evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Dr. Michael Volkmann

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis 09.07.2017 (III. Reihe), in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche, Tübingen
anlässlich des Besuches von Vertretern der Jüdischen Gemeinde Petrosawodsk Liebe Gemeinde


Predigt über 1. Mose 50,15-21

„ Alle Menschen werden Brüder“ dichtete Friedrich Schiller in seiner „Ode an die Freude“. Beethovens Vertonung wurde zur Europa-Hymne. „Brüderlichkeit“ war eine der drei Parolen der Französischen Revolution. Doch Brüderlichkeit ist nicht gegeben, sondern aufgegeben. Brüder sind eine Gabe, wenn man welche hat, und sie sind eine Aufgabe, lebenslänglich. Was geschieht, wenn Geschwister nicht brüderlich miteinander umgehen, erzählen die biblischen Geschichten von Kain und Abel, von Ismael und Isaak oder auch von Jakob und Esau. Flucht voreinander oder gewaltsame Trennung sind noch die harmloseren Folgen. Die schwerwiegenden Folgen sind Brudermord und offene Feindschaft zwischen den Nachkommen. Es scheint, als habe sich daran bis heute nichts geändert.


Auch die Josefgeschichte gehört in die Reihe der biblischen Brüdererzählungen. Sie erzählt vom Streit der zwölf Söhne Jakobs. Aber sie ist die erste Brüdergeschichte in der Bibel, die nicht in Hass, Trennung oder Mord endet, sondern mit einem versöhnten Weiterleben. Dieses versöhnliche Ende erzählt unser heutiger Predigttext. Ich lese aus 1. Mose 50 die Verse 15-21 (Luther 2017, abgewandelt):


Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern das Verbrechen und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch dieses Verbrechen uns, den Knechten des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.


Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen von ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.


Aus dieser biblischen Brüdergeschichte lernen wir: Versöhnung bedeutet Leben. Wer schafft letztlich die Versöhnung? Josef sagt: Gott – Gott gedachte es gut zu machen, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. Gott vollbringt das nicht alleine. Er bedient sich vielmehr der Menschen, die bereit sind umzukehren. Sie brauchen dazu Jahrzehnte. Rufen wir uns die Erzählung in Erinnerung.


Sie beginnt mit dem Erzvater Jakob, der auch den Namen Israel trägt. Er kehrt nach über zwanzig Jahren Exil im Zweistromland mit vier Frauen, elf Söhnen und einer Tochter nach Kanaan zurück. Bei der Geburt seines zwölften Sohnes Benjamin stirbt seine geliebte Frau Rachel. Jakob verwöhnt daher Josef, den anderen Sohn Rachels. So sät er ungewollt Hass zwischen seinen Söhnen. Als sich eine Gelegenheit bietet, verkaufen die Brüder Josef als Sklave nach Ägypten. So kommt Josef ins Haus Potiphars, des Kommandeurs der Leibwache des Pharaos. In der Fremde lernt der einstige Egoist Josef dem Gott seiner Vorfahren, dem Gott Israels, zu vertrauen. Doch eine Intrige von Potiphars Frau bringt ihn ins Gefängnis. An diesem Tiefpunkt der Erzählung deutet er zwei prominenten Häftlingen, Bediensteten des Pharao, ihre Träume. Josefs Worte bewahrheiten sich nach drei Tagen. Der Bäcker des Pharao stirbt, der Mundschenk kommt frei. Doch er vergisst Josef.


Nach zwei Jahren träumt der Pharao einen verstörenden und für seine Weisen unverständlichen Traum: Magere Ähren und Kühe fressen fette Ähren und Kühe und bleiben doch mager. Da erinnert sich der Mundschenk, und Josef wird aus dem Gefängnis zu Pharao gebracht. Er deutet den Traum als Vorschau fetter und magerer Erntejahre und rät dem Pharao, rechtzeitig Vorräte anzulegen. Der Pharao macht Josef auf der Stelle zu seinem Bevollmächtigten, ein kometenhafter Aufstieg. Als die Voraussagen eintreffen, kann Josef dank seiner klugen Vorratspolitik Ägypten und seine Nachbarvölker vor der Hungersnot retten.


