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Predigt zum Gedenken an die Ermordung Dietrich Bonhoeffers vor 50 Jahren

am Palmsonntag, 9. April 1995, im Gottesdienst
Pfarrer Dr. Michael Volkmann

Predigttext: "Öffne deinen Mund für die Stummen" - Sprüche 31, 8a

Liebe Gemeinde,

Dietrich Bonhoeffer ist gerade 26 Jahre alt, Privatdozent an der Berliner Universität, dazu Studentenpfarrer und Lehrer einer Konfirmandengruppe im Berliner Stadtteil Wedding, da sagt er am 19. Juni 1932 in einer Predigt: "Wir müssen uns nicht wundern, wenn auch für unsere Kirche wieder Zeiten kommen werden, wo Märtyrerblut gefordert werden wird. Aber dieses Blut, wenn wir denn wirklich noch den Mut und die Treue haben, es zu vergießen, wird nicht so unschuldig und leuchtend sein wie jenes der ersten Zeugen. Auf unserem Blut läge große eigene Schuld: die Schuld des unnützen Knechtes." (1/S. 42)

Dietrich Bonhoeffer wollte kein Heiliger sein. Er blieb selbstkritisch bis zuletzt. Zehn Jahre später - mitten im Krieg, bereits aktiv in der Verschwörung, aber noch nicht verhaftet - fragt er sich und seine engsten Freunde: "'Sind wir noch brauchbar?' Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden - sind wir noch brauchbar? ... Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, daß wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?" (6/S. 25)

Wir verehren in Bonhoeffer keinen Heiligen. Aber wir ehren ihn als einen der ganz, ganz wenigen Märtyrer unserer Kirche in der schrecklichen, barbarischen Nazizeit. Als einen, der dem Evangelium nicht untreu wurde, der keine faulen Kompromisse schloß, der weder mitmarschierte noch bloß mitlief. Als einen, der seinen Verstand nicht ausschaltete, sein Seele nicht verkaufte, der stattdessen - bildlich gesprochen - 'sein Herz in die Hand nahm', also uneingeschüchtert und ungeheuer mutig zur Tat schritt. Wir ehren - übrigens nicht unkritisch! - einen Menschen, der erst Christ werden mußte (1/S. 43), und einen Christen, der ein Mensch und ein Freund der Menschen geblieben ist bis zuletzt.

Ein halbes Jahr vor Hitlers Machtantritt sah Bonhoeffer also schon das Martyrium auf die Kirche und auf sich selbst als eine Möglichkeit zukommen. Heute, am seinem 50. Todestag, fragen wir: wie wurde dieses Martyrium Wirklichkeit? Wie kam es dazu, daß Bonhoeffer als einer von ganz wenigen den Kampf gegen die Nazis aufnahm und schließlich den Weg in den aktiven Widerstand ging? Was waren seine Motive, was trieb ihn? Und wie hat er es als Christ verantwortet, nicht passiv zu bleiben, nicht auszuharren in äußerer oder innerer Emigration und dort 'abzuwarten, bis der Nazispuk vorübersein würde', wie etliche sich ausdrückten und sich verhielten, sondern zur Tat, sogar zur Beteiligung an einem Attentatsplan gegen Hitler zu schreiten? Denn diese Verantwortung und dieses Risiko auf sich zu nehmen, war seine eigenste, ganz persönliche Entscheidung.

