evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Angelika Volkmann

14. Sonntag nach Trinitatis, 28.08.2016


Predigt über Römer 8,12-17

12 So sind wir nun, liebe Geschwister, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.
13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.
14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.


Liebe Gemeinde,
„O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!“ - so pflegte eine Großmutter manches, was ihre Enkel taten, zu kommentieren, manches, was eigentlich schlimme Folgen hätte haben können und was auf jeden Fall erzieherische Maßnahmen der Eltern zur Folge hatte. Damit hat sie den belehrenden Sätzen der Erziehungsberechtigten von vorneherein die Spitze genommen: „Es sind doch Kinder, die tun so was, manchmal auch Unsinn, und man kann ihnen nicht böse sein.“ In der Haltung der Großmutter schwingt etwas Liebevolles und Schützendes mit.
Wären Sie gerne noch einmal Kind? Und: wie geht es Ihnen, wenn Sie an Ihre eigene Kindheit denken? Kommen da sonnige Erinnerungen, oder traurige? Sind Sie behütet worden oder waren sie ungeschützt in Gefahren? Einen der schönsten Texte über die Kindheit verdanken wir dem später durch einen Unfall erblindeten Jaques Lysseyran. In seiner Autobiographie mit dem Titel „Das wiedergefundene Licht“ beschreibt er so etwas wie eine ideale Kindheit: „Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich noch heute das Gefühl der Wärme über mir, hinter mir und um mich, dieses wunderbare Gefühl, noch nicht auf eigene Rechnung zu leben, sondern sich ganz, mit Leib und Seele, auf andere zu stützen, welche einem die Last abnehmen … meine Eltern trugen mich auf Händen, und das ist wohl der Grund, warum ich in meiner Kindheit niemals den Boden berührte. Ich lief zwischen Gefahren und Schrecknissen hindurch, wie Licht durch einen Spiegel dringt. Das ist es, was ich als Glück meiner Kindheit bezeichne, diese magische Rüstung, die – ist sie einem erst einmal umgelegt – Schutz gewährt für das ganze Leben.“ (Jacques Lusseyran, Das wiedergefundene Licht, Stuttgart 1963, 7. Aufl. 1975 (= Siebenstern TB 155, Gütersloh 1977), S.7)
Und weiter schreibt er: „Meine Eltern – das war der Himmel. Ich sagte mir dies nicht so deutlich, und auch sie sagten es mir nicht; aber es war offenkundig. Ich wusste (und zwar recht früh, dessen bin ich sicher), dass sich in ihnen ein anderes Wesen meiner annahm, mich ansprach. Dieses Andere nannte ich nicht Gott – über Gott haben meine Eltern mit mir erst später gesprochen. Ich gab ihm überhaupt keinen Namen. Es war da, und das war mehr. Ja hinter meinen Eltern stand jemand, und Papa und Mama waren nur beauftragt, mir dieses Geschenk aus erster Hand weiterzugeben.
Es war der Anfang meines Glaubens.“
Diese Worte können Sehnsucht in uns auslösen: Ja, so Kind sein zu dürfen, das ist ein Privileg. Vielleicht sind einige heute morgen unter uns, die Vergleichbares erlebt haben, vielleicht sind andere unter uns, die eine solche Erfahrung schmerzlich entbehrt haben.

Paulus erinnert uns daran, dass wir Gottes Kinder sind! Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. … … ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Dürfen wir bei Gott so kindlich sein? Entspricht uns das überhaupt? Ich denke nicht, dass es in unserer Gottesbeziehung um eine dauernde Regression ins Kindheitsalter geht. Aber auch dem erwachsenen Menschen entspricht die Beziehung zu einem, der größer ist und ihn umfasst. Sogar der skeptische und oft unglückliche Philosoph Arthur Schopenhauer schreibt als junger Mann in sein Tagebuch: „Tief im Menschen liegt das Vertrauen, dass etwas außer ihm sich seiner bewusst ist, wie er selbst; das Gegenteil lebhaft vorgestellt, neben der Unermesslichkeit, ein schrecklicher Gedanke.“ Liebe Gemeinde, es gibt einen, der größer ist als wir, der sich unserer bewusst ist, der uns so gut kennt, wie wir selbst, oder sogar noch besser, der uns liebt, wie wir selbst, und auch dann, wenn wir uns selbst nicht lieben. Zu dem können wir rufen: Abba, lieber Vater.

