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Angelika Volkmann: Predigt über Johannes 8,3-11

23.06.2013
3 Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr.
11 Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte ist eine der eindrücklichsten im Neuen Testament. Viele Menschen kennen sie, erinnern sich an sie. Die erste Frage, die sich meistens spontan erhebt, ist: was ist mit dem Mann, mit dem die Frau zusammen war? Zu einem Ehebruch gehören zwei! Diese Frage ist sehr berechtigt, und das können wir sogar schon bei Mose nachlesen, dass dann beide bestraft werden und nicht nur die Frau. Aber es soll ja gar nicht bestraft werden. Wir sollen durch diese Geschichte lernen, barmherzig zu sein. Und doch hat gerade diese Geschichte bis auf den heutigen Tag viele Menschen dazu verführt, ein sehr hartes Urteil zu fällen. Nicht über die Frau, die die Ehe bricht, wohl aber über die Tora.

Die christliche Auslegung dieser Geschichte führt uns einige festgefügte Bilder vor Augen:
Wir sehen einen gewaltbereiten Mob, der auszog, die Frau zu töten. Es gibt Bilder in christlichen Büchern, da liegt der Steinhaufen schon am Rand bzw. da haben die Männer die Steine schon in der Hand. Und wir denken, wie grausam das jüdische Gesetz doch ist.
Das alles steht so nicht im Text.

Die damaligen Schriftgelehrten und Pharisäer haben jede Art von Lynchjustiz abgelehnt. Vor jeder etwaigen Bestrafung musste ein ordentliches Verfahren stattfinden. Und selbst wenn sie die Frau an Ort und Stelle hätten töten wollen, sie hätten das Recht dazu gar nicht gehabt. Todesurteile zu vollstrecken war den Römern vorbehalten, und das hätten die Pharisäer mit Sicherheit respektiert.

Wenn wir lesen, was wirklich dasteht, sieht es anders aus:
Die Schriftgelehrten und Pharisäer kommen mit der auf frischer Tat ertappten Frau und wenden sich an Jesus, um seine Tora-Auslegung kennen zu lernen. Dass die Gebote, die etwa 1200 Jahre alt sind, der Interpretation bedürfen, ist für die Schriftgelehrten und Pharisäer eine völlig klare Sache. Über die Jahrhunderte hinweg war zu der schriftlichen Tora die Mündliche gekommen. Längst hatten die Schriftgelehrten die archaischen Gebote erleichtert und humanisiert, besonders die, in denen eine Todesstrafe verhängt werden sollte (siehe 3.Mose 20,10). Sie haben z.B. zusätzliche Bedingungen für eine Verurteilung gestellt, z.B. dass zwei Zeugen nötig waren, die beide übereinstimmend aussagen mussten; und wenn das nicht der Fall war, und es war praktisch nie der Fall, konnte die Todesstrafe nicht verhängt werden. Gerichte, die diese Strafe verhängten, wurden hart kritisiert. Und selbst wenn ein solches Urteil gesprochen worden war, war es noch längst nicht vollzogen. Auch dafür mussten wieder bestimmte Bedingungen erfüllt sein, die nicht leicht zu erfüllen waren. Es gibt aus der Zeit Jesu keinen einzigen schriftlichen Hinweis darauf, dass ein Ehebrecher oder eine Ehebrecherin tatsächlich gesteinigt worden ist. Keinen.
Die aktualisierende Auslegung der schriftlichen Tora im Respekt gegenüber Mose war ein Prozess, der ständig fortgeführt wurde und wird bis auf den heutigen Tag. „Mose hat uns im Gesetz geboten,” – mit dieser Formulierung bezeichnen die Schriftgelehrten in der Geschichte den gemeinsamen Hintergrund: die Auslegungsgeschichte der Tora seit Mose. Mose hat uns im Gesetz geboten, sie zu steinigen. Dazu haben viele schon dieses und andere schon jenes gesagt - Was sagst du? so fragen sie Jesus. Sie haben Interesse an seiner mündlichen Tora. Vielleicht vertritt Jesus eine weitere interessante Auslegung, die sie noch nicht kennen? Sie fragen ihn als Lehrer, sprechen ihn eigens so an. Jesus ist ja in der damaligen Gesellschaft kein Richter.
Es geht nicht um Lynchjustiz. Es geht um ein Lehrgespräch.

