evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Pfarrer Dr. Michael Volkmann

Predigt am 19. So. n. Trin., 22.10.2017, Tü DBK, Reihe „Gottes rettende Gerechtigkeit“

Jesaja 49,7-17

Liebe Gemeinde,

  um Gottes rettende Gerechtigkeit geht es auch im heutigen Predigttext aus Jesaja 49. Der zweite Prophet des Jesajabuches, dem wir die Kapitel 40-55 zuschreiben, lebte vor über 2.500 Jahren in Babylonien. Er gehörte zu den Verbannten, die Nebukadnezar vierzig Jahre zuvor aus dem zerstörten Judäa deportiert hatte. Der Prophet Jeremia war Zeuge der Zerstörung geworden und hatte den Verbannten geraten, sich auf eine lange Zeit der Gefangenschaft einzurichten: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären!

Ja, so war es gekommen, bereits die dritte Exilgeneration wuchs heran und die Leute begannen zu verzagen: Verlassen hat uns der Herr, unser Gott hat uns vergessen. Da ist aus dem Munde Jesajas eine neue Botschaft zu hören, die Ankündigung einer Wende. Aus Gefangenschaft wird Freiheit, aus der Verbannung wird es zurück in die Heimat gehen, aus Verzagtheit wird Jubel! Wundern wir uns nicht, wenn wir gleich in diesen Bibelversen Anklänge an die Wüstenwanderung, an den Psalm vom guten Hirten sowie an die aus Jesaja 40 bekannte Aufforderung, das Volk zu trösten, den Weg zu bereiten und die Bahn zu ebnen, hören werden. Jesaja bietet Tora, Propheten und Psalmen auf, um dem Volk zu sagen: der Ewige hat euch nicht vergessen. Gott erlöst Israel. Ich lese aus Jesaja 49 die Verse 7-17:

So spricht der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem, der verachtet ist von den Menschen und verabscheut vom Volk, zu dem Knecht der Tyrannen: Könige sollen sehen und aufstehen, und Fürsten sollen niederfallen um des HERRN willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.
So spricht der HERR: Ich habe dich erhört zur Zeit der Gnade und habe dir am Tage des Heils geholfen und habe dich bereitet und zum Bund für das Volk bestellt, dass du das Land aufrichtest und das verwüstete Erbe zuteilst, zu sagen den Gefangenen: Geht heraus!, und zu denen in der Finsternis: Kommt hervor! Am Wege werden sie weiden und auf allen kahlen Höhen ihre Weide haben. Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten. Ich will alle meine Berge zum ebenen Wege machen, und meine Pfade sollen gebahnt sein. Siehe, diese werden von Ferne kommen, und siehe, jene vom Norden und diese vom Meer und jene vom Land Sinim.
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden!
Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir. Deine Erbauer eilen herbei, aber die dich zerbrochen und zerstört haben, werden sich davonmachen.

Ein politisches Erdbeben bringt für die Verschleppten aus Israel die Wende. Die babylonische Großmacht zerbricht unter dem Ansturm der Perser. Der neue Herrscher leitet einen Politikwechsel ein und lässt das Volk in sein Land zurückkehren. Mit dem Wort Wende spiele ich absichtlich auf das an, was unser Volk vor 28 Jahren erlebt hat. Ein Politikwechsel in der Sowjetunion brachte die festgefügten politischen Blöcke der Nachkriegszeit in Bewegung. Für unsere Politiker öffnete sich ein „Fenster der Geschichte“, eine Chance, die sie zu Verhandlungen mit den Siegermächten nutzten. Mit ungläubigem Staunen verfolgten wir den Fall der Mauer, das Ende der DDR, die deutsche Vereinigung, den Zerfall der Sowjetunion und die EU-Erweiterung nach Osteuropa. Ähnlich gewaltig stelle ich mir den Umbruch im babylonisch-persischen Machtkampf vor über zweieinhalb Tausend Jahren vor.

