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Predigt Römer 9,1-5 und 10,1-4


gehalten am Israelsonntag, 12. August 2012 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrerin Angelika Volkmann

Liebe Gemeinde,


Die Sehrgeliebte wartet. Und sie weiß: sie ist's, die sieht.

Sie kennen wahrscheinlich die beiden Skulpturen am Seitenportal des Straßburger Münster: die stolze Ecclesia, die eine Krone auf ihrem Kopf trägt und die demütig-beschämte Synagoge, die eine Binde vor ihren Augen trägt. Die Skulpturen zeigen anschaulich die Zeit, in der über Jahrhunderte hinweg die Überlegenheit der Kirche über den jüdischen Glauben das vorherrschende Gefühl war.
Gott sei Dank ist die Kirche nach dem schrecklichen Geschehen der Shoa endlich aufgewacht und hat ihre Irrtümer eingesehen. Viel Gutes ist seither geschehen im Gespräch zwischen Christen und Juden, im gegenseitigen Kennenlernen.

Und doch stelle ich am heutigen Sonntag die Frage: Ist unser Überlegenheitsempfinden wirklich überwunden? Bei manchen Christen habe ich den Eindruck, dass sie bestimmt nichts Falsches über Juden sagen möchten, dass es ihnen ernst ist damit, und dass sie doch in ihrem Herzen die Juden bedauern. Es gibt Christen, die immer noch denken, im jüdischen Glauben gäbe es z.B. Keine Vergebung. Oder die denken, der jüdische Glaube sei doch so etwas wie eine andauernde Überforderung und Quälerei, die Juden würden denken, sie müssten sinnlose Gesetze einhalten, damit Gott sie liebte. Undsoweiter. O wie blind ist die Kirche, so möchte man da ausrufen! Wie blind ist die stolze ecclesia und merkt es nicht. Eigentlich müsste ein Künstler hergehen, und zwei neue Skulpturen schaffen, die zeigen, wie es wirklich ist.
Ein bildender Künstler hat das bisher nicht getan, aber ein Dichter.

Der Dichter und Pfarrer Albrecht Goes bringt die Gottes Treue zu seiner Synagoge, in einem Gedicht über die beiden Figuren zum Ausdruck:
"Im Abendschatten hört erschrockne Seele,

Dies Bild betrachtend, ein geheimes Lied,

Die Langverstoßne ist die Sehrgeliebte,

Die Blickverhüllte, siehe, die Betrübte;

Sie wartet und sie weiß. Sie ist's die sieht."
Liebe Gemeinde, heute ist Israelsonntag. In der Geschichte der Kirche hat dieser Sonntag eine unrühmliche Vergangenheit. Es war der Sonntag, an dem die Blindheit der Kirche in besonderer Weise zum Ausdruck kam. Er wurde benutzt, um die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und die Trauer darüber als Gericht Gottes über das jüdische Volk zu proklamieren. Die Bußgebete Israels und der prophetische Zorn in den Büchern Israels wurden von der Kirche genommen und zu einer Strafpredigt über Israel gemacht - herausgelöst aus den eigenen Worten und Zusammenhängen. Allzu gerne wurde überhört und vergessen, dass jedes Bußgebet Israels über die eigenen Verfehlungen und Sünden in den Dank für die Errettung und Bewahrung mündet. Und dass jedes Gebet darauf aufbaut, dass Gott ein Gott der Güte und des Erbarmens und der Vergebung ist.

Heute gestalten wir diesen Tag anders. Wir wissen: die Kirche ist nicht an die Stelle des Volkes Israel getreten. Das hätte die Kirche eigentlich schon von Anfang an bei ihrem Apostel Paulus lernen können. Leider ist sie seinen Einsichten über sehr lange Zeit nicht gefolgt.

