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Predigt über 1.Kor 15,35-38.42-44a

gehalten am Totensonntag 21. November 2010 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrerin Angelika Volkmann

Es könnte aber jemand fragen:
Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen?
Du Narr: was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.
Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll,
sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.
Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will,
einem jeden Samen seinen eigenen Leib.
So auch die Auferstehung der Toten.
Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit.
Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft.
Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.


Liebe Gemeinde,
heute bringen wir gemeinsam die Kraft auf unserer Toten zu gedenken, den Menschen, denen wir in Liebe verbunden sind und die uns vorausgegangen sind in die Ewigkeit. Für jede und jeden haben wir eine Kerze angezündet. Sie alle leuchten auf dem Altar. Wir erinnern uns ihrer. Sie haben einen bleibenden Platz in unserem Herzen.
Und wir glauben, dass Gott sie aufgenommen hat in sein Haus aus Licht. Das tröstet uns, dass sie bei Gott sind.
Und doch vermissen wir sie sehr schmerzlich. Wir suchen sie. Die Frage treibt uns um, wo sie denn eigentlich sind, unsere Lieben?

„Wo ist sie jetzt? Wo ist Sara jetzt? Meine Frau!“ Mit großen Augen schaut der junge Witwer über den Tisch zu seinem Freund. Er ist zu Besuch zu ihm gekommen. „Kannst du mir sagen, wo sie ist?
Sie ist nicht mehr da, das Bett neben mir ist jeden Morgen leer. Ich horche nach den Geräuschen, die mir sagen, dass sie schon auf ist – aber nein, die ganze Wohnung ist still.
Ich will nach ihr greifen, sie an mich drücken, aber meine Arme greifen ins Leere. Grausam. Ich gehe durch alle Zimmer – sie sind leer. Ich gehe nach draußen. Es ist leer. Ich gehe durch den ganzen Tag – er ist leer von morgens bis abends.
Ich will sie wiederhaben, verstehst du? Ich will sie finden. Ihren Namen rufen. Sie sehen. Nach ihrer Hand greifen ...“ Unvermittelt bricht er ab, lehnt sich zurück, schließt die Augen, schweigt.

Would you know my name, if I saw you in Heaven?
Would it be the same, if I saw you in Heaven?


Eric Claptons fünfjähriger Sohn ist aus dem Fenster eines Hochhauses gestürzt. In dem Lied „Tears in Heaven“ singt er seinen Schmerz darüber aus sich raus.

Würdest du mich erkennen,
wenn ich dich im Himmel sehen würde?
Wäre es wieder wie früher,
wenn ich dich im Himmel sehen würde?
Würdest du nach meiner Hand greifen,
wenn ich dich im Himmel sehen würde?


Vielleicht zweifeln wir gar nicht an der Tatsache der Auferstehung.
Was uns umtreibt ist viel mehr die Frage: wie wird es sein?
Werden wir all das nachholen, was wir versäumt haben?
Wird uns wieder zurückgegeben werden, was uns genommen wurde?
Was ist mit den Bruchstücken unseres Lebens? Wird Gott sie zusammenfügen?
Werden wir jemals wieder unbeschwert lachen können?

Damals in Korinth gab es Zweifel an der Auferstehung.
Hartnäckig fragten die Menschen nach: Wie werden die Toten auferstehen? Was für einen Leib werden sie haben? Manche fragten so, weil sie's nicht glauben konnten, dass die Toten auferstehen werden, manche fragten, weil sie es sich vorstellen wollten, wie das sein wird, wenn die Toten auferstehen.

Paulus sagt: die Auferstehung übertrifft all unsere Erwartungen! Unser irdisches Leben ist wie das Weizenkorn, das ausgesät wird – die Auferstehung ist wie die Ähre, die im Wind wogt. Sie sieht ganz anders aus als das Korn und sie trägt viele neue Körner in sich. Das macht Gott durch seine Schöpferkraft! Der Mensch stirbt wie das Korn. Er stirbt ganz und gar, mit Haut und Haar, mit Seele und Geist – und Gott schenkt ihm einen neuen Leib, der unsere Vorstellungen übersteigt.
Die Auferstehung übertrifft all unsere Erwartungen!

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Paulus sagt: Alles steht und fällt mit der Auferstehung Jesu Christi. Ist Christus nicht von den Toten auferstanden, dann ist unser Glaube umsonst. Aber er ist auferstanden – Paulus selbst hat es erlebt, damals vor Damaskus, völlig unerwartet. Christus lebt und wirkt! Das ist unser Trost, unser Glück, unsere Seligkeit! So, wie wir mit Christus sterben, werden wir mit ihm auferstehen. Dadurch bekommt unser Leben eine warme Farbe. Alles ist in das Licht der Auferstehung getaucht. Ich sehe alles in einem anderen Horizont, mich selbst, alles, was geschieht, die ganze Welt.

Ich sterbe täglich, sagt Paulus. Alles, was ich erleide, ist aufgehoben im Leiden Christi. Und jeden Tag lebe ich von der Kraft der Auferstehung. Geschieht mir Unrecht, so weiß ich: Christus tritt für mein Recht ein. Erfahre ich Lieblosigkeit, so öffne ich mich für die unendliche Liebe Gottes. Bin ich traurig, so finde ich zu einer Freude, die noch unter der Traurigkeit ist und nie vergeht. Das ist alles unverweslich! Sehe ich leidende Menschen, so weiß ich, Gott ist mit ihnen. Ich kann mich an ihrer Seite einfinden und handeln in der Gewissheit, dass es einen Ausgleich geben wird. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Ist jemand an mir schuldig geworden, so überlasse ich meine tiefe Verletzung der großen Liebe Gottes, die alles heilen kann. Wird meine Seele von Trauer zerrissen, so darf ich darauf vertrauen, dass die Liebe bleibt, die mich mit dem Verstorbenen verbindet.

Manchmal treffe ich meinen Sohn, erzählt ein Vater. Ich male es mir aus in Gedanken und in Gefühlen. Denn meine Beziehung zu ihm bleibt. Meistens mache ich das beim Wandern. Wir sind früher oft zusammen gewandert. Dann gebe ich mich den Bildern hin. Ich sehe ihn wieder neben mir gehen. Höre seinen Tritt. Höre seinen Atem. Meistens gehen wir schweigend, wie früher – wunderbar. Wir brauchen nicht viele Worte, genießen das stille Miteinander. Manchmal reden wir auch. „Wie geht's dir?“ frage ich ihn. Ich höre ihn lachen. „Es geht mir prima. So gut ging's mir noch nie. Mach dir keine Sorgen.“ Dann höre ich, wie er mich fragt: „Und dir? Wie geht's dir?“ Und ich erzähle ihm, wie sehr er mir fehlt bei allem, was ich tue. Dass sich ein Schleier über das ganze Leben gelegt hat sei seinem Tod. „Ich weiß“, antwortet er. „Für euch ist es sehr schwer. Ich bin froh, dass ich dir wenigstens hier nahe sein kann.“ Dann umarmen wir uns lange - und ich koste das aus. „Sehen wir uns wieder?“ „Ganz sicher. Wieder hier, sooft du willst, und eines Tages in Gottes Herrlichkeit.“

Liebe Gemeinde, die Auferstehung übertrifft all unsere Erwartungen! Die Trauer mag uns zerreißen. „Gott aber will, dass wir uns wieder finden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz“ so schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Zum Tode eines geliebten Menschen.“
So darf sich in unsere bitteren Tränen die Freude mischen darüber, dass nichts und niemand verloren geht. Gott wird alles neu machen in ungeahntem Glanz, in unvorstellbarer Freude.
Amen.