung zur Dolmetscherin gemacht hatte, starb mit nur 22 Jahren in Genf bei einem Unfall. Jeffrey, der eine Ausbildung zum Biophysiker gemacht hatte, heiratete die Japanerin Myako, hat mit ihr zwei Kinder und lebt in San Francisco. Bernard wurde Fotograf und Versicherungskaufmann, heiratete die Deutsch- Engländerin Carol und lebt mit seiner Familie ebenfalls in San Francisco. Ihre beiden Töchter sind heute 30 und 34 Jahre alt. Arnold Marque legte noch siebzigjährig im Heimstudium ein Diplom als Versicherungskaufmann ab und betrieb eine Versicherungsagentur. Er war der Sprecher der ehemaligen Tübinger Juden, er besuchte 1981 und 1987 Tübingen. Seine Frau und er lebten bis ins hohe Alter in der Nähe von San Francisco ein sehr erfülltes und aktives Leben. Arnold Marque starb am 10.10.2016 mit 95 Jahren einen friedlichen Tod.


Stauffenbergstraße

Adolph Bernheim

Stauffenbergstraße 27

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ADOLPH BERNHEIM

JG. 1880

FLUCHT 1939
USA

Adolph Bernheim, geb. 11.7.1880 in Hechingen, war mit zwei Brüdern Teilhaber einer mechanischen Buntweberei in Bronnweiler bei Reutlingen, die ihr Vater 1874 gegründet hatte. Dies war ein solider mittelständiger Betrieb. Im 1. Weltkrieg war Adolph Kriegsteilnehmer und Träger des Eisernen Kreuzes 2. Klasse. Nach seiner Hochzeit 1921 mit Hanna Bach aus Augsburg wohnten sie mit dann zwei Kindern bis 1930 in dem Dorf Bronnweiler. Danach zog er mit seiner Familie nach Tübingen, um den beiden Kindern Doris und Hans eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Er kaufte eine stattliche Villa in der Stauffenbergstraße 27, damals eine sehr vornehme Wohngegend. Die Bernheims fühlten sich vom intellektuellen Leben in der Universitätsstadt angezogen. Sie lebten in vorsichtiger Zurückhaltung. Zu einigen nichtjüdischen Nachbarn auf dem Österberg entwickelten sich aber freundschaftliche Beziehungen aufgrund gemeinsamer intellektueller Interessen, z. B. in nachbarschaftlichen Musik- und Literaturkreisen. Adolph blieb aktiver Teilhaber der Fabrik vor allem im kaufmännischen Bereich. Unter schwerem politischem Druck musste die Fabrik in Bronnweiler 1938 leider verkauft werden, denn arische Spinnereien wurden gezwungen, an jüdische Spinnereien keine Garne mehr zu verkaufen. Im gleichen Jahr wurde ebenfalls die Villa unter beschämenden Bedingungen verkauft. Die Familie zog zunächst nach Stuttgart. Nach vielen Schikanen gelang ihnen im Juli 1939 die Auswanderung in die USA nach Cincinnati. Hanna Bernheim schreibt 1964 darüber: „Wir konnten über unser Bankkonto nicht frei verfügen, sondern nur einen bestimmten Betrag monatlich abheben. Für die Auswanderung mussten wir die Juden-Abgabe in Höhe von 25% des Vermögens bezahlen, außerdem 5% Sühneabgabe wegen des Pariser Attentats. Die Zollfahndungsstelle schickte zwei Leute ins Haus. Sie sahen alle bereits verpackten Kleidungsstücke durch. Silber und Schmuck mussten wir schon im Frühjahr 1939 abliefern. Schließlich konnten wir nur mit Handgepäck, ohne Winterausrüstung, ohne Bett- und Tischwäsche, ohne Möbel und sonstigen Hausrat abreisen. ...Ich konnte nur 10 Mark mitnehmen.“ Teile der Möbel und des Haushalts wurden zunächst in Container gepackt, von einer Spedition über Stuttgart nach Hamburg verfrachtet und dort im Hafen eingelagert um per Schiff in die USA verschifft zu werden. 1940 wurde aber das Umzugsgut von der Gestapo beschlagnahmt und versteigert. Davon erfuhren die Bernheims erst nach dem Krieg. Die Eingliederung in das Leben in den USA war für alle Familienmitglieder sehr schwer. Für Arbeiten in der Textilindustrie wurde Adolph als 60-jähriger als zu alt abgelehnt. Er arbeitete als Vertreter für Papierwaren und für Textilien und fünf Jahre als Fabrikarbeiter. 1952 wurde der erzwungene Hausverkauf in Tübingen rückgängig gemacht und sie konnten dieses 1954 verkaufen. Danach konnte er erst mit 75 Jahren in den Ruhestand gehen. Eine monatliche Rente von 800 DM erhielt er ab 1958. Am 19.3.1966 ist Adolph Bernheim mit 86 Jahren in Cincinnati gestorben.