In den ersten fünf Versen unseres heutigen Predigttextes beginnen die zentralen Kapitel 9-11 im Römerbrief, in denen Paulus über die Beziehung von Juden und Heiden schreibt, die beide von Gott berufen sind. Er schreibt sehr emotional, beteuert, die Wahrheit zu sagen, "in Christus" zu reden, in dem Gottes Liebe bei ihm ist. Er beteuert, nicht zu lügen, ruft sein vom Heiligen Geist geschärftes Gewissen als Zeuge auf. Er redet aus innerster Überzeugung und mit starker persönlicher Anteilnahme. Er bringt tiefste Betroffenheit seiner Person zum Ausdruck. - Worum geht es? Paulus formuliert hier den unerfüllbaren Wunsch, seine Christusbeziehung in die Waagschale werfen zu können, wenn er damit bewirken könne, dass alle seine jüdischen Geschwister Vertrauen zu Jesus als dem Messias fassen könnten. Können wir uns diese Liebe vorstellen? Kennen wir so ein Empfinden, selber auf alle Kostbarkeiten unseres Glaubens verzichten zu wollen, wenn wir dadurch jemandem den Zugang dazu ermöglichen könnten? Diese intensive Liebe eines Juden gegenüber seinen jüdischen Brüdern und Schwestern mag uns Christen einzigartig erscheinen. Sie hat jedoch - wie so vieles im Zweiten Testament einen Vorläufer im Ersten Testament. Kein geringerer als Israels erster Prophet Mose zeigt sich ebenfalls in einem Anflug äußerster Demut und Selbsthingabe vollständig bereit zugunsten seines Volkes auf göttliche Geborgenheit zu verzichten: Er betet: Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast." (2.Mose 32,32)
In der persönlichen Betroffenheit des Paulus bricht an dieser Stelle seine tief sitzende Liebe zu seinem Volk hervor. Tiefer Schmerz und tiefe Sehnsucht. Er möchte, dass diese Worte als Herzensbekenntnis verstanden werden. In der Gemeinde in Rom, will er jüdischen Menschen, die an der Tora hängen, deutlich machen: ihr könntet es auch so sehen wie ich! Es wäre so wunderbar. Ich habe nicht aufgehört, Jude zu sein, seitdem ich an Christus glaube.
Zugleich appelliert er an die anwesenden Heidenchristen, die von ihm selbst empfundene Dankbarkeit und Demut zu verinnerlichen und sich stets bewusst zu halten, dass Gottes Zuwendung zu ihnen sich nur über den Weg seines ersterwählten Volkes vollzieht. (Yuval Lapide)

Liebe Gemeinde - der Wunsch des Paulus ist unerfüllbar, utopisch, soetwas geht nicht. Die Wirklichkeit des Lebens ist oft komplexer als wir wollen. In diesen Jahrzehnten damals ereignet sich mit der Trennung von Synagoge und Kirche ein überaus vielschichtiger Vorgang:
Weil Juden in dem Juden Jesus den Messias erkennen, öffnet sich für die vielen Völker der Welt die Möglichkeit, an den Gott Israels zu glauben.

Weil die Mehrheit des jüdischen Volkes in Jesus nicht den Messias sieht, und zwar aus Treue zur Tora - öffnet sich für die vielen Völker der Welt die Möglichkeit, an den Gott Israels zu glauben.
Diese beiden Sätze scheinen sich zu widersprechen. Das ist auch für Paulus schwer auszuhalten. Doch sie gelten beide. Das entfaltet er in Römer 9-11.

Und er beginnt mit einer Aufzählung der Gaben Gottes, in denen die Gotteskindschaft Israels zum Ausdruck kommt.

Israel ist Gottes Kind, von Gott liebevoll auf seinen Armen getragen (Hosea 11,3)

Ihnen gehört die Herrlichkeit Gottes, die Einwohnng Gottes in der Welt, für sein Volk während der Wüstenwanderung sichtbar in einer Wolke und nachts in einer Feuersäule, später im Tempel gegenwärtig und dann nach Israels Glaube in der gesamten Schöpfung. Die Bundesschlüsse mit Noah, mit Abraham und mit Mose sind ihnen gegeben und nicht aufgekündigt worden. Ihnen gehört die Tora, von der Jesus sagt, er sei gekommen, sie zu erfüllen (Mt, 5,17f). Der Gottesdienst am Tempel und später in den Synagogen ist der Ort, die Gottesgegenwart zu feiern.

Die Verheißungen von Land, Feigenbaum und Weinstock als Sinnbild für den Frieden gehören ihnen; die hundertfach geäußerte und geglaubte Verheißung von Gnade, Liebe und Barmherzigkeit, das Geschenk der Vergebung. Ihnen gehören die Väter, Abraham, Isaak und Jakob, die Mütter natürlich genauso, Sara, Rebecca, Rahel und Lea und ihre eindrücklichen Glaubensgeschichten.

Das alles gehört ihnen und davon wurde ihnen nichts, aber auch gar nichts genommen. Von und mit den meisten dieser Gnadengaben Israels lebt auch die Kirche. Dies darf und soll sie auch tun. Sie soll dabei aber Israel nicht vergessen, sondern sich vergegenwärtigen, dass sie diese Gaben vom Gott Israels und durch Israel hindurch empfangen hat. Mit dem Lobpreis, dass aus dieser siebenfach gesegneten Gotteskindschaft Israels der Christus für die Welt kommt, schließt der Abschnitt.

