evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Dienstag, 31.10.17, Reformationstag 11 Uhr, Pfarrerin Angelika Volkmann

Ohne des Gesetzes Werke

Predigt über Römer 3,21-28 am Reformationstag, 31.10.2017

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden
26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

 

Liebe Gemeinde,

dieser Abschnitt aus dem Römerbrief gehört zu den zentralen biblischen Texten, mit denen die evangelische Rechtfertigungslehre begründet wird: Wir werden vor Gott gerecht allein durch den Glauben, allein aus Gnade, nicht durch unsere Werke.

Was hat Martin Luther erlebt?

Martin Luther erlebt eine Kirche – die katholische Kirche des Mittelalters – mit einer übertriebenen Buß- und Ablasspraxis. Die Menschen leben in Angst vor Gottes Gericht. Diese Angst wird systematisch geschürt, durch kleine Theaterstücke, die die Qual der Seelen im Fegefeuer darstellen und vieles mehr. „Ich muss Gutes tun, sonst komme ich in die Hölle“ – so denken und empfinden die Menschen. Rettung, das Paradies, das ewige Leben kann man nach diesem Denken nur erreichen durch eigene Guttaten. Sollte man daran scheitern, droht ewige Verdammnis. Lösung bietet die Möglichkeit Buße zu tun. Die Kirche verknüpft das Bußsakrament mit Geld und verkauft Ablassbriefe, die man erwerben kann, auch für Angehörige, die schon gestorben sind. Die Kirche hatte eine ergiebige Einnahmequelle. Die Menschen fürchteten sich weniger vor der Sünde als vor der Strafe. Und Gott wird die Rolle des bilanzierenden Buchhalters zugewiesen, der mit abgezählten Ritualen und Geldsummen zufriedengestellt werden kann. Fürchterlich! Luther ist empört über die Zustände in der Kirche. Er will sie verändern, verbessern.

Der Aufschrei Luthers

Gott sei Dank erfolgt der Aufschrei Martin Luthers!
Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ u.s.w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
So lautet die erste der 95 Thesen, die er heute vor 500 Jahren an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg genagelt hat. Die Buß-Praxis der damaligen Kirche ist hochproblematisch und hat ihre geistliche Dimension verloren oder ins Gegenteil gekehrt. Sie verängstigt die Seelen! Und damit wird Geld verdient! Luther war Schüler des Mystikers Johannes Tauler, der wiederum Schüler von Meister Eckhart war. Von Tauler lernt Luther, dass das wichtigste bei jeder Buße die innigste Reue ist, dass Buße ein lebenslanger spiritueller Prozess ist, bei dem der Mensch umkehrt und in sich einkehrt, aus Liebe zu Gott, und dabei immer „gottformiger“ wird, immer mehr dem entspricht, wie Gott ihn gemeint hat. Und Gott, der den Menschen ohnehin liebt, vergibt ihm gerne. Jeus sagt: Wie groß ist die Freude im Himmel über einen Sünder, der umkehrt!

Aktualisierung und Dank

Liebe Gemeinde, der Mensch produziert sein Leben nicht selber. Das ist eine Botschaft, die heute aktuell ist, heute im Zeitalter der Selbstdarstellung, wo den Menschen Macht und Stärke, Attraktivität und Reichtum so wichtig sind und sie mit einer permanenten Selbstoptimierung beschäftigt sind. Und wo es ein Ding der Unmöglichkeit ist selbst bei offensichtlichem Fehlverhalten einen Fehler zuzugeben. Das würde ja das eigene Image beschädigen. Doch damit erreichen wir nicht die Fülle unseres Lebens!
Die reformatorische Erkenntnis lehrt uns, ruft uns in Erinnerung: das, was Leben ist, können wir immer nur geschenkt bekommen!
Danke, Luther, so möchte ich rufen, dass du dies wieder herausgestellt hast und gegen die Werkgerechtigkeit gewettert hast. Der Ablasshandel ist dieses schreckliche Werk, durch das der Mensch seine Gerechtigkeit vor Gott sogar mit Geld (!) erreichen will, das Werk, das Luther ständig vor Augen hatte.