Hanna Bernheim, geb. Bach

Stauffenbergstraße 27

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HANNA BERNHEIM

GEB. BACH
JG: 1895

FLUCHT 1939
USA

Hanna Bernheim, geb. Bach, ist am 11.9.1895 in Augsburg geboren und mit drei Geschwistern aufgewachsen. Ihr Vater Max Bach war ein wohlhabender Großhändler. Die Familie praktizierte den jüdischen Glauben und die Eltern lehrten die Kinder, stolz darauf zu sein. Hanna studierte in einer Frauenschule Pädagogik, Psychologie und Kunstgeschichte. Während des Ersten Weltkriegs half sie bei der Jugendfürsorge und der Volksspeisung. Sie absolvierte eine Ausbildung in Sozialfürsorge und arbeitete in der städtischen Fürsorgestelle bis zur Hochzeit mit Adolf Bernheim 1921 und dem Wegzug nach Bronnweiler und 1930 nach Tübingen. Hanna bekannte sich zum aufgeklärten Reformjudentum. Sie hat sich religiös in der jüdischen Gemeinde engagiert und in Tübingen jahrzehntelang Juden und Christen generös auf caritativem Gebiet unterstützt. Hanna Bernheim hat eine Autobiographie „History of my Life“ verfasst. Sie beschreibt lebendig ihr Leben in dem kleinen Dorf Bronnweiler, wo sie einen einfachen Lebensstil pflegte, um nicht als Kapitalistenfrau aufzufallen. Sie lebte aber modern und konnte z. B. Autofahren. Ab 1933 wird das Leben für Juden kompliziert und beschwerlich. Ganz unsentimental und ohne Anklage beschreibt Hanna die kleinen Schritte der Ausgrenzung, die vielen Facetten der Ablehnung, die wachsende Feindseligkeit und Rechtlosigkeit. Von 1936 bis 1938 war sie Vorsitzende des jüdischen Frauenvereins in Tübingen, der oft in ihrer Villa in der Stauffenbergstraße tagte. Sie war für die kulturelle Betreuung der israelitischen Kleingemeinden auf dem Lande aktiv. In dem jüdischen Frauenverein, der 1924 von Karoline Löwenstein gegründet wurde, waren alle jüdischen Frauen Tübingens organisiert. Er bildete ein Netz wohltätiger Fürsorge mit vielfältigen caritativen Aktivitäten, aber auch gesellschaftspolitischen Diskussionen und kulturellen Vorträgen. Die Frauen übernahmen Besuchsdienste bei Kranken und im Altersheim. Sie nähten, strickten und häkelten für Bedürftige. Aktivitäten, von denen nicht nur Juden, sondern auch Christen und Menschen außerhalb Tübingens profitierten. Dieses jüdische Wohlfahrtswesen wurde in den dreißiger Jahren zunehmend erschwert. Hanna beschrieb zum Schluss ihres Berichts die bürokratischen Schikanen und die ökonomische Ausplünderung ihrer Familie. Ihr Mann und Sohn verließen Deutschland mit dem Schiff. Sie mit dem Flugzeug um bei ihrer Tochter in London zwischenzulanden. Sie schließt ihre Erinnerungen mit dem Satz: „Und so flog ich aus der Hölle direkt in den Himmel.“ (History, S. 186) In diesem Himmel begann aber kein leichtes Leben. Die 45-jährige Hanna, zu deren Lebensstandard in Deutschland ein Kindermädchen und eine Köchin gehörten, musste nun kochen lernen und dazuverdienen. Sie hat in den USA als Pflegerin, als Verkäuferin in der Konfektionsbranche und als Chauffeurin sowie als Verkaufshilfe für ihren Mann gearbeitet. Die Emigration in die USA wurde durch die Bürgschaft eine Verwandten ihres Mannes ermöglicht, die ihnen durch freundliche Aufnahme die Eingewöhnung im „Exil“ erleichterte. Die 87-jährige Hanna schreibt 1982 in einem Brief: „Wir wohnten zwar sehr bescheiden, aber doch gemütlich. Natürlich arbeiteten wir viele Jahre hart, genossen aber alle Feiertage, oft mit den Verwandten“ (History, S. 26). Hier schließt sich eine ähnliche Aussage an zu der in ihrer History of my Life über ihr Leben in Deutschland (Siehe Quelle: ''Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden'' S. 51): „Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, muss ich sagen, dass es insgesamt sehr glücklich war. Ich hatte immer gute Freunde, die mich nie enttäuschten, Nichtjuden genauso wie Juden.“ Hanna Bernheim ist 1990 hochbetagt mit 95 Jahren gestorben.

