evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Michael Seibt

22.09.2013

Predigt über 1. Mose 32,23-32

Jakobs Kampf am Jabbok. Sein neuer Name
23Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok,
24nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte,
25und blieb allein zurück.
Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.
26Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
27Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
28Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.
29Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.
30Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.
31Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.
32Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.



Liebe Gemeinde,

in der Nacht bringt Jakob alles, was er hat, noch über den Fluss und bleibt allein zurück.

Er fürchtet sich vor seinem Bruder Esau, vor dessen Zorn er vor Jahren geflohen war. Jakob hatte ihn betrogen. Nun begegnet er ihm wieder. Jakob hat große Angst. Er hofft, seinen Bruder mit Geschenken milde stimmen zu können. Die will er schon mal vorausschicken, bevor er ihm selbst unter die Augen tritt. So ist der Plan.

In dieser Nacht kommt es aber anders. Ein Unbekannter überfällt Jakob. Alle Vorbereitungen für die Begegnung mit Esau sind auf einmal unwichtig. Nun geht es um ihn. Um Jakob ganz allein.

Wer der Unbekannte ist, lässt die Erzählung zunächst offen. Man hat vermutet, es könnte ein Flussgott oder ein Engel gewesen sein. Psychologisch betrachtet kann man in dem Unbekannten auch den Schatten Esaus sehen, der Jakob zwanzig Jahre lang verfolgt hat und sich nun gegen ihn erhebt. Demnach wäre es seine eigene unrühmliche Vergangenheit, mit der Jakob zu kämpfen hat.

Der Kampf tobt die ganze Nacht hindurch. Er endet unentschieden. Der Fremde kann Jakob nicht überwältigen, da schlägt er ihm auf die Hüfte und macht ihn so kampfunfähig. Jakob wird von nun an hinken. Er ist verwundet. Jeder kann es sehen.

Dieser nächtliche Ringkampf weckt bei uns vielleicht Erinnerungen an eigene Kämpfe. Ich möchte es persönlich sagen: bei meinen Kämpfen konnte ich anfangs auch nicht eindeutig sagen, wer eigentlich mein Gegner ist.

Ich dachte zunächst, der Gegner sitze außerhalb von mir: es seien schwierige oder unfreundliche Menschen, problematische Verhältnisse und Strukturen, eine unglückliche Beziehung. Ändern sich die Verhältnisse, geht es dir wieder gut, dachte ich, und hoffte auf bessere Zeiten.

Doch ich merkte, das Ringen hört nicht auf, wenn ich die Ursache für die Widerstände im Außen dingfest gemacht zu haben glaubte.

Ich wurde auf meine eigenen Anteile aufmerksam. Ich fing an, mir meine eigene Biografie genauer anzusehen, ich hatte dafür einen guten therapeutischen Begleiter gefunden. Ich spürte, ich habe eine Geschichte hinter mir. Wenn mir etwas begegnet, was mich an diese Geschichte erinnert, löst das ganz bestimmte Reaktionen aus. Das zu verstehen war sehr wichtig. Ich konnte mir selbst gegenüber mehr Mitgefühl entwickeln. Ja, du bist verwundet, ja, an der Stelle hinkst du.

Es gibt wohl niemand unter uns, der oder die nicht von Kämpfen aus dem eigenen Leben zu berichten wüsste. Wenn das Vertrauen gewachsen ist, erzählen wir uns manchmal davon. Meist behalten wir diese Erlebnisse für uns. Es sind Kämpfe der Nacht. Dort, im Dunkeln, toben sie, unsichtbar für die meisten und sehr oft auch unbewusst für uns selbst. Nur die Verwundungen sind später zu sehen, hinkend gehen wir weiter, nicht mehr so ganz sicheren Schrittes.

Nach dem Schlag auf die Hüfte ist Jakob eigentlich kampfunfähig. Aber er hält seinen Gegner fest. Und sich selbst damit auch.

Die Szene hat Max Beckmann in einer Radierung eindrücklich dargestellt. Sie finden sie im Gesangbuch auf der Seite 662. Auf der untersten Sprosse der Himmelsleiter sitzt Jakob mit ausgerenkter Hüfte und klammert sich an den Unbekannten. Der hebt die Hände. Ist es die Segensgeste? Oder wollen die erhobenen Hände nur sagen, dass der Kampf vorüber ist?

Auch der Angreifer ist offenbar geschwächt. Er bittet Jakob, ihn loszulassen, bevor es hell wird. Er ist ein Nachtgeselle. Rechts hinter der Himmelsleiter scheint die Mondsichel. Die Sonne links ist verdunkelt.

Jakob nützt die Situation und verlangt vom Gegner, mit dem er da verflochten ist, den Segen.

Was ist Segen eigentlich? Gar nicht so einfach zu sagen. Für manche ist es Glück, gelingendes Leben, andere denken eher an Verbundenheit oder an eine heilsame Energie. Zur Zeit Jakobs war der Segen so etwas wie das Mitgehen Gottes auf den Wanderungen der damaligen Nomaden und Viehhirten. Der Segen wurde vom Oberhaupt der Sippe auf den Nachfolger, in der Regel den ältesten Sohn übertragen. Mit ihm war dann auch die ganze Sippe gesegnet.

