evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Sonntag, 29. Oktober 2017: Prof. Dr. Manfred Schulze
Vierte Predigt zum Reformationsjubiläum:

Gottes rettende Gerechtigkeit


Thema: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, (Psalm 118)


Das schöne Confitemini (1530) 

(Psalm 118, Text in Ausschnitten)
Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. In der Angst rief ich den Herrn an, und der Herr erhörte mich und tröstete mich. Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht, was können mir Menschen tun? Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen und sich nicht auf Fürsten zu verlassen.
Alle Heiden umgeben mich wie Bienen, sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen, aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren. Der Herr ist meine Macht, ist mein Siegeslied und mein Heil. Die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg. Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.

(1. Auf der Coburg)
Man schreibt das Jahr 1530. In Augsburg tagt unter Leitung des Kaisers ein Reichstag in aufgeregter Zeit. Unter den Christen herrscht – welch Wunder – kein Krieg, aber Osteuropa ist belagert und auch Deutschland ist bedroht von der Heeresmacht des osmanischen Reiches. Was wird das werden? Im Inneren der Christenheit herrscht bitterer Streit um den rechten Glauben und die wahre Kirche. Was wird das werden? Nach dem Willen des Kaisers wird der Reichstag als höchstes politisches Gremium des Reiches auch den Streit der Christenheit beenden. Wird das was werden?

Es gibt eine Minderheit von Fürsten und Städten, die sich zur neuen Glaubensform aus Wittenberg, Zürich oder Straßburg bekennen. Sie gelten zwar als Ketzer, dürfen aber dennoch ihre Glaubensauffassung dem Reichstag vortragen. Das ist nicht selbstverständlich und geschah auf Veranlassung des Kaisers. Martin Luther war auf diesem Reichstag zwar ständig präsent, tatsächlich aber stets abwesend, denn er ist gebannt und muss deshalb - fünf Monate lang - das Geschehen von der Festung der Stadt Coburg [nicht Wartburg!] aus verfolgen. [Coburg ist der südlichste Teil des kursächsischen Herrschaftsgebietes.] Diese Burg wird von Scharen krächzender Dohlen umflogen; Luther nennt sie deshalb das Reich der Dohlen. In Augsburg auf dem Reichstag kommen die Verhandlungen nicht voran, das ist nicht überraschend. Die Post ist unzuverlässig, auch das gehört zum Alltag. Die Nachrichten, die auf der Coburg ankommen, sind zum Teil hinhaltend, oftmals entmutigend, so dass es nicht Wunder nimmt, dass der ungeduldig wartende Luther die Nöte des Reichstages an Körper und Seele durchleidet. Es bleibt ihm im Reich der Dohlen nur übrig zu tun, was er tun kann: Briefe schreiben und an der Bibel arbeiten. Er nimmt sich besonders den Psalm 118 vor, um diesen in einer deutschen Auslegung zu bearbeiten. Öffentlich soll werden, was das heißt: ‚Danket dem Herrn, denn er ist freundlich‘. Alle sollen erfahren, dass Bibelworte nicht nur Leseworte sind sondern Lebensworte.

(2. Das Schöne Confitemini)
Psalm 118 ist ein mehrstimmiges Danklied, in dem ein Sänger die Güte Gottes heraussingt und zugleich seine Ängste offenbart. Wir kennen den Sänger nicht, das aber ist deutlich, dass er sein Lied inmitten des Gottesdienstes einer ganzen Gemeinde Israels vorträgt – und die Gemeinde singt den Dank. Durch den Gottesdienst geht das tiefe Aufatmen angesichts überstandener Bedrohungen: „In der Angst rief ich den Herrn an“, lässt sich der Sänger hören. Bleibt das Rufen vergeblich, wird da ein Gott sein, der das jämmerliche Schreien hört? Ja, Gott sei Dank, das Schreien war nicht vergeblich, der Herr hörte und verlieh Kraft zum Leben. Über die Art der Gefahr wissen wir nichts, entgegenprallt aber der Schrecken, der den Sänger immer noch einholt: Wie die Bienen umgeben sie mich, die Feinde, Heiden sind das, die kein Erbarmen kennen. Sie entbrennen vor Wut wie Feuer im knochentrockenen Dornengesträuch, das alles verschlingt.
Jede Generation liest ihre Bibel neu. Luther hat die biblische Erfahrung von Angst und Hoffnung als aktuelle Beschreibung seiner Gegenwart erlebt. Den Klage- und Dankpsalm der Tempelgemeinde Israels hat er bearbeitet und seine Auslegung unter dem deutsch-lateinischen Titel ‚Das schöne Confitemini‘ noch während der Zeit des Reichstages veröffentlicht. Lateinisch: ‚Confitemini‘ – ‚lasst uns bekennen‘. ‚Confitemini‘, mit diesem Ruf beginnt der Psalm in seiner lateinischen Übersetzung. Lasst uns Gottes Güte bekennen gerade in den finsteren Stunden unseres Lebens. Gott ist barmherzig – das ist ein schönes Bekennen, nicht nur, wenn es uns gut geht, sondern genauso und nicht minder, wenn uns das Leben umtreibt.