Doris Bernheim, verh. Doctor

Stauffenbergstraße 27

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DORIS BERNHEIM

VERH. DOCTOR
JG 1923

KINDERTRANSPORT 1938
ENGLAND
1939 USA

Doris Bernheim, geb. 11.4.1923 in Tübingen, besuchte in Tübingen das heutige Wildermuth-Gymnasium. Anfang der 30er Jahre war sie zunächst noch keinen Diskriminierungen ausgesetzt. Ihre Lehrerinnen waren zum Glück unvoreingenommen und demokratisch gesinnt. Doris konnte noch 1934 an einem von der NS-Volkswohlfahrt organisiertem Ferienaufenthalt teilnehmen. Ihre Mutter Hanna schreibt ([[Lilli Zapf|L. Zapf]], S. 127) : „Unsere Kinder litten natürlich sehr unter den Diffamierungen, obwohl ihre Lehrer und die meisten Mitschüler sich weit weniger feindslig verhielten als in anderen Städten. Dass im Schwimmbad „Hunden und Juden der Zutritt verboten“ war, ließ tiefe Spuren im Kindergemüt zurück.“ Doris Bernheim kam 1938 mit einem Kindertransport nach England, war dort Internatsschülerin und besuchte kurz eine Haushaltungsschule. Von London aus emigrierte sie 1939 nach New York und zog dann zu ihren Eltern nach Cincinnati. Ein Studium war nicht zu finanzieren. Um rasch Geld zu verdienen, absolvierte sie eine sechsmonatige Ausbildung zur Kosmetikerin, besuchte aber Weiterbildungskurse in den Abendstunden. Sie heiratete 1947 den Ingenieur Bernard H. Doctor und bekam zwei Töchter: Linda und Ruth und hat vier Enkel. Sie lebt heute verwitwet in Israel.

Hans Bernheim

Stauffenbergstraße 27

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HANS BERNHEIM

JG. 1924

FLUCHT 1939
USA

Hans Bernheim, geb. 5.8.1924 in Tübingen, ging im Frühjahr 1938 nach Berlin in eine private jüdische Schule, weil ihm in Tübingen der Besuch des Gymnasiums schwierig gemacht wurde. Ab 1935 hatte er nur noch nichtjüdische Freunde, wurde aber zunehmend ausgegrenzt. Er wurde in der Klasse und der Fußballmannschaft geduldet, konnte sogar noch 1937 bei einer Klassenfahrt teilnehmen. Seine zu absolut zurückhaltendem Auftreten als Jüdin erzogene Mutter erlaubte ihrem Sohn sich körperlich gegen judenfeindliche Beschimpfungen durch Klassenkameraden zur Wehr zu setzen. Sie erlaubte ihm einen Hitlerjungen jedes Mal zu verprügeln, wenn er ihn als Jude beschimpft. Es ging nicht mehr um Anpassung sondern um Selbstbehauptung. Rückblickend formulierte er in einem Gespräch 1995: „Wenn man nicht mehr akzeptiert wird, geht man leichter fort. In Berlin konnte ich bei einer Tante wohnen, die auch schulpflichtige Kinder hatte“. Mit seinen Eltern emigrierte er dann 1939 nach Cincinnati/Ohio in den USA. Hans verkaufte als 15-jähriger morgens vor dem Schulbesuch Zeitungen. Er wurde 1943 in die US-Armee einberufen. (Zerstörte Hoffnungen, S. 307) Im 2. Weltkrieg diente er als „Technical Sergant“ in einer Panzerdivision, die 1945 bis nach Pilsen in der Tschechoslowakei vorrückte. Danach war er zeitweilig in Stuttgart stationiert, von wo aus er mit dem Jeep und in Uniform die alte Heimat in Tübingen und in Bronnweiler besuchte. Im Frühjahr 1946 kehrte er nach Cincinnati zurück, wo er als Automechaniker arbeitete. 1949 heiratete dort Jeanne Glaab. Sie haben drei Kinder: John-Rudolph, Sue-Ellen und Robert, sowie vier Enkelkinder. Hans (John) Bernheim ist am 27.8.2014 in Cincinnati, Ohio, gestorben.


