DBK Startseite    Zurück

Predigt über Epheser 1,20b-23

an Himmelfahrt (VI), 09.05.2002
Pfarrer Dr. Michael Volkmann

Liebe Gemeinde,

das Apostolische Glaubensbekenntnis beschreibt Jesus der Lehre der Alten Kirche entsprechend als wahren Menschen und wahren Gott. Wird die menschliche Gestalt Jesu im Vergleich zu den Evangelienberichten im Bekenntnis auf die knappsten Angaben zu Geburt, Leiden und Tod reduziert, so wird dagegen seine göttliche Gestalt breit entfaltet. In dieser Entfaltung liegt eine große Dynamik. Diese Dynamik, diese kraftvolle Bewegung wird auch im Hymnus aus dem Philipperbrief beschrieben: Abstieg und Aufstieg Jesu in einer großen U-Bewegung. "Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters ..."

Auch der Evangelist Lukas erzählt von diesem Ab und wieder Auf. Er bindet es in den jüdischen Festkalender und die fünfzig Tage zwischen Passa- und Wochenfest ein. Am Rüsttag des Passafestes: Karfreitag. Am dritten Tag danach: Ostern. Auferstehung. 40 Tage geht der Auferstandene unter seinen Jüngern auf der Erde umher. Dann fährt er auf in den Himmel. Fehlen noch 10 Tage bis Schawuot, dem Wochenfest 7 Wochen nach Passa, dem zweiten Wallfahrtsfest, als wieder Tausende in Jerusalem versammelt sind. Da gießt Gott den Heiligen Geist auf die Jüngerinnen und Jünger aus und die Kirche entsteht.

Alle Berichte lassen keinen Zweifel: Hinter diesen dramatischen Ereignissen steht die Macht und Kraft Gottes. Sie sorgt dafür, dass es nicht nach dem Plan der römischen Weltmacht geht und mit der Kreuzigung alles was mit Christus zu tun hat aus ist, sondern dass es da erst recht beginnt.

Die Kraft Gottes ist Thema auch unseres heutigen Predigttextes aus Epheser 1,20-23. Über die Macht der Stärke Gottes schreibt der Apostel: "Durch sie hat Gott ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt."

Die Apostelgeschichte erzählt, der Hymnus aus dem Philipperbrief bekennt, der Epheserbrief meditiert, was in drei Zeilen im Glaubensbekenntnis heißt: "auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes". Wenn ich sage "meditiert", so meine ich ein nachdenkliches Ausdeuten dieser alten Lehrsätze, ihre fast dichterische Betrachtung. Es wird hier ja auch ein altes Lied Israels zitiert, der Psalm 8, der davon singt, wie Gott seine Herrlichkeit in seinem letzten und die Schöpfung krönenden Geschöpf, dem Menschen, offenbart. Über den Menschen, also die Gattung Mensch, betet der Psalm: "Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan."

In unserem Predigttext im Epheserbrief wird dieser Psalmvers auf einen einzigen Menschen hin ausgelegt: Jesus ist der Herr. Unter seine Füße hat Gott alles getan. Durch die Macht und Kraft Gottes, die Jesus aus dem Tod und in den Himmel erhöht, wird Jesus selbst zur Macht, zur Welt- und Himmelsmacht. Er wird auferweckt und im Himmel eingesetzt zu Gottes "rechter Hand".

Lukas beschreibt die Himmelfahrt in der Apostelgeschichte weniger wie einen Abschied als vielmehr wie die Verhüllung von jemandem, der eigentlich nicht fort, sondern noch da ist. Jenseits und doch nahe, wie es in unserem Bonhoeffer-Fenster heißt: "Das Jenseitige ist nicht das unendlich Ferne, sondern das Nächste." Aber wozu diese Verhüllung Jesu? Jesus gewinnt durch die Himmelfahrt Abstand zu der Gruppe seiner Jünger in Jerusalem, um im Himmel allen nahe zu sein, wo immer sie auch sind. Und er verfolgt ein ganz bestimmtes Ziel. Dieses Ziel haben wir im Wochenspruch bereits gehört: "Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen." Das also soll unsere Zukunft sein: Jesus will uns zu sich ziehen, da hin, wo er ist.

Aber so weit ist es noch nicht. In der Gegenwart ist die Rede von Reichen, von Gewalt, Macht und Herrschaft auf der Erde. Da geht es um die, die sich einen Namen machen, die zu Rang und Namen gekommen sind. Um kleine und große Herrscher, um Lokalmächte und Weltmächte. Sie sind real, sie haben Macht, sie wirken. Aber, so schreibt der Apostel, Gott hat sie unter Jesu Füße getan. Wie einen Thronschemel. Es gibt einen, der mehr Macht hat als sie. Der in Wahrheit regiert. Der der Macht der Weltmächte eine Grenze setzt. Aber der nicht nur Macht, sondern auch Verantwortung übernimmt für das, was ihm von Gott unterstellt ist.

Denn was ist Jesus und was sind die Weltmächte? Sie, die Mächte der Welt: menschenverachtend, großspurig, polarisierend: wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Menschenrechte muss man ihnen ebenso abringen wie die Gewaltenteilung, damit die eine Macht die andere kontrolliert. Er aber, Jesus, die personifizierte Menschenfreundlichkeit Gottes, der Erlöser, der Keinen der Verlorenheit preis gibt. Haupt aller, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.

