evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Predigt über Lukas 12,42-48

am 26.11.2017 Ewigkeitssonntag


 

Liebe Gemeinde,

seid wach! Wacht auf!
So rufen uns Lieder und Bibelworte am Ende des Kirchenjahres zu. Jesus redet eindringlich davon. Und Petrus erkundigt sich vorsorglich, Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen? (Lk 12,41)
Darauf antwortet ihn Jesus mit einer kleinen Geschichte.

Ein Mensch hat eine große Aufgabe bekommen. Ein Gut soll er verwalten. Wertvoll ist es und wohl gepflegt. Der, dem dieses Gut gehört, hat viel Herzblut hineingesteckt. Doch nun muss er weiter. Neue Aufgaben rufen. Er vertraut sein Gut jemandem an. All diejenigen die bei ihm in Lohn und Brot stehen, vertraut er seinem Verwalter an. So erzählt Jesus. Lukas 12,42-48:

Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht.

Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.

Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden.

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Liebe Gemeinde,
diese Worte und Bilder erscheinen hart, unzumutbar für einen Ewigkeitssonntag. Wir sind vielleicht geneigt, sie schnell beiseite zu scheiben. Doch es könnte sein, dass uns dann etwas entgeht. Es könnte sein, dass wir, wenn wir durch das Widerständige hindurch hinhören, was uns hier gesagt wird, beschenkt werden.

Sind wir wach für das, was uns wesentlich bewegt?
Sind wir wach für die tiefste Sehnsucht unseres Herzens, die oft überlagert ist von oberflächlichen Süchten? Sind wir verbunden mit dem, was uns wirklich entspricht und beglückt oder begnügen wir uns mit dem Mangel und fliehen vor der Aufgabe, die uns gestellt ist? Das ist oft der einfachere Weg und niemand hindert uns, ihn zu gehen.

Hören wir auf die Worte Jesu. Er spricht von einem Verwalter, der treu und klug ist. Ihm hat er sein Gut anvertraut. Dieser Verwalter weiß um die Kostbarkeit. Er sieht die Menschen, die hier arbeiten, leben, sich miteinander wohlfühlen, einander in die Augen sehen. Jeder kennt seine Aufgabe, alle helfen sich gegenseitig.
Dieser Verwalter liebt seinen Herrn, den Gutsbesitzer. Er freut sich über die Verantwortung, die ihm zugetraut wird. Aus tiefstem Herzen will er sein Bestes geben, diese Gut zu hegen und zu pflegen. Es ist sein inneres Anliegen. Auch wenn der Gutsherr sich verabschiedet hat, fühlt er geliebt, begleitet. In ihm ist er gegenwärtig. Er kann jederzeit kommen. Dann ist die Freude groß, denn die innere Verbindung war immer lebendig.

Selig ist der! sagt Jesus. Selig! Sein Herr wird ihn über alle Güter setzen. Spirituell verstanden: er wird den vollen Zugang haben zu allem, was Gott uns schenkt: zu Liebe, Barmherzigkeit, Selbsterkenntnis, Versöhnlichkeit und zu unvergänglicher Freude. Selig ist der!

Wenn aber …. so spricht Jesus weiter . Wenn aber jener Knecht …. Jesus spricht in der Folge also von dem gleichen, von ein und demselben Menschen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen ….
Mein Herr kommt noch lange nicht.
Ja geht es denn um den Zeitpunkt seiner Rückkehr? Geht es um eine Bilanz in der Zukunft? Geht es um etwas, das jetzt noch keine Rolle spielt? So denkt der Knecht in dieser Version der Geschichte. Er merkt es gar nicht, aber er offenbart mit diesem Gedanken etwas über seine eigene Person: nämlich seine Beziehungslosigkeit zu seinem Herrn, dem Gutsbesitzer. Der, der ihm alles anvertraut hat, spielt für ihn schlicht keine Rolle. Und auch mit seinen Mitmenschen ist er nicht verbunden. Seine Verantwortung, seine Position, seine Macht werden für ihn verführerisch. Er möchte die Situation für sich selbst ausnutzen, für seine oberflächlichen Bedürfnisse. Reichtum. Er ist gierig. Jesu malt uns das vor Augen. Er schlingt das Essen in sich hinein. Er berauscht sich am Wein und wohl noch mehr an seiner Macht. Die Atmosphäre auf dem Gut verändert sich. Der Arbeitsdruck steigt, alle haben Angst, man schaut sich nicht mehr in die Augen. Er schlägt seine Knechte und Mägde. Die Gemeinschaft, das gute Leben, ist zerstört.

dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, …
Natürlich
kennt er die Stunde nicht! Nicht, weil es um einen unkalkulierbaren Zeitpunkt ginge. Vielmehr erwartet er ihn grundsätzlich nicht. Er hat kein Interesse an ihm, will ihn nicht, braucht ihn nicht, hat ihn vergessen. Er ist nicht in Kontakt. Und er wird seinen Herrn unfreundlich empfangen. Uneinsichtig dafür, was er durch seine Verantwortungslosigkeit und seine Gier zerstört hat.

