evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Angelika Volkmann

20.09.2015


Predigt für den 16. Sonntag nach Trinitatis
über Johannes 11,1-4.17-27.40-45

Glaubst du das wirklich?
Liebe Gemeinde, so bin ich zu dieser Geschichte schon oft gefragt worden. So etwas Spektakuläres! Ein Toter steht auf! Wo ist die Sensationspresse? - Unsere Toten bleiben in ihren Gräbern, so sehr wir auch manchmal wünschen, dass sie vor unseren Augen auferstehen, dass sie einfach wieder kommen – vor allem, wenn jemand jung sterben musste.

Ja, die Seele wünscht sich das in ihrem großen Schmerz. Die Seele möchte die Unerbittlichkeit der Trennung aufheben, ja!

Und doch: wenn jemand wirklich aus seinem Grab wieder lebendig heraus käme: wären wir nicht entsetzt? Wollten wir das wirklich?

Was uns der Evangelist Johannes hier erzählt, ist nicht harmlos.

Martha wächst an diesem Ereignis über sich hinaus. Manche Glaubenserfahrungen werden aus extremen Situationen geboren. Es öffnet sich ihr eine tiefere Ebene des Glaubens, als sie bisher kannte. Und sie verschließt sich diesem Geschehen nicht, obwohl es sie alles kostet, ihm zu vertrauen. Jesus.
Es ist eine Initiation. Jesus führt sie über eine Grenze zu einer neuen, erschütternden und befreienden Erkenntnis.

Sie ist voller Schmerz. Lazarus ist tot. Ihr geliebter Bruder! Seit vier Tagen schon. Nie mehr würde sie mit ihm sprechen können, ihn berühren können. Nie mehr würde sie seinem Blick begegnen. Wir können uns vorstellen, wie Martha mit Gott gerungen hat:
”Warum hast du ihn mir genommen! Warum? Er war doch noch so jung!” Und jetzt kommt Jesus. Jetzt! Wo alles zu spät ist! Martha geht ihm entgegen, nicht ohne Vorwurf: „Jesus! Wenn du nur hier gewesen wärest! Alles hätte ich dir zugetraut, alles! Du hättest ihn retten können! Warum kommst du so spät! Ich habe mein Leben verloren!” Jetzt kann Jesus nicht mehr helfen. Martha ist verzweifelt, doch sie ist eine starke Frau, auch stark im Glauben. Sie weiß dass Jesus Gott für sie bitten kann. Sie glaubt, dass Gott sie auch in ihrer Trauer festhalten wird.
Da sagt Jesus zu ihr: „Dein Bruder wird auferstehen.” Ja, das weiß Martha, klug und theologisch gebildet, wie sie ist: „Ja, er wird auferstehen am jüngsten Tage”, so antwortet sie Jesus. Doch sie vermisst ihn jetzt!

Ich werde mich fügen müssen.
Ich weiß, dass ich kein Mirakel von Jesus erwarten kann.
Und das tue ich auch nicht.
Oft hatten sie theologische Gespräche geführt. Auch darüber, dass Gott nicht immer das Leid von den Menschen fernhält. Dass es kein leidfreies Leben gibt. Sie ist nicht vermessen. Sie ist realistisch und lebensklug. Sie weiß, dass die Verwesung schon eingesetzt hat. Ihr starker Glaube ist im besten Sinne demütig.

Doch Jesus will sie weiter führen. Wenn Martha denkt, dass er sie darin bestätigt, dass sie sich zu fügen hat, dann hat sie sich getäuscht. Er sagt nicht: „Du musst Lazarus loslassen.” Er schaut sie lange an. Und dann spricht er diese Worte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.” Martha erfasst es noch nicht. Aber sie spürt diese besondere Atmosphäre, sie spürt, dass dieser Moment allergrößte Bedeutung hat für ihr Leben. Jesus enthüllt ihr ein Geheimnis. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.”
Was heißt das??
Jesus sagt: „Es gibt neues Leben! Nicht erst am Ende der Tage. Nein, Hier und Heute. Jetzt. Glaubst du das?”

Diese Frage schlägt bei Martha ein. Sie ist wie vom Donner gerührt. Sollte es am Ende doch noch eine Chance geben für Lazarus, für sie? Es ist, als ob sich zwei Stimmen in ihr streiten. Ihr bisheriger Glaube sagt: Martha, erwarte nicht zu viel! Bleibe realistisch! Du sollst Gott nicht versuchen! Du kannst doch nicht so etwas für dich beanspruchen! Und auf eine bisher für sie noch unbekannte Weise hört sie die Stimme Jesu Christi: Martha, es geht nicht um Verschonung vor Leid! Es geht hier nicht um die Erfüllung deiner Wünsche! Es geht um etwas anderes. Es geht darum, dass du erkennst, wer ich bin. Dass ich Gottes Sohn bin! In mir ist Gott gegenwärtig! Hier und heute wird dem, der an mich glaubt, ein von Gottes Nähe erfülltes und bleibendes Leben geschenkt. Der Tod stellt für mich keine Grenze dar!

