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Predigt über Apostelgeschichte 2,42-47


gehalten am 18. Juli 2010 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrerin Angelika Volkmann

Liebe Gemeinde,

wir alle kennen den Zauber des Anfangs. Am Anfang, in Aufbruchssituationen wird uns oft so viel geschenkt und die Erinnerung an das, womit etwas beginnt, begleitet uns oft durch ein ganzes Leben.

Erinnern Sie sich z.B. daran, wie sie das erste Mal verliebt waren? Dieses Gefühl, von etwas Wunderbarem erfasst zu werden, mitgerissen zu werden - unvergesslich. Oder auch daran, wie Sie tatendurstig und sprühend vor Ideen eine neue Aufgabe übernommen haben – sei es ehrenamtlich oder beruflich? Daran, wie es war, nach einer Geburt zum ersten Mal ein Kind in den Armen zu halten? An das Gefühl neuer Freiheit beim Eintritt in den Ruhestand? Bei vielen Lebensübergängen gibt es den Zauber des Anfangs, und der Anfang hat prägende Kraft. Das gilt auch nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Familienbetriebe, Firmen, Institutionen, auch für die Kirche. Das, was über den Anfang erzählt wird, hat immer wieder Bedeutung.

Hören wir, was Lukas über den Anfang der ersten christlichen Gemeinde schreibt:


Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Der Zauber des Anfangs, ja der war auch an Pfingsten spürbar. Das Pfingstereignis in Jerusalem war berauschend, mitreißend, die Pfingstpredigt des Petrus hatte gesessen, hatte die Herzen erreicht, viele lassen sich taufen, viele wollen zu der sich neu gründenden Gemeinde dazugehören. Euphorie und Ekstase hat die Jünger und die Menschen, die hinzukamen, erfasst. Die Zeit des Zweifelns nach dem Tod und der Auferstehung Jesu ist vorbei. Jetzt beginnt etwas Neues! Es geschehen viele Wunder, sie sind sich einig, die Kraft des Heiligen Geistes ist spürbar, sie haben alle Dinge gemeinsam, sie haben eine wunderbare Gemeinschaft, haben ihre Güter verkauft, das Geld geteilt. „Wir leben das, was Jesus wollte!“ Es gibt keine Reichen und Armen mehr, keine Herren und Sklaven, alle haben genug – eine Vision verwirklicht sich hier ! Sie sind täglich einmütig im Tempel beieinander, kein Streit, sie halten gemeinsame Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und loben Gott. Das Gefühl, von etwas Wunderbarem erfasst zu sein, mitgerissen zu werden, bleibt unvergesslich.

Doch, liebe Gemeinde, leider wissen wir es nur zu gut: es kann nicht immer Anfang sein. Zum Leben gehört auch Ernüchterung, Gleichförmigkeit, Schwierigkeiten. Auch bei der Jerusalemer Gemeinde können wir das erahnen, wenn Paulus im 1.Korintherbrief (Kap. 16) um eine Kollekte für diese Gemeinde bittet. Offensichtlich setze auch hier nach dem euphorisierenden Anfang der nüchterne Alltag ein. Was lernen wir daraus?

Liebe Gemeinde, die Begeisterung und Ergriffenheit des Anfangs scheint ähnlich zu sein wie eine künstlerische Intuition für den Künstler– das Kunstwerk, das aufgrund dessen gestaltet wird, erfordert viel Arbeit über lange Zeit. Das müssen alle Verliebten erfahren, dass eine lange Liebe auch harte Arbeit ist. Das müssen Eltern erfahren – bei aller Liebe zum Kind: wie anstrengend es ist , ein Kind in das Leben hinein zu begleiten, es zu versorgen, ihm Grenzen und Ermutigung und was es sonst braucht zu geben! Und auch der Kreativitätsschub zu Beginn einer neuen Aufgabe muss sich in einer stetigen Mühe im Alltag bewähren.

