evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Erläuterungen zum Aufruf "9. November: Erinnerung und Umkehr"


Der 9. November gehört als Gedenktag in den Kalender des Kirchenjahres. Die Kirche gedenkt am 9. November des christlichen Irrwegs der Judenfeindschaft. Christen sind als Mittäter und Zuschauer mit schuldig geworden an der Vernichtung der Juden Europas. Die Kirche als ganze hatte die Verwerfung der Juden gelehrt und ihnen das Recht als Juden zu leben abgesprochen, lange bevor ihnen die Nationalsozialisten das Recht auf Leben schlechthin entzogen. Die Kirche muss erkennen, dass der Völkermord an den Juden ein Angriff auf die Erwählten und Geliebten Gottes und damit auch auf die Wurzeln des christlichen Glaubens war.

Der 9. November ist durch keinen anderen Gedenktag zu ersetzen. Am 27. Januar, dem staatlichen Gedenktag, wird aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht. Am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Israelsonntag, thematisiert die Evangelische Kirche die bleibende Erwählung Israels. Der Buß- und Bettag ist ein allgemeiner Bußtag der Evangelischen Kirche. Mit ihm endet die Ökumenische Friedensdekade. Unserem Aufruf entspricht es, dem 9. November seinen eigenen Platz am Beginn bzw. innerhalb der Friedensdekade zu geben.

In der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts kam der 9. November mehrmals zu Bedeutung: 1918 (Revolution), 1923 (Hitler-Putsch), 1938 (November-Pogrom), 1939 (J. G. Elsers Attentat auf Hitler), 1989 (Öffnung der Berliner Mauer). Für die Kirchen hat der 9. November 1938 eine Bedeutung, die nicht nur aus der Reihe dieser Tage herausragt, sondern weit über das 20. Jahrhundert hinaus wirksam bleiben wird: die Erinnerung an ihre Passivität, als der Glaube an den Gott des Alten und Neuen Testaments ausgelöscht werden sollte.

Das Gedenken der schuldig Gewordenen und ihrer Nachkommen unterscheidet sich vom Gedenken der Opfer und ihrer Nachkommen. Es muss Gewissen treffendes Gedenken sein, sonst droht die Gefahr, der eigenen Geschichte auszuweichen, indem man sich unberechtigt auf die Seite der Opfer stellt. Nicht nur die einzelnen in den nachwachsenden Generationen, sondern auch die Kirche als ganze ist Trägerin des Gedenkens.

Orte des Gedenkens am 9. November sind Synagogen, Kirchen und Gedenkstätten. Christliches Gedenken ist nicht erfüllt durch die Teilnahme an jüdischen Gedenkveranstaltungen. Die christliche Schuldgeschichte verlangt ein eigenes Gedenken der Kirchen in ökumenischer und kommunaler Kooperation. Aktivitäten, die zum Gedenken an den November-Pogrom von 1938 an diesem Tag an vielen Orten von den unterschiedlichsten Gruppen bereits unternommen werden, sollen in ihrer Vielfalt gewürdigt und ermutigt werden.

Wir halten einen offiziellen kirchlichen Gedenktag „Erinnerung und Umkehr“ am 9. November für eine Notwendigkeit, deren Zeit jetzt – zum 70. Jahrestag – gekommen ist. Unser Aufruf richtet sich an alle Kirchen. Er ist nicht verbunden mit einer Unterschriftensammlung. Kirchliche Gruppen, Gemeinden und Gremien, die sich diesen Aufruf zu eigen machen, bitten wir, ihn an Kirchenleitungen und Synoden bzw. kirchliche Beschlussgremien heranzutragen und uns darüber informieren. Synoden bzw. kirchliche Beschlussgremien mögen in einen Diskussions- und Entscheidungsprozess eintreten und im Lauf des Jahres 2007 zum Beschluss kommen.



Wir sind Pfarrer Wolfgang Raupach-Rudnick, Beauftragter für Kirche und Judentum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, für seine Arbeit zum Thema Gedenken am 9. November, auf die wir uns stützen und die in unsere Argumentation eingeflossen ist, zum Dank verpflichtet.

Arbeitskreis „Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk“ in der Evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Tübingen
Pfarrer Dankwart Paul Zeller, Pfarrer Dr. Michael Volkmann
Berliner Ring 12/2, 72076 Tübingen