Eberhard Bethge, der Freund Bonhoeffers, Herausgeber seiner Werke und Begründer der Bonhoefferforschung, sagt: "Es besteht wohl kein Zweifel, daß die Hauptmotivation für Bonhoeffers Schritt in die aktive politische Verschwörung die Judenbehandlung durch das Dritte Reich gewesen ist..." Ich wiederhole diesen Satz: "Es besteht wohl kein Zweifel, daß die Hauptmotivation für Bonhoeffers Schritt in die aktive politische Verschwörung die Judenbehandlung durch das Dritte Reich gewesen ist..." (3/S. 199). Bethge sagte dies hier in Tübingen 1979, als ihm der Leopold-Lucas-Preis der Evangelisch-theologischen Fakultät verliehen wurde. Bethge hatte schon Jahre zuvor in seiner großen Bonhoefferbiographie betont, daß bereits Bonhoeffers allererste Äußerung im Kirchenkampf im April 1933 ein Schrei für die verfolgten Juden war. (2/S. 326)

Die ansonsten sehr rege Bonhoefferforschung hat darauf lange nicht reagiert. Wir kennen Bonhoeffer als theologischen Lehrer, Ethiker, Kirchenreformer, Ökumeniker, Dichter, als Verfasser des "Gemeinsamen Lebens", wir kennen seine These vom religionslos gewordenen Menschen und sein Schicksal als aktiver Verschwörer. Aber wer hat Bonhoeffer als Fürsprecher der Juden beschrieben?

Bethge selbst gab den Anstoß, nachdem er von jüdischen Forschern dazu provoziert worden war (3/S. 172-176 und 11/S. XXIV). Sowohl Kirche als auch Theologie verdrängen bis heute, was sie bereits vor Hitler verdrängt hatten - ihre Schuld an den Juden, ihre Verwandtschaft mit den Juden und ihre Verpflichtung gegenüber den Juden. Bonhoeffer war einer der wenigen, die dies nicht verdrängt haben. Für ihn war die sogenannte "Judenfrage" vielmehr ganz zentral. So zentral wie für keinen anderen deutschen Theologen seiner Zeit (11/S. XXIV, Zitat von Karl Barth).

Sie werden das in den vielen Bonhoefferartikeln dieser Tage kaum zu lesen bekommen. Der Bonhoeffer, der für die Juden schreit, wurde lange verdrängt und wird erst seit kurzem ins Licht gerückt. Israelvergessenheit beherrscht bis heute Theologie und Kirche. Bis heute möchte sie davonlaufen vor ihrer größten Schuld, denn sie ist - mit Bonhoeffers Worten - "schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi" (5/S. 122), d.h. der Juden.

Ich werde im folgenden zeigen, wie das Thema der Judenverfolgung und -vernichtung durch die Nazis sich als roter Faden für Bonhoeffers Motivation zum Widerstand durch die ganze Zeit der Hitlerei in Deutschland zieht (vgl. Nr. 8). Der Bibelvers "Öffne deinen Mund für die Stummen" wurde für Bonhoeffer zur Losung im Kampf. Bethge schreibt über Bonhoeffers Verhältnis zu diesem Vers: "Er klagt sich selbst damit an; er benutzt ihn als Stachel zum Antreiben von Verantwortlichen." (4/S. 193). Und Bonhoeffer selbst fragt zornig: "Wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?" (Zit. in: 4/S. 194 aus: GS I/S. 42).

"Öffne deinen Mund für die Stummen" - das heißt für Bonhoeffer bereits zwei Monate nach Hitlers Machtantritt: für die Juden! Da hält er einen Vortrag vor Pfarrern, den er erweitert im Juni veröffentlicht, sein Titel: "Die Kirche vor der Judenfrage" (Nr. 4). Nicht alle ertragen es, ihm bis zum Schluß zuzuhören. Denn ausgehend von denselben theologischen Voraussetzungen wie die ganze evangelische Kirche in Deutschland zu seiner Zeit - nämlich von einer antijüdischen Tradition und von Luthers Zweireichelehre - kommt er zu einzigartigen Folgerungen. Er sagt: 1. Wenn der Staat in seiner Aufgabe, für Ordnung und Recht zu sorgen, versagt, so hat die Kirche ihn an diese seine Verantwortung zu erinnern. 2. sagt er wörtlich: "Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören." (4/S. 48). Und wieder wörtlich: "Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen." (4/S. 48)