Keplerstraße

Klara Wallensteiner, geb. Reichenbach

Keplerstraße 9

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KLARA
  WALLENSTEINER  

GEB. REICHENBACH
JG.1869

VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
19.8.1942

Klara (oder auch Clara) kam am 18. Oktober 1869 in Hohenems (OA Feldkirch/Vorarlberg/österreich) zur Welt. Sie war das dritte und letzte Kind des Weinhändlers und Branntweinfabrikanten Karl Reichenbach und seiner Ehefrau Helene Karoline Lotte geb. Nathan (gebürtig aus Laupheim in Württemberg). Die Reichenbachs waren eine seit Generationen in Hohenems ansässige, hoch angesehene jüdische Familie. Im Jahre 1875 verließ Karl Reichenbach mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern Hermann und Klara (das älteste, ein Mädchen, war bereits bei der Geburt gestorben) Österreich und übersiedelte nach Zürich/Schweiz, zunächst in der Eigenschaft als österreichische Staatsbürger. 1881 emigrierten sie offiziell in die Schweiz und blieben in Zürich, wo Karl Reichenbach im Alter von erst 45 Jahren 1885 starb und auch begraben wurde. Letztendlich übersiedelte seine Frau nach Ulm in Württemberg. Sie starb dort im Jahre 1923. Was aus Hermann Reichenbach wurde, ist nicht bekannt. Die Tochter Klara heiratete 1894 Julius Wallensteiner aus Ravensburg (geb. am 10.08.1858). Ebenfalls Spross einer alteingesessenen, angesehenen jüdischen Familie. Er war Chemiker in einer Rottweiler Pulverwarenfabrik und trat 1911 zum evangelischen Glauben über. M it knapp 54 Jahren starb er 1912 in Rottweil evtl. bei einem chemischen Versuch. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Wann Klara sich in Tübingen niedergelassen hat, ist nicht mehr nachzuweisen. Es muss allerdings vor 1920 gewesen sein, da die Zuzüge nach Tübingen erst ab 1920 archiviert vorliegen (Auskunft des Stadtarchivs Tübingen). Gesicherter Quelle ist zu entnehmen, dass auch Klara Wallensteiner mindestens zum Zeitpunkt ihres Todes der evangelischen Kirche angehörte. Bis zu ihrem Tode war sie mit Wohnsitz in der Tübinger Keplerstraße 9 gemeldet. Bereits im Mai 1942 stand Klara Wallensteiner offenbar auf der Deportationsliste. Durch die Fürsprache einer namhaften Tübinger Persönlichkeit konnte sie zunächst bleiben. Man hatte darauf hingewiesen, dass die 72-jährige bettlägerig war und liegend transportiert werden müsse. Außerdem könne sie niemals mehr am öffentlichen Leben teilnehmen und wohne in einem Hinterzimmer, das anderweitig nicht vermietbar sei. Vermutlich erhielt sie jedoch im darauffolgenden August davon Kenntnis, dass die Stadt durch die Deportation aller noch in Tübingen verbliebenen jüdischen Familien und jüdisch stämmigen Bürger „judenfrei“ werden sollte. Daraufhin ließ sie sich kurzfristig nach Ludwigsburg verlegen und beging dort ausgerechnet einen Tag vor der Tübinger Deportations-Kampagne am 19. August 1942 Suizid durch Tabletteneinnahme. Im Tübinger Familienregister wurde ihr Tod erst am 20. August 1942 registriert.