 

(3. Die Perversion des Glaubens)
In Augsburg auf dem Reichstag herrschte teilweise erbitterter Streit um Wahrheit, Recht und recht haben. Die Zukunft war den Ketzern dunkel, denn die Gefahren waren offenkundig: Aus dem Streit erwächst Hass und aus Gegnern werden Feinde, die unberechenbar werden. Der Gottesglaube wird zum „Schanddeckel“, wie Luther befürchtet, um Zorn und Toben und Verfolgung mit dem Schein des Guten und Wahren zu bedecken und so zu rechtfertigen. Das sind Verhaltensmuster, die sich wiederholen: Die Friedlichen vertrauen dem Walten Gottes, die Gewalttäter berufen sich aber auch auf Gott, nehmen das Walten Gottes in die eigenen Hände und behaupten, mit ihrer Gewalt Gott zu ehren und zu gehorchen. Sie verfolgen angeblich ‚höhere Zwecke‘ und geben sich sogar als Märtyrer aus, wenn die Gewalt ihr Ziel nicht erreicht. Wie nahe ist doch die ferne Vergangenheit!

 

Was ist zu tun gegen den Schanddeckel der ‚höheren Zwecke‘, auf die man sich beruft, angeblich im Dienste von Wahrheit und Gerechtigkeit, angeblich, um mit Gewalttat Frieden zu schaffen? Patentrezepte zur Lösung solcher Perversionen gibt es nicht, aber Entscheidendes ist dem Psalm zu entnehmen: ‚Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen und sich nicht verlassen auf Fürsten‘. Es ist gut, sich nicht zu stützen auf Machthaber, auf Macht, auf Menschenmassen, die man aufeinanderhetzt. Wer dem Herrn vertraut, der gibt seine
Wut und Enttäuschung aus der Hand und legt sie in die Hand Gottes. Wer dem Herrn vertraut, vertraut nicht der Gewalt, so erfährt die Gemeinde Israel, die Lesergemeinde des ‚Schönen Confitemini‘, alle erfahren auch heute: Wer dem Herrn vertraut, verlegt sich auf das Bekennen, auf Beten und Bitten, der bittet beide, Gott und die Menschen. Wer die Gewalt aus der Hand legt in die Hände des Herrn, der mordet niemanden, ganz gewiss nicht im Dienste Gottes, treibt niemanden gegen seine Überzeugung, zwingt niemanden zu glauben, was er nicht glauben kann. Das gilt für den einzelnen wie für die Gemeinschaft des Staates. Wo nach menschlichen Möglichkeiten die Gewalt nicht zu vermeiden ist, muss diese stets begrenzt bleiben. Auch Staatsgewalten können entflammen wie Feuer in den Dornen.

Die Kontrolle der Wut und Gewalt ist schwer durchzuhalten, keine Garantie gibt es für das Gelingen, man zieht sich wahrscheinlich Hohn und Spott zu: Wie willst Du den Gewalttätern widerstehen? Ob der Friedensappell den Teufel und seine Anhänger verdrießen und beeindrucken wird? Welches ist das Schwert und die Waffe, mit dem du Frieden schaffen willst. Die Kanone möchte man gerne sehen, so hört Luther den Teufel spotten, das ist eine Kanone aus Papier! Ob man mit Luther den Teufel lachen oder die innere Stimme jammern hört, ist im Ergebnis gleich niederschmetternd. Wenn die Nöte über uns herfallen, kann ein ganzes Leben als sinnlos erscheinen. Sogar das Beste, das man geleistet hat, wird schnell vergessen und versinkt ins Nichts.

 

(4. In die Hände Gottes)
Die Erfahrung des Psalmsängers sichtet einen Ausweg: Weg von den eigenen Kräften, ohne das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, hin zu den Händen des Herrn. Es ist keine Schande, überfordert zu sein, es scheitert nicht das Leben, wenn die Kräfte versagen und der Mut zerbricht. Die Hände Gottes werden unsere Hände, die Rechte des Herrn behält den Sieg. Bei Gott ist das Leben aufgehoben inmitten von Belastungen, Bedrohungen oder Kränkungen. Sich bei Gott zu bergen, ist keine Feigheit vor dem Leben, sondern ist Glaube für das Leben fern allem Vertrauen auf den Erfolg. Es ist befriedigend, Erfolg zu haben, man kann sich an Leistungen erfreuen, darf diese auch einfordern, denn es ist nicht alles einerlei. Doch das ist zu wissen: Erfolge vergehen, sie können kurzatmig sein, sogar trügerisch und unsicher. Wer sein Leben an den Erfolg hängt, hängt es an einen seidenen Faden. Sich bei Gott zu bergen, ist Glaube für das Leben auch gegen die eigenen Fehler, Fehleinschätzungen und Selbstüberschätzungen. Gott verleiht die Kraft zur Wahrheit und zur Erkenntnis im Urteil über den Weg des eigenen Lebens und des Lebensweges anderer. Sich bei Gott zu bergen macht weise.

