evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Antworten auf häufige Fragen
zum Aufruf "9. November:
Erinnerung und Umkehr"



1. Gibt es nicht schon zu viele Gedenktage?    
Es gibt sehr viele Gedenktage, die von den unterschiedlichsten Organisationen und Gruppen begangen werden. Neue Gedenktage werden geschaffen, andere geraten in Vergessenheit. Ein Gedenktag lebt davon, dass Menschen ihn begehen. Am 9. November wird bereits an vielen Orten des Pogroms von 1938 gedacht, von Vereinen, Initiativen, Kommunen, Kirchengemeinden und vor allem auch von Synagogengemeinden.

Wir sind der Überzeugung, dass die Kirchen in unserem Land diesen Tag nie vergessen dürfen, weil die Synagogenbrände für uns Christen theologische Bedeutung haben. Bonhoeffer hat gesagt, wo Synagogen brennen, brennen bald auch Kirchen. Er sagte dies, weil er in diesen Angriffen Angriffe auf den Gott der Bibel erkannte. Darum betrifft uns dieses Datum als gläubige Christen auch. Aber warum haben die Kirchen nicht mit gebrannt? Wir antworten provokativ: Weil sie von den Juden weiter weg waren als von den Nazis, also auch von ihrem Herrn, der ein Jude ist. Weder in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 noch im Stuttgarter Schuldbekenntnis, als die Evangelische Kirche nach dem Krieg bekannte: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gekommen, sind die Juden oder die Verbrechen an den Juden erwähnt.

Ein aktuelles Beispiel: Mit Datum vom 11.11.05 hat der Evangelische Oberkirchenrat in Stuttgart an alle Pfarrämter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ein Rundschreiben mit 13 Gedenktagen 2006 versandt. Kein einziger dieser Tage thematisiert die christlichen Wurzeln im biblischen Israel oder unser Verhältnis zum Judentum, keiner die Geschehnisse der Nazizeit. Doch nur, wer sich erinnert, weiß, wo er herkommt und was er künftig anders machen möchte.

„Israelvergessenheit“ war ein Hauptgrund für christliche Judenfeindschaft. Wir überwinden sie nicht durch Vergessen, sondern durch Gedenken, nicht durch Schweigen, sondern durch Sprechen. Diese Aufgabe bleibt uns dauernd erhalten.

2. In welchem Verhältnis steht der 9. November zu anderen Gedenktagen?    
Die angesprochenen theologischen Gründe machen den 9. November zu einem einzigartigen Tag. Sein Anliegen kann nur an diesem Tag selbst oder vielleicht am direkt nachfolgenden Sonntag besprochen werden. Am Buß- und Bettag liegt es zu weit zurück und wird in aller Regel nicht thematisiert. Der Buß- und Bettag ist ein allgemeiner Bußtag, die Predigttexte für diesen Tag haben keinen Bezug zum Anliegen des 9. November. Der Bußtag ist Abschluss der Friedensdekade. Auch in der Friedensdekade und im Bittgottesdienst für den Frieden kommt das Anliegen des 9. November nicht vor, wenn es nicht schon am 9. November selbst thematisiert wird. Diese anderen Anlässe bieten sich hierfür nicht an, sie zielen in eine andere Richtung, manchmal sogar in eine Israel kritische, ohne auch nur zu erwähnen, wie nahe Kirche und Israel theologisch zusammen gehören.

Der 27. Januar ist von der UNO zum weltweiten Holocaust-Gedenktag ausgerufen worden. Bei uns ist er der Tag zur Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus, nicht speziell an die jüdischen Opfer. An diesem Datum wurde das KZ Auschwitz befreit, tausend km östlich von hier. Eine emotionale Beziehung zu diesem Tag ist schwer herzustellen. Der 9. November fand hingegen an jedem Ort in Deutschland, wo Juden lebten, statt, praktisch vor unser aller Haustür. Darum gibt es auch schon die vielen örtlichen Initiativen, die diesen Tag nicht einfach ohne zu gedenken verstreichen lassen.

3. Wie soll das Gedenken am 9. November ausgestaltet werden?    
Wir wollen einen Gedenktag, keinen kirchlichen Feiertag. Besondere Gedenktage wie etwa der Tag der Übergabe des Augsburger Bekenntnisses 1530 stehen auch jetzt schon im Liturgischen Kalender im Evangelischen Gesangbuch. Dort sind ihnen biblische Texte zugeordnet. Dem 9. November muss auf jeden Fall der 74. Psalm zugeordnet werden.

Das bedeutet aber nicht, dass die Kirchen an diesem Tag die Gedenkform eines Gottesdienstes vorgeben sollten, wir schließen sie aber auch nicht aus. Vielmehr soll die bereits bestehende Vielfalt des Gedenkens gewürdigt und ermutigt werden. In Tübingen z. B. erscheinen der Stadtrundgang (Geschichtswerkstatt Tübingen e. V.), die Feier am Denkmal Synagogenplatz (Gemeinderat) und die Gedenkstunde in der Stiftskirche (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ACK) neben einander auf einem Plakat. So soll es auch in Zukunft bleiben. Wir wollen nicht, dass der kirchliche Gedenktag anderes verdrängt, dominiert oder vereinheitlicht, sondern es gelten lässt, vor allem auch das jüdische Gedenken an diesem Tag.