DBK Startseite    Zurück

Predigt über Markus 14,17-25


gehalten an Gründonnerstag, 21. April 2011 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrer i.R. Martin Bregenzer Anläßlich der Ausstellung Bin ich's Das letzte Abendmahl Leonardo da Vincis und seine Wirkungsgeschichte.
Markus 14,17-25:
„Am Abend kam Jesus mit den Zwölfen. Und als sie zu Tisch waren und aßen, sprach Jesus: “Wahrlich ich sage euch: einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“
Da wurden sie alle traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: „Bin ich's?“ Jesus antwortete und sprach: „Einer von den Zwölfen, der mit mir die Hand in die Schüssel taucht.“
Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und
brach' s, und gab's ihnen und sprach: „Nehmet! Esset! Das ist mein Leib.“
Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den. Und sie tranken alle daraus. Und er sprach: “Das ist mein Blut des neuen Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich hinfort nicht trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, an dem ich's neu trinke im Reich Gottes.“


Liebe Gemeinde,
Leonardos Bild ist wie ein Schnappschuss, den wir mit dem Fotoapparat machen. Einen ganz bestimmten Augenblick der Geschichte vom letzten Abendmahl wollte er festhalten.
Er hat eben nicht wie viele Maler vor ihm es getan haben, den Augenblick gemalt, in dem Jesus seinen Verräter entlarvt hat. Immer wieder wurde es vor Leonardo so gemalt. Viele Maler setzten den Judas alleine und von den andern Jüngern isoliert – als gehöre er gar nicht mehr zu ihnen – als Einzigen auf die andere Seite des Tischs, während Jesus ihm mit einer weit ausholenden Armbewegung den berühmten Bissen über den Tisch reicht - so dass kein Zweifel ist: der ist der Böse und kein anderer. Andere Maler zeigten den Judas in dem Augenblick wo er den Raum verlässt, oder sie gaben ihm einen schwarzen Heiligenschein, oder geben ihm als einzigem gar keinen Heiligenschein, oder lassen einen kleinen Teufel aus seinem Mund herauskommen, sodass einfach klar ist: dieser eine ist der Böse. So wurde Judas verteufelt und eignete sich künftig als Projektionsfigur für alles Böse.
Nicht so bei Leonardo da Vinci. Da hat kein einziger Jünger einen Heiligenschein – bei Leonardo hat nicht einmal Jesus einen – es sind Menschen wie du und ich. Judas sitzt – der vierte von links –
ein wenig nach hinten gebeugt mitten in der Gemeinschaft der Jüngerschar und feiert nach dem Bericht des ältesten Evangeliums, nach Markus das Abendmahl in der Gemeinschaft der andern mit. Beim jüdischen Passahmahl tauchen alle ihr Brot zum Zeichen der Zugehörigkeit zum Gottesvolk in die gleiche Schüssel mit Bitterkräutersoße ein, und so weist Jesus bei Markus eben auf keinen bestimmten Jünger, wenn er sagt: „Einer, der mit mir isst; einer der mit mir die Hand in die Schüssel taucht.“ Denn das taten sie ja alle. Er lässt die Antwort also bewusst offen.

Leonardo malte auch nicht der Moment, in dem Jesus Hostie und Kelch hochhält und das Sakrament einsetzte. „Nehmt, esst, mein Leib, mein Blut für euch!“ Viele andere Maler vor Leonardo haben nämlich diesen Augenblick dargestellt. Auch dieser ist es bei Leonardo nicht. Jeder der Jünger und auch Jesus selber hat seinen eigenen kleinen Becher aus Glas – heute würden wir sagen „Einzelkelche“ – vor sich stehen. Und die Brote, die kleinen „panini“ sind ebenfalls gleichmäßig auf dem Tisch verteilt. Links ein Teller mit Fisch, rechts eine mit Lamm. Ein ganz normales Abendessen. Welcher Augenblick ist es dann?

Die Jünger sind in heller Aufregung, die Gestik ihrer Hände spricht eine beredte Sprache. Kunstforscher haben sogar herausgefunden, dass durch das ganze Bild, die Hände, die leider nicht mehr sichtbaren Beine, die Falten der Gewänder Wellen laufen, ähnlich Meereswellen um die gespannte Unruhe zu unterstreichen. Eine ungeheure Bewegung, die Jesus durch seine Worte auslöst und die wie Schockwellen, wie ein Tsunami von Jesus ausgehend nach links und rechts durch die Jüngerschar geht. Leonardo wollte genau den Moment festhalten, nachdem Jesus gesagt hatte „einer unter euch wird mich verraten“ und die Jünger in heller Aufregung sind. Den Augenblick in dem die Jünger reagieren auf die Ankündigung des Verrats. Leonardo rückt also die unverhüllten Emotionen der Feiernden in den Mittelpunkt. Rainer Maria Rilke vergleicht die Worte Jesu in einem seiner Gedichte sehr treffend mit einem
Gewehrschuss, der Vögel von der Körnersuche aufschreckt. Wie wild flattern sie durcheinander.
(Gedicht s. unten)

