evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Angelika Volkmann

23.11.2014

Predigt über über 2. Petrus 3,13s

Vom Trost des Wartens

Liebe Gemeinde!

Wie kann man weiterleben, wenn alles ganz anders gekommen ist? Wie kann man zurechtkommen, wenn da nichts mehr ist wie zuvor, wenn das ganze Leben wie zerstört scheint? Wie kann man weiterleben angesichts schmerzlicher, endgültiger Abschiede? Der Tod verschlingt das Leben, verschlingt einfach Blicke und Berührungen, Gespräche und Erlebnisse.
Der Tod ist unerbittlich. Nicht rückgängig zu machen. Nicht zu begreifen. Von einer Sekunde auf die andere ist alles anders. Es ist, als ob man sich im freien Fall befindet. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da! Schmerz zerreißt die Seele. Im nächsten Moment empfindet man fast Gleichgültigkeit.

Für viele von uns war das so im vergangenen Jahr. Die Erfahrung zu machen, dem Tod zu begegnen, ganz nah. Zu erleben, dass die Erde über dem Grab geschlossen wird und die Endgültigkeit des Abschieds besiegelt. Für immer.

War's das jetzt? Oder kommt da noch etwas?
Oder müssen wir uns schlicht abfinden mit der bitteren Realität?
”Da wird nichts mehr kommen”, sagen die einen und üben sich darin, die Endlichkeit zu akzeptieren.
”Wo ist nun dein Gott?” sagen die Spötter damals (Psalm 42,11) und heute zu dem, der auch in solchen Situationen noch glaubt.
”Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” (Psalm 22) fragt der angefochtene Glaube, der zu zerbrechen droht, der aufbegehrt gegen das zugemutete Leid und der dennoch sagt: „Mein Gott, mein Gott.”

Ist es möglich, in Zeiten großen Leidens an der Hoffnung festzuhalten, dass es Trost gibt, großen Tost, der auch den Schmerz in der eigenen Seele heilt?
Werden wir eines Tages wieder fröhlich sein?
Dürfen wir festhalten an der Hoffnung, dass da doch noch etwas kommt, dass uns eine Zukunft jenseits des Todes erwartet?

Das Wort, das uns für den heutigen Tag gegeben ist, steht im 2. Petrusbrief 3,13 :

„Wir aber warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.”

Nüchtern und sachlich klingen diese Worte. An anderen Stellen der Bibel werden dieser neue Himmel und diese neue Erde mit großartigen Bildern ausgemalt. Im Buch der Offenbarung ist davon Rede, dass alles Dunkle und Rätselhafte in hellem Licht aufgelöst sein wird. Die Menschen werden nicht mehr klagen müssen, kein Leid wird sie mehr treffen. Der Tod wird nicht mehr sein, weil Gott selbst bei ihnen wohnen und alle Tränen abwischen wird (Offenbarung 21).

Der Briefschreiber des 2. Petrusbriefes dagegen betont das Warten. Wir müssen auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde warten. Auf ie Gerechtigkeit warten.

Wir müssen noch warten, dass die schweren Gedanken verschwinden, dass die große Last auf unseren Schultern kleiner wird.
Wir müssen noch warten, dass die große Leere abnimmt, und dass sich neue Gedanken wieder entfalten können, dass Gerechtigkeit hergestellt wird.
Wir müssen noch warten, bis wir bei dem Gedanken an das, was wir verloren haben, nicht gleich wieder in Traurigkeit versinken.

Wir haben noch keinen neuen Himmel und noch keine neue Erde. Wir leben in unseren alten Verhältnissen, zu denen das Abschiednehmen dazugehört. Wir müssen bitter feststellen, dass nichts für die Ewigkeit ist. Und die Momente, in denen wir glücklich und unbeschwert leben dürfen, sind viel zu kurz.

Auch damals, zur Zeit des Petrusbriefes, haben die Menschen sehnsüchtig gewartet. Sie rechneten zu ihren Lebzeiten damit, den wiederkommenden Christus zu sehen, der den neuen Himmel und die neue Erde mit sich bringt – und sie waren beunruhigt, als doch einige schon gestorben sind, und Christus noch nicht erschienen war. Auch unter ihnen gab es Spötter, die sagten. „Da kommt nichts mehr”. Auch unter ihnen gab es den angefochtenen Glauben, der sich bang fragte: „Wo ist nun mein Gott? Hat er mich verlassen?”

Und? Hat der Briefschreiber irgendeinen Trost für uns?