Hunger leiden auch die Menschen in Kanaan. So ziehen auch Josefs ahnungslose Brüder nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Josef erkennt sie und beginnt sie mit einem raschen Wechsel von Freundlichkeit und Strenge auf die Probe zu stellen. Er bringt sie in mehreren Schritten in eine Situation, in der sie erneut vor die Entscheidung gestellt werden, ob sie einen der ihren preisgeben, dieses Mal Josefs jüngeren Bruder Benjamin. Doch Juda verteidigt Benjamin wie sein eigenes Leben, und so bestehen die Brüder die Probe. Da endlich gibt sich Josef mit den Worten „Ich bin Josef, euer Bruder“ zu erkennen. Im Verlauf dieser mehrjährigen Probe bricht Josef mehrmals in Tränen aus, die Fähigkeit zu weinen hat er sich als Vizekönig von Ägypten bewahrt. Josef holt seinen Vater und die ganze Familie, siebzig Seelen, ein großes Volk, wie er sagt, aus dem hungernden Kanaan nach Ägypten, wo ihnen der Pharao einen fruchtbaren Landstrich gibt.


Doch dadurch, dass Josef es in Ägypten zum Vizekönig gebracht und seine Familie wieder vereint hat, ist die Schuld der Brüder nicht einfach getilgt. Das zeigt sich, als siebzehn Jahre später Vater Jakob stirbt. Als Jakob jung war und seinen Bruder Esau um den Segen betrogen hatte, sagte der wütende Esau zu sich (1. Mose 27,41): „Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen.“ Jetzt, da Jakob gestorben ist, befürchten die Brüder, dass der mächtige Josef vergleichbare Rachegefühle hegt und sie umbringen möchte. Das zeigt: die Versöhnung hat noch nicht wirklich stattgefunden. Doch wie kann sie geschehen?


Die Brüder erinnern sich daran, dass ihr verstorbener Vater Jakob sie wegen der noch ausstehenden Versöhnung ermahnt hat: „So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern das Verbrechen und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.“ Zu seinen Lebzeiten haben sie diese Mahnung nicht beherzig. Jetzt, wo er tot ist, treibt sie ihre Furcht dazu. Doch sie treten nicht von Angesicht zu Angesicht vor ihren Bruder, sondern schicken ihm einen Boten, dem sie neben den Worten des Vaters ihre eigene Bitte mitgeben: „Nun vergib doch dieses Verbrechen uns, den Knechten des Gottes deines Vaters!“


Als Josef das hört, bricht er erneut in Tränen aus. Aber er antwortet nicht. Schließlich kommen die Brüder in ihrer großen Furcht persönlich zu Josef. Sie fallen vor ihm nieder und sagen: „Siehe, wir sind deine Knechte“. Und Josef reagiert mit den Worten: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ Josef weiß: Gottes Knechte dürfen keines Menschen Knechte sein.


Professor Jürgen Ebach, Alttestamentler in Bochum, schreibt zu dieser Stelle: „Wo Menschen miteinander leben, gibt es Schuld. Und Schuld ist weder ‚aufzuarbeiten‘ noch zu ‚tilgen‘, sie bleibt zu tragen. Um mit Schuld leben zu können bedarf es … des aufrechten Gangs. Auch darum weist Josef den Niederbeugungsgestus und das Versklavungsangebot der Brüder zurück.“


Josef ist überwältigt von der Umkehr und der Reue, zu der seine Brüder nach so vielen Jahren endlich fähig sind. Er will sie als Brüder, nicht als Sklaven. Nun, da seine Brüder ihre Sünde und ihr Verbrechen an ihm beim Namen nennen können, kann er ihnen vergeben. Zugleich sagt er ihnen, dass es nicht um ihn allein geht. Ihre Tat hat die gesamte Familie, auch sie selbst, in Todesgefahr gebracht. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Und er tröstet sie, redet freundlich zu ihnen und verspricht ihnen, sie und ihre Nachkommen in Ägypten zu versorgen.


