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Predigt über Johannes 20,19+20

gehalten an Quasimodogeniti, Sonntag, 1. Mai 2011 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrer Dr. Hans-Christian Kammler
Als Predigttext hören wir zwei Verse aus der Ostergeschichte des Johannesevangeliums (Joh 20,19+20):

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
20Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

I
Kein Wort in diesen beiden Versen, das nicht von Bedeutung ist. Kein Wort, das nicht von uns spricht und uns angeht. Denn in diesen zwei Versen, liebe Gemeinde, ist das ganze Osterevangelium enthalten, das den Sieg über die Macht des Todes verkündigt und preist. Das ganze Osterevangelium – enthalten in einem Gruß: „Friede sei mit euch!“ – und enthalten in einer Geste, die die Furcht der Jünger schlagartig in Freude verwandelt: „Er zeigte ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.“ Mehr als dieses Grußes und dieser Geste bedurfte es nicht, um aus zutiefst verzagten, ja erschütterten Menschen frohe und gewisse Zeugen der Auferstehung Jesu zu machen. Warum? Warum genügte das: dieser Gruß und diese Geste? Nun, schlicht deshalb, weil es sich bei diesem Gruß und dieser Geste um den Gruß und die Geste des Auferstandenen handelt. Der Auferstandene selbst tritt mitten unter seine Jünger und erweist sich ihnen als der Lebendige, als der Sieger über die Macht und Gewalt des Todes.

II
Ob wir das wohl beim Hören des Predigttextes gemerkt haben, wie hier alles Handeln von Jesus ausgeht? Er kommt zu seinen Jüngern – durch verschlossene Türen wohlgemerkt. Er tritt mitten unter sie. Und er spricht das lösende, ja das erlösende Wort: „Friede sei mit euch!“ Alle Aktion liegt bei ihm. – Und die Jünger? Sie haben sich zurückgezogen, haben die Türen verschlossen, gleichsam äußerlich und innerlich die Jalousien heruntergelassen. Sie sind gefangen in ihrer Furcht, gelähmt von Angst und Entsetzen – zum Handeln und Denken unfähig. Und eben genau diese innere und äußere Situation wird durch das Kommen Jesu radikal verändert, so dass Jesus im unmittelbaren Anschluss an unseren Predigttext zu seinen Jüngern sagen kann: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Durch das Kommen Jesu werden die Jünger in Bewegung gesetzt und zu Zeugen des Auferstandenen. Das aber heißt: Der Osterglaube, der Glaube an den auferstandenen Jesus als den Überwinder des Todes, der Glaube an ihn als das Licht der Welt, beruht nicht auf einem plötzlichen Entschluss oder Einfall seiner Jünger. Nein, dieser Glaube verdankt sich einem Widerfahrnis von außen: einer leibhaftigen Begegnung mit dem auferstandenen Christus selbst. Der Osterglaube kommt nicht aus dem verzagten Herzen der Jünger, sondern er kommt in diese verzagten Herzen hinein und verwandelt sie von Grund auf – eben dadurch, dass Jesus sich selbst zeigt und mit den Seinen spricht. Kurz: Nicht die Osterbotschaft verdankt sich dem Osterglauben, sondern umgekehrt der Osterglaube verdankt sich der Osterbotschaft – so bei den ersten Jüngern am Ostermorgen und so auch bei uns, liebe Gemeinde.

III
Wie aber lautet die Osterbotschaft? Sie besteht nur aus einem ganz kurzen Satz, einem Gruß, der im Urtext nur zwei Worte umfasst: „Friede sei mit euch!“ Dieser Satz aber hat es in sich. Denn „Friede sei mit euch“ heißt nun – im Munde des Auferstandenen – mehr, unendlich viel mehr als der gewöhnliche jüdische Gruß: „Schalom!“ Es ist jetzt nicht mehr der gut gemeinte, aber letztlich doch ohnmächtige Wunsch, mit dem jemand einem anderen Gutes wünscht, ohne es selbst bewirken zu können. Im Munde des Auferstandenen sind die Worte: „Friede sei mit euch!“ vielmehr der wirkmächtige Zuspruch dessen, der durch seinen Tod den Tod überwunden und Frieden mit Gott geschaffen hat. Indem Jesus zu seinen Jüngern und auch zu uns heute Morgen sagt: „Friede sei mit euch!“, nimmt er uns mit hinein in jenen Raum des Heils und des Friedens, den er durch seinen Gang an das Kreuz eröffnet hat. Jesus teilt mit diesem Gruß gleichsam die Frucht seines Leidens und Sterbens aus. Er spricht uns zu, dass sein Sterben „für uns“ geschah, dass wir durch seinen Tod und seine Auferstehung mit Gott verbunden sind – unlöslich und unwiderruflich bis in alle Ewigkeit. Und er schreibt uns auf den Leib, dass nicht einmal der Tod mehr die Macht hat, uns von Gott und seiner Liebe zu trennen. Denn: Christus selbst, der für uns gekreuzigte und auferstandene Gottessohn, ist „unser Friede“, der Friede Gottes in Person. So sagt es der Verfasser des Epheserbriefes (Eph 2,14). Und Paulus selbst formuliert es in Römer 5,1 so: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Der am Kreuz gestiftete Friede umschließt Himmel und Erde, umfasst Tote und Lebende, umgreift Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mehr kann es nicht geben. Insofern enthält der österliche Friedensgruß nicht weniger als das ganze Evangelium!