So zu reden war damals unerhört. Der erste und zweite Fall sind nach Bonhoeffers Meinung mit der Ausgrenzung der Juden aus dem Staatsdienst durch den sog. Arierparagraphen Anfang April 1933 bereits gegeben. Bereits da geht Bonhoeffer davon aus, daß der Nazistaat in seiner Aufgabe, für Ordnung und Recht zu sorgen, versagen würde (11/S. 440). Der dritte Fall aber würde bedeuten: aktiver Widerstand der Kirche gegen den Staat. Das, so Bonhoeffer 1933, könne jedoch nur ein evangelisches Konzil beschließen (4/S. 49). Über ein Jahr lang bemüht er sich auch mithilfe seiner ökumenischen Kontakte um so ein Konzil - vergeblich.

Um Bonhoeffers Forderungen zu würdigen, muß man wissen, was die evangelische Kirche damals sonst zum Thema Judenverfolgung zu sagen hatte, nämlich fast garnichts. Sie war ausschließlich mit sich und der Klärung ihres Verhältnisses zum "neuen" Staat beschäftigt. Die evangelische Kirche hatte vor 1933 keine positiven Beziehungen zum deutschen Judentum (11/S. XIX). Franz Rosenzweig, Martin Buber, Leo Baeck - unbekannt. Der Zionismus und die erfolgreiche Wiederbelebung der hebräischen Sprache - nie gehört. Man hatte praktisch keine Ahnung von den jüdischen Menschen, die neben einem lebten. Das Judenbild des deutschen Protestantismus war konträr zur Wirklichkeit und durchsetzt mit Vorurteilen. Als die Repräsentanten der deutschen Juden die Kirche im März 1933 offen und direkt um Hilfe baten, hüllten sich die Kirchenleute in schändliches Schweigen (11/S. XIX).

Man hatte Sympathien für die neue Obrigkeit, die endlich mal wieder als eine richtige Obrigkeit auftrat. Man gestand dem Staat zu, sich gegen die liberale bis linke 'jüdische Zersetzung der deutschen Kultur' auch mit Sondergesetzgebung zu wehren (11/S. 461; 8/S. 244 und öfter). Die evangelische Kirche war bereits in der Kaiserzeit durch den Hofprediger und Leiter der Berliner Stadtmission Adolf Stöcker auf Antisemitismus eingeschworen worden. Als christlicher Wegbereiter Hitlers zog Stöcker in den Reichstag ein, um mithilfe des Antisemitismus die Arbeiterschaft der 'gottlosen Sozialdemokratie' zu entreißen. Stöckers Wirkung war verheerend (11/S. 482). Der damalige Bischof unserer Landeskirche, der mutige Theophil Wurm, rühmte sich, ein Schüler Stöckers in Sachen Antisemitismus zu sein (8/S. 339ff; 9/S. 183 und 257ff). Wurm war stolz auf seine judenfreie Landeskirche. Bischof Dibelius von Berlin verteidigte den Naziboykott gegen das jüdische Geschäftsleben vom 1. April 1933 in einer Radiorede gegenüber dem Ausland (11/S. 348). Der Protestantismus gab in seiner Haltung gegenüber dem Judentum auf der gesamten Breite ein erbärmliches Bild ab. Bestenfalls verstand man Luthers Zweireichelehre als völliges Sichheraushalten der Kirche aus den Angelegenheiten des Staates. Selbstabgrenzung, Selbsterhaltung schien das Gebot der Stunde.

So beschränkte sich der weitere Kirchenkampf weitgehend auf die inneren Angelegenheiten der evangelischen Kirche. Die sogenannte "Judenfrage" bestand für die Kirche nur noch in dem Problem, ob getaufte Juden gegenüber getauften Nichtjuden geringere Rechte hätten. An dieser Frage der Bedeutung der Taufe brach allerdings der Bekenntnisstreit auf, der zur Gründung und zum Erstarken der Bekennenden Kirche führte.