Luther liest Paulus

Und Luther liest Paulus. Paulus und findet in ihm einen Verbündeten. Da ist auch einer, der leidenschaftlich argumentiert, einer der um etwas kämpft, gegen Andersdenkende in der Übermacht! Ja, Paulus, du bist an meiner Seite, denkt Luther. Wir müssen es den Menschen sagen, sonst werden si ein die Irre geleitet!
Ja, auch Paulus ist leidenschaftlich, auch er nicht ohne Polemik, denn auch in seiner Zeit geht um etwas sehr Wichtiges, das von vielen nicht erkannt wird und worum gestritten und gerungen wird. Luther denkt, die, die sich auf ihre eigenen Werke verlassen, die müssen wir bekämpfen! So wie du die Juden bekämpft hast, so bekämpfe ich die katholische Kirche! So liest Luther Paulus. Als ob Paulus die Juden kritisieren würde, ja als ob Paulus die Juden so sähe, wie Luther selber die katholische Kirche seiner Zeit sieht. Und es passiert Luther, dass er diesen finsteren und furchtbaren Gedanken von Werkgerechtigkeit, im jüdischen Glauben verkörpert sieht. Auch in diesem Abschnitt im Römerbrief. Wäre Paulus damit einverstanden gewesen?

Was ist denn die Situation des Paulus und was ist sein Thema in diesem Abschnitt?

Paulus wäre sicher an Luthers Seite gewesen in dessen Kritik an der damaligen Bußpraxis. Nicht aber in seiner Sicht auf die Juden. Nicht darin, dass er die Rechtfertigungslehre als leuchtendes Evangelium vor einem finsteren jüdischen Hintergrund darstellt.
Worum geht es aber bei Paulus? Bei Paulus geht es in diesem Gedankengang nicht in erster Linie um das Seelenheil des einzelnen. Er ist von der Frage umgetrieben, wie sich der jüdische Glaube, das Volk Israel, zu dem durch die Auferstehung Jesu neu entstandenen Glauben an Jesus als Messias verhält. Paulus ist der einzige Autor des Neuen Testamentes, der schreibt, während der Tempel in Jerusalem noch steht.
Die ihm unbekannte Gemeinde in Rom, der er schreibt ist anziehend für Menschen aus den Völkern – und zwar durch eine praktizierte Ethik der Liebe und Gerechtigkeit, die die der Tora ist. Paulus fragt, ob und wie das Heil, das Gott schenkt, „außerhalb des Geltungsbereiches der Tora“ (so übersetzt Klaus Wengst; nicht: ohne Zutun des Gesetzes) die Israel gegeben ist, möglich ist.

Seine große theologische Erkenntnis ist: das Evangelium des Messias Jesus eröffnet den Nichtjuden, den Völkern den Zugang zum Gott Israels, und zwar ohne dass sie ins jüdische Volk integriert werden! Sie müssen sich nicht beschneiden lassen, sie müssen nicht koscher essen, sie müssen nicht Gebetsriemen und Mesusa gebrauchen und auch nicht eine strenge Sabbatruhe halten. Das sind die Gebote, die sich auf die jüdische Lebensweise beziehen und zur jüdischen Identität gehören. Dazu sagt Paulus erga tou nomou, was Luther mit Werke des Gesetzes übersetzte. Von all dem sind die hinzugekommenen Christusgläubigen befreit. Ohne die Entschiedenheit von Paulus an diesem Punkt hätte die Kirche ein völlig anderes Gesicht. Denn es gab Judenchristen, allen voran Petrus, der das anders sah, der sagte, wir können doch nicht die Tora außer Kraft setzen. Danke, Paulus, möchte ich an dieser Stelle rufen. Danke für die Klarheit, für die Freiheit!

Und natürlich setzt Paulus die Tora nicht außer Kraft. Genausowenig wie Jesus.

