evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Martin Bregenzer

20. Sonntag nach Trinitatis, 13.10.2013, Dietrich-Bonhoefferkirche Tübingen

Predigt über Markus 2,23-28

Bild zur Predigt. Jesus mit seinen Jüngern im Konrfeld
In meiner Anfangszeit als Pfarrer, in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, begegnete ich bei Haus- und Krankenbesuchen immer wieder einem Bild. Mal hing es im Wohnzimmer, meist aber im Schlafzimmer über den Ehebetten. Es ist gemalt im süßlichen Nazarenerstil des 19. Jahrhunderts und zeigt Jesus und seine Jünger, wie sie miteinander durch ein Kornfeld wandeln. Jesus, mit Heiligenschein, hebt die Hände lehrend. Die Jünger, fast alle mit Spazierstöcken in den Händen hören teilweise andächtig und ergriffen zu, teilweise unterhalten sie sich über das was Jesus sagt. Hinter den Jüngern das wogende Ährenfeld, am blauen Himmel ein paar Wölkchen. Das Bild drückt friedliche Idylle aus. Ein Sonntagsspaziergang mit Andacht, gewissermaßen. Ein Maler, der sich Giovanni nannte, hat es gemalt nach einer Begebenheit, die die drei ersten Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas berichten, aber er hat alles weggelassen, was die schöne Stimmung stören könnte. "Schlafzimmerbilder" nennt man diese Werke heute unter Kunstgeschichtlern. So kann man Bibeltexte verharmlosen zum Schlafzimmerbild! In der Geschichte wird nämlich in Wirklichkeit heftig diskutiert, ja es wird gestritten. Sie ist heute nach der Fassung des Markusevangeliums unser Predigttext:

"Es begab sich, dass Jesus mit seinen Jüngern am Sabbat durch ein Kornfeld ging. Während sie gingen, fingen die Jünger an, Ähren auszureißen und zu essen. Da sprachen die Pharisäer zu Jesus: "Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars des Hohenpriesters und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen! So ist der Menschensohn auch ein Herr über den Sabbat!"

Dass die Geschichte ein bisschen konstruiert ist, merkt jeder. Denn wie hätten die Pharisäer plötzlich im Kornfeld auftauchen können, wo doch am Sabbat nur der Sabbatweg, der Gang zur Synagoge erlaubt war? Auch die Begründung Jesu aus dem alten Testament, dass ja David als er Hunger hatte auch das Sabbatgebot übertreten habe ist nicht ganz schlüssig, denn die Jünger waren ja nicht am Verhungern wie David damals. Weshalb auch der Evangelist Matthäus sich veranlasst sah in seiner Fassung der Geschichte ausdrücklich zu erwähnen, dass auch die Jünger damals Hunger hatten. Und das wussten auch die Pharisäer, dass da wo es um Rettung von Leben ging, dass Gesetz hinter der Liebe zurückstehen durfte.
In der Dietrich Bonhoefferkirche weiß man das ja, dass die Pharisäer nicht aus Gesetzlichkeit das Sabbatgebot ernst nahmen, sondern weil sie meinten, es tue den Menschen gut, einen Rhythmus zwischen Arbeit und Erholung einzuhalten. Weil sie die Begründung des Sabbats ernst nahmen: Gott selber ruhte am 7. Tag der Schöpfung und macht den Menschen die heilsame Ruhe vor.
Das Gesetz ist für den Menschen da. Dieser Meinung waren auch die Pharisäer. Es soll hilfreich sein und Menschen nicht knechten. Deshalb haben wir vorhin ja auch bewusst den 119. Psalm miteinander gesprochen, in dem einer genau das bekennt. "Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich längst vergangen in meinem Elend.!"

Ich nehme an, es ging beim Niederschreiben dieser Episode um ein Problem, dass später die urchristlichen Gemeinden hatten, um die Frage "Wie gehen wir mit dem Sonntag um?"
Und irgendwie müssen die urgemeindlichen Christen in ihrer Umgebung einer Haltung begegnet sein, wo das Gesetz zur Pflichterfüllung wurde und eben nicht mehr als tröstlich empfunden wurde.

