evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost
Predigten

Angelika Volkmann

29.3.2013 (Karfreitag)

Predigt über Matthäus 27,33-54

Liebe Gemeinde,

Alle, die mich sehen, verspotten mich“, klagt die 16jährige Schülerin, die tagtäglich Häme, Ausgrenzung und Rempeleien erlebt und immer schutzloser wird. Und ein afrikanischer Mann, der in einer Berliner U-Bahn von Jugendlichen zusammengeschlagen worden war, klagt erschüttert: „Eine Rotte von Bösen hat mich umringt, sie haben auf mich eingetreten, mich übel zugerichtet, ich hatte Todesangst - und sie schauen zu und sehen auf mich herab.“.

Menschen, die so etwas erleben, wird ihre Würde genommen – durch körperliche Schmerzen und genauso durch Spott, Verachtung, zynische Worte. Das zerstört die Opfer nicht nur körperlich, sondern in ihrer Seele.

Warum? Warum können Menschen so grausam zueinander sein?

Matthäus gibt in seiner Schilderung von der Kreuzigung Jesu darauf keine Antwort. Er deutet auch den Tod von Jesus nicht. Wo ist Gott? Gott ist kaum zu finden, in diesem Kapitel, er scheint das Opfer verlassen zu haben. Nur eine zarte Spur von Gott schreibt Matthäus in diese Szene hinein, indem er Psalmworte anklingen lässt, die dieses Erleben einfangen. Er bettet dieses grausame Geschehen ein in ein seit alter Zeit bewährtes Gebet. „Alle, die mich sehen, verspotten mich“, „eine Rotte von Bösen hat mich umringt“, „und sie schauen zu und sehen auf mich herab“ – das sind Worte aus dem 22. Psalm – bis heute leihen sie Menschen in Not ihre Sprache. Die Frage bewegt seit alter Zeit die Menschen. Warum muss der Gerechte leiden? Warum geht es denen, die sich um nichts scheren als um ihren eigenen Vorteil, oft so gut?

Seit alter Zeit finden Menschen beim beten der Psalmen Einsichten dazu: die Einsicht, dass zwar die Übermacht der Feinde nicht einfach außer Kraft gesetzt wird; doch der, der auf Gott vertraut, der erlebt am Ende, dass Gott sich zu ihm bekennt und ihn ins Recht setzt.
So ist das auch bei dem leidenden Gottesknecht, von dem Jesaja erzählt. Bis zur Unkenntlichkeit ist er entstellt, sodass sich die Leute entsetzt von ihm abwenden. Er kriegt das ab, was die anderen verdient hätten. Er wehrt sich nicht dagegen, tut seinen Mund nicht auf – und weil er dies erleidet, sind die anderen geheilt. Auch dieser erlebt am Ende, dass Gott sich zu ihm stellt und ihm Recht gibt. Auch das alte Lied über ihn lässt Matthäus in seiner Schilderung der Passion Jesu anklingen. Man weiß nicht, wer mit diesem Gottesknecht gemeint ist. Seit dem Mittelalter hat sich immer wieder das Volk Israel in dieser Gestalt wiedererkannt. Ganz Israel ist der Gottesknecht. Raschi, ein berühmter jüdischer Lehrer, der die an Juden verübten Massaker des Jahres 1096 im Rheinland miterlebt hat, schreibt über den Gottesknecht: Er litt, damit jede Nation in den Leiden Israels Sühne finden kann.

Im Jahre 30 sind es die Römer, die den Juden kreuzigen.

Sie verspotten ihn. Sie demütigen ihn vielfach. Statt des bei dieser Todesstrafe üblichen und das Leiden abmildernden mit Myrrhe vermischten Weins geben sie ihm Wein, der mit Galle vermischt ist. Als er’s schmeckte, wollte er’s nicht trinken (Mt 27,34). Auch bei dieser perfiden Geste klingt ein Psalm an (69,22). Die Hauptsache der Kreuzigung erscheint bei Matthäus karg in einem Nebensatz: Als sie ihn aber gekreuzigt hatten (Mt 27,35). Sie werfen das Los um seine Kleider. (Psalm 22,19) Eine ironisch gemeinte Inschrift wird an seinem Kreuz angebracht: Dies ist Jesus, der Juden König (Mt 27,37). Die Passanten lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe (Mt 27,39). Sie waren eigens gekommen an diesem Tage, um zu sehen ob es etwas zu sehen gibt, ob sich eventuell doch noch eine Sensation ereignet. Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist und steig herab vom Kreuz (Mt 27,40)! Na, was ist? Bist du’s am Ende doch nicht gewesen? Das erinnert an die Versuchungen Jesu durch Satan in der Wüste. Ja, Machterweise wollen sie immer so gerne haben. Spott ist ebenfalls sehr beliebt, vor allem gemeinsam, das macht noch mehr Spaß. Mitgefühl? Hat keine Chance. Wie grausam können Menschen sein? Die hohe Geistlichkeit macht auch gleich mit. Und die Räuber, die rechts und links von ihm hängen und ebenfalls Folter erleiden. Denn geteiltes Leid bedeutet nicht zwangsläufig, dass Menschen miteinander verbunden sind. Wenn es sich so anbietet, einmal gemeinsam mit den anderen spotten zu können, einmal nicht der zu sein, der es abkriegt, dann macht man sofort mit. dabei. Spott, Verachtung, Hohn. Als würde die Folter alleine nicht schon genügen. Nein, die Seele des Menschen soll zerstört werden. Und der Spott schafft das, diese vernichtenden Stiche in der Seele. „Alle, die mich sehen, verspotten mich.“

