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Predigt über Epheser 4,1-3

im Ökumenischen Gottesdienst für die Nordstadt am Pfingstmontag, 20.05.2002
Pfarrer Dr. Michael Volkmann
Der Geist des Friedens und die Gewalt

Liebe Gemeinde,


der Amoklauf eines Schülers in Erfurt vor bald vier Wochen hat weit über unser Land hinaus Entsetzen ausgelöst: Wie kann ein Mensch so etwas Furchtbares tun? Der erste Schock ist inzwischen der Suche nach Erklärungen gewichen. Warum hat sich dieser junge Mann zu einer so brutalen Gewalttat entschlossen? Warum konnte er sie mit einer so verheerenden Wirkung ausführen? Hätte man das nicht verhindern können?

Eine Konsequenz aus dem Verbrechen von Erfurt ist, über Gewalt zu sprechen in den Schulen, in den Familien, am Arbeitsplatz, mit Freunden und Bekannten, auch in der Kirche. In allen Lebensbereichen kann Gewalt zum Problem werden, keiner ist vor ihr gefeit. In der Pfingstbotschaft der Präsidentinnen und Präsidenten des Ökumenischen Rates heißt es: "In der Regel tritt Gewalt in höchst zerstörerischer Form unerwartet in unser Leben: als Brutalität, Terror, Unterdrückung der Gewissen, als physische Gewalt gegen kleine Kinder, kriminelle Leidenschaft, Krieg, Grausamkeit, Verstoß gegen ethische und soziale Werte, als Demütigung von Menschen, menschlicher Würde und der Individualität von Menschen und wie immer das Böse sonst noch zutage tritt."

Also macht auch der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf Gewalt zum Thema an Pfingsten. In der Pfingstbotschaft wird Gewalt als Zutagetreten des Bösen bezeichnet. Wir Menschen verfügen über körperliche Kraft, Verstand und Gefühle, die wir schöpferisch zum Guten einsetzen können - aber eben auch zerstörerisch, denn wir haben die Fähigkeit, anderen Menschen unseren Willen aufzuzwingen und sie in ihrem Menschsein einzuschränken, sie in letzter Konsequenz sogar zu nichts zu machen, zu vernichten.

Dass es so weit kommt, hat nie nur einen Grund. Eine ganze Reihe von Ursachen und Auslösern müssen zusammen kommen. Darum hat es auch keinen Sinn, eine Ursache allein verantwortlich zu machen. Andererseits ist es dringend notwendig, über jeden einzelnen beteiligten Grund nachzudenken, um daraus zu lernen.

Aus dem Fall des Robert Steinhäuser werden eine ganze Reihe Konsequenzen gezogen werden müssen. Problematisch ist das thüringer Gesetz, dass zwei Mal durchs Abitur Gefallene ganz ohne Schulabschluss dastehen. Problematisch ist, dass von der Schule Verwiesene offensichtlich alleine gelassen werden. Problematisch ist der nicht genügend kontrollierte legale und illegale Zugang zu Waffen und Munition. Problematisch sind viele käufliche Gewaltvideos und Computerspiele. An diesen Punkten kann man etwas verändern.

Schwieriger wird es bei anderen Fragen. War der Täter psychisch gestört und wie soll man damit umgehen? War das Klima in der Familie des Täters wirklich so teilnahmslos und kalt wie es manche Journalisten beschrieben haben? Und ist das in heutigen Familien „normal“, dass man die wesentlichen Dinge nicht voneinander weiß? Amokläufe, überhaupt Morde, werden zu mehr als 90 % von erwachsenen Männern verübt; müssen wir nicht viel mehr als bisher über die Probleme von Männern in unserer Gesellschaft reden und nachdenken? Wie kann man erbarmungslosen Leistungsdruck, Kränkungen und Demütigungen, eine fehlende Wertorientierung, mangelndes Interesse aneinander und Lieblosigkeit überwinden? Welchen Einfluss hat die Tatsache, dass unser Staat Milliarden ins Militär investiert und tausende junge Männer und Frauen im Gebrauch moderner Waffen ausbildet? Die Tatsache also, dass unsere Gesellschaft ohne ein bestimmtes Maß an Gewaltbereitschaft gar nicht existieren kann? Und dass zehntausend deutsche Soldaten weltweit in militärische Operationen eingebunden sind, meist Einsätze zur Friedenssicherung, aber nicht nur? Verdrängen wir nicht einen großen Teil der Gewalt, die angewandt wird, um unseren Reichtum und unseren freien Lebensstil in Europa zu sichern? Warum nehmen wir es so ruhig hin, dass deutsche Elitetruppen, die im nahen Calw stationiert und ausgebildet sind, an Kampfeinsätzen in Afghanistan teilnehmen, die vom Völkerrecht nicht gedeckt sind und über die uns unsere Regierung völlig im Unklaren lässt? Dass also im deutschen Namen Gewalt mit Gewalt vergolten wird? Machen wir uns nicht etwas vor, wenn wir meinen, dies alles lasse uns unberührt?

