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Predigt über Kolosser 4,2-4


gehalten am Sonntag Rogate, 13. Mai 2012 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrer i.R. Martin Bregenzer
Betet beharrlich und feiert aufmerksam das Mahl. Denkt dabei auch an uns, dass Gott uns eine Tür auftue für sein Wort, das Geheimnis von Christus weiter zu sagen, für das ich im Gefängnis bin, dass mir klar wird wie ich es sagen muss.

Es ist üblich, dass am Sonntag Rogate das Beten Thema ist. Im Grunde sollte man darüber keinen Vortrag hören, sondern miteinander reden und sich austauschen. Weil aber das Reden mit Gott zu den sehr intimen Dingen im Leben gehört, wäre dazu viel Vertrauen nötig. Beim Thema Beten spielt nach meiner Erfahrung leider eine große Scheu mit, die uns daran hindert, uns ganz zu öffnen.
Bete ich? Wie oft bete ich? Wie lange? Sind es mehr Stoßseufzer? Sind es richtig formulierte Gebete? Tue ich es in Gedanken oder rede ich laut? Bei welchen Gelegenheiten bete ich? Habe ich feste Zeiten? Hängt es von den Lebensumständen ab? Verwende ich vorformulierte Worte? Rituale und Gesten? Tue ich es persönlich oder nur im Gottesdienst? Wie wurde mein Beten eingeübt? Von Kind auf? Oder durch ein Ereignis, das mein Leben umgekrempelt hat? Habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht bete? Tue ich es zwanghaft oder gerne und spontan?

Es ist gut sich klar zu machen, dass das Beten nichts typisch Christliches ist. In allen Religionen der Welt beten Menschen, wenden sich an Gott, bitten ihn, danken ihm, klagen vor ihm.
Die Rituale dabei sind ganz verschieden vom Falten oder Erheben der Hände bis zum Kniefall der Muslime und den Gebetsfahnen und Mühlen der Buddhisten. Beim Beten stehe ich leer vor Gott und werde mir meiner Abhängigkeit und meines Angewiesenseins bewusst, werde mir bewusst, dass im Grunde alles Geschenk ist. Beten verbindet uns so mit den Menschen aller Religionen der Erde, genauso wie der Glaube an einen Schöpfer des Lebens. Dabei ist der Zweifel ein ständiger Begleiter, vor allem dann wenn wir immer wieder feststellen, dass Gebete nicht erhört werden; dass - wie das die Psalmbeter der Bibel schon beklagen - es Menschen ohne Gott durchaus gut gehen kann und Menschen mit Gott miserabel, dass Menschen, die sehr fest im Glauben stehen und Gott anflehen trotzdem heimgesucht werden durch Katastrophen, Hunger, Seuchen oder Krieg und andere, die zufällig in Regionen der Welt leben, in denen es das nicht gibt glücklich und ihres Lebens froh sind, selbst dann wenn sie nicht beten.

In dem Kriminalroman, den ich zur Zeit lese, hat der ermittelnde Kommissar einen Pakt mit Gott abgeschlossen. Inhalt: Gott muss sich ihm immer wieder beweisen! Er verteilt dann hin und hergerissen zwischen Vertrauen und Zweifeln je nachdem wie es ihm mit dem Gebet ergeht, Minus-Punkte oder Pluspunkte an Gott. Mir ist dabei aufgefallen, dass er, oder wahrscheinlich besser gesagt der Autor des Buchs darauf achtet, dass Gott immer ein bisschen im Plus bleibt. Das ist interessant und zeigt, dass unsre Gebetserhörungen oder Nichterhörungen immer auch damit zu tun haben, wie wir selber gerade gestimmt sind, wie wir die Dinge deuten, die uns widerfahren.

Rogate! Betet! Das klingt nach einer starken Forderung. Das klingt nach einem Befehl. Muss man beten?
In einer früheren Gemeinde hatte ich zu tun mit Menschen, die diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet haben. Ja, man muss. Sie gingen so weit zu sagen, das Beten sei ein Kennzeichen des Christseins. Und sie gingen noch einen Schritt weiter und sagten: Das freie, laute Beten in der Gemeinschaft mit andern Christen sei das Kennzeichen wirklichen, wahren Christseins. Freies Beten sei das Kriterium!
Es gab dann einmal im Jahr, im Januar immer die sogenannten Allianz-Gebetstage, bei denen Mitchristen, die das gerne wollten die Gelegenheit hatten laut und vernehmlich vor andern zu beten. Wer das nicht wollte durfte schweigend dabei sein, musste aber das Gefühl haben, Christ zweiter Klasse zu sein. Das Gefühl, dass Glaube gemessen und beurteilt wird, kam automatisch auf. Das ist kein gutes Gefühl. Ich machte diesen Stil denen zulieb mit, die ihn liebten, hatte aber meine Schwierigkeiten damit, fühlte mich beobachtet, fühlte mich kontrolliert.
Dabei fand ich Trost beim Beten Israels. Israel, dass sich an die fest formulierten Psalmen hält, auf das was sich bewährt hat in Generationen vor uns, auf das was andere vor uns getragen hat
im Leben und im Sterben. Von dem Fulbert Steffensky sagt wir sollten uns weniger nach den großen spirituellen Erfahrungen sehnen als die "Schwarzbrotspiritualität" pflegen und nicht verachten, was sich immer und immer wieder wiederholt und uns geprägt hat und weiter prägt.

Und ich fand Trost bei Jesus. Jesus, der gesagt hatte, wir sollten acht haben auf unsre Frömmigkeit, dass wir sie nicht üben vor andern und wenn wir beten, sollten wir in unser Kämmerlein gehen und zu unserm Gott beten, der im "Verborgenen" sei. Jesus bremst also eher. Und am Kreuz hielt auch er sich an die Psalmen, die fest formulierten Gebete seines Volkes und starb ganz zuletzt mit einem Schrei.