Diese Geschichte haben wir vor genau zwanzig Jahren, bei der ersten Toralernwoche in unserer Gemeinde, mit den jüdischen Lehrern Shlomo und Sarah Mayer gelernt. Als sie noch bei uns waren, kam zum ersten Mal eine Delegation der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk zu uns zu Besuch. Sie hatten unser Geschenk, eine Torarolle, bekommen, eine religiöse Gemeinde gegründet und eine Synagoge eröffnet. Und sie wollten mit uns in Kontakt bleiben. 1997 war das Auftakt-Jahr der fast alljährlichen gegenseitigen Besuche.


Hier in unserem Gemeindezentrum trafen unsere Gäste damals auf unsere Lehrer, und Shlomo Mayer begrüßte sie mit den biblischen Worten „Ich bin Josef, euer Bruder“. Wir alle, die wir das damals hörten, konnten die große Kraft und die tiefe Bedeutung dieser Worte spüren. Juden in aller Welt sehen sich als Söhne und Töchter derselben Eltern, als Brüder und Schwestern. Dank der Versöhnungstat Josefs und Judas begegnen sie einander überall auf der Welt in Frieden. Wenn wir uns klarmachen, wo überall in dieser Zeit Bürgerkriege ganze Völker spalten und Länder verwüsten, können wir ermessen, was das an Gutem bedeutet. Gegen die Bosheit der Menschen gedachte Gott es gut zu machen, sagt Josef. Josef überwand seine Rachegefühle und ließ sich von Gott zur Versöhnung führen. Sein Partner auf der Seite seiner Brüder wurde Juda, nach dem heute das ganze Volk der Juden benannt ist.


Wenn unsere Freunde heute zum neunten Mal in zwanzig Jahren zu Besuch bei uns sind, müssen wir uns fragen: Wie waren wir nach den großen Verbrechen unseres Volkes am jüdischen Volk und an den Völkern der früheren Sowjetunion fähig Freunde zu werden? Tora und Evangelium Christi haben uns gelehrt, dass Umkehr und Versöhnung Leben bedeuten.


Innerhalb der Josefgeschichte gibt es ein Kapitel mit der scheinbar ganz anderen Erzählung von Juda und Tamar. Tamar ist Judas Schwiegertochter. Als sie zum zweiten Mal kinderlos Witwe wird, enthält Juda ihr seinen dritten Sohn, auf den sie ein Recht hätte, vor. So verkleidet sie sich, verführt den ahnungslosen Juda und wird von ihm schwanger. Als ihre Schwangerschaft öffentlich wird, will der ahnungslose Juda sie verurteilen. Nur mit Hilfe der Pfänder, die sie ihm abverlangt hatte, kann sie sich selbst retten. Da erkennt Juda: „Sie ist gerechter als ich“. Juda lernt daraus, eigene Fehler einzugestehen – als Voraussetzung dafür, dass er sich später für Benjamin einsetzt.


Tamar bekommt die Zwillinge Perez und Serach. Die Namen von allen vieren, Juda, Tamar, Perez und Serach, stehen auf der ersten Seite des Neuen Testaments im Stammbaum Jesu. Durch Tamars Mut und Judas Selbstkritik setzt sich der Stammbaum fort, der über die Könige Judas auf Jesus Christus zuläuft, unseren Retter. Sie alle sind gefährdet durch die Hungersnot in Kanaan und den Konflikt zwischen den zwölf Brüdern. Und alle, auch die Vorfahren des Messias, werden gerettet, weil Josef sich nicht rächt, sondern vergibt und die Versöhnung mit seinen Brüdern vollendet.


Ein großes Volk mit allen seinen Nachkommen am Leben zu erhalten, schließt also auch die Christenheit mit ein. Jesus Christus verbindet uns unlöslich mit seinem Volk. Darum stehen wir heute und hier an der Seite unserer jüdischen Geschwister und feiern unsere Freundschaft und Verbundenheit.


Amen.


Und nun bitte ich Dima Tsvibel und Ludmilla Grinberg, uns von der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk zu berichten.

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