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Predigt über Lukas 24,36-47

gehalten an Ostersonntag und Ostermontag, 24./25. April 2011
in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche und Stephanuskirche in Tübingen
Pfarrerin Angelika Volkmann

Liebe Gemeinde,

wie gut ist es, wenn Menschen miteinander reden können! Besonders, wenn etwas Schlimmes geschehen ist. Wenn man sich gegenseitig umarmen und trösten kann; wenn man gemeinsam versucht, das Geschehene zu verkraften. Denn sonst nistet sich der Schrecken in der Seele ein und setzt sein zerstörerisches Wirken fort. Da ist menschliche Gemeinschaft so notwendig!
Der Evangelist Lukas erzählt, dass die Freunde Jesu nach dessen Tod miteinander reden. Die beiden, die nach Emmaus gehen, reden intensiv miteinander, erkennen den Unbekannten, der sich ihnen anschließt zunächst nicht, beruhigen sich aber im Gespräch mit ihm, als er ihnen aus der Bibel heraus begründet, warum dieser Tod nötig war. Beim Brechen des Brotes am Abend erkennen sie ihn und kehren voller Freude um.
Nun sind sie angekommen in Jerusalem bei den Zwölfen, die auch beieinander sind und reden. Eine Achterbahn der Gefühle hat sie im Griff: sie trauern um den unvermuteten großen Verlust - es war doch alles noch ganz und gar nicht abgeschlossen! Wie sollte es weitergehen? Sie machten sich bittere Vorwürfe, nicht genau hingehört zu haben, ihn im Stich gelassen und verleugnet zu haben. Sie hatten Angst. Sie hatten die entsetzlichen Bilder des gewaltsamen Sterbens vor Augen und wurden sie nicht los. Der Spott, dem Jesus ausgeliefert war, stach in ihrer Seele. Und dann war da auch Wut: Warum war Jesus nichts eingefallen, das zu vermeiden! Warum hatte er sie verlassen! Und dann erzählen einige Frauen und auch Petrus und jetzt die Emmausjünger, er sei nicht tot, er würde leben! Das war ja der nächste Schock. Noch nicht einmal auf den Tod ist Verlass!
Ja liebe Gemeinde, Ostern ist nicht harmlos und idyllisch. An Ostern gibt es Freude nur in Verbindung mit Erschrecken und Furcht.
Sie sind beieinander und drehen sich im Kreis und finden keinen Ausweg. Und da, wer weiß, wie lange er da schon ist, plötzlich sieht es einer, die anderen reden noch durcheinander und der nächste sieht ihn, hält die Luft an – – – ist er es?? Oder doch nicht? Da ist doch Jesus! Sehe nur ich ihn? Sehen die anderen das auch? Jemand schreit vor Entsetzen - also bin es nicht nur ich, der ihn sieht, noch jemand schreit, alle verstummen. Ist das ein Geist?
"Friede sei mit euch!" so ist auf einmal eine wohlvertraute Stimme zu hören und, sehr liebevoll: Was seid ihr so erschrocken und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und Füße; ich bin's selber. Tatsächlich, sie sehen es, er ist es wirklich, niemand anderes, und er hat seinen eigenen Leib mit den Nägelmalen, keinen gespenstischen Leib. Das Chaos der Gefühle, die jeden Rahmen sprengen, ist komplett. Lukas bringt es auf die eigentümliche Formel: "Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude ..." Gibt es das? Nicht einmal auf den Tod ist mehr Verlass! Welten stürzen ein, nein Welten brechen auf - zu schön, um wahr zu sein? Verstand und Gefühl sind nicht in Einklang zu bringen. Und um seine Gegenwart vollends zu bekräftigen, lässt sich der Auferstandene gebratenen Fisch vorlegen und verspeist ihn vor aller Augen. Dabei bleibt die Grenze zwischen der "alten Welt" und der "neuen Welt" gewahrt - ein gemeinsames Essen gibt es nicht, ein "Zurück" in die Zeit vor seinem Tod gibt es nicht, sowenig wie an dem zurückliegenden Abend in Emmaus.
Wie sollen sie das alles begreifen? Und was soll jetzt kommen?
Liebe Gemeinde, das Ostergeschehen ist so ungeheuerlich, dass es einer großen Erklärung bedarf. Dafür muss es eine göttliche Erklärung geben. Und auch dann bleibt es ein Geheimnis.
Und Jesus erklärt. Die Freude unter den Jüngern und die Gewissheit über die Auferstehung kommt auf, als sie seinen Worten zuhören. Er erklärt aus der Bibel, so wie bei den Emmausjüngern auch. Alle drei Teile der hebräischen Bibel werden hier genannt: die Tora, die Propheten und die Psalmen. Was gäben wir darum, hätten wir hier zuhören können! Ob Jesus bei der Schöpfung angefangen hat, beim Gott des Lebens, ob er die Rettung der Welt vor der Sintflut erwähnt hat, die Befreiung Israels aus Ägypten, die Bewahrung Jonas, der drei Tage im Bauch des Fisches war; ob er das Schicksal derer im babylonischen Exil erwähnt hat und ihre nicht mehr für möglich gehaltene Heimkehr nach Jerusalem, und ob er die geheimnisvolle Gestalt des Gottesknechts erwähnt hat, der Schande und Entstellung erleiden muss, unschuldig, für andere, und dadurch Heilung bewirkt - und dem auch von Gott völlige Wiederherstellung und neues Leben geschenkt wird .... wir können es nur ahnen.
Die ganze hebräische Bibel, usner Altes Testament, birgt eine Fülle von Geschichten, von Lebensgeschichten, bei denen gott seine Menschen durch größtes Leid hindurch begleitet, ihnen die Treue hält und ihnen am Ende neues Leben schenkt:
Der Glaube an die Auferstehung, der Glaube an die kommende Welt wurzelt im Judentum - da hat Jesus schon zu Lebzeiten den Pharisäern gegen die Sadduzäer Recht gegeben. Nun hilft er den Seinen, zu einem ersten Begreifen durchzudringen und zu erfassen: hier bricht Gottes neue Welt ein in unsere Vergängliche! Und wir sind Zeugen! Der Tod ist überwunden! Heilung und Trost und Versöhnung sind bei Gott möglich in jeder Situation! Und das sollen wir jetzt der ganzen Welt verkündigen. Was hier geschehen ist und was seinen Mutterboden in der Geschichte Israels hat, muss der ganzen Welt gesagt werden. Ja, da kommt sogar Jubel auf, ein neuer Weg zeichnet sich ab, neue Aufgaben, neue Verantwortung, neuer Sinn, neue Freude.
Liebe Gemeinde, verheißen ist uns allen eine leibliche Auferstehung in Gottes neuer Welt. Der Tod ist nicht das Ende sondern Gott ruft uns in neues Leben. Gott nimmt uns ernst als einmalige Persönlichkeiten mit einer je eigenen Geschichte. Gott geht nicht vorbei an unseren Verletzungen und den Brüchen in unserer Biographie, deren Spuren an uns in der kommenden Welt noch zu sehen sein werden. Jeder erdenkliche Schmerz in der Welt betrifft Gott. Er teilt ihn mit uns und überwindet ihn für uns und wird uns mit seiner Hand unsere Tränen abwischen. Das macht uns schon jetzt ein Stück weit unverwundbarer, mutiger, leidenschaftlicher, getrösteter. Wir sind - wie Marie-Luise Kaschnitz es meisterlich in Worte fasst - gleichsam "vorweggenommen in ein Haus aus Licht." Gesegnete Ostern! Amen.