Die ethischen Geboten der Tora, Gottesliebe, Nächstenliebe, Feindesliebe, Gerechtigkeit zu praktizieren, sich Armen und Hilfebedürftigen zuzuwenden – das wird auch von den Christusgläubigen erwartet, von Gott erwartet, das schreibt Paulus in Römer 8,4 und dazu sagt er dikaiomata tou nomou, die Gerechtigkeit, die vom Gesetz gefordert wird.
Wenn Paulus von Gesetz redet, von Tora, differenziert er im Sprachgebrauch und es ist wichtig, jeweils, wenn wir das Wort nomos, Gesetz, lesen, zu fragen, was es in diesem Zusammenhang bedeutet. Diese Erkenntnis verdanken wir in unserem Sprachraum dem Neutestamentler Klaus Wengst, der bei Schmuel Safrai und David Flusser gelernt hat, was in diesem Zusammenhang mit erga tou nomou, den Werken des Gesetzes gemeint ist.

Paraphrase der Perikope
Paulus schreibt also in unserem heutigen Abschnitt: „Jetzt ist außerhalb des Geltungsbereiches der Tora Gottes Gerechtigkeit sichtbar geworden, wie es bezeugt ist von der Tora und der Propheten, nämlich Gottes Gerechtigkeit durch die Treue des Gesalbten Jesus für alle, die darauf vertrauen.

Und er führt aus, dass Juden und Menschen aus den Völkern beide Sünder sind. Im Negativen gibt es keinen Unterschied zwischen Israel und den Völkern. Und auch im Positiven sieht Paulus sie ebenbürtig: Gott macht beide gerecht. Die Juden am Versöhnungstag, die hinzugekommenen Völker durch die bis zum Tod durchgehaltene Treue Jesu zu Gott, auf die sie sich vertrauend berufen dürfen. (Wengst, M.V.)

Liebe Gemeinde, das bedeutet: Luther tut nicht nur Paulus Unrecht, er tut den Juden Unrecht. Und zwar in der Mitte seiner Theologie, eben in der Rechtfertigungslehre.
Luther kämpfte gegen die Werkgerechtigkeit in der Kirche!

Die jüdische Sicht von Buße und Umkehr

Und dass die Juden ebenfalls gegen eine solche Werkgerechtigkeit sind und für eine aufrichtige Buße, dafür gibt es viele Belege in der Bibel und in der rabbinischen Literatur.
„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ (Daniel 9,18)
„Kein Mensch kann bestehen, … kein Mensch kann sich selbst im Gericht rechtfertigen.“ (Mischna Tehillim)
Im Talmud steht, dass die Umkehr zu Gott schon vor der Erschaffung der Welt geschaffen wurde. Eine Schöpfung ohne diesen Baustein, ohne die Umkehr, kann nicht bestehen.
„Unser Vater, unser König, sei uns gnädig und erhöre uns, auch wenn wir keine gute Taten aufweisen können! Erweise uns Gnade und Güte, hilf uns!“ so lautet eines der bekanntesten jüdischen Gebete seit der Zeit Jesu, das Awinu Malkenu, das sie jedes Jahr in den Zehn Bußtagen zwischen Rosch ha Schana und Jom Kippur beten. Wenn Martin Luther zu seiner Zeit ein einziges Mal einem Gottesdienst an Rosch Ha schana beigewohnt hätte, hätte er dieses eindrückliche Gebet gehört.
Und Maimonides, der im 11. Jahrhundert, also vor Luther gelebt hat, beschreibt die Umkehr, Teschuwa, als Rückkehr zu Gott: Man erkennt seine schlechten Taten, man bereut sie, man verpflichtet sich, sie nicht zu wiederholen und erklärt das mündlich vor Gott. (Hilchot Teschuwa).
Vermutlich liegt Maimonides in seiner Einsicht dessen, was Buße und Umkehr ist, nicht weit entfernt von Johannes Tauler und von Luther selbst.
Doch Luther hat den jüdischen Glauben als die Gesetzesreligion schlechthin angesehen, als die Religion, in der der hochmütige Mensch sich vor Gott selber rechtfertigt.
Das ist völlig absurd und schmerzt uns heute sehr. Ich erspare Ihnen die finsteren und abwertenden Äußerungen, die Luther über die Juden gesagt und geschrieben hat. Ich weise nur auf einen Eingriff hin, den er, der voller Leidenschaft gegen die Gesetzlichkeit seiner Kirche! angetreten ist, in unserem Predigttext von heute vorgenommen hat:
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Das Wort „allein“ steht nicht bei Paulus. Das hat Luther hinzugefügt und auch die neue Lutherbibel hält an diesem Wort fest.

