evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Sonntag, 14. Juli 2019

Kurzansprache über Matthäus 16,25 Mit Verlusten leben


liebe Gemeinde,

Was geschieht denn in der Seele, wenn wir einen schmerzlichen Verlust erleiden?

Da gibt es Unterschiede, je nachdem, ob ein Verlust plötzlich über uns hereinbricht, oder ob wir uns allmählich daran gewöhnen konnten. Die Seele ist überfordert. Es darf nicht wahr sein. Es geht nicht so wie wir dachten. Wir begreifen es nicht. Es ist unerträglich. Das muss sich wieder ändern. Wir sind wie gelähmt, geschockt. Irgendwann kommen dann intensive Gefühle von Trauer und von Wut – und auch ein Gefühl der Leere, weil wir ja wissen, dass unser Insistieren, unsere Weigerung, das Geschehene anzunehmen, vergeblich ist, dass es ja dennoch so ist wie es ist. Das kann so sein, wenn jemand eine schwere Diagnose bekommt, aber auch, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen, Dinge nicht mehr tun kann, die bisher selbstverständlich für ihn waren. Wenn jemand seinen Arbeitsplatz verliert, bei einer Trennung. Das kann so sein, wenn jemand seine Heimat aufgeben muss und sich sein Leben ganz grundlegend verändert.

Die Seele fühlt sich alleine. Von den anderen entfremdet. Wer kann das schon nachvollziehen, wie es mir geht? Die anderen wissen es nicht, können es nicht wissen. Die normalen Alltagsdinge verlieren an Bedeutung, man ist verlangsamt, nicht mehr ganz in dieser Welt, „funktioniert“ nicht mehr. Wer kann das mitempfinden?

Ein Mensch, der soetwas durchlebt, verliert - ein Stück weit - seine Identität. Wer oder was bin ich denn noch? Wenn ich nicht mehr meine berufliche Rolle habe, nicht mehr meine körperliche Leistungsfähigkeit, nicht mehr den gewohnten finanziellen Rahmen, nicht mehr in selbstverständlicher Gemeinschaft mit jemandem lebe?

Solche Situationen sind Schwerstarbeit für die Seele.
Und ganz allmählich gewöhnt man sich an die veränderte Situation. Obwohl man es gar nicht will. „Meine Seele will sich nicht trösten lassen“ heißt es in einem Psalmwort. Die Seele sucht die Untröstlichkeit, hält sogar an ihr fest, denn so hält sie die Beziehung zum ehemaligen Ich, zur ehemaligen Lebenssituation, die es nun so nicht mehr gibt. Doch dann fängt die Seele doch langsam an, zu verstehen, dass es so ist wie es nun einmal ist. Es anzunehmen, auch wenn es einem nicht gefällt, auch wenn es einen überfordert, auch wenn man es partout nicht will. Es ist als müsse man neu geboren werden, neu zur Welt kommen als ein Mensch, dem das widerfahren ist, mit einer neuen Identität. Und das geschieht auch oft. Wir leben weiter. Wir können uns wieder freuen. Wie nehmen unsere Umwelt wieder wahr. Als Gezeichnete. Das, was wir verloren haben, der Verlust, geht mit uns als Verlust, gehört zur neuen Identität. Das macht unsere Lebenserfahrung aus. Es wird nie mehr wie vorher. Aber wir können weiterleben als Veränderte. Und andere, die eine ähnliche Verlusterfahrung gemacht haben, können uns besonders gut verstehen. Und wir brauchen verbündete, brauchen Menschen, die uns nah sind, uns unterstützen, begreifen, welche Schwerstarbeit unsere Seele in dieser Situation leistet. Zeugen unseres Lebens, wie es vorher war und wie es jetzt ist.

Kann uns unser Glaube in solchen Prozessen helfen?