Weiter fand ich Trost bei Paulus. Paulus, der gesagt hat wir wissen nicht wie wir beten sollen wie sich's gebührt und der Geist Gottes selber bete in uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der also der Meinung war, dass es gut ist vor Gott nicht als Meisterbeter und Glaubensheld zu sein, sondern hilflos und schwach sein zu dürfen und eben so vor ihm anerkannt und wert zu sein.

Und ich fand Trost bei Martin Luther. Martin Luther, der im Katechismus formuliert hat, das Gebet sei ein Reden des Herzens mit Gott....Ein Reden des Herzens in erster Linie und nicht ein reden des Mundes. Im Vaterunserlied hat er's wiederholt: "Hilf, dass nicht bet allein der Mund, hilf, dass es geh von Herzensgrund!"

Und jetzt zum Predigttext. Ich lese die Worte noch einmal.

Betet beharrlich und feiert aufmerksam das Mahl. Denkt dabei auch an uns, dass Gott uns eine Tür auftue für sein Wort, das Geheimnis von Christus weiter zu sagen, für das ich im Gefängnis bin, dass mir klar wird wie ich es sagen muss.

Paulus schreibt diese kurzen Sätze am Ende des Briefs an die christliche Gemeinde in Kolossä, unmittelbar bevor er zu den vielen Grüßen kommt, die er ausrichten lässt an Menschen die er dort kennt und die vielleicht seine letzten Grüße sind. Vermutlich hat er den Brief einem Mitarbeiter diktiert und am Schluss eigenhändig unterschrieben. Er ist zusammen mit einem seiner Mitarbeiter in Haft.
Ich empfinde die kurzen Sätze, die heute unser Predigttext sind weniger als eine Anleitung zum Beten als – ganz ähnlich wie bei Jesus am Kreuz – als einen Hilfeschrei aus dem Gefängnis! Vergesst uns nicht! Denkt an uns.
Wenn hier ein Aspekt des Betens thematisiert wird, dann den der Fürbitte. Fühlt mit uns. Lasst uns in Gedanken nicht allein! Es geht uns nicht gut. Paulus macht sich Sorgen, dass vielleicht alles umsonst war. Er möchte so gerne auch im Gefängnis seinen Bewachern gegenüber überzeugend sein. Darum schreibt er: Betet für uns, dass Gott eine Tür auftue für das Wort....Denkt an uns.
Wir wissen alle, dass solches echte beim Andern Sein schwer fällt. Selbst in unsern Gesprächen ist es doch oft so, dass uns das erste beste Stichwort das fällt wieder zu uns selber zurückführt und wir oft danach greifen wie nach einem Strohhalm, weil uns das Reden über die eigenen Probleme so viel leichter fällt als das Einfühlen in die der andern. Und wie gut tut es uns, wenn jemand uns wirklich zuhört, wenn wir davon erzählen was uns beschäftigt oder bedrückt. Darum bittet Paulus ausdrücklich darum. Denkt bei eurem Beten auch an uns. Beim Beten sollen wir nicht nur bei uns selber bleiben, sondern auch bei den Nächsten und Fernsten sein.

Das kann auch uns den Blick öffnen für das Elend um uns herum und weltweit. So wie die Christen in Kolossä an die Fesseln des Paulus denken sollten, so wir auch an die Fesseln all derer, die heute gefangen sind, unterdrückt, gebeutelt und gefoltert, wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihres Glaubens, wegen ihrer politischen Überzeugung, ihrer Herkunft, ihrer Volkszugehörigkeit. Ihr Schrei nach Freiheit soll stellvertretend in unsern Gebeten mitschwingen. Sie rufen uns wie Paulus den Kolossern zu: Denkt auch an uns.

Vielleicht können das wirklich die einen besser als die andern. Für mich gehört das Beten zu den Gaben. Wers nicht gern tut oder kann, kann etwas anderes gut. Leer ausgegangen an Begabungen ist bei Gott niemand.
Beten muss man nicht. Man darf es. Einfach weil es uns selber gut tut. Weil es unser Grundvertrauen auf Gott stärkt. Weil es uns das Gefühl gibt: Gott ist bei mir, ist mit mir. Ich bin nicht allein. Ich bin mit meinen Lasten nicht vergessen. Das ist kein Zwang. Das ist ein Angebot, eine Möglichkeit. So hat's dem Paulus gut getan – das Wissen – andere denken an mich, wissen um mich. So hätte es Jesus gut getan, wenn in Gethsemane die drei Jünger bei ihm nicht eingeschlafen wären, sondern mit ihm gewacht hätten.
Beten, das ist für mich Leben im Grundvertrauen, dass Gott da ist. Erinnern wir uns noch einmal an die Lesung, die wir vorhin hörten aus Luk. 11 vom bittenden Freund.: Wenn schon ihr euren Kindern gute Gaben geben könnt, sagt Jesus dort, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel euch – bei Mt. heißt es Gutes geben – bei Lukas heißt es "den heiligen Geist geben", also nicht unbedingt genau das was wir erbeten haben, sondern die rechte innere Kraft geben. Das feste Vertrauen. Jesus hatte dieses Grundvertrauen. Darum nannte ihn Dorothee Sölle den glücklichsten Menschen, den Menschen, der sich wie kein anderer von Gott geliebt wusste. Oder wie der ehemalige Papst Johannes der XXIII sagte: "Gott weiß, dass ich da bin. Das genügt mir."
Lassen Sie uns – was auch kommt - versuchen, mit solchem Grundvertrauen in den Sonntag und in die neue Woche gehen!