Unser Predigttext erzählt diese Geschichte so, dass die beteiligten Politiker als randständige Statisten nur ganz beiläufig erwähnt werden. Jesaja sagt, dass allein Gott Regie führt. Gott spricht und es geschieht, wie bei der Schöpfung. Wie die Schöpfung wird uns auch diese Wende als durch und durch positives Ereignis geschildert: keine Katastrophe, von der Schockwellen ausgehen, nein, Wellen des Jubels ergreifen Himmel und Erde und lassen die Berge jauchzen. Könige sehen es und erheben sich von ihrem Thron, Fürsten fallen nieder, um anzubeten. Denn Gott holt die gefangenen Knechte heraus und führt die Unterdrückten aus dem Dunkel ins Licht der Freiheit.

Jesaja spricht als Prophet. Er kündet Ereignisse an, die ihm Gottes Stimme ankündigt. Hört er denn richtig? Könnte er sich nicht irren? Zwei Kriterien helfen zu beurteilen, ob es sich hier um wahre oder falsche Prophetie handelt: ein Kriterium vorweg, das ich schon erwähnt habe. Der Prophet kann Gottes Handeln in eine Linie mit Tora, Propheten und Psalmen bringen. Indem Gott jetzt als Retter und Befreier handelt, handelt er wie zuvor und bleibt sich selbst treu. Das zweite Kriterium ist im Nachhinein der Vergleich der geschehenen Ereignisse mit der Prophetie: ist eingetreten, was der Prophet verkündet hat? Schauen wir uns diese beiden Kriterien genauer an.

Jesaja stellt Gott als den einzigen Gott, den Schöpfer dar, der in einer besonderen Beziehung zum Volk Israel steht. Er ist der Erlöser Israels, der Heilige Israels, der Israel erwählt hat und ihm die Treue hält. Er hat Israel in seine Hand gezeichnet, ständig vor Augen wie Handlinien. Er ist der Gott Israels, der das Flehen des Volkes hört wie eine Mutter den Ruf ihres Kindes und darauf antwortet, indem er hilft. Gott hat mit dem Volk einen Bund geschlossen, den er immer wieder bekräftigt und erneuert. Gottes Bundesgabe besteht in dem Land, in das er sein Volk jetzt aus der Verbannung zurückbringen will. Nicht nur aus Babel, sondern auch aus anderen Gegenden werden die Verstreuten sich dem Zug der Rückkehrer anschließen und Jerusalem wieder aufbauen. Gott wird dem Volk den Weg ebnen, er wird sich seiner als der gute Hirte erbarmen und es trösten. Er wird es leiten und tränken und nähren und beschützen.

Alle diese Beziehungsworte finden wir in unserem Predigttext. Gott handelt an Israel, weil er es sich zuvor erwählt und einen ewigen Bund mit ihm geschlossen hat. Gottes Gerechtigkeit hat ihren Ort in dieser Bundesbeziehung. Sie ist Ausdruck seiner Bundestreue. Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder der beiden Bundespartner sich dem Bund entsprechend verhält. Israel handelt gerecht, indem es die Tora hält. Gott handelt gerecht, indem er Israel in Treue erhält und errettet und befreit und zurückbringt und sammelt.

Von der Bundesverpflichtung auf Israels Seite spricht Jesaja in unserem Zusammenhang gar nicht. Er spricht nur von der rettenden Gerechtigkeit Gottes. Gott handelt allein aus Gnade und Erbarmen an seinem Volk. Das Volk, das im Finstern wandert, kommt nicht im Entferntesten auf den Gedanken, vor Gott auf einen Eigenbeitrag zu verweisen, auf eigene Leistungen zu pochen, eine eigene Gerechtigkeit zu beanspruchen. Das alles zu behaupten, gehört in den Bereich der Irrtümer von christlichen Theologen, die das direkte Gespräch mit Juden versäumten und nichts von ihnen wussten. Für Israel im Exil ist das Gebet Daniels charakteristisch: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle!“ (Daniel 9, 18-19)