(5 . I ch werde nicht sterben sondern leben)
Auf der Coburg hat Luther sich auf die Wände seiner Zimmer einige Lebensweisungen der Bibel geschrieben, die ihm dann täglich vor Augen treten. Leseworte werden zu Lebensworten. Notiert hat er auch einen Vers aus Psalm 118, einen Vers des Vertrauens auf die Lebensmacht der Güte Gottes: „ Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen“ (Ps. 118, 17). Damit nicht vergessen werde, was so leicht aus dem Gedächtnis gerät, hat Luther diesen Vers nach den Noten einer vierstimmigen Motette verfolgen können; diese Noten hat ihm der Hofkapellmeister des bayerischen Herzogs auf die Coburg geschickt. Es ist unbestreitbar: Jedes Leben ist bedroht, unser Leben ist bedroht, durch was auch immer, jedes Leben kann scheitern, wie auch immer. Das Vertrauen aber in Gottes Güte gibt nicht nur die Möglichkeit, sondern das Recht, dass wir uns zu Gott flüchten und unsere Not zu ihm bringen. Wenn wir der Güte Gottes nicht trauen, dann haben wir auch keinen Grund, zu Gott zu flüchten. Wo kein Gott ist, fliehen wir ins Leere, irgendwann auch in die leere Gleichgültigkeit von Menschen. Wo Gott der harte Tyrann ist, werden wir auch der Warmherzigkeit von Menschen nicht trauen können. Niemand ist im Leben sicher, niemand ist seines Lebens sicher und deshalb wissen wir, dass wir uns ein Leben lang mit Widerwärtigkeiten und Gefahren raufen und mit dem Tode beißen müssen. In solchem Kampfe ist Gott die Fluchtburg, die zuverlässig das Leben leitet, nicht mal hier mal da, nicht vielleicht, vielleicht auch nicht. Es gilt vielmehr: Seine Güte währet ewiglich.

 

(6. Von sich lassen)
Alles Leben ist von Gott, dein Leben ist nicht von Dir, mein Leben ist nicht von mir. Und so ist meine Kraft und Macht immer Kraft und Macht von Gott. Das Leben ist nicht mein Eigentum sondern immer nur verliehen, und zwar auf Zeit. Geben wir noch einmal dem Doctor Martinus das Wort: Was ich habe, ist des Herrn, der Herr ist meine Macht. Teufel oder wer auch immer, zähle Geld aus leerem Beutel – da wirst du nichts finden! Ich habe nichts, denn was ich bin, ist Gottes Eigentum. Suchst Du mich zu verklagen, dann verklage die Macht des Herrn. Das Vertrauen auf Gott gibt das Recht zur Freiheit, von sich selbst zu lassen und alles Gott zu lassen.
Das gilt für den Reichstag und weit darüber hinaus bis heute. Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen und sich nicht auf Fürsten zu verlassen, auch nicht auf den Fürsten des eigenen Ich. Erfolg oder Scheitern haben wir nicht in Händen. Das sind die Werke des Herrn, dass er uns durchträgt durch das Leben. Das ist das schöne Confitemini!

 

Nachwort
Was ist aus dem Reichstag zu Augsburg 1530 geworden? Für den Kampf gegen die Osmanen hat der Reichstag eine Steuer beschlossen, die dann auch langsam, sehr langsam in bescheidener Höhe einkam. Die Glaubensrechenschaft der Ketzer durfte vor dem Reichstag verlesen werden, das ist mehr, als man realistisch erwarten durfte. Diese Rechenschaft wird als ‚Augsburger Bekenntnis‘ (lateinisch: Confessio Augustana) bezeichnet. Der Kaiser veranlasste eine Widerlegung dieses Bekenntnisses, die ebenfalls verlesen wurde. Es folgten in Ausschüssen zähe Verhandlungen, die ergebnislos blieben. Im September 1530 hat der Reichstag beschlossen, dass die Anhänger des neuen Glaubens binnen eines halben Jahres ihre Rückkehr zur alten Kirche erklären müssen. Diese Erklärung unterblieb. Seitdem hing über der Reformation des drohende Schwert des Krieges.