Betrachten wir das Bild von links nach rechts: Bartholomäus ist vom Platz aufgesprungen: “Habe ich richtig gehört?“ Jakobus der Jüngere legt Petrus die Hand auf die Schulter, stößt ihn an. Andreas macht eine abwehrende Handbewegung: „Nein! Das gibt's nicht!“ Petrus – hinter Judas – in der rechten Hand einen Dolch beugt sich zu Johannes hinüber und legt ihm die Hand auf die Schulter: “Hat er das wirklich gesagt?“ Johannes ganz ruhig, verträumt, während sich Judas vor ihm erschrocken nach hinten beugt.
Rechts von Jesus streckt Thomas den Finger in die Höhe. Leonardo hatte sich auch mit der Taubstummensprache befasst. Da bedeutet das „Gott“ oder „Himmel“. „Um Gottes Willen! Um Himmels willen!“ Vor ihm Jakobus der Ältere mit ausgebreiteten Armen: „Ich fass es nicht!“ Der nächste, Philippus greift sich an die Brust: „Du meinst doch nicht mich? Matthäus schaut zu Judas Thaddäus und Simon Zelotes, weist mit beiden Armen auf Jesus zurück: “Was meint ihr dazu?“ Die beiden letzten gestikulieren ratlos. Alles redet durcheinander. Aufgescheuchte Vögel...

Ich habe vorhin den Bericht vom letzten Abendmahl nach dem Evangelisten Markus gelesen, obwohl er in allen vier Evangelien steht. Es ist uns überliefert, dass in einer Zeit, in der nur Theologen die Bibel besaßen, Leonardo da Vinci sich eine Bibel besorgt hat und sich genau mit den Texten beschäftigt hat. Nach meinem Gefühl passt Markus am besten zum Bild Leonardos. Bei Johannes entlarvt Jesus seinen Verräter, indem er ihm einen Bissen Brot reicht. Bei Matthäus fragt Judas selber, ob er gemeint sei und Jesus bestätigt es ihm. Bei Lukas gibt es erregte Debatten unter den Jüngern darüber, wer es wohl sei. Nur bei Markus bleibt alles offen. Die Jünger fragen "Bin ich's?" und jeder traut es sich zu.
Leonardo bricht völlig aus der damaligen gewohnten kirchlichen Tradition aus. Nicht den heiligen Augenblick der Einsetzung des Sakraments und nicht den moralischen Augenblick, in dem Jesus den Verräter entlarvt, hat Leonardo dargestellt, sondern den zutiefst menschlichen Augenblick, wo die Freunde auf die Ankündigung des Verrats reagieren, wo es sich jeder zutraut oder zumindest jeder verunsichert ist, wo keiner letztlich die Hand für sich ins Feuer legt, wo sich keiner ganz sicher ist wen Jesus meint, wo jeder betroffen ist, wo jeder klein wird und über sich selbst erschrickt. Niemand will es sein, aber jeder könnte es sein. Du und ich – wir hätten es sein können, potenzielle Verräter wir alle. Verrat liegt in der Luft. Das Böse ist in allen, in jeder und jedem.

Leonardo hat auf der Suche nach seinen Modellen für die Gesichter der Jünger die übelsten Slums von Mailand durchstreift. Keine Idealgestalten, keine eindrucksvollen Leute wollte er malen.
Vor einigen Jahren erschien in Spanien ein Kriminalroman, in dem der Verfasser, Javier Sierra sogar die These vertritt, Leonardo habe sich in dem zweitletzten, Judas Thaddäus, selber dargestellt. Er gleicht Leonardos Selbstbildnissen in der Tat sehr. So hätte sich Leonardo – selbstkritisch, wenn das stimmt – selber mit an den Tisch gesetzt, als potenziellen Verräter wie Du und Ich. Leonardo hat selber in seinem Leben mehrfach erfahren, was Verrat anrichtet und wozu Menschen fähig sind.