Wenn nur jemand da ist. Der 23. Psalm, dieses Jahrtausende alte Gebet, beschreibt die Erfahrung. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte dich kein Unglück, denn du bist bei mir. Der Mensch kann viel verkraften ohne Schaden zunehmen, auch Kinder können viel verkraften, auch wenn Schlimmes geschieht – wenn nur jemand da ist. Jemand, der bleibt. Jemand, der sieht und versteht, was geschieht. Ein Zeuge, der gütig auf mich schaut. Einer an meiner Seite. Einer der tröstet. Dann ist auch das Schrecklichste anders. Dann ist seine Übermacht noch da, aber gebrochen. Das Schreckliche ist dann nicht das einzige, sondern es gibt noch den, der da ist, der mit mir verbunden ist. Viele Menschen haben seit damals Zuflucht gesucht in diesem Psalmvers. Zum Teil in extremen Situationen. Haben Zuflucht gesucht und gefunden in dem Vertrauen, dass Gott da ist und alles sieht. Die Kraft ihres Glaubens steckt auch in diesen Worten. Es ist möglich, diesen Begleiter, den guten Hirten, den mitgehenden Gott zu entdecken. Und das kann so weit gehen, dass köstlicher Trost erlebt werden kann, dass die belastende Situation zwar da ist, aber an Bedeutung verliert, weil sich ein Tor öffnet zu einer anderen Wirklichkeit, die uns erfüllt.

Und dann auch das Jesuswort. Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.
Ist das nicht eine Frechheit, so etwas einem Menschen zu sagen, der gerade einen schweren Verlust erleidet?
Es gibt sicher einen Moment, ein solches Wort verstehen zu können und einen Moment, in dem ein solches Wort eine Frechheit ist. Jeder kann selber entscheiden, ob er dieses Wort jetzt gerade zu sich sprechen lassen kann und will.

Es ist ein grundsätzlicher Gedanke. Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Rein körperlich, biologisch betrachtet besteht unser Leben aus nichts anderem als aus stetigen Veränderungen. Stetiger Aufnahme und stetigem Verlust. Mit jedem Atemzug nehmen wir auf und mit jedem Ausatmen geben wir ab. Und genau das ist das Leben. Wer nur aufnehmen will, würde sterben. Ebenso mit der Nahrung: wir nehmen auf und wir scheiden aus. Wer nur aufnehmen möchte, würde Qualen leiden.

Das bedeutet, Verluste zu erleiden, gehört zum Leben. Und: Wir haben keinen Anspruch darauf, verschont zu bleiben. Die Möglichkeit, Verluste zu erleiden bedeutet, dass wir lebendig sind und nicht tot, nicht aus Stein. Vielleicht hilft das, die tatsächlichen Verluste noch einmal anders zu betrachten, so schmerzlich sie auch sind. Denn es geht darum, uns in die wahre Lebendigkeit einzuüben, uns in ein ständiges Loslassen einzuüben und nicht Situationen, Menschen, Dinge, Fähigkeiten „behalten“ zu wollen, als wären sie unser Besitz. Alles ist uns nur geliehen im Leben. Das ist eine große Erkenntnis. Nicht nur für den Verstand, sondern auch für die Seele. Das dauert, bis wir das erfasst haben. Vielleicht ein Leben lang. Bis zu unserem letzten Atemzug können wir in diese tiefe Erkenntnis hineinwachsen. Das einzige, was uns bleibt, ist unser Urgrund, von dem wir das Leben haben, Gott selber und unser Bezogensein auf ihn. Selbst dann, wenn er uns zum Abgrund werden sollte. Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Leben als ständiges Beschenktwerden und als ständiges Loslassen einzuüben bedeutet, dass wir erkennen, was wirklich wichtig ist, was uns nährt, was uns Kraft gibt, was uns trägt. Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.

Wer in seinem Leben nur haben will, aufnehmen will, alles unter Kontrolle haben will, wird seinem wahren Leben nicht sehr nahe kommen, wird es verfehlen, wird also sein Leben verlieren. Wer aber diese vermeintlichen Glücksbringer, dieses vermeintliche Leben loslässt - wie Jesus sagt: „um meinetwillen“, also um des tieferen Lebens willen, um des wahren Lebens willen, der wird es erhalten. Der wird inneren Frieden finden - auch unabhängig von der äußeren Situation. Der wird immer mehr er selber, immer wieder von neuem geboren immer mehr hin zur eigenen Identität, zum wahren Selbst. Wer sich einübt in diese Lebenskunst, die zugleich eine Kunst des Loslassen ist, der hat es - vielleicht – ein klein wenig – leichter, wenn ihm ein größerer Verlust zugemutet. Vielleicht. Ein klein wenig.

Hilde Domin, die jüdische Lyrikerin, hat diese Erkenntnis meisterhaft zum Ausdruck gebracht in ihrem Gedicht „Bitte“:

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen    
Wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben taugt nicht
Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube

den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Amen.