Kirchenhistoriker sagen heute, daß die evangelische Kirche das deutsche Judentum bereits im Sommer 1933 ohne zu zögern und bedingungslos dem Nazistaat preisgegeben hat (11/S. XVII). Dietrich Bonhoeffer war zunächst fast der einzige, der in dieser Entwicklung ein Problem sah, ein ungeheueres Problem von großer theologischer Tragweite. Aber er drang in der Bekennenden Kirche damit nicht durch. Ich selbst habe den verstorbenen Berliner Bischof Kurt Scharf, der damals Vikar der Bekennenden Kirche war, traurig und selbstkritisch sagen hören: "Wir hätten 1933 Arm in Arm mit den Juden auf dem Kurfürstendamm demonstrieren müssen!" Diese Einsicht kam zu spät. Aber Bonhoeffers Haltung zeigt: sie wäre damals bereits möglich gewesen!

"Öffne deinen Mund für die Stummen." Immer wieder mahnt Bonhoeffer mit diesen Worten. Im Sommer 1935, vor sächsischen Theologen, fügt er hinzu: "Hier wird wahrscheinlich die Entscheidung fallen, ob wir noch Kirche des gegenwärtigen Christus sind. Judenfrage!" (Ausrufezeichen) (Zit. in: 3/S. 194 aus: GS III/S. 324)

Als seine eigene Kirche der altpreußischen Union im September 1933 tatsächlich den Arierparagraphen ins Kirchenrecht übernimmt und ihre Pfarrer jüdischer Abstammung fallenläßt, bewegt Bonhoeffer vor allem die Frage, wie er aus dieser Kirche austreten könne, die für ihn aufgehört hat, christliche Kirche zu sein. Er entscheidet sich, zunächst einmal für eineinhalb Jahre auf eine Auslandspfarrstelle nach London zu gehen.

In den Tagen, als er an seinem Aufsatz "Die Kirche vor der Judenfrage" arbeitete, schrieb Bonhoeffer an eine Freund: "Auch die Judenfrage macht der Kirche schwer zu schaffen, und hier haben die verständigsten Leute ihren Kopf und ihre Bibel gänzlich verloren." (11/S. 486). Nicht nur den Verstand, sondern den ganzen Kopf verloren mit Augen, die sehen könnten, Ohren, die hören könnten, dem Mund, der sich für die Stummen öffnen könnte.

Bonhoeffer hat seinen klaren Kopf behalten. Er nahm wahr, was geschah. Sein Schwager Gerhard Leibholz, Jude, und sein Freund Franz Hildebrandt, evangelischer Pfarrer jüdischer Abstammung, mußten emigrieren (1/S. 72). Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi im Justizministerium war er meist besser und früher über drohende Maßnahmen informiert als andere (1/S. 72). Bonhoeffer ließ sich seinen kritischen Verstand nicht vernebeln. Er ließ sich den Schneid nicht abkaufen. Er ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Und schließlich gehörte er zu denen, die ihre Bibel nicht verloren hatten, sondern die intensiver in ihr lasen als je.

So unglaublich das heute klingen mag: die Bibel, wie sie uns vorliegt, z.B. hier auf dem Altar, war vor sechzig Jahren nicht unumstritten. Viele Theologen hielten den hebräischen Teil, das "Alte Testament", für überholt, für ein überflüssiges, ja schädliches Judenbuch. Das war nicht erst der Einfluß der Nazis, sondern bereits der Einfluß prominenter liberaler Theologen der Jahrhundertwende. Bonhoeffer dagegen bestand auf der Einheit der Bibel und auf der Identität des einen Gottes des Alten und des Neuen Testaments. "Der Judengott ist auch der Gott des Neuen Testaments", sagte er (3/S. 181). Und Bonhoeffer verstand die Bibel zugleich als Zuspruch und Anspruch Gottes an den Menschen, als Verheißung und Gebot, die zur Tat drängten.