Doch auch wenn wir die Geschichte als Lehrgespräch und ohne eingetragene Unterstellung lesen, gibt es viele Ungereimtheiten. Aus mehreren Gründen kann diese Szene nicht - so wie im biblischen Text dargestellt - im Tempel geschehen sein, z.B. weil die Frau ja rituell unrein war und die Pharisäer sie sicher nicht dorthin gebracht hätten.
Liebe Gemeinde, diese Geschichte kann so, wie sie dasteht, nicht geschehen sein.
Darüber ist sich die neutestamentliche Forschung einig und die heutigen Gemeinden haben – so meine ich – auch ein Recht, an dieser Stelle informiert und aufgeklärt zu werden: diese Geschichte ist ein späterer Text. In den ersten Handschriften, die wir vom Neuen Testament haben, in denen das ganze Neue Testament sorgfältig abgeschrieben wurde, fehlt sie. In schriftlicher Form taucht sie erstmals im dritten Jahrhundert auf und ist dann nachträglich in das Neue Testament hineingebracht worden. Manche haben sie an anderer Stelle im Johannesevangelium eingefügt oder im Lukasevangelium. Das bedeutet, es ist eine christliche Geschichte, vermutlich eine Streitsituation in einer christlichen Gemeinde, etwa im Jahr 250 n.Chr. im östlichen Mittelmeerraum. Es könnte so gewesen sein, - genau können wir es nicht wissen, - doch es könnte so gewesen sein, dass die Ältesten einer Gemeinde sich mit einem schweren Fall von Ehebruch zu befassen hatten. Ehebruch ist bis heute etwas, was Menschen sehr verletzt. Da wird eine Frau in einer Gemeinde für ihr Verhalten hart verurteilt. „So etwas können wir nicht dulden! Wir müssen sie aus der Gemeinde ausschließen! Die Gemeinde soll sich schließlich von der Welt unterscheiden, soll ein Vorbild an Reinheit sein!” sagen die Strengen. Anderen erscheint das zu hart und auch wenig erfolgversprechend. „Wenn wir sie ausschließen, käme das ihrem sozialen Tod gleich. Gott will den Tod des Sünders nicht.” sagen sie. „Wir müssen mit dem Bösen in uns leben, mit unserer Versuchlichkeit, auch in der Gemeinde. Niemand ist ohne Sünde. Wir müssen es mit Gutem überwinden.” „Aber dann stehen wir bald in der Gefahr, dass es überhaupt keine Verbindlichkeit mehr gibt und dass jeder denkt, er könne leben wie er will.” meinen die Strengen. ”Reue und Umkehr finden wir auch wichtig,” sagen die Milden. Sie tauschen Argumente aus, beide Seiten berufen sich auf Jesus und auf seine Auslegung der Tora. Beide Seiten ringen miteinander, beten gemeinsam, hören aufeinander und finden schließlich den Weg, die Frau nicht zu verurteilen und auch nicht zu bestrafen, sie jedoch zur Umkehr aufzufordern.
In dieser Praxis sehen sie den Geist der Tora Jesu.
„Und wie halten wir diese Regelung fest, für die, die nach uns leben?” so fragen sie sich. „Und wie verleihen wir ihr Autorität?” fragen die anderen. „Lasst uns kein trockenes Gebot aufschreiben, sondern eine Geschichte erzählen”, schlägt jemand vor. „Wir haben im Geiste Jesu zu dieser Einigung gefunden, das war für uns ein kostbarer Prozess, das wollen wir weitergeben: lasst uns doch eine Jesusgeschichte aufschreiben.”
„Dann müssen wir sie ins jüdische Umfeld zurückverlegen, sagen die Ältesten. Am besten in eine Diskussion Jesu mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. So ähnlich haben ja auch wir miteinander diskutiert. Sie stehen doch in der Geschichte an unserer statt. Wir wollen uns nicht über sie erheben, sondern wir schreiben uns selbst mit hinein als Älteste.” „Die Schriftgelehrten und Pharisäer waren besonnene Leute. Das ist auch in der Geschichte zu erkennen, denn sie hören auf Jesus.”

So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Wir wissen es nicht. Was wir wissen können ist, dass Jesus diese Geschichte so nicht erlebt hat.

Deutlich ist, dass die Geschichte ist von jemandem geschrieben worden ist, der nicht viel über die Tora wusste und auch nicht darüber, wie sie zur Zeit Jesu praktiziert worden war. Er wusste darüber viel weniger als die Evangelisten. Doch unabhängig davon ist die Geschichte so gut gelungen, dass sie im Nachhinein den Weg in das Neue Testament gefunden hat, - was in diesem Ausmaß ein singulärer Vorgang ist - und dass sie heute zu uns spricht.