Pauline Pollak, geb. Heidelberge

Keplerstraße 5

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PAULINE POLLAK

GEB. HEIDELBERGER
JG. 1868

DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
BEFREIT

Pauline Pollak, geb. Heidelberger, wurde am 28.5.1868 in Markelsheim bei Mergentheim geboren. 1892 heiratete sie Leopold Pollak, der 26 Jahre lang Lehrer und Kantor war in Olnhausen an der Jagst. Er galt als besonders gütiger, intelligenter und redebegabter Mann. In Olnhausen kamen zwischen 1895 und 1906 die sechs Töchter des Ehepaars Pollak zur Welt, Recha, Martha, Rosa, Clara, Mathilde und Selma. Die zweitälteste, Martha, wanderte bereits 1912 als 15-jährige in die USA aus und heiratete dort Justin Loewenberger. 1914 siedelte die Familie nach Tübingen um, in die Rümelinstraße 2. Bevor sie Olnhausen verließen, machte der damalige Götz von Berlichingen dem Kantor Pollak einen Abschiedsbesuch. Die Kinder der beiden hatten oft miteinander gespielt. Als sie nach Tübingen zogen, war Pauline 46, ihr Mann 56, ihre fünf Töchter waren zwischen 11 und 19 Jahren alt. Leopold Pollak arbeitete auch hier als Lehrer und Kantor der Tübinger Gemeinde von 1914–1923. In jenem Jahr starb er nach längerer Krankheit und wurde auf dem Wankheimer Friedhof beerdigt. Die Witwe zog mit ihren inzwischen nur noch drei Töchtern, die anderen hatten geheiratet, in die Keplerstraße 5. Hier lebte sie von 1925–1935, seit 1931 auch noch mit ihrer Enkelin Therese. Als die zwei am Schluss noch bei ihr lebenden Töchter aus Deutschland fliehen mussten, zog sie 1935 zunächst nach Karlsruhe zu ihrer Tochter Clara. Von da aus besuchte sie 1940 ihre Tochter Mathilde in Würzburg, die dort verheiratet war. Allerdings konnte sie nie wieder zu Clara nach Karlsruhe zurückkehren, denn diese wurde in der Zwischenzeit mit ihrer Familie deportiert. So blieb sie bei ihrer Tochter Mathilde in Würzburg. Doch auch Pauline Pollak wurde von dort am 22.9.1942 nach Theresienstadt deportiert, und zwar zusammen mit der ganzen Familie ihrer Tochter, die zwei Kinder hatte. Sie alle wurden 1945 durch die Russen befreit und emigrierten ein Jahr später nach New York. Nachdem sich Pauline Pollaks Wunsch, alle ihre noch lebenden Töchter noch einmal zu sehen, 1951 in New York erfüllen konnte, starb sie im selben Jahr mit beinahe 83 Jahren.

Rosa Pollak, verh. Kappenmacher, verh. Strauss

Keplerstraße 5

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ROSA
KAPPENMACHER

GEB. POLLAK
JG. 1898

FLUCHT 1935
PALäSTINA

Wurde geboren am 30.6.1898 in Olnhausen als dritte der sechs Schwestern. Sie verbrachte ihre Jugendjahre in Tübingen in der Rümelinstraße 2. Über diese Zeit schrieb ihre Schwester Recha rückblickend: „Aber Tübingen war für uns junge Mädchen ein Paradies und wir hatten eine wundervolle Jugendzeit.“ (Quelle: [[Lilli Zapf|Zapf]], S. 59) Rosa heiratete 1922 mit 24 Jahren den Haigerlocher Kaufmann Benno Kappenmacher. Im Jahr darauf starb ihr Vater. In Haigerloch kam drei Jahre später auch ihre Tochter Therese zur Welt. Nach neun Jahren Ehe verunglückte Rosas Mann tödlich und Rosa zog 1931 mit ihrer Tochter zurück nach Tübingen zu ihrer verwitweten Mutter in die Keplerstraße 5, wo auch ihre noch unverheiratete Schwester Selma mitwohnte. 1935 zog Rosa aber weiter zu ihrer Schwester Clara nach Karlsruhe. Von dort floh sie zusammen mit ihrer 10-jährigen Tochter im selben Jahr noch aus Deutschland nach Palästina. Sie war 46 Jahre alt und die erste der fünf in Deutschland lebenden Schwestern, die ihr Heimatland unfreiwillig verließ. 16 Jahre später, also 1951 verließ sie mit ihrer Tochter und ihrer Schwester Selma Israel und emigrierte nach New York, um ihre alte Mutter noch einmal zu sehen. Im selben Jahr starb dort ihre Mutter Pauline, die bereits seit fünf Jahren in New York lebte. Rosa Pollak heiratete ein zweites Mal, den aus Lohr am Main stammenden A. Strauss.