Die Bibel wurde Bonhoeffers tägliche ausgiebige Lektüre. Sie durchdrang sein Denken in allen seinen Richtungen. Er kam zu der Erkenntnis, daß Gott die Mitte im Menschenleben sein will (6/S. 135). Das hebräisch-biblische Menschenbild, das keine Trennung von Innenwelt und Außenwelt kennt, wurde für ihn bestimmend. Christus verweist uns an die Welt, sagte er. Kirche hat für andere da zu sein. Politische Konsequenzen gehörten für ihn selbstverständlich zur Theologie hinzu. Die Frage einer christlichen Ethik, das Problem der vor Gott verantworteten Tat, beschäftigte ihn bis zuletzt. Von der Bibel aus kritisierte er das theologische Denken seiner Zeit: Karl Heim, Paul Althaus, Paul Tillich, Bultmann, Barth, die Bekennende Kirche - keinem konnte sich Bonhoeffer vorbehaltlos anschließen (6/S. 161-163). Und keiner von diesen folgte umgekehrt ihm, wenn er bei den Synoden der Bekennenden Kirche vor allem den Einsatz für die gehetzten Juden forderte. Da erkannte Bonhoeffer, daß das von ihm geforderte evangelische Konzil zur Rettung der Juden Utopie bleiben würde.

"Es besteht wohl kein Zweifel," ich wiederhole noch einmal Eberhard Bethges Satz, "daß die Hauptmotivation für Bonhoeffers Schritt in die aktive politische Verschwörung die Judenbehandlung durch das Dritte Reich gewesen ist." (3/S. 199). Das war damals singulär, einzigartig. Da nimmt ein Christ ernsthaft zur Kenntnis, was die Nazis mit den Juden machen! Da schließt sich ein Christ einer politischen Verschwörung an! Und dann steht beides auch noch in entscheidendem ursächlichem Zusammenhang! Bonhoeffer war seiner Zeit und seiner Kirche weit voraus. Denn mit der Zeit hatte er erkannt, daß das, was er und alle Welt "die Judenfrage" nannten, in Wahrheit eine Christenfrage ist, eine Frage des Haltens zu Jesus Christus, dem Juden, oder des Abfalls von ihm (3/S. 201).

In der Konfrontation mit der Bibel einerseits und mit der Wirklichkeit der Judenverfolgung andererseits verändert sich Bonhoeffers Theologie! Bestimmte antijüdische Formulierungen früherer Jahre kommen ihm mit der Zeit nicht mehr über die Lippen. Das Alte Testament wird ihm immer wichtiger (6/S. 86). Israel ist für ihn fraglos nach wie vor Gottes erwähltes Volk.

So hilft er in der Londoner Zeit deutschen Emigranten, Christen und Juden, wo er kann. So ermahnt er nach seiner Rückkehr 1935 seine Studenten am illegalen Theologischen Seminar der Bekennenden Kirche, neben dem christlichen Leben und Feiern die Verantwortung für die Welt nicht zu vergessen. "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen." (3/S. 195). Es ist die Zeit der Nürnberger Gesetze. Und nach dem Reichspogrom vom 9. November 1938 ist er sicher: "Wenn heute die Synagogen brennen, dann werden morgen die Kirchen angezündet werden." (3/S. 198). Tage später schreibt er an seine Studenten: "In den letzten Tagen habe ich viel über Psalm 74, Sacharja 2,8, Römer 9,3f, Römer 11,11-15 nachgedacht. Das führt sehr ins Gebet." (3/S. 198).