(Hier könnte der Predigttext enden. Doch die Perikopenmacher haben uns noch vier weitere Verse, herausgerissen aus dem Zusammenhang, gegeben: 10,1-4. Hier wirft Paulus seinen jüdischen Geschwistern die Ablehnung seiner christlichen Toradeutung vor.
Viele verstehen die Argumentation des Paulus folgendermaßen: Zum einen könne Israel das Gesetz nicht erfüllen und zum anderen sei Christus das Ziel, das Ende des Gesetzes. Jüdische Autoren sind entsetzt über diese Paulusinterpretation, die behauptet, Paulus sähe in Jesus den "Abschaffer" der Tora. Yuval Lapide, der Sohn von Pinchas Lapide, stellt anhand mehrerer Beispiele dar, dass es sehr wohl möglich ist, die Tora zu halten. Noah wird als gerechter Mann bezeichnet, denn er lebt mit Gott. Von Abram wird gesagt, er glaubte dem Herrn; und er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.

Ein Mensch ist gerecht, wenn er in enger Verbindung mit seinem Gott sein Leben lebt, sich von ihm unablässig auf seinem Lebenspfad begleitet weiß und im Vollzug dieses Lebensprozesses menschlich handelt. Dabei steht ihm im Falle einer Verfehlung die Vergebung Gottes offen. Die Zedaka, die Gerechtigkeit wird somit zu einem Maßstab des rechten Verhaltens schlechthin. Sie umfasst Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und insbesondere Fürsorge für die Leiden der Armen. In diesem Gebot ist die ganze Tora enthalten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Im Gegensatz dazu verbanden viele Gelehrtenkollegen des Rabbi Paulus von Tarsus mit der Tora ein von ihnen geschaffenes System von Zusatzvorschriften, die das jüdische Alltagsleben bis in die letzte Einzelheit regelten und mit denen sie aus lauter Respekt einen Zaun um die Tora errichteten, damit diese auch wirklich befolgt wird. Die Polemik von Paulus gegenüber der Tora, die wir an manchen Stellen lesen können, gilt der so verstandenen Tora. Auch hat sich Paulus leidenschaftlich dafür eingesetzt, dass die aus den Völkern Hinzugekommenen nicht die jüdische Lebensweise übernehmen müssen: Beschneidung, Speisegebote und Sabbatheiligung. Diese Gebote sind absolut wichtig für die jüdische Identität. Auch für sie wird der Begriff "Tora" - "Gesetz" verwendet. Das müssen die Christusgläubigen nicht befolgen, sagt Paulus. Aber um ein Ende der Tora ging es weder Jesus noch Paulus. Im Gegenteil. Jesus selber sagt: Wenn nicht eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer übertrifft, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen.)

Für Pinchas Lapide stehen in Römer 9-11 zwei gottgefällige Glaubensweisen gleichberechtigt nebeneinander: "der Christusweg der Kirche und der Toraweg des Judentums … Ist unser Gott nicht groß genug, auf dass weder eine Einzahl noch eine Anzahl, sondern eine Unzahl von Wegen Ihn zu erreichen vermag?"

In Römer 11 schreibt Paulus: da durch das jüdische Nein zu Jesus als Messias sich für uns die Möglichkeit öffnete, zu Gott zu kommen, sind die Juden "Feinde um unsretwillen" und bleiben "Geliebte." (Römer 11,28) Friedrich Wilhelm Marquard schreibt: "An Gottes Treue zu Israel hängt die Verheißung seiner Treue auch zur Kirche. Wäre Gottes Bund mit Israel gekündigt, dann hätte die Kirche auf Sand und nicht auf einen Fels gebaut, sie wankte dann in ihren Grundfesten. ... "
Liebe Gemeinde, mittlerweile gibt es wunderbare neue Möglichkeiten der Begegnung. Ich komme gerade von einer Toralernwoche über Abraham, wo jüdische Lehrer mit uns Christen gelernt haben - in Bad Boll. Es war eine beglückende, für beide Seiten tief gehende Erfahrung gemeinsam gesegnet zu sein - auf unterschiedlichen Wegen. Ein jüdischer Lehrer sagte, diese Erfahrung sei „Balsam auf seine Wunden." So kann es auch gehen. Ist das nicht der Weg, den Gott will?


Im Abendschatten hört erschrockne Seele,
Dies Bild betrachtend, ein geheimes Lied,
Die Langverstoßne ist die Sehrgeliebte,

Die Blickverhüllte, siehe, die Betrübte;
Sie wartet und sie weiß. Sie ist's, die sieht.
Amen.



Literatur:
Predigtmeditation von Monika Renninger zum 10.Sonntag nach Trinitatis 2012 in: Für Arbeit und Besinnung 13/2012; Texte von Yuval Lapide
und Michael Volkmann in der Arbeitshilfe für Gottesdienst und Gedenkstunde 2012, hrsg. von Michael Volkmann