Therese Kappenmacher, verh. Stern

Keplerstraße 5

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THERESE
KAPPENMACHER

JG. 1925

FLUCHT 1935
Palestina

Therese Kappenmacher wurde am 11.4.1925 in Haigerloch geboren. Sie war die Tochter von Rosa, geb. Pollak, die sich dort mit dem Kaufmann Benno Kappenmacher verheiratet hatte. Nachdem Thereses Vater bei einem Unfall tödlich verunglückt war, zog ihre Mutter Rosa 1931 mit der sechsjährigen Therese zurück nach Tübingen zu Thereses Großmutter Pauline Pollak in die Keplerstr. 5, wo auch ihre Tante Selma Pollak noch wohnte. In ihrer Tübinger Grundschule machte Therese allerdings schlechte Erfahrungen. Sie war das einzige jüdische Kind in der Klasse und wurde schon vor 1933 schikaniert. Ihre Lehrerin, Fräulein Merz, eine Pfarrerstochter, war Antisemitin. Nachdem die Klasse 1933 die erste Führerrede hatte gemeinsam anhören müssen, begann die Lehrerin, Therese zu schlagen und auch die Mitschüler dazu anzuhalten. So erinnerte sich eine nichtjüdische Zeitzeugin. Therese war die erste jüdische Schülerin in Tübingen, die körperlich attackiert wurde. Bald traute sie sich gar nicht mehr zur Schule. So sah ihre Mutter Rosa sich gezwungen, Tübingen zu verlassen und zog mit der 10-jährigen Therese zunächst zur Tante nach Karlsruhe. Noch im selben Jahr flohen die beiden aus Deutschland weiter nach Palästina. 1951, als Therese 26 Jahre alt war, verließ sie Israel und zog mit ihrer Mutter in die USA zur Familie ihrer Tante Recha in den USA. Wahrscheinlich hat sie dort noch einmal ihre Großmutter Pauline Pollak sehen können, kurz bevor diese starb. Später heiratete Therese Kappenmacher und lebte in Minneapolis.

Clara Pollak, verh. Dreyfuss

Keplerstraße 5

HIER WOHNTE

CLARA POLLAK

JG. 1900

DEPORTIERT 1940
GURS
INTERNIERT DRANCY
1942 AUSCHWITZ
ERMORDET

Clara Pollak wurde am 17.2.1900 als vierte der sechs Pollak-Töchter in Olnhausen geboren. Sie lebte von 1914–1931 zuerst in der Rümelinstraße, dann, nach dem Tod ihres Vaters in der Keplerstraße 5, zusammen mit ihrer Mutter und den Schwestern Mathilde und Selma. 1931 heiratete sie Wilhelm Dreyfuss in Karlsruhe. Mit ihm hatte sie eine Tochter, Bertha und einen Sohn, Leo. Seit 1935 lebte bei ihnen auch ihre Mutter Pauline Pollak. Während diese zu Besuch bei ihrer anderen Tochter Mathilde in Würzburg war, wurde Clara 1940 mit ihrem Mann und den beiden Kindern in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. 1942 wurden Clara und ihr Mann Wilhelm von Gurs weiter nach Auschwitz verschleppt. Beide wurden dort um ihr Leben gebracht. Ihre beiden vier- und sechsjährigen Kinder kamen aber nicht nach Auschwitz, sondern konnten in Frankreich mithilfe der OSE (Œuvre de Secours aux Enfants) untertauchen und später in die Schweiz geschmuggelt werden. Die beiden Waisenkinder emigrierten 1946 in die USA zu ihrer Tante Recha, der ältesten der Pollak-Schwestern. Diese war schon fünf Jahre früher, also 1940 aus Emmendingen bei Freiburg über die Schweiz nach New York geflohen. Recha selbst hatte mit ihrem Mann Wilhelm Reutlinger keine Kinder und war seit 1945 verwitwet. So nahm sie die Kinder ihrer ermordeten Schwester Clara Dreyfuss auf, die Nichte und den Neffen aus Karlsruhe. Die beiden verwaisten Clarakinder Bertha und Leo erlebten ihre Jugend also bei ihrer Tante Recha in New York.