Paulus wollte mit diesem Vers zum Ausdruck bringen, dass die Christusgläubigen aus den Völ kern befreit sind von den jüdischen Lebenspraktiken und ohne diese das Heil erlangen, durch die Treue Jesu Christi, der seinem Vater aus Liebe gehorsam war bis zum Tod, und durch den Glauben an ihn. Die Christusgläubigen bekommen jetzt, was das Volk Gottes durch den Bund mit Gott und durch die Tora schon lange hat: sein Heil. Vergebung. Und Martin Luther hatte es so gedeutet: in Christus ist die fürchterliche Religion der Selbstrechtfertigung überwunden.

Wie wir die Reformation nicht feiern und wie wir sie feiern können

Liebe Gemeinde, wir können nicht Reformation feiern, schon gar nicht als eine Gemeinde, die den Namen Dietrich Bonhoeffers trägt, ohne uns das klarzumachen und uns davon zu distanzieren. Zum Glück hat das die EKD-Synode im Jahr 2015 mit deutlichen Worten getan, und viele Landeskirchen schon in den vorangegangenen Jahrzehnten: Wir sind uns einig: Gott hat sein Volk nicht verworfen, sondern ihm gilt die bleibende Treue Gottes. Wir lehnen Judenmission wird ab. Das zu tun wäre christlicher Hochmut. Die Juden sind schon bei Gott.

Vielleicht ist es ja so, dass die Grundzüge von Luthers Rechtfertigungslehre längst vor ihm da waren. Bei den Mystikern des Mittelalters, in der alten Kirche und bei den Juden. Vielleicht könne wir das aushalten, wenn wir heute das Reformationsjubiläum feiern, dass Luther gar nicht so neu ist. Vielleicht würde ihm das sogar mehr gerecht, ihn so zu sehen, als ihn ständig auf den Sockel zu stellen.
Er hat die Zustände seiner Zeit zu Recht angeprangert und manches neu zu Gehör gebracht. Z.B., was Buße bedeutet.

So können wir versöhnlich feiern. Bei der Vorbereitung dieser Predigt, als ich Luther und Tauler und Maimoides begegnete, und ihren Gedanken zu Buße, - da stieg das Bild in mir auf, dass sie sich wohl längst alle miteinander in der jenseitigen Welt begegnet sind. Ich mag mir gerne vorstellen, wie Luther und Maimonides ihr Verhältnis geklärt haben, wie sie ihre Übereinstimmung festgestellt haben, wie Luther seinen Irrtum eingesehen und bereut hat, und wie auch Maimonides eine neue Sicht auf den christlichen Glauben gewonnen hat.

Und wir können die Reformation feiern, heute sogar in gemeinsamen Gottesdiensten mit der katholischen Kirche der Gegenwart und in innerer Verbundenheit mit unseren jüdischen Geschwistern, von denen wir so viele ergreifende Glaubenszeugnisse haben, denen wir so viel verdanken. Vor allem aber in großer Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Vater Jesu Christi, der Israel erwählt hat, und seine Kirche – die ecclesia, die Herausgerufene, ebenfalls.

Gemeinsam mit unseren jüdischen Geschwistern, die schon vor uns bei Gott waren, leben wir von Gottes Gnade, gemeinsam mit ihnen haben wir Gottes Erwartungen in dieser Welt zu erfüllen haben, ihnen und uns ist dieser kostbare spirituelle Weg der Umkehr und Einkehr und Rückkehr zu Gott eröffnet.

Das ist wahrhaftig ein Grund zu Feiern.

Amen.

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