Martha zittert innerlich. Es kommt ihr vor wie ein Sprung ins Wasser. Es kommt ihr vor, als ob sie eine unüberwindliche Schwelle überschreitet, ein Tabu bricht. Sie braucht äußersten Mut.

Jesus schaut sie an – und in seiner Frage: „Glaubst du das?” schwingt mit, dass er es ihr zutraut, über diese Grenze hinauszuwachsen. Er hat sie in diese Situation geführt. Sie hört ihn sagen: „Du hast dein Leben nicht verloren.”

Und Martha vertraut und bekennt mit dem Mut der Verzweiflung und zugleich in äußerstem Vertrauen: „Ja, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes!” Sie ruft es in völligem Vertrauen, dass Jesus alles kann – und sie ruft diese Worte in großer Demut, die nicht berechnet, nichts fordert. Sie überlässt sich voll und ganz.

Liebe Gemeinde,
wir wissen wie diese Geschichte weitergeht. Wir wissen, dass das Ungeheuerliche geschieht. Martha erlebt an diesem Tag, dass Jesus ihren Toten Bruder Lazarus aus seinem Grab herausruft. Er ist wirklich Gottes Sohn! Gott ist es, der einen Menschen ins Leben ruft. Er vergisst niemanden, auch nicht, wenn jemand stirbt. Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da – so haben wir mit dem 139. Psalm gebetet. Die Toten leben in der Nähe Gottes! Gott weiß um jede Einzelheit, jedes Wort auf jeder Zunge jedes Menschenlebens. Er liebt seine Geschöpfe. Er kennt sie mit Namen.
„Lazarus, komm heraus!” ruft Jesus.
Und zugleich ist er der, der Martha ruft. „Martha, komm heraus! Komm heraus aus deiner Verzweiflung! Aus der Höhle deines Kummers! Aus deinem Eindruck, du hättest dein Leben verloren. Das hast du nicht! – Glaubst du das?”

Lazarus lässt sich rufen. Martha lässt sich rufen. Martha erlebt, dass ihr Bruder lebt. Sie hat ihr Leben nicht verloren. Sie erlebt Leben in Fülle.

Liebe Gemeinde, mit dieser Geschichte zeigt uns Johannes, wer Jesus ist. Jesus Christus spricht diese Worte auch zu uns: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.” Er fragt auch uns: „Glaubst du das?” Und vielleicht geht es uns sogar ähnlich wie Martha, dass wir da eine Grenze in uns spüren, die wir nicht leicht überschreiten können. Doch wir werden dazu ermutigt!

Seht die Welt mit den Augen Gottes! Der Tod ist nicht so mächtig, wie er sich gebärdet! Unsere Toten sind nicht tot: sie leben! Sie sind aufgehoben bei Gott, in seinem Licht. Sie sind uns doch nur vorausgegangen. Wer Gottes Gegenwart wahrnimmt, für den ist alles in ein anderes Licht getaucht. Ja, das glaube ich. So antworte ich, wenn ich zu dieser Geschichte gefragt werde. Das glaube ich, und manchmal ist es auch ein Ringen darum, das zu glauben.

Liebe Gemeinde: nichts geht verloren.
„Das Jenseitige ist nicht das unendlich Ferne, sondern das Nächste”, schreibt Dietrich Bonhoeffer.1 Unser Kirchenfenster erinnert uns daran. Leben in Fülle ist wirklich unter uns. Und sei es unter Tränen. Wir bleiben mit unseren Lieben verbunden. Auch über den Tod hinaus. Wir müssen die Hoffnung nicht aufgeben. Für sie nicht uns für uns nicht. Auch all die Hoffnungen und Träume, die wir womöglich schon begraben haben, müssen wir nicht aufgeben – sie haben ihren Platz bei Gott und sind in seinem Buch aufgeschrieben und eines Tages werden wir sie erleben: die Lösung von verfahrenen Situationen, das ersehnte gegenseitige Verständnis, das wir so entbehrt haben, Nähe anstelle von Beziehungsabbrüchen, Erfüllung all dessen, worauf wir aus Liebe verzichtet haben, Heilung aller Verletzungen, die Erfahrung, endlich anerkannt zu sein, gesehen zu werden, nicht ausgegrenzt, sondern verstanden zu werden – was es auch sei. Und wenn wir dann vom Glauben, dass es eines Tages so sein wird hinüberfinden zu dem Glauben, dass es in Gottes Reich bereits jetzt so ist, dann haben wir den Schritt getan, den Martha getan hat. Dann schauen wir anders auf alle Dinge. Liebevoller auf unsere Mitmenschen, gnädiger auf uns selbst, hoffnungsvoller auf das Elend in der Welt. Dann erleben wir eine Fülle, die unserer Seele gut tut und empfangen eine unvergängliche Freude, die uns niemand nehmen kann. Hier und Heute. Ist das nicht ungeheuerlich?
Amen.

1 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, 1998, S. 551
Verfasserin: Pfarrerin Angelika Volkmann
Die Predigt wurde zuerst veröffentlicht auf evangelisch.de