Tora, Propheten und Psalmen haben das Volk Israel auch durch das lange dritte Exil getragen, das erst vor siebzig Jahren zu Ende ging. Wir sind Augenzeugen einer großen weltgeschichtlichen Wende. Wir sind seit der Zeit des Neuen Testaments, seit der Zeit der Tempelzerstörung, die ersten Christen, die eine Rückkehr und Sammlung des jüdischen Volkes in seinem Land erleben. Heute erweist sich fast alles, was das Christentum zweitausend Jahre lang über Juden gelehrt hat, als Irrtum und als Lehre der Verachtung. Auch die Reformation hat das christliche Verhältnis zu den Juden nicht erneuert, sondern verschlimmert. Erst seit siebzig Jahren ist eine Reformation der christlich-jüdischen Beziehungen in Gang gekommen. Hierzu gehört auch die ausdrückliche Distanzierung der evangelischen Kirche von dem Judenhass Martin Luthers und anderer Reformatoren sowie von der Judenmission.

Wir erkennen heute nicht nur die Treue Gottes zu Israel, sondern auch Israels Treue zu Gott. Heute bewegt sich die Frage der Treue des jüdischen Volkes zu Gott zwischen den drei Polen Religion, Auschwitz und Israel. Dr. Yaakov Zur sel. A. war einer unserer Toralehrer. Er stammte aus Rostock. Auf die Bedrohung durch die Nazis reagierte sein Vater wie gelähmt. Yaakov versuchte, als 15-Jähriger seine Eltern, seine beiden jüngeren Brüder und seine Schwester durch die Flucht aus Deutschland zu retten. Nur die Männer in der Familie bekamen Visa für Palästina. Die Mutter und die Schwester wurden von Deutschen ermordet. Yaakov litt Zeit seines Lebens darunter, dass er nicht auch sie retten konnte. Und doch wurde er als Alt-Rostocker zu einem Pionier des christlich-jüdischen Dialogs in der DDR. Ich besuchte Yaakov oft mit Gruppen oder allein in seinem religiösen Kibbuz Ein Hanatziv im Jordantal. Zum Thema Religion, Auschwitz und Israel schrieb er als Historiker, als religiöser Jude und als persönlich Betroffener: „Was war, ist schwer zu beschreiben und noch schwerer zu erklären. Als religiöser Mensch hat man zwar einen Halt, aber die Kardinalfrage, warum Gott das zuließ, bleibt. … Du kannst zu Gott beten, du kannst bitten und hoffen, du kannst dich aber nicht auf die Hilfe verlassen. … Auschwitz wurde für das jüdische Volk zu einem furchtbaren nationalen und privaten Trauma. Dieses Trauma hätte es viel schwerer ertragen können, wenn nicht der jüdische Staat gegründet worden wäre. Ohne die Hoffnung auf Israel wären die Leute verzweifelt und wahrscheinlich untergegangen. Der jüdische Staat als Zukunftsvision ermöglichte den schweren Alltag, ermöglicht uns zu überleben.“ Das sagt Yaakov Zur 2.600 Jahre nach Jesaja.

Zwei Jahre nach der Staatsgründung, 1950, hat in Berlin-Weißensee die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland als m. W. erste christlich Synode überhaupt die Lehre der Verachtung überwunden und bekannt, dass Gottes Verheißungen über seinem Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben sind.

1988 hat unsere Landessynode erklärt, dass wir evangelische Christen in Württemberg „die Freude der Juden über ihre Heimkehr ins Land der Väter“ teilen. Und vor wenigen Jahren hat die Evangelische Kirche in Deutschland als ganze übernommen, was zuerst 1980 im Rheinland formuliert und 2005 feierlich bekräftigt wurde: Wir erkennen im Überleben des jüdischen Volkes, in seiner Rückkehr ins Land der Verheißung und auch in der Gründung des Staates Israel sowie in der Fortexistenz dieses Staates trotz aller äußeren und inneren Bedrohungen Zeichen der Treue Gottes.

So zu sprechen ist biblisch fundiert und eine Korrektur jener theologischen Irrtümer mit ihren schrecklichen Folgen. Gottes Bund mit Israel ist ein ewiger Bund, und Gottes Beitrag zu diesem Bund ist seine rettende Gerechtigkeit.

Amen.