Gottes Geist wohnt in uns. Er ermöglicht dem menschlichen Geist die Erfahrung, Gottes Kind zu sein. Wir müssen ihn nur lassen. Und das, liebe Gemeinde, ist leicht und schwer zugleich. Das ist ein lebenslanger Übungsweg. Denn unser eigener Geist hat die fatale Neigung, nicht auf Gottes Geist zu hören, sondern auf andere Stimmen, die uns antreiben, die uns treiben. Auf die Stimme der Angst, auf die Stimme von Neid und Gier. Zu diesem Einfluss sagt Paulus „Fleisch“. Und damals wie heute stehen Menschen in der Gefahr, sich versklaven zu lassen von der „Stimme des Fleisches“.

Wirst du gut genug sein? Wirst du mithalten können? Du brauchst doch dringend noch was Neues! Du musst dich anstrengen, mehr Leistung bringen. Du musst auf dein Äußeres achten. Mehr Sport machen. Wie siehst du denn aus! Die anderen werden schon merken, dass du nichts zustande bringst.
Siehst du, was der hat? Willst du es dir nicht auch kaufen? Ist doch peinlich, wenn du nicht mithalten kannst!
Und überhaupt: wie du dein Leben gestaltest, wie du deine Zeit einteilst! Auch wenn das sonst niemand merkt: du selber weißt es. Wie armselig du bist. Das soll effektiv sein? Nie hältst du dich an deine guten Vorsätze! Was bist du nur für ein erbärmlicher Mensch!
Liebe Gemeinde: Wir fühlen uns schlecht, wenn wir uns im Einflussbereich einer solchen Stimme befinden, wir fühlen uns getrieben, unfrei, eingeengt, angstvoll: Jemand klagt: Mein Leben ist nicht schön. Ich musste als Kind schlimme Erfahrungen machen. Wie soll jemand wie ich, froh sein können? Nie gehöre ich dazu. Ich habe so gut wie keine Freunde. Immerzu wenden sich die anderen von mir ab. Ich habe einfach keine Chance. Ich möchte auch einmal anerkannt werden. Ich möchte auch einmal geliebt werden. Ja, ich würde es auch gerne leicht haben! Wie beneide die anderen um ihr Leben!

Liebe Gemeinde, das sind nur Beispiele. Jeder von uns kennt in der eigenen Seele diese Stimme, die uns nicht guttut, die uns treibt. Oft merken wir gar nicht mehr, wie sehr wir auf sie hören, weil sie sich so in uns breit gemacht hat, sich eingenistet hat noch in den verborgensten Winkeln unserer Seele.

Gottes Geist wohnt in euch! Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder! So ruft Paulus uns zu. Gottes Kinder, Gottes Erben mit Christus! Alles können sie haben! Seid euch dessen bewusst! Lernt, auf seine Stimme zu hören!