Ich bin aufgewachsen in einem kleinen 500-Seelendorf. Wenn da zB bei einem drohenden Gewitter am Sonntag jemand noch rasch die Ernte oder das Heu eingeholte, hat man sich gegenseitig sehr genau beobachtet und fromme Leute haben sich den Mund über andere zerrissen.
Heute ist es kaum mehr der Rede wert, wenn am Sonntag jemand in aller Öffentlichkeit wäscht, die Wäsche auf- und abhängt oder im Garten arbeitet oder sonst was schafft, wozu man während der Woche nicht kommt. Auch hat heute jede und jeder die Freiheit in den Gottesdienst zu gehen oder nicht. Das unterscheidet uns von den katholischen Mitchristen, die von "Sonntagspflicht" reden. Schlechtes Gewissen einst – Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit heute – ich denke, beides ist fragwürdig. Was bedeutet uns der Sonntag?

Aus Pflicht sollten wir jetzt nicht hier sein! Schon eher, weil auch wir der Meinung sind, es tue uns gut. Der Sabbat, sagt Jesus, ist um des Menschen willen da. Hilfreich und lebensdienlich soll er sein, der Sonntag! Unsre Kirchen sollen Orte der Ruhe sein, der Stille, des Nachdenkens, Orte der Vergewisserung des Glaubens. Darum ist es auch richtig, dass wir unsre Kinder so erziehen, dass sie wissen: Es gibt Orte der Stille und wir brauchen sie. Wie gehen wir mit dem Sonntag um? Wer 70 Jahre alt geworden ist, hat ja bekanntlich 10 Jahre seines Lebens Sonntag gehabt. Geschenkte Zeit.

Als Konfirmand habe ich Luthers Erklärung zum dritten Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen" auswendig gelernt: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen!"

Gerne! Wir tun es also gerne und freiwillig und nicht aus Pflicht, nicht weil's Gesetz ist, nicht weil "man" das tut, nicht weil sich das so gehört, sondern weil wir Hilfe suchen.
Offensichtlich begegneten die Urchristen damals auch einer Haltung der Sonntagspflicht. Das gabs auch im Spätjudentum. Da hieß es zB: "Wer pflügt und sät, erntet und Garben bindet, drischt und worfelt, ausliest und mahlt, siebt, knetet und bäckt, wer Wolle schert, sie bleicht und hechelt, sie färbt und spinnt, zwei Fäden webt und zwei Fäden spaltet, einen Knoten knüpft oder löst und zwei Stiche näht und ausreißt, wer ein Reh jagt und es schächtet und ihm das Fell abzieht und es salzt, gerbt, abschabt und zerschneidet, wer zwei Buchstaben schreibt und abwischt, wer baut und niederreißt, löscht, anzündet, wer mit dem Hammer schlägt, etwas aus einem Gebiet in ein anderes trägt. Das sind die verbotenen Hauptarbeiten – 40 weniger eine."

Da ist alles im Leben festgelegt, für jeden Einzelfall, für jede Kleinigkeit. Eigenes Gewissen und eigenes Nachdenken sind
nicht gefragt. Es geht nicht ums Leben, sondern ums Einhalten von Vorschriften.
Auch heute gibt es bei strenggläubigen Orthodoxen wieder solche Vorschriften. In der Zeitung fand ich einmal folgende Notiz:
"Ein Rabbi von der Schaspartei in Israel hat in einem Erlass das Nasebohren am Sabbat verboten. Es verletze die Sabbatgesetze, weil dabei versehentlich dünne Haare aus den Nasenlöchern herausgerissen werden könnten. Dadurch werde gegen das Sabbatgebot verstoßen, welches das Haareschneiden am Sabbat verbiete."