Nur ganz zart – als Zugeständnis an die damalige Lehre der Kirche - hat der Maler den Judas als Verräter angedeutet. Die linke Hand des Judas und die rechte Hand von Jesus stehen abwehrend gegeneinander. Oder suchen sie einander gar? Judas, den Geldbeutel in der Hand, stößt in der Aufregung ein kleines Salzfässchen um – Unglückszeichen. Trotzdem sitzt Judas bewusst mittendrin.
Und Jesus sitzt ruhig, gelassen – wie eine „Dämmerstunde“, sagt Rilke, in der Mitte, wissend, ohne Illusionen: Mit euch feiere ich, obwohl ich weiß, dass da nicht nur ein Verräter sitzt, sondern auch
ein Verleugner, ein Zweifler, obwohl ich weiß, dass drei von euch nicht mit mir wachen werden, obwohl ich weiß, dass ihr fliehen werdet, wenn's hart auf hart geht. Dieses Bild – 4,5 auf 9 Meter im Original, also 38 m² - zierte die Wand im Speisesaal eines Klosters und die Mönche sahen während ihrer Mahlzeiten jeden Tag ein paar mal diese riesige Szene, diesen Augenblick und mussten sich damit auseinander setzen und sich fragen: Und ich? Wie hätte ich es gehalten? Die Mönche - das waren nach damaliger Auffassung die Frömmsten, die Gehorsam, Armut und Keuschheit gelobt hatten, die verzichteten auf die Freuden des Lebens um Gott besonders nah zu sein. Diesen Frömmsten hält Leonardo hier einen Spiegel vor und setzt sich vermutlich selber mitten unter sie. Unter meinen Abendmahls-Variationen ist auch eine, vom Stuttgarter Kirchentag 1999 - auf der statt der 12 Apostel nur 12 Spiegel zu sehen sind. Wer diese Fassung des Abendmahls betrachtet, schaut in den Spiegel und sieht sich selber an! Auch ich könnte Judas sein.
Doch die linke geöffnete Hand von Jesus, die gebende Hand lädt alle ein. Auch dadurch, dass Leonardo die vordere Tischseite leer gelassen hat, lädt er mit seinem Werk ein, sich in Gedanken auf die andere Tischseite zu setzen und mitzufeiern. Da hat jede und jeder Platz. Da steht keine und keiner mehr über oder unter den andern, sondern alle kommen auf die gleiche Ebene in Augenhöhe! Denn:
Nicht mit Vollkommenen, nicht mit Reinen, Fehlerfreien, Sündlosen und Gerechten feiert Jesus, sondern mit unvollkommenen Menschen wie dir und mir . Menschen die fähig sind zu Verrat, Feigheit, Anpassung, Zweifel, Menschen mit Masken, Menschen mit kleinem Glauben, Menschen, die nie fertig sind, sondern ein Leben lang unterwegs. Menschen, die in ihrem Leben nichts anderes fertig bringen als „Stückwerk“ – „Unser Wissen ist Stückwerk", sagt Paulus. Und Jesus schickt keinen weg, trotz des Stückwerks, auch den Judas nicht – der geht selber. Wir können selber weggehen, aber weggeschickt wird von diesem Tisch keine und keiner. So wie wir sind, sind wir eingeladen.
Wir alle haben beides in uns – das Gute wie das Böse.
Wir feiern nicht Abendmahl miteinander, weil wir so gut sind. Wir feiern Abendmahl miteinander obwohl wir so unvollkommen sind. Dennoch angenommen, obwohl alles an uns so unfertig und so vorläufig ist. So akzeptiert er uns, baut seine Kirche auf uns, die Unvollkommenen und sagt: lasst es euch so gefallen! Bei Johannes wäscht er ihnen sogar noch die Füße, er der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.
„Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr euch untereinander liebt wie ich euch geliebt habe“. Diese immer wieder wiederholte Geste des Empfangens und Weitergebens bei der Mahlfeier soll uns prägen, soll uns fähig machen, andere so anzunehmen wie sie sind , weil wir von Gott selber jeden Tag so angenommen werden, wie wir sind.
Amen


Gedicht von Rainer Maria Rilke

Sie sind versammelt, staunende Verstörte,
um ihn, der wie ein Weiser sich beschließt
und der sich fortnimmt, denen er gehörte
und der an ihnen fremd vorüberfließt.
Die alte Einsamkeit kommt über ihn,
die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln;
nun wird er wieder durch den Ölwald wandeln,
und die ihn lieben, werden vor ihm flieh' n.
Er hat sie zu dem letzten Tisch entboten
und (wie ein Schuss die Vögel aus den Schoten
scheucht) scheucht er ihre Hände aus den Broten
mit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her;
sie flattern bange durch die Tafelrunde
und suchen einen Ausgang. Aber er
ist überall wie eine Dämmerstunde.