Und das, sagt der Apostel, ist keine Zukunftsmusik. In der Welt, die noch voller Reiche, Macht, Gewalt, Herrschaft und kleineren und größeren Namen ist, hat Jesus Christus einen Leib: die Kirche. Denn er ist von Gott in doppeltem Sinne als Haupt eingesetzt: als Haupt der Weltmächte und als Haupt der Kirche. Aber nur die Kirche ist sein Leib, nicht die Mächte.

Was bedeutet: die Kirche ist sein Leib? Lukas erzählt in der Apostelgeschichte: "Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten ihnen: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?" Leib Christi bedeutet: Schaut auf die Erde, lebt als Leib und Glieder Christi unter den Menschen, lebt die Menschenfreundlichkeit Gottes wie Jesus sie gelebt hat! Lebt Glaube, Liebe, Hoffnung, wie Jesus sie gelebt hat!

Die Mächte der Welt bremsen. Sie entwickeln eine Beharrungskraft, wollen, dass alles so bleibt wie es ist, weil es ihnen nützt, wie es ist. Der Leib Christi in der Welt bringt eine Dynamik ins Weltgeschehen, die aus der Leben schaffenden und erneuernden Kraft Gottes gespeist wird und die ein Ziel hat. Die Gemeinde, die Kirche, schreibt der Apostel, ist Christi Leib, ist Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Fülle ist Vielfalt, Weite, Pluralität, Überfluss und volles Genügen. Fülle ist Freude, Zufriedenheit, Offenheit. Das, schreibt der Apostel, ist Kirche. Vielfalt in der Einheit, Weite und Heimat, Offenheit und Integration, Einbeziehen von anderen, Überwinden von Grenzen und Spaltungen. Denn ihr Ziel ist: Erfüllung. Gott alles in allem.

Wohlgemerkt: was wir hören, ist keine Beschreibung der Eigenschaften der Kirche; was wir hören, ist eine Beschreibung der Kraft Gottes. Gott weckt, setzt ein, erfüllt, nicht wir. Die Kirche ist Leib Christi allein durch die Kraft und das Wirken Gottes. Wir sind die, die gerufen werden, hören und folgen.

Das zweite Kapitel des Epheserbriefes berichtet, wer diesem Ruf gefolgt ist: Juden und Heiden. Menschen aus Gottes Volk und aus der Völkerwelt, die nichts von Gott wusste, fanden in der Kirche zur Einheit. Das war nach damaliger Erfahrung nicht Menschen möglich. Das war neu und unerhört. Das war Gottes Wirken. So, erkannte der Apostel, kommen die Welt und die Mächte zur ihrer Erfüllung: sie kehren zurück in den Gehorsam gegen ihren Schöpfer, sie kehren um zu Gott und in die Einheit mit einander.

Ich mache einen Sprung in die Gegenwart und bleibe doch beim angeschnittenen Thema. In der Kirche gibt es heute sehr wenige Christen jüdischer Herkunft. Aber die Kirche der Gegenwart weiß in einem viel klareren und entschiedeneren Maße als je zuvor, dass sie mit dem Judentum verbunden ist. Leib Christi ist Leib Jesu von Nazareth. In der neuen "Carta Oecumenica" der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen Europas heißt es im 10. von zwölf Abschnitten: "Eine einzigartige Gemeinschaft verbindet uns mit dem Volk Israel, mit dem Gott einen ewigen Bund geschlossen hat ... Wir verpflichten uns, allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten. Wir verpflichten uns, auf allen Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu intensivieren."

Ich bin sicher, während ich das lese, denken viele von uns, vielleicht wir alle, an die beklemmenden Ereignisse in Nahost. Was ich in dieser Zeit immer öfter erlebe und darüber traurig bin, ist, dass manche von uns Christen hier in Deutschland meinen, sie müssten Urteile fällen und Verurteilungen aussprechen. Vorgestern Abend sprach hier Aharon Shashar vor fast 70 Zuhörern im Gemeindesaal über die tragische Lage im Nahen Osten. Er sagte: Ich will Sie nicht überzeugen; ich möchte Sie nachdenklich machen. Mit dieser Haltung konnte er sogar ganz gut damit umgehen, dass im Publikum ein Libanese und ein Palästinenser saßen, die aus ihrem Widerspruch keinen Hehl machten. Wer es miterlebt hat, hat einen Eindruck von den großen Schwierigkeiten von Juden und Arabern miteinander zu reden bekommen. Aber auch miterlebt, wie sie doch miteinander reden.

Sich in den anderen einzufühlen, sich vorzustellen, an seiner Stelle zu sein, macht nicht nur gesprächsfähig, sondern bewahrt einen selbst auch davor, den anderen zu verurteilen. Vielleicht kommen wir alle auf diesem Weg einmal dazu, einander anzunehmen, wie wir sind.

Das wäre dann eine Erfahrung der Fülle, der Vielfalt in der Einheit, der Offenheit im verbunden Sein, die schon an Erfüllung grenzt, nämlich an die Erfüllung der Verheißung, dass Gott alles in allem sein wird.

Amen.