Jakob fühlte sich wohl benachteiligt von dieser Regelung. Es war ihm sehr wichtig, den Segen zu bekommen, so wichtig, dass er seinen blinden Vater täuschte und sich den Segen mit einer List erschlich.

Familie heißt eben nicht automatisch, dass man da besonders rücksichtsvoll miteinander umgeht.

Der Segen, den er sich eigenmächtig verschafft hat, ist trotzdem wirksam gewesen. Jakob war gesegnet mit mehreren Frauen – unsere heutige Form der Ehe gab es damals nicht, manche machen daraus heute ja fast so etwas wie einen vierten Glaubensartikel und binden den Segen an eine bestimmte Lebensform. Jakob war in den damaligen Umständen gesegnet mit vielen Kindern, einer großen Sippe, einem großen Stab von Mitarbeitern für sein Unternehmen in der Viehhaltung und Herdenbewirtschaftung, riesige Viehbestände. Er hat alles, was man sich erträumen mag. Nun scheint ihm das alles zu zerrinnen. Er zittert vor der erneuten Begegnung mit seinem eigenen Bruder und befürchtet das Schlimmste.

In diesem nächtlichen Kampf wird ihm klar, der Segen, den er sich selbst verschafft hatte, bleibt ihm nicht automatisch treu. Nun bittet er inständig darum und bedrängt den unbekannten Gegner: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.”

Noch immer ist unklar, mit wem Jakob da ringt. Der Unbekannte fragt ihn nach seinem Namen.

Will der Unbekannte seinen Namen wissen, muss Jakob sich offenbaren, vor sich selbst und vor Gott. Der Name steht für ihn und für sein ganzes Leben. Er gibt sich preis: Jakob bin ich, ja, genau der Jakob, mit dieser Geschichte. Nachdem Jakob sich zeigt als der, der er ist, gibt ihm der Unbekannte überraschend einen neuen Namen: Israel, das heißt übersetzt: der mit Gott streitet.

Ein neuer Name steht zugleich für eine neue Identität. Jakob ist nicht mehr identisch mit seiner Vergangenheit. Er ist nicht mehr Jakob, er ist Israel. Er hat mit Gott gerungen und geht daraus zwar verwundet, aber doch heil hervor. Israel wurde zum Namen eines ganzen Volkes. Als Volk besteht das Besondere von Israel nicht darin, dass es von Gott erwählt ist und daraus bestimmte Ansprüche ableiten könnte. Israel ist das Volk, das mit Gott ringt.

Der Segen kommt nicht aus einem Besitz oder einem religiösen Status. Für Jakob ist der Segen nicht mehr identisch mit dem Segen, den er sich eigenmächtig genommen hat, er besteht auch nicht mehr in seinem bisherigen Erfolg. Jetzt steht alles in Frage. Es geht um Vertrauen. Wie kann das wieder wachsen, nach allem, was gewesen ist?

Erwählung ist keine Bevorzugung. Sie führt den Erwählten vor allem in das Ringen mit Gott. Diese Menschen haben zu ringen mit ihrer eigenen Geschichte, mit ihrem religiösen Besitzdenken, mit ihrer Suche nach Sicherheit, mit ihrem Bedürfnis, etwas darzustellen.

Israel ist das verwundete Volk Gottes. Nur so weckt es Vertrauen. Strotzend vor eigener Sicherheit und Stärke ruft es den göttlichen Gegner auf den Plan, der Israel in der Nacht überfällt und ihm alle Sicherheiten entwindet. Das gilt entsprechend für alle, die auf einen selbst konstruierten Segen setzen, auf die Richtigkeit ihres Glaubens und ihrer Lebensführung.

Jakob will wissen, wer ihm diesen neuen Namen gibt, doch der Unbekannte fragt zurück: Warum fragst du? Es scheint klar zu sein. Der Unbekannte trägt keinen Namen. Gott ist ohne Namen. Er lässt sich nicht benennen und damit festlegen. Statt eine Antwort zu geben, segnet der Unbekannte Jakob.

Erst nach überstandenem Kampf erkennt Jakob rückblickend, dass er Gott begegnet ist. Diese unangenehme Begegnung in der Nacht, diese Konfrontation mit sich selbst und der eigenen Geschichte, das war eine Gottesbegegnung.

Wer hätte das gedacht. Wo man doch erwarten würde, dass Gott das eigene Ich tröstet, aufrichtet und ihm hilft. Hier muss es schmerzlich lernen, sich von allem zu lösen, worauf es sich bisher verlassen hatte.

Solche Kämpfe will das sich selbst mit dem Segen ausstattende Ich gerne loswerden, wie man Gespenster in schlaflosen Nächten vertreibt. Doch der Kampf bleibt ihm nicht erspart. Jakob erleidet die notwendigen Schmerzen, die mit jeder echten Gottesbegegnung verbunden sind.