Mathilde Pollak, verh. Fechenbach

Keplerstraße 5

HIER WOHNTE

MTHILDE POLLAK

VERH. FECHENBACH
JG. 1901

DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
BEFREIT

Mathilde Pollak, verh. Fechenbach, wurde am 17.9.1901 in Olnhausen als fünfte der sechs Töchter geboren. Sie lebte in Tübingen von 1914–1929 zuerst in der Rümelinstraße, dann, nach dem Tod ihres Vaters ab 1925 in der Keplerstraße 5, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer jüngsten Schwester Selma, die ersten zwei Jahre auch noch mit Clara. 1929 heiratete sie in Würzburg Max Fechenbach, mit dem sie zwei Kinder hatte, Susan und Walter. Außerdem wohnte seit 1940 ihre Mutter Pauline bei ihr in Würzburg, weil ihre Schwester Clara von Karlsruhe aus nach Gurs deportiert worden war und die Mutter deshalb dort nicht mehr wohnen konnte. Aber am 22.9.1942 wurde auch Mathilde mit ihrer ganzen Familie und der Mutter nach Theresienstadt deportiert. Aus dieser Zeit berichtete Mathilde später: „Zweimal im Jahr kam Eichmann und hat die Einwohnerlisten durchgesehen. Sofort nach seinem Weggang gingen dann Transporte mit Tausenden von Menschen in die Vernichtungslager ab.“ (L. [[Lilli Zapf|Zapf]], „die Tübinger Juden“ S. 167) Im Frühjahr 1945 wurde Theresienstadt durch die Russen befreit und sie kehrten zunächst alle zurück nach Würzburg, alle außer ihrem Sohn Walter, der 1944 schon nach Auschwitz weiter deportiert worden war. Auf einem der Todesmärsche konnte er fliehen, erkrankte schwer und kämpfte sich schließlich zu Fuß nach Würzburg durch. Dort kam er in elendem Zustand bei seiner Familie an. Alle Fechenbachs und die alte Mutter Pollak wanderten 1946 von Würzburg nach New York aus, wo ja auch Mathildes Schwester Martha lebte und Schwester Recha mit den Waisenkindern von Clara. Dort heirateten auch beide Kinder von Mathilde und Max Fechenbach: Susan Fechenbach heiratete Gary Loewenberg aus Berlin und Walter Fechenbach heiratete Gerda Prifer aus Wien. 2007 starb Walter Fechenbach in New York.

Selma Pollak

Keplerstraße 5

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SELMA POLLAK

JG.1903

FLUCHT 1936
PALÄSTINA

Selma Pollak wurde am 26.10.1903 als die jüngste der sechs Schwestern in Olnhausen geboren. Auch sie erlebte ihre Jugendjahre in der Rümelinstraße, ab 1925 mit der Mutter und ihren Schwestern Clara und Mathilde in der Keplerstraße 5. Nachdem auch diese beiden Schwestern geheiratet hatten, zog aber 1931 ihre Schwester Rosa mit der 6-jährigen Tochter Therese wieder ein, deren Mann ja tödlich verunglückt war. Selma heiratete nicht, zog aber 1933 aus und zu ihrer ältesten Schwester Recha und deren Mann nach Emmendingen bei Freiburg. (Recha, die älteste der Schwestern, hatte nur vier Jahre in Tübingen in der Rümelinstr. gewohnt und hatte schon 1924 geheiratet.) Drei Jahre nach ihrem Umzug zu Recha, 1936, floh Selma mit 33 Jahren aus Deutschland nach Palästina, wohin bereits ein Jahr zuvor ihre Schwester Rosa mit Therese vor den Schlägen ihrer Lehrerin geflohen war. Auch für sie war das Leben im nationalsozialistischen Deutschland durch die verschärfte Diskriminierung immer unerträglicher geworden. 1951, also 15 Jahre später, zog Selma – im gleichen Jahr wie ihre Schwester Rosa und Tochter Therese – von Israel nach New York. Sie folgte damit dem Wunsch ihrer alten Mutter Pauline, die ja seit 1946 in die USA geflüchtet war und die dort mit ihren 82 Jahren gerne noch einmal alle ihre vier noch lebenden Töchter sehen wollte. In New York wohnte Selma zusammen mit ihrer Schwester Rosa.

Diese Biographien wurden im Auftrag der Verfasser im April 2019 übertragen nach Wikipedia.

Stolpersteine

in der Tübinger Südstadt

Stolperstein von Richard Gölz Im Jahre 2011 wurden vom dem Kölner Künstler Gunter Demnig 25 Stolpersteine in der Tübinger Südstadt verlegt, der 26. Stolperstein von Richard Gölz in der Stiftskirche. Siehe Wikipedia.
Bild: CC BY-SA 4.0.