Psalm 74: "Der Feind hat alles verheert im Heiligtum... Hoch sieht man die Äxte sich heben... sie zerschlagen all sein Schnitzwerk mit Beilen und Hacken. Sie verbrennen dein Heiligtum, bis auf den Grund entweihen sie die Wohnung deines Hauses. Sie sprechen in ihrem Herzen: Laßt uns sie ganz unterdrücken! Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande... Nimm deine Rechte aus dem Gewand und mach ein Ende!" Sacharja 2,8: Gott spricht zu Israel: "Wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an." Römer 9,4: "Israel gehört die Kindschaft, die Herrlichkeit Gottes, der Bund, die Tora, der Gottesdienst, die Verheißungen, die Erzväter. Von Israel stammt Jesus Christus ab."

Ich frage mich oft: Wie konnte man damals Bibel lesen und zugleich so unberührt bleiben von den deutschen Verbrechen am jüdischen Volk wie die Generation unserer Eltern und Großeltern? Es ging doch auch für uns Christen um alles! Es ging doch um das 'Mittelpunktsvolk der Geschichte', auch um unseren Mittelpunkt! Bonhoeffer hat das erkannt, als noch Zeit war, der "dämonischen Universalwalze" (Martin Buber an Gandhi, 7/S. 616) in die Speichen zu fallen, als er sagte: "Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude." (3/S. 200). Doch nicht einmal die Bekennende Kirche bekam den Mund auf gegen die Nürnberger Gesetze oder gegen die Pogromnacht.

Anfang 1938 schließt sich Bonhoeffer dem Kreis der Verschwörer gegen Hitler an, der von Admiral Canaris, dem Chef des militärischen Geheimdienstes, geleitet wird. Er beteiligt sich an einer Rettungsaktion für 14 Juden, die in die Schweiz gebracht werden. Als er 1941 von ersten Deportationen deutscher Juden in den Osten erfährt, schlägt er Alarm. Mit einem Freund zusammen sammelt er erste Fakten zu einem Bericht, den er konspirativen Generälen zuleitet. So bringt der Beginn der Judenvernichtung Bonhoeffer dazu, auf rasches Handeln zu dringen, sprich: auf ein möglichst baldiges Attentat gegen Hitler. Der Historiker H.G. Adler hält Bonhoeffers Bericht für das früheste Dokument des politischen Widerstands, das auf die beginnenden Massendeportationen reagiert (3/S. 203).

Bei der Lektüre von "Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft" (Nr. 6) ist mir die Nähe mancher Gedanken Bonhoeffers zu denen der jüdischen geistigen Widerstandsbewegung um Martin Buber aufgefallen. Bonhoeffer fragt: "Ob es jemals in der Geschichte Menschen gegeben hat, die in der Gegenwart so wenig Boden unter den Füßen hatten ... wie wir?" (6/S. 9f). Buber schreibt: "Der jüdische Mensch von heute ist der innerlich ausgesetzteste Mensch unserer Welt." (7/S. 543) - Bonhoeffer hält seine Freunde und sich für Menschen, "die jenseits aller ... gegenwärtigen Alternativen die Quelle ihrer Kraft so gänzlich im Vergangenen und im Zukünftigen suchten - und die dennoch, ohne Phantasten zu sein, das Gelingen ihrer Sache ... zuversichtlich und ruhig erwarten konnten" (6/S. 10). Buber kennt eine solche Haltung ebenfalls (z.B. 7/S. 586-587). - Und Bonhoeffers Satz "mit der Menschenverachtung verfallen wir gerade dem Hauptfehler unserer Gegner" (6/S. 17) könnte wörtlich aus Bubers Mund stammen (Vgl. 7/S. 583-587).

Buber, der die Hebräische Bibel "verdeutscht" hat, übersetzt "glauben" mit "standhalten". Der glaubende Mensch ist der, der gegen Demütigung und Entrechtung standhält. 1942 fragt Bonhoeffer: "Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf." (6/S. 10-12) Und die Tat beschreibt Bonhoeffer als eine "Tat, die allein das Böse im Zentrum zu treffen und zu überwinden vermag." (6/S. 11).