Solche Gesetzlichkeit findet sich in allen Religionen der Welt. Und ich kenne auch sehr gläubige Christen, die immer genau zu wissen meinen, was in jeder Lebenslage das Richtige und das von Gott Gebotene ist. "Kasuistik" nennen wir Theologen eine solche Haltung. Für jeden Einzelfall (Kasus) eine Vorschrift.
Jesus war gegen jede Kasuistik. Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. Auch wir Menschensöhne und Menschentöchter dürfen Herrinnen und Herren über den Sabbat, über den Sonntag sein. Gott traut uns die richtigen Entscheidungen zu.

Es gibt in der Fassung unserer Geschichte nach dem Lukas-Evangelium im griechischen Urtext eine Lesart, die nicht in die offiziellen Bibeln aufgenommen wurde, von der ich mir aber gut vorstellen kann, dass sie von Jesus stammt, jedenfalls zu Jesus passt.
Dort heißt es: "Jesus sah am Sabbat einem Bauern zu, der auf seinem Acker arbeitete. Und er sprach zu ihm: Mensch, selig bist du, wenn du weißt was du tust. Wenn du's aber nicht weißt, bist du verflucht und ein Gesetzesbrecher."
Selig, wenn du weißt, was du tust! Selig, wenn Du nachgedacht hast, wenn du nicht aus Gedankenlosigkeit gehandelt hast, wenn Du es verantworten kannst, wenn Du vorher dein Gewissen befragt hast, wenn Du dir's bewusst gemacht hast und in Freiheit entschieden hast, was für dich und für andere hilfreich und lebensdienlich ist. Selig!
Wir merken: Es geht hier gar nicht nur um den Sabbat oder den Sonntag. Es geht grundsätzlich um die Frage, wonach wir uns bei unsern täglichen Entscheidungen richten. Es geht um unser Tun überhaupt.

Gegen Moral, Gesetzlichkeit und Zwänge stellt Jesus die christliche Freiheit, die in jeder Situation fragen darf: Was ist liebevoll, was ist hilfreich, was ist nötig?
Das macht es uns im Endeffekt nicht leichter. Im Gegenteil, schwerer! Wer für jeden Fall die richtige Antwort parat hat, muss nicht nachdenken. Er kann sich nach der Vorschrift richten, kann Regeln befragen, kann tun, was "man" tut, was üblich ist. Wer aus christlicher Freiheit handelt, ist u.U. hin- und hergerissen und immer wieder im Zweifel darüber was recht und gut ist.
Denn letztlich gibt es bei der Frage was lebensdienlich, hilfreich und liebevoll ist, oft gar nicht die richtige Antwort. Manchmal bleibt uns nur die Entscheidung zwischen zwei Übeln. Welches ist das größere, das kleinere Übel? Und manchmal entscheidet ja auch unsre eigene Bequemlichkeit oder die uns stärker scheinende von zwei Möglichkeiten. Da werden wir auch weiter hin und hergerissen sein und schuldig werden.
Wer aber immer nur fragt "was ist üblich", was erwarten die andern? Was reden die Leute? macht es sich leicht und im Grunde ist das auch langweilig.
Wir erinnern uns an Luthers Worte: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan."
Sein Gewissen zu fragen, ist der spannendere Weg. Und deshalb bin ich froh, dass Jesus uns kein schlechtes Gewissen macht. Ich bin froh über die Freiheit, die Jesus hatte, die Suche nach dem gangbaren Weg zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Herz und Verstand, den Weg den er uns zutraut und zumutet an jedem neuen Tag.

Gib mir die richtigen Worte. Gib mir den richtigen Ton.
Worte, die deutlich für jeden reden, gib mir genug davon!
Worte, die klären, Worte die stören, wo man vorbeilebt an dir, Wunden zu finden und sie zu verbinden, gib mir die Worte dafür.
Gib mir den längeren Atem, mein Atem reicht nicht sehr weit.
Lass mich verstohlen Atem holen in deiner Ewigkeit.
Wenn ich die Meile mit einem teile, die er alleine nicht schafft,
lass auf der zweiten mich ihn noch begleiten.
Gib mir den Atem, die Kraft!
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