IV
Blicken wir nun auf die Geste: Wie der auferstandene Christus am Ostermorgen den Seinen den Frieden des Kreuzes zuspricht, so gibt er sich ihnen an seinen Kreuzesmalen und an seiner vom Lanzenstich durchbohrten Seite zu erkennen: „Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.“ Der Auferstandene – heißt das – ist und bleibt der Gekreuzigte. Er wird seine Wundmale – seine für uns erlittenen Wundmale – nicht los. Auch als der Auferstandene nicht.

Warum aber ist das – ausgerechnet das – der Grund für die Freude der Jünger? „Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.“ Wäre es nicht viel verständlicher, wenn das Sterben und der Tod Jesu am Kreuz durch seine Auferstehung durchgestrichen und von Gott und also von höchster Stelle annulliert würden, wenn der Karfreitag durch den Ostersonntag aufgehoben würde und dem Vergessen anheimfiele? Warum ist es dem Evangelisten Johannes und den anderen Zeugen des Neuen Testaments so wichtig, dass Jesus auch und gerade als der Auferstandene seine Kreuzesmale trägt? Warum?

Ich will versuchen, auf diese gewichtige und schwierige Frage eine möglichst einfache Antwort zu geben. Dass Jesus das Kreuz nicht einfach – einer Episode gleich – hinter sich hat und hinter sich lässt, ist um unsret- und unseres Heiles willen unendlich wichtig. Denn dadurch ist entschieden, ein für allemal entschieden, dass Gott selbst uns Menschen nicht mehr los wird und nicht mehr loslässt – uns Menschen, deren Sünde und Schuld Gott selbst in Jesus Christus an seinem eigenen Leibe durchlitten und zu seiner eigenen Sache gemacht hat. So wenig der Auferstandene seine Wundmale los wird und loshaben will, so wenig wird Gott uns Menschen los und will er uns loswerden. In seinem Sohn Jesus Christus hat Gott sich vielmehr unlöslich und unwiderruflich mit unserem Fleisch und Blut verbunden, so dass er ewig nicht ohne uns – nicht ohne dich und ohne mich – sein will. Er trägt uns gewissermaßen kraft seiner Menschwerdung und seiner Kreuzigung an seinem Leibe, und er bringt uns am Ostermorgen als der leiblich von den Toten Auferstandene zu Gott. Mag es auch eine Gottlosigkeit des Menschen geben, ein unbedingtes Nein des Menschen zu seinem Schöpfer und Erlöser, so gibt es doch aufgrund der Geschichte Jesu Christi keine Menschenlosigkeit Gottes, kein ewiges Nein, sondern nur ein ewiges Ja. Dafür steht der Name Jesus Christus, und dafür stehen die Wundmale, die er auch als der Auferstandene trägt.

V
Ostern, liebe Gemeinde, bedeutet also nicht die Durchstreichung des Karfreitags, sondern die Offenbarung seines wahren Sinns. Es bedeutet nicht die Aufhebung des Kreuzes, sondern die Enthüllung seines ewigen Gewichts. Das Kreuz ist der Ort, an dem der gekreuzigte Christus nach uns greift und uns zu sich zieht. Weil das gewisslich wahr ist, deshalb kann er hier und heute als der Auferstandene mitten unter uns treten und uns zusprechen, was er am Ostertag seinen Jüngern zugesprochen hat: „Friede sei mit euch!“ Was sollen und können wir da anderes tun, als uns über diesen Friedensgruß von Herzen zu freuen und mit unserem Munde in das österliche Christusbekenntnis einzustimmen, das der Apostel Thomas uns vorgesprochen hat: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28) Denn: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Amen.