Bonhoeffer war bereit, für seinen Glauben sein Leben einzusetzen. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet. Am 5. April 1945 fiel bei der mittäglichen Lagebesprechung im Führerhauptquartier der Todesbeschluß. Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, gab den Befehl zur Hinrichtung. SS-Sturmbannführer Otto Thorbeck, promovierter Jurist, sprach im Morgengrauen des 9. April in Flossenbürg das Todesurteil. Es wurde an Ort und Stelle vollstreckt.

Eberhard Bethge weist darauf hin, daß Bonhoeffer zu Lebzeiten keinen jüdischen Partner zum konkreten Dialog hatte. Bethge weiter: "Was er von seiner Seite im 'Dialog' sagte, war die Antwort von Flossenbürg. Die Frage war gestellt worden in Gestalt der Tötung der Juden. Wiewohl Bonhoeffer manches erhoffte und unternahm, um zu leben, bedeutete seine Antwort für ihn den Tod... Er hatte als einer von wenigen sich dem Komplicentum mit den 'Endlösern' entwunden. Das macht aus ihm eines der unersetzlichen Bindeglieder zu den Opfern, zu den Entkommenen... des Holocaust" und ihren Nachkommen (3/S. 211f).

Wir ehren Dietrich Bonhoeffer als Märtyrer, als Vorbild in Glauben, Mut und Treue, als Lehrer und nach wie vor als Anreger für eine noch zu schaffende Theologie und Kirche. Die Kirchen, die weltweit im Kampf um Gerechtigkeit für andere und für sich selbst stehen, haben Bonhoeffer ernster genommen und mehr von ihm gelernt und umgesetzt als seine eigene deutsche. Aber für unser eigenes Nachdenken über das Verhältnis von Kirche und Israel wird er immer wichtiger als Vordenker und Täter.

1939 ist Dietrich Bonhoeffer mit einem der letzten Schiffe aus den USA zurückgekehrt, um für ein besseres Deutschland zu kämpfen. Wie dankt es ihm unser Staat? Dietrich Bonhoeffer wird heute als Mitglied der Canarisgruppe in die Reihe der deutschen Widerstandskämpfer gestellt und geehrt. Aber es gibt auch Mißklänge.

1954 wurde Bonhoeffers Richter, Dr. Otto Thorbeck, verurteilt. 1956 wurde er vom Bundesgerichtshof freigesprochen. Begründung: Auch dem Nazistaat müsse ein Recht auf Selbstbehauptung zugestanden werden. Durch den Freispruch Thorbecks ist das Todesurteil gegen den "Hoch- und Landesverräter" Bonhoeffer 1956 indirekt bestätigt worden. Mindestens zwei der hieran beteiligten Richter hatten schon der Nazijustiz gedient (Nr. 12). Unsere Kirche ist also in formaljuristischer Sicht nach einem bis heute nicht rehabilitierten "Hoch- und Landesverräter" benannt. Pfarrer Dufft sagte bei der Einweihung dieser Kírche, "daß die Namenswahl eine Aufgabe und Verpflichtung darstellt, die erst in der Zukunft eingelöst werden kann und muß." (Zitiert aus der Festschrift zur Einweihung der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen am 21.4.1985). Wir sind Teil dieser Zukunft. Wie lösen wir die selbstgestellte Aufgabe und Verpflichtung ein?

Ernst Simon, Freund, Schüler und Weggefährte Martin Bubers im geistigen Widerstand der deutschen Juden, schreibt: "Jeder Staat, auch der beste, braucht zu seinem moralischen Bestehen die Funktion des geistigen Widerstandes, der gegen diese oder jene seiner Akte oder Unterlassungen möglich sein muß." (10/S. 104). Wollen wir Bonhoeffer und die, für die er eingetreten und gestorben ist, ernstnehmen, so haben wir hier und heute, im vereinigten Deutschland, geistigen Widerstand zu leisten, wo Unrecht geschieht. Widerstand vor allem gegen alle Tendenzen, Nazitum und Antisemitismus wieder hoffähig zu machen oder zum Zuge kommen zu lassen.