Liebe Gemeinde: sind wir aufmerksam für die Stimme des Geistes? Die „Stimme des Fleisches“ schreit meist viel lauter.
Sind wir aufmerksam an jedem Morgen aufmerksam dafür, dass Gottes Blick mit Güte auf uns ruht! Dass er uns freudig begrüßt? Dass er uns einen neuen Tag schenkt in seiner Gegenwart? Dass er uns aus dem Bett hebt - bildlich gesprochen wie ein Vater sein Kind, das er liebevoll an sich drückt und sich an dessen Lebendigkeit freut? Wie beginnen wir unseren Tag? Hat die Stimme des Heiligen Geistes eine Chance uns zu erreichen?
Sind wir aufmerksam für Gott, der uns so viel geschenkt hat? Sehen wir seine zahlreichen Geschenke oder sehen wir nur, was uns fehlt? Nehmen wir das Gute, das uns widerfährt, als Selbstverständlichkeit? Oder als glücklichen Zufall? Oder wissen wir, bei wem wir uns bedanken können – wie der dankbare Samariter, dem weder seine Krankheit noch seine Heilung das wichtigste war, sondern die Tatsache, dass er sich mit allem in Gottes Hand weiß?
Sind wir aufmerksam für Gott, wenn wir uns so sehr abmühen? Hören wir seine Stimme, mit der er uns entlastet? Es reicht. Es ist genug. Es wird reichen. Hören wir seine Stimme, mit der er uns auffordert, aus der Hektik heraus zu treten und uns sagen zu lassen, und diese Worte in uns aufzunehmen, dass wir überaus geliebt sind?
Sind wir aufmerksam für Gott, wenn andere uns verletzen? Wenn wir schwierige Erfahrungen machen? Können wir spüren, wie er mit uns fühlt? Wie er Zeuge ist? Wie er sagt: Dir geschieht Unrecht!
Sind wir aufmerksam für Gott, wenn unsere Ungeduld, unsere Nerven mit uns durchgehen? Wenn wir, was ja auch jeden Tag geschieht, selber lieblos sind? Spüren wir, wie er uns in den Arm nimmt, wie er uns unterbricht, uns herausholt? Wie er verzeiht und uns den Weg zeigt, dass auch wir uns selber verzeihen und auch dem anderen?
Liebe Gemeinde, Gottes Geist wohnt in uns und hat Schätze für uns bereit in unermesslichem Ausmaß. Dass wir lernen, uns zu ihm hin auszurichten, auf ihn zu hören, von seinen Worten zu zehren – das üben wir ein Leben lang.

Auch der jüdische Glaube kennt diese Herausforderung. Im Talmud ist zu lesen: So spricht Gott zu Israel: der böse Trieb, … , kann euch nichts anhaben, solange ihr euch mit der Tora beschäftigt. (B.Talmud, Kidduschin 30b)
Wer jedoch auf seinen bösen Trieb hört, gleicht einem Götzendiener. (J. Talmud, Nedarim 9,1)
Wer seinen bösen Trieb einschränkt, gleicht einem, der einen Felsbrocken Stück für Stück aus dem Weg räumt, und ihm steht Gott bei. (Pessikta de Raw Kahana 165 a) - Alle drei Zitate bei Pnina Navé Levinson, Einführung in die rabbinische Theologie, Darmstadt 1987, 58, zitiert in Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext zur Perikopenreihe II, 2003)
Einen Felsbrocken Stück für Stück aus dem Weg räumen – mit Gottes Beistand. Das ist ein eindrückliches Bild für diesen Übungsweg. Das macht uns begreiflich, wie mühsam es sein kann. Warum wir tagtäglich das Gefühl haben, wieder von vorne beginnen zu müssen. Das macht uns begreiflich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und es lässt uns gnädig sein mit uns und anderen.
Liebe Gemeinde, wir müssten verzweifeln, wenn wir nur die wären, die wir sind. Wir sind aber die, die angesehen sind vom Blick der Güte. (Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, 5.Auflage 2007, S. 11 ff: Das Gebet: die Flucht in den Blick der Güte)
Als solche sind wir frei und im Bereich des Lebens, nicht mehr versklavt, nicht mehr im Bereich des Todes, egal wie gut wir das jeweils hinkriegen. An jedem Tag, in jeder Minute empfangen wir neu aus dieser Quelle das wahre Leben. Und sollten wir an uns selber verzweifeln, dürfen wir unsererseits mit umso lauterer Stimme rufen „Abba, lieber Vater“.
Amen.

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