Johannes vom Kreuz, spanischer Mystiker, der im 16. Jahrhundert lebte, hat von der dunklen Nacht gesprochen, die der Mensch durchwandern müsse, bevor er mit Gott vereint sein kann.

Das erinnert mich an den nächtlichen Kampf des Jakob. Nacht wird es nach Johannes vom Kreuz in dreierlei Hinsicht: erstens weil der Mensch das Streben nach Geschmack an den Dingen der Welt aufgeben muss. Bei Jakob ist es sein Streben nach dem Geschmack des Segens, den er sich erschlichen hat. Den muss er loslassen.

Zweitens weil es für den Verstand des Menschen auf dem Weg des Glaubens kein sicheres Wissen gibt. Das ist die Nacht des Erkenntnisvermögens, meint Johannes vom Kreuz. Bei Jakob zeigt sich das daran, dass er nicht weiß, mit wem er ringt.

Und schließlich ist es Nacht, weil Gott selbst in Dunkelheit verhüllt ist, sagt Johannes vom Kreuz. Der Gegner nennt Jakob keinen Namen, durch den er zu identifizieren wäre.

Jakob beginnt in dieser Nacht zu hinken. Das ist ein schönes Symbol dafür, die Dinge nicht mehr so sicher sind. Er lebt nicht mehr in einer von ihm selbst geordneten Welt. Als einer der hinkt, ist er auf Stütze angewiesen, auch auf das Entgegenkommen seines Bruders. Er kann nur nach dem Segen tasten, sich an ihn vertrauensvoll klammern. Er kann ihn sich nicht mehr nehmen. Er hat ihn nicht mehr sicher in der Hand.

Da er leer geworden ist, kann Gott ihn füllen. So schreibt es auch Johannes vom Kreuz. Ein Mensch, der von seinen eigenen Gedanken und Konzepten erfüllt ist, ist nicht frei für das Leben, nicht frei für Gott. In der Morgendämmerung zeigt sich, dass der Kampf aus Jakob einen anderen Menschen gemacht hat. Einen Erwählten. Und die hinken immer.

Diese Gottesnacht ist, wenn man so will, das Vorzimmer für die Begegnung mit dem leidenschaftlich liebenden Gott. In diesem Vorzimmer muss der Mensch alles zurücklassen, was ihn an dieser Begegnung hindert. Das ist das Gegenteil einer Wohlfühlreligion, die nichts kostet. Jakob begegnet einem Gott zum wilden, fordernden Umarmen, nicht zum Kuscheln.

In der Lesung haben wir von einem anderen biblischen Beispiel gehört, der kanaanäischen Frau, die ausdrücklich nicht zum jüdischen Volk gehört. Auch sie lässt in ihrem Ringen mit Gott nicht locker.

Hinkend und verwundet begegnet Jakob seinem Bruder Esau. Der läuft Jakob entgegen, fällt ihm um den Hals und es kommen ihnen die Tränen. Die Szene erinnert an das Wiedersehen in der Geschichte vom verlorenen Sohn. Jakobs Wunde weckt Vertrauen, seine Geschenke tun das nicht. Die Brüder können sich versöhnen. Es ist, als hätte nie etwas zwischen ihnen gestanden. Esaus freundliches Gesicht ist ein Spiegelbild des freundlichen Gesichtes Gottes, das nach dem Kampf aufleuchtet. So läuft am Ende alles zu auf dieses freundlich zugewandte Gesicht. Jakob nennt den Ort Pnuel, zu Deutsch: das Gesicht Gottes.

Durchleben wir die Gottesnacht und nehmen unser Hinken an, werden wir am Morgen gesegnet sein. Amen.


Fürbitten – Vaterunser

Du, der du Jakob auf die Hüfte schlägst, der du verwundest, um ihn zu lösen von allem, was ihn hindert, der du erscheinst wie einer, der in der Nacht überfällt:

lass uns dieser Begegnung standhalten.

Lass uns die dunkle Nacht der Seele und des Geistes aushalten.

Lass uns leer werden, von allem, woran wir uns festhalten.

Lass uns aushalten, rein gar nichts mehr in der Hand zu haben.

Führe uns in die Gottesnacht, in das Vorzimmer deiner leidenschaftlichen Liebe, in dem wir alles ablegen, was uns hindert, endlich frei zu sein.

Lass uns nach dem Kampf mit dir, dem Namenlosen, am Morgen erkennen, dass wir Gesegnete sind, dass du in uns lebst, und wir als Verwundete Vertrauen wecken, wie du in Jesus, dem Verwundeten, Vertrauen weckst.

Wie Jakob lass uns ringen, auf dass wir dich nicht lassen, bevor du nicht segnest.

Lass Israel und alle Menschen Ja sagen zu ihren Wunden, auf dass sie einander als Hinkende begegnen und sich gegenseitig stützen.

Wende uns dein freundliches Gesicht zu, wie Esau Jakob freundlich ins Gesicht schaut – trotz allem, was gewesen ist.

Lass uns dein Heil und deinen Frieden schauen.

Vaterunser
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