Wie gegen Antisemitismus vorzugehen ist, zeigt nocheinmal Bonhoeffer selbst. Bei seinen Spaziergängen im Tegeler Gefängnishof hat sich ein Mitgefangener, ein in Ungnade gefallener Nazi, wie eine Klette an ihn gehängt. Eines Tages schreibt Bonhoeffer in einem Brief: "Mit meinem täglichen Spaziergehgenossen habe ich einen neuen Ton anschlagen müssen; trotz aller Bemühungen, sich an mich anzuschmeißen, entglitt ihm kürzlich eine Bemerkung über das Problem Juden etc., die mich veranlaßt hat, ihn so ablehnend und kühl zu behandeln, wie ich vielleicht noch nie jemanden behandelt habe, wie ich auch dafür gesorgt habe, daß ihm prompt die kleinen Annehmlichkeiten entzogen werden. Nun soll er ruhig eine Weile herumwimmern, das läßt mich - ich wundere mich selbst, aber es ist mir auch interessant: - völlig kalt." (6/S. 104) Eine noch harmlose Reaktion, wenn man bedenkt, daß Antisemitismus nach biblischem Zeugnis ein Angriff auf Gottes Augapfel ist.

Dietrich Bonhoeffers Beispiel beweist: Man konnte bescheidwissen. Man konnte umlernen. Man konnte etwas tun - wenn man den Glauben, den Mut und die Treue dazu hatte. Die jüdische Stimme in unserem Land ist heute fast verstummt. Aber der Judengott, der genauso unserer ist, sagt zu uns auch heute:Öffne du deinen Mund für die Stummen.

Amen.

Quellennachweise: ("Buch-Nr."/ "Seite")

  1. Bethge, Eberhard: Bonhoeffer, Hamburg 1976 (rororo bildmonographien; rm 236)
  2. Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe - Christ - Zeitgenosse. Eine Biographie, München 4. Auflage 1978
  3. Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer und die Juden, in: Ernst Feil / Ilse Tödt (Hrsg.): Konsequenzen. Dietrich Bonhoeffers Kirchenverständnis heute, München 1980, S. 171-214 (Internationales Bonhoeffer-Forum; Nr. 3)
  4. Bonhoeffer, Dietrich: Die Kirche vor der Judenfrage (1934), in: Ders.: Gesammelte Schriften II, S. 44-53
  5. Bonhoeffer, Dietrich: Ethik, München 8. Auflage 1975
  6. Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. v. Eberhard Bethge, Gütersloh 12. Aufl. des Taschenbuches 1983 (GTB Siebenstern; Bd. 1)
  7. Buber, Martin: Der Jude und sein Judentum. Gesammelte Reden und Aufsätze, 2. Auflage Gerlingen 1993
  8. Gerlach, Wolfgang: Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987 (Studien zu Kirche und Israel - SKI; Nr. 10)
  9. Müller, Christine-Ruth: Dietrich Bonhoeffers Kampf gegen die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung der Juden, München 1990 (Heidelberger Untersuchungen zu Widerstand, Judenverfolgung und Kirchenkampf im Dritten Reich; Bd. 5)
  10. Simon, Ernst: Aufbau im Untergang. Jüdische Erwachsenenbildung im nationalsozialistischen Deutschland als geistiger Widerstand, Tübingen 1959 (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Institute of Jews from Germany; Bd. 2)
  11. Smid, Marikje: Deutscher Protestantismus und Judentum 1932/1933, München 1990 (Heidelberger Untersuchungen zu Widerstand, Judenverfolgung und Kirchenkampf im Dritten Reich; Bd. 2)
  12. Spoo, Eckart: Bonhoeffer noch nicht rehabilitiert. Recherchen eines Politologen über Nachkriegsjustiz, in: Frankfurter Rundschau Nr. 81 vom 5. April 1995 ("Im Hintergrund")