Dann kommt die Finsternis. Mitten am Tage. Also doch. Also doch eine Reaktion von Gott. Eine gewaltige. Ein Zeichen, dass er nicht einverstanden ist mit dem Unrecht, das geschieht. Jesus schreit laut: Eli, Eli – mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mt 27,46)? Die Warumfrage aller Opfer. Und alles hängt an einem Pünktchen, an dem kleinsten Buchstaben, dem Jota: Mein Gott, schreit Jesus. Das ist keine allgemeine Gottheit, sondern sein Vater. Der Schrei, mit dem der 22.Psalm beginnt. Sie missverstehen in. Er würde Elia rufen. Das wäre ja sensationell, wenn der jetzt käme! Wenn man das live miterleben könnte! Sagenhaft! Dabei sind sie theologisch gebildet. Sie könnten wissen, dass hier ein Gerechter leidet und stirbt. Sie kennen den Psalm. Doch manchmal nützt es nichts theologisch gebildet zu sein. Das war auch später so. Da hat der christlichen Kirche ihre Theologie auch nichts genützt, als Gottes Augapfel angetastet wurde, als gedemütigt und gequält und ausgesondert und gemordet wurde in unserem Land. Wie grausam können Menschen sein.

Aber Jesus schrie abermals laut und verschied(Mt 27,50). Alles legt er in diesen Schrei. Er ist nicht apathisch, wie man es an diesem Ort gewohnt ist, schon gar nicht unflätig oder aggressiv. Er schreit mit all seiner Lebenskraft, die ihm verblieben ist. Eingebettet in das alte Gebet. Er kennt es ja. Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch du antwortest nicht. (Psalm 22,2b.3a) und auch: Zu dir schrien unsere Väter und wurden errettet. (Psalm 22.6) Alles ist in diesem Schrei. Es ist kein unadressierter Schrei. Er stimmt ein in den Schrei derer vor ihm – und in ihren Glauben. Er lässt sich tragen von ihrer Erfahrung, dass es jenseits der nicht auszuhaltenden Gottesferne und Gottesfinsternis Hilfe gibt. Das ist unanschaulich. Und wie viel unerhörte Schreie in der Welt gab es und gibt es. Und dennoch: Gott hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz nicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s. (Psalm 22,25)

Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf …. und kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.

Gott widerspricht dem Unrecht, das hier geschieht. Die Erde bebt.*
Es ist als bräche ein großes archaisches Mitgefühl los. Als erbarmte sich die Erde. Erzählt wird von der Auferstehung der Heiligen Israels. Die Notiz passt nicht in unser Weltbild. Vielleicht können wir es auch einfach nicht fassen. Es ist, als gäbe die Erde Helfer frei. Die heiligen Gerechten der Vergangenheit geben den in Jerusalem verstreuten Trauernden den Vorgeschmack einer Welt, in der Menschen nicht allein gelassen werden.
Auf Golgatha bricht eine andere Welt auf. Eine Welt der Verbundenheit, wo man einander beisteht, eine Welt des Trostes. Das Aufblitzen dieser Welt erschreckt die römischen Soldaten, lässt Sehnsucht nach ihr aufkommen und den Hauptmann bekennen:
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Jeder, der in dieser Welt zum Opfer wird, darf gewiss sein, dass die Glaubenskraft derer, die vor uns glaubten und schrien, uns trägt und umfängt. Jeder darf darauf hoffen, dass die Erde ihre Heiligen freigibt, hinzueilen und beizustehen, wo immer ein verlassener und gedemütigter Mensch sie braucht. Jeder darf gewiss sein, dass es jenseits der Gottesferne und Gottesfinsternis die Wirklichkeit gibt, wo ich gesehen werde, wo mein Schreien gehört wird und Gott mir sein Antlitz zuwendet und mir hilft, mich heilt.

Das ist die Botschaft von Karfreitag und sie befähigt uns, unermüdlich an der Seite der Opfer zu sein, nach Lösungen zu suchen, Leidenden zu helfen, Mobbing zu beenden, Gewalt zu unterbinden.

Als er zu ihm schrie, hörte er’s. (Psalm 22,25)

Amen.

* (der folgende Abschnitt ist inspiriert von einer Predigt von Elisabeth Grötzinger zu Karfreitag 2001, veröffentlicht in Pastoralblätter 2001)
verwendete Predigtmeditation: Karfreitag: Mt 27,33-50 (51-54), Einer für alle, von Sylvia Bukowski, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext zur Perikopenreihe V, herausgegeben von Studium in Israel e.V., Wernsbach 2012

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