Führen wir sie uns noch einmal vor Augen:
Die Schriftgelehrten und Pharisäer kommen mit der auf frischer Tat ertappten Frau und wenden sich an Jesus, um seine Tora-Auslegung kennen zu lernen. Sie fragen ihn als Lehrer. Jesus antwortet als Seelsorger. Brillant. Er antwortet zunächst einmal gar nicht, sondern hockt sich hin und zeichnet in den Sand. Er vermeidet den Blickkontakt sowohl zu denen, die in fragen, als auch zu der Frau. Das ist eine milde und wirkungsvolle Art, den Fluss des Geschehens zu verlangsamen, zu unterbrechen, Raum zu geben für eine ganz neue Wendung. Und es erhöht die Spannung auf seine Antwort. Als sie nun fortfahren, ihn zu fragen, richtet Jesus sich auf und sagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.” Damit nimmt er Bezug auf eine Stelle bei Mose (5.Mose 17,7), wo steht, dass die Zeugen der Tat im Falle einer rechtmäßigen Steinigung die ersten sein müssen, die einen Stein werfen. Das war in der frühen Zeit bereits eine Maßnahme zum Schutz vor der Vollstreckung eines Fehlurteils. Die Zeugen hatten große Verantwortung. Der erste Wurf ist der schwierigste. Und wenn die Zeugen nicht warfen, wurde nicht gesteinigt, schon bei Mose. Das wandelt Jesus ab und sagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.” Diese Worte Jesu sind keinesfalls eine Aufforderung, einen Stein zu werfen – wir befinden uns hier in einem Lehrgespräch über die Auslegung der Tora, noch nicht einmal in einem juristischen Prozess. Jesus meint damit, dass, sollten die Anwesenden zu der Ansicht kommen, sie selber seien ohne Sünde, dies in der Situation eines geregelten Gerichtsverfahrens ein Grund wäre, die Frau zu verurteilen.
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.” So spricht der Seelsorger. Diejenigen, die gerecht sind, weist er darauf hin, dass auch sie zur Sünde fähig sind und selber auch gesündigt haben. Doch das schlägt er ihnen nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren, sondern das macht er sehr feinfühlig und überlässt es jedem einzelnen, das Urteil über sich selber im Stillen zu sprechen. Er bückt sich wieder und schreibt in den Sand, um seinen Gesprächspartnern diskret die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis zu geben. Er bedrängt sie nicht, macht keine Vorwürfe, weist ihnen nichts nach. Er schaut noch nicht einmal hin. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem anderen, die Ältesten zuerst. Sie hörten auf ihn! Das Wort Jesu kam bei ihnen an!
Die Ältesten, das heißt auf griechisch die Presbyter, so heißen heute in manchen Landeskirchen die Kirchengemeinderäte. Hier schimmert etwas von dem Geheimnis des Ursprungs dieser Geschichte durch, davon durch, in welcher Situation einer Kirchengemeinde sie womöglich entstanden ist.
Jesus blieb alleine mit der Frau zurück. Und hier steht, wie am Anfang der Geschichte, „allein mit der Frau, die in der Mitte stand
.” Wieso in der Mitte – es war doch keiner mehr da? Auch das ist so kunstvoll erzählt! Die Frau steht mit ihrem Leben und mit dem, was sie getan hat, von Anfang an vor Gott. In der Mitte. Gott ist ihr Richter, niemand sonst. Und er fragt sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortet: Niemand, Herr. Und Jesus spricht: So verdamme ich dich auch nicht. Er schließt sich dem Urteil der anderen an! Er hört auch auf sie. Und er schließt mit der Aufforderung: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.” Das heißt, er ruft die Frau zur Umkehr. Sie soll die Heimlichkeit beenden, sehen, wie sehr sie ihren Mann verletzt hat und ob sie ihre Ehe retten und sich mit ihm versöhnen kann.
Als Seelsorger gibt er jedem das, was er braucht. Den Ältesten verhilft er zur Einsicht, dass sie auch eine dunkle Seite in sich tragen, und zur Sünde fähig sind; der Frau, die ihrem Ehemann gegenüber schuldig geworden ist, gibt er die Aufforderung zur Umkehr.

Liebe Gemeinde:
Wer sich verfehlt hat, soll nicht sterben! Auch nicht den sozialen Tod, er soll nicht ausgeschlossen, nicht geächtet werden, sondern die Möglichkeit zu Umkehr und Neuanfang erhalten – in Würde! Weil alle um ihre dunkle Seite wissen. Da ist sich der Jude Jesus mit seinen jüdischen Gesprächspartnern einig.
Wir können uns als Christen gemeinsam mit Juden entschieden gegen die Todesstrafe einsetzen.
Wir erzählen diese Geschichte nicht als Geschichte gegen unsere jüdischen Geschwister oder gegen die Tora. Wir stellen uns an die Seite unserer jüdischen Geschwister, wenn sie erleben, dass ihr Glaube verunglimpft wird, denn es ist uns wichtig, wie der Wochenspruch sagt, die Last der anderen mitzutragen und die Tora Jesu zu erfüllen. Amen.

Verwendete Literatur: Michael Volkmann, 4.Sonntag nach Trinitatis: Johannes 8,3-11; in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, herausgegeben von Studium in Israel e.V. 2006