Gewalt hat sehr vielfältige Erscheinungsformen. Auf der Erde kann man nicht leben, ohne auch Gewalt auszuüben. Auch die Natur ist voller Gewalt. Und seit dem 11. September wird sehr darüber diskutiert, welche Rolle Gewalt in den Religionen spielt.

Der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf hat im vergangenen Jahr eine Dekade zur Überwindung von Gewalt ausgerufen. In diesem ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends sollen die Kirchen weltweit sich für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Denn die Möglichkeiten der Menschheit, sich durch Gewalt selbst zu zerstören, werden wieder von Jahr zu Jahr gesteigert.

Sie hören den Widerspruch, liebe Gemeinde, wenn ich sage: einerseits können wir nicht leben, ohne auch Gewalt auszuüben, andererseits sollen wir uns für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Die Überwindung von Gewalt wird immer mehr zur Überlebensfrage der Menschheit. Darum kommt es darauf an, diesen Widerspruch zum Guten hin aufzulösen. Das schaffen wir nicht allein. Aber wir glauben, dass uns der heilige Geist dabei hilft.

Heute, am Pfingstfest, gilt unsere gesammelte Freude und Aufmerksamkeit der Gegenwart des heiligen Geistes. Wie soll man diese Geistesgegenwart beschreiben? Lukas erzählt in der Apostelgeschichte von einem Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind, von einer Erscheinung wie Feuerzungen auf jedem der Versammelten, von dem gesteigerten Bedürfnis, miteinander zu reden und der Fähigkeit, über alles Trennende hinweg einander zu verstehen. Vor allem aber wurden die Menschen vom heiligen Geist zu einer Gemeinschaft zusammen geschlossen, die man später als den christlichen Urkommunismus bezeichnet hat: Gütergemeinschaft, tägliche Treffen mit gemeinsamen Mahlzeiten, tägliche Tempelbesuche und Hausgottesdienste mit Abendmahl.

"Der neue Weg" wird der urchristliche Glaube in der Apostelgeschichte genannt. Er trug alle Zeichen einer begeisterten Aufbruchstimmung. Mit der Zeit beruhigte sich zwar die Aufregung des ersten Pfingstfestes, aber der heilige Geist blieb der Maßstab für das Leben der Christen. So heißt es in Epheser 4,1-3:

"So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, würdig der Berufung zu leben, mit der ihr berufen wurdet, in aller Demut und Sanftmut, in Langmut; ertragt einander in Liebe und setzt alles daran, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens."

„Parakalo“ heißt das erste Wort unseres Textes auf Griechisch - „ich ermahne euch“. Heute bedeutet Parakalo „Bitte“. So höflich schreibt ein christlicher Häftling aus dem Gefängnis an seine Freunde. Er schreibt nicht: Ihr müsst mich rächen! Oder freipressen! Er verzehrt sich nicht in Hass und zerfließt auch nicht in Selbstmitleid. Er erinnert die Empfänger an das Wichtigste, was sie verbindet: Ihr sollt „würdig der Berufung leben, mit der ihr berufen wurdet“. Er hätte auch sagen können: Erinnert euch daran, dass ihr getauft seid, und lebt eurer Taufe entsprechend.