Ja, er hat. Es ist ganz seltsam.
Er hat einen völlig anderen Blick auf das Warten. Wir empfinden das warten Müssen als Zeit der Entbehrung.
Liebe Gemeinde, er sagt: Gerade im Warten liegt der Trost.
Denn wir haben noch etwas zu erwarten.
Im Warten liegt Kraft.
Im Warten zeigt sich Protest.
Im Warten ist Hoffnung.
Das sehnsüchtige, beharrliche, betende Warten kennt den Zweifel und hält fest an der Hoffnung, allem Augenschein zum Trotz, allem Spott zum Trotz.
Das Warten widerspricht: „Ich finde mich damit nicht ab!”
„Ich weigere mich, die Endgültigkeit des Leides anzuerkennen!”
„Ich gebe dem Leid nicht so viel Macht.”
Der Briefschreiber ermutigt zum Warten. Nicht nur, weil er darin einen Ausdruck von Glaubensstärke sieht. Sondern weil es einen Bürgen dafür gibt, dass der Tod nicht das Ende ist: Jesus Christus.
Er hat das finstere Tal des Todes durchschritten und Gott hat ihn zu neuem Leben gerufen. Unser Warten wird nicht umsonst sein!

Liebe Gemeinde, das behauptet der Briefschreiber nicht einfach nur. Vielmehr erzählt er - im 1.Kapitel - von einer ganz persönlichen spirituellen Erfahrung, einem Erlebnis, das er gemeinsam mit anderen hatte:

Sie waren zusammen, um gemeinsam zu beten. Sich Gott anzuvertrauen in großen Nöten. Und dann ist es plötzlich geschehen: eine gemeinsame Vision: Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen! Den Auferstandenen im Himmel! Umgeben von Glanz, Licht, Pracht – da war vollkommener Friede, unvergängliche Freude. Dazu die Stimme Gottes in vollem Klang: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Kapitel 1,16-18)
Für einen Moment konnten sie den neuen Himmel und die neue Erde sehen.

Deswegen kann er gut trösten: „Wenn ihr dunkle und schwere Zeiten erlebt, so wisst: das Licht scheint am dunklen Ort, bis der Tag anbricht! Bis der Morgenstern aufgehe in euren Herzen” (Kapitel 1,19). Im Herzen, das noch so untröstlich ist.

Ja, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unseren fünf Sinnen nicht wahrnehmen, und die dennoch da sind. Manchmal sind wir im Umfeld eines Todes auch empfänglicher für die Wirklichkeit Gottes, die uns doch schon immer unsichtbar umgibt.
Manchmal können wir Gottes Wirklichkeit spüren, wenn wir mit anderen beten, wenn wir Gottesdienst feiern, Lieder hören und singen. Manchmal erleben wir die Wirklichkeit Gottes, wenn wir intensiv beten, meditieren.

Gottes Wirklichkeit. Der Ort, wo Friede ist. Wo keine Frage offen bleibt. Wo Gerechtigkeit wohnt. Wo Wunden heilen, Erlittenes ausgeglichen und Schuld vergeben wird. Wo Liebe uns umhüllt. Wo wir gesehen werden.
Die Herrlichkeit Gottes. Der neue Himmel und die neue Erde, die der wiederkommende Christus mit sich bringt, und die wir manchmal jetzt schon spüren.

Manche werden bitter und sagen im Angesicht des Todes „Das war's!”
Der wartende Glaube widerspricht: „Das war's noch lange nicht!”
Das Tor ist offen.
Das Land ist hell und weit.
Auf Gottes kommende Welt hoffen wir.
Ihr Kraftfeld erleben wir bereits jetzt.
Ihr Glanz strahlt aus auf unsere Gegenwart, entfaltet sich in uns.

Unsere Lieben, die uns durch das Tor des Todes vorausgegangen sind, dürfen wir jetzt schon dort wissen, an dem Ort, wo dieser Glanz vollkommen ist. Gott wird sein Werk vollenden, das er begonnen hat, mit seiner Schöpfung, mit jedem einzelnen Menschen.

Durch unseren Glauben bleiben wir mit ihnen verbunden. Wir sind wie sie in der Liebe Gottes, „vorweggenommen in ein Haus aus Licht” (Marie-Luise Kaschnitz, Auferstehung). Im Glauben an die Auferstehung kann die Liebe hin und her fließen zwischen uns und denen, die uns durch das Tor des Todes vorausgegangen sind. Auch Heilung von Beziehungen und Versöhnung ist möglich, und kostbarer Trost.

Ja, wir warten auf den neuen Himmel und auf die neue Erde.
Denn wir sehen jetzt schon ihren Glanz, immer wieder.
Unser Warten wird nicht vergeblich sein.
Amen.

Pfarrerin Angelika Volkmann

Die Predigt wurde erstmalig veröffentlicht unter
www.evangelisch.de
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