evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Die letzten Lebenstage von Dietrich Bonhoeffer bis zu seinem Tod am 9. April 1945

Ein Text von Pfarrer Dr. Christian Löhr, Brandenburg von der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft (ibg) in Wolfhagen (Deutsche Sektion)

zu finden unter dietrich-bonhoeffer.net

Es war am späten Abend des Dienstags nach Ostern, dem 3. April 1945. Vom Westen her grollten die amerikanischen Geschütze. Ein unförmiger, geschlossener Holzgaser rollte aus dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald in die Nacht hinaus. Im Wagen türmten sich vorn die Holzstücke für den Generator. Dahinter mühten sich sechzehn Gefangene, mitsamt ihrem Gepäck in einem Raum unterzukommen, der höchstens für acht Menschen bestimmt war. Unter ihnen befanden sich die Generäle von Falckenhausen und von Rabenau, der Pastor Dietrich Bonhoeffer, Wassili Kokorin, ein Neffe des sowjetischen Außenministers Molotow und ein Offizier des britischen Sicherheitsdienstes Payne Best. Alle Stunde hielt das Fahrzeug. Die Züge des Generators mussten gereinigt werden. Drinnen gab es kein Licht, nichts zu essen, nichts zu trinken. Bonhoeffer fand in seinem Gepäck eine Ration Tabak und ließ sie die Runde machen. Mit dem Morgengrauen nahmen die Holzstücke ab. Zwei der Gefangenen konnten jetzt immer abwechselnd an der Türluke stehen. Jemand erkannte ein Dorf. Die Richtung der Fahrt beunruhigte die Männer. Sie war deutlich südöstlich. Dort gab es ein anderes Lager. Die Gefangenen kannten seinen Namen und seine Bestimmung: Flossenbürg, ein Vernichtungslager. Am Mittag des Mittwochs nach Ostern erreichte der Transport Weiden. Hier musste es sich entscheiden, ob nach links abgebogen würde in das schmale Tal hinauf nach Flossenbürg. Man hielt. Ein kurzer Wortwechsel -dann ging es weiter. Geradeaus! Also doch nicht Vernichtungslager?

Mit mehreren Unterbrechungen erreichten die Gefangenen über Regensburg am Freitagnachmittag nach Ostern das vorläufige Ziel: Schönberg unterhalb von Zwiesel - ein hübsches Dorf im Walde etwa 40 km nördlich von Passau. An der Dorfschule wurden die Gefangenen ausgeladen und im Schulsaal untergebracht. Der Sonnabend nach Ostern war ein schöner und ruhiger Tag für alle Häftlinge in der Dorfschule. Doch während die Gefangenen wieder Hoffnung auf Befreiung schöpften, arbeitete anderenorts die Vernichtungsmaschinerie mit unvorstellbarer Genauigkeit. SS-Standartenführer und Regierungsdirektor Huppenkothen war an diesem Sonnabend von Berlin aus unterwegs nach Flossenbürg, um dort im Auftrag des Reichsicherheitshauptamtes m ein Standgericht durchzuführen und die von Hitler persönlich benannten Häftlinge danach sofort hinrichten zu lassen. Auch den ersten Sonntag nach Ostern, den sog. „Weißen Sonntag“, begingen die Gefangenen in Schönberg. Einer der Häftlinge bat Pastor Bonhoeffer um eine Morgenandacht. Der hatte Bedenken, denn die Mehrzahl seiner Kameraden war katholisch. Und dann war da noch der junge Kokorin. Bonhoeffer war ihm in den Tagen der Haft nahegekommen, hatte ihm vom Wesen des christlichen Glaubens erzählt und dabei zugleich selber etwas Russisch gelernt. Auch hatte er mit Kokorin seine Berliner Adresse gegen die Moskauer Adresse getauscht. Ihn wollte er nun nicht mit einem Gottesdienst überfallen. Als sich aber zeigte, dass auch Kokorin dem Wunsch nach einer Andacht zustimmte, willigte Bonhoeffer ein. Er las die Texte des Sonntags Quasimodogeniti, sprach ein Gebet und legte seinen Kameraden die Losung des Tages aus: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ und „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Payne Best erinnert sich: „Bonhoeffer sprach auf eine Weise zu uns, die allen zu Herzen ging. Er fand genau die richtigen Worte, um der4 Stimmung unserer Gefangenschaft und den Gedanken und Entschlüssen, die sie mit sich gebracht hatte, Ausdruck zu verleihen.“

Kaum hatte Bonhoeffer das Schlussgebet gesprochen, wurde die Tür zum Schulsaal aufgerissen und zwei übel aussehende Zivilisten riefen: „Gefangener Bonhoeffer, fertig machen und mitkommen!“ Dieses Wort „Mitkommen!“ hatte unter den Gefangenen nur eine Bedeutung: das Schafott. Bonhoeffer konnte noch seine Sachen zusammensuchen. Beim Verabschieden trug er einem der Mitgefangenen, Payne Best, Grüße an den Bischof Bell von Chichester auf. Payne Best erinnerte sich an den Wortlaut der ihm zweimal mit großem Ernst vorgetragenen Bitte: „Bitte überbringen Sie diese Nachricht von mir an den Bischof von Chichester, sagen Sie ihm, für mich ist dies das Ende, aber auch der Anfang. Mit ihm glaube ich an den Grundsatz unserer universalen christlichen Brüderlichkeit, der über allem Hass zwischen den Völkern steht, und dass unser Sieg gewiss ist...“ Dann lief Bonhoeffer eilig die Treppe hinunter. Die Fahrt am Abend des Sonntags nach Ostern dauerte bis in die Nacht hinein. Dann war man in Flossenbürg. Nach einem eilig anberaumten Standgerichtsverfahren in der Nacht vollzog sich im Morgengrauen des Montags die Hinrichtung. Ein Häftling berichtet: „In den frühen Morgenstunden wurde es im Arrestbau laut. Zellentüren klappten. Ich hörte Befehle: „Mitkommen!“ und - vor der Schreibstube -„Alles ausziehen!“ Dann vernahm ich das klatschende Geräusch nackter Füße auf dem Steinfußboden des Ganges.“ Nachdem die Gefangenen ausgezogen waren, wurden ihnen die Hände auf den Rücken gefesselt. Dann wurden sie zum Ausgang des Gebäudes und draußen weiter bis zu der überdeckten Hinrichtungsstätte geführt. Die Verurteilten mussten auf eine Stiege steigen. Ihnen wurde das Seil um den Hals gelegt. Dann wurde die Stiege weggestoßen. Die Verurteilten hingen am Haken, bis sie sich selbst durch ihr Gewicht erdrosselten. Ein Zeuge gab die Dauer der Hinrichtungen an diesem Morgen mit mehr als sechs Stunden an, das bedeutet pro Häftling etwas eine halbe Stunde. Mit Bonhoeffer wurden auf diese Weise u. a. Admiral Canaris, General Oster, Reichsgerichtsrat Sack und der Hauptmann Ludwig Gehre hingerichtet.