„Lebt in aller Demut und Sanftmut, in Langmut“, schreibt er weiter. Eine andere Übersetzung lautet: Seid demütig, friedfertig und geduldig. Doch mir gefallen die drei Worte, die alle mit der Silbe -mut enden. Denn die hier beschriebene Gewaltfreiheit zu leben, kann schon Mut erfordern. Demütig zu sein, wo Großspurigkeit das Markenzeichen des Erfolgs ist, friedfertig zu sein in einem aggressiven Klima, geduldig zu sein, wo alles nach Durchgreifen und schnellen Lösungen schreit, kann einiges kosten. In einer Gemeinschaft, die diese Werte lebt, entsteht hingegen Frieden. Der Verfasser redet denn auch vom Band des Friedens, das die Gemeinschaft zusammen hält.

Was der Apostel schreibt, ist auf das Zusammenleben in der Gemeinde bezogen. Einzeln und allein ist es unerfüllbar. Der einzelne muss sich auf die Gemeinschaft einlassen, um diesen Worten zu folgen. Der Verfasser ist ganz realistisch. So ermahnt er z. B.: „Ertragt einander in Liebe“. Das klingt so, als ob ein Vater am Telefon seine Kinder zu Hause ermahnt: Vertragt euch! Aber was ist denn die Kirche? Wir haben einander ja nicht selbst ausgesucht, sondern Jesus Christus hat uns zu der Gemeinschaft berufen, die wir zu sein versuchen und die zu sein uns der Geist Christi hilft. „Setzt alles daran, die Einheit des Geistes zu wahren“, schreibt der gefangene Apostel. Der Maßstab des heiligen Geistes für das Zusammenleben in der Gemeinschaft der Christen ist die Liebe. Und mit Liebe meint die Bibel nicht in erster Linie ein Gefühl der Zuneigung, sondern ein Verhalten: Zuwendung. Alles, was ihr tut, soll dem Maßstab der Liebe entsprechen.

Was Liebe ist, erzählt Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Es erscheint uns bekannt. Dennoch sollten wir uns von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass von zehn Verben, für die der Samariter Subjekt ist, nur eines ein Gefühl ist: er hatte Mitleid mit dem Überfallenen. Die anderen neun sind konkrete Verhaltensweisen und hilfreiche Handgriffe. Auffallend ist, dass der Samariter mit dem Verletzten keine Silbe redet. Jesus reduziert in diesem Gleichnis die Nächstenliebe tatsächlich auf das Tun: „Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ (Lukas 10, 33-35)

Die Ethik des Christentums ist Einübung in Liebe, ist Einübung in Frieden. In einer Welt, in der die Kälte und Lieblosigkeit schon Neugeborenen entgegenschlägt, können wir diese Ethik nicht aus eigener Kraft verwirklichen. Dazu hat Gott den heiligen Geist über uns ausgegossen. Er gibt uns die Fähigkeit, die Einheit zwischen uns stärker sein zu lassen als alles, was uns trennt. Er knüpft das Band des Friedens zwischen uns. „Setzt alles daran,“ schreibt der Apostel, „die Einheit des Geistes zu wahren!“

Ich glaube, dass wir als Kirche in der gegenwärtigen Gewaltdiskussion Dank des heiligen Geistes eine wichtige, nicht nur eine unverzichtbare Stimme haben, sondern auch einen unverwchselbaren Weg gehen müssen. Was Präsident Johannes Rau, ein Pfarrerssohn, gesagt hat, kommt aus dem selben Geist: Wir müssen mehr aufeinander achten, mehr aneinander Anteil nehmen. Nicht nur zwischen Freunden, das ist ja leicht und geschieht längst. Auch zwischen Menschen, die einander aushalten und ertragen müssen. Das ist schwieriger, aber auch dazu hilft uns der heilige Geist. Niemand darf ausgegrenzt werden. Darum müssen wir als Kirche über unsere Grenzen hinausschauen und uns für alles mit verantwortlich fühlen, was bei uns vor sich geht.

Das soll keine Anmaßung sein und nicht zur Überforderung werden. Darum bitten wir den heiligen Geist mit Paul Gerhard in seinem Pfingstlied, das wir gleich singen werden: „Sei meines Herzens Gast!“ Sei als Kraft dort gegenwärtig, wo meine Urteilskraft ist, wo ich meine Entscheidungen treffe, mir ein Herz fasse und zur Tat schreite oder darauf verzichte etwas zu tun, was nicht gut ist.

Amen.