Dann wird sein Herr ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.
Empfinden wir diesen Vers noch ebenso verstörend wie beim ersten Hören?
Kennen wir nicht auch zumindest die Phantasie, dass jemand, der sich so zerstörerisch verhält, der viele Menschen leiden lässt, genau so etwas verdient hätte? Weil er durch nichts zu bremsen ist? Können wir spüren, dass die Leidenschaft für das Leben hier die treibende Kraft ist - und nicht irgendein Wunsch grausam zu sein?

In Stücke hauen. Im griechischen Text steht: zweiteilen. dichotomäsei.
In welche zwei Teile denn?
Jesus erzählt ja von
ein und demselben Menschen. Der treue und kluge Verwalter und der, der sich berauscht sind zwei Seiten ein und desselben Menschen. Zwei Möglichkeiten, die jeder Mensch hat. Kennen wir das nicht? Dass wir einen Teil in uns haben, der egoistisch und zerstörerisch ist, der das Glück in der Gier sucht und der den liebevollen und treuen Teil, den wir auch in uns haben, nicht gewähren lässt? Wie oft wünschen wir uns, dass wir etwas loswerden, von etwas befreit werden. Ach wenn ich nur diese Gewohnheit los wäre, diese Neigung los wäre, meine Unbeherrschtheit los wäre, meine Ängste los wäre, oder was es auch sei.
Auf diesem Hintergrund kann das „Zweiteilen“ noch anders klingen. Wie eine Befreiung, wie eine Wandlung. Endlich tut ein Mensch das Gute.
Jesus erzählt diese Geschichte ja gerade deswegen, damit niemand in Stücke gehauen wird, er stiftet auch nicht dazu an. Er erzählt diese Geschichte, damit die notwendige Wandlung sanft geschehen kann! Wacht auf! Dient dem Leben!

Die Geschichte schließt mit dem Gedanken, dass der, der in Beziehung lebt zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zu seinem wahren Selbst und die Liebe kennt und sich an ihr vergeht in größerem Maße schuldig wird als der, der ahnungslos ist und sich vergeht. Wem ein kostbares Gut anvertraut ist, der hat Verantwortung.

Petrus hatte gefragt: Gilt das nur uns oder auch allen anderen?
Und Jesus antwortet ihm mit einer Gegenfrage:
Wer ist nun der treue und kluge Verwalter? Jeder Mensch kann das sein.
Liebe Gemeinde, wir trauern heute, am Ewigkeitssonntag um Menschen, die wir liebten und die gestorben sind. Unser Leben in seiner Endlichkeit ist das große Gut, das jedem von uns anvertraut ist. Das Evangelium ermutigt uns dazu, wach zu sein für das Wesentliche und treu und klug zu leben, in Verbindung zu der Quelle, die uns selig macht, schon jetzt. Wir müssen unser Leben nicht verfehlen.

Wir können uns fragen: worin sind unsere Verstorbenen uns Vorbild? Aus welcher Kraftquelle haben sie gelebt? Was ist ihr Vermächtnis an uns?
Wir können uns am heutigen Tag daran erinnern lassen, dass wir nicht unbegrenzt Zeit haben. Niemand zwingt uns, aufzuwachen.

Vollende an ihnen dein Werk in Ewigkeit! So beten wir bei Beerdigungen für unsere Verstorbenen. Für Gott stellt der Tod keine Grenze dar. Er kann und wird aus den Bruchstücken unseres Lebens eine Ganzheit formen, er wird auch mit unserem Scheitern fertig, er wird uns wandeln und aufnehmen. Unsere Toten können wir getrost ihm anvertrauen.

Uns Lebenden gilt der Aufruf: Seid wach!
Vielleicht ist das die schönste Frucht harter Trauerarbeit, wenn wir selber erwachen.
Und unsere Lieben, die uns vorausgegangen sind, würde das sehr freuen.
Amen.


Quellen:
Wesentliche Ideen für den Vorspann vor der Verlesung des Textes und zur narrativen Nacherzählung des Gleichnisses habe ich von meiner Kollegin Michaela Stock empfangen, die im Gottesdienst der Tübinger Bezirkssynode vom 20.11.2017 über diesen Text gepredigt hat.
außerdem verwendet: Matthias Loerbroks, Ewigkeitssonntqag: Lk12,42-48, Our lives matter, in: Predigtmeditationen im christlich-Jüdischen Kontext, Zur Perikopenreihe III, herausgegeben von Studiume in Israel e.V., Wernsbach 2016, S.385-392