Und das darf so sein, liebe Gemeinde. Ich möchte heute ein Plädoyer dafür halten, auch den nüchternen Alltag ist zu achten – eben diese Beständigkeit, von der hier auch die Rede ist, ein Beständigkeit, die nicht sensationell ist, die nicht immer aufregend und berauschend ist. Fulbert Steffensky hat in einem kleinen Textabschnitt „Wider die Vergötzung der Ekstase“ dazu Erfrischendes und Entlastendes geschrieben. (abgedruckt in: „In deinen Augen bin ich schön“ von Susanne Kamer, Wagner Verlag 2007, S. 45ff) In seinen Zeilen geht es um die partnerschaftliche Liebe zwischen Menschen. Steffensky schreibt:

„Es gibt ein Leiden, das durch überhöhte Erwartungen entsteht; die Erwartung, dass die eigene Ehe vollkommen sei; dass ich im Beruf völlig aufgehe; dass die Erziehung der Kinder vollkommen gelingt. So ist das Leben nicht! Die meisten Lieben gelingen halb; man ist meistens nur ein halb guter Vater, eine halb gute Lehrerin, ein halb glücklicher Mensch. Und das ist viel. Gegen den Totalitätsterror möchte ich die gelungene Halbheit loben. Die Süße und die Schönheit des Lebens liegt nicht im vollkommenen Gelingen und in der Ganzheit…. Es ist nicht versprochen, dass sich die Menschen den Himmel auf Erden bereiten. Aber man kann sich Brot sein, manchmal Schwarzbrot, manchmal Weißbrot. Man kann sich Wasser sein, gelegentlich Wein“


Liebe Gemeinde, das gilt nicht nur für liebende Paare, sondern auch für eine Gemeinde. Auch in Kirchengemeinden gibt es den Zauber des Anfangs, zauberhafte, euphorische Momente in Aufbruchssituationen oder in besonderen Situationen.

Viele von uns können sich an eine großartige Erfahrung von Kirche erinnern. Z.B. auf Kirchentagen. Jemand erzählte mir von einer großartigen Erfahrung, einer Sternstunde auf dem Ökumenischen Kirchentag in München:

Auf dem Odeonsplatz in München waren 1000 Tische vorbereitet worden. Brot, Olivenöl, Wasser und Äpfel lagen bereit. Zehntausende kamen und brachen miteinander das Brot. Es war ein vollendeter Moment, den viele als überaus beglückend erlebten, dieses Brechen des Brotes am Abend des 14.Mai. Der Glanz einer gelingenden Gemeinschaft legte sich über das sonst übliche Lamentieren. Der Glanz, der im Brechen des Brotes liegt, führte hier Menschen zusammen über all ihre Frömmigkeitsweisen, ihre Gesangbücher, ihre Traditionen und Theologien hinweg. Im Brechen des Brotes kehrt der reine, morgenfrische Glanz des christlichen Glaubens zurück. Es tut gut, sich an eine solche Erfahrung zu erinnern und daraus Kraft zu schöpfen, sie mitzunehmen wie ein bild, das uns leitet in der Mühsal des Alltags.

Und es gibt die unaufgeregte Beständigkeit im Alltag, die Beständigkeit, von der in diesen Versen auch die Rede ist. Ja, auch wir können einander Brot sein – und gelegentlich Wein. Da sagt jemand ganz schlicht: mir tun unsere Gottesdienste gut. Wenn ich die Gemeinde spüre, dass wir gemeinsam beten, gemeinsam singen, auf Gottes Wort hören – das gibt mir Kraft. Und natürlich die Mahlfeiern.

Jemand sagt: Mir gibt es viel, im Chor mitzusingen. Mir macht es Freude, Kindern biblische Geschichten zu erzählen, den Glauben weiterzugeben an die nächste Generation.

Viele sagen, ich fühle mich hier verbunden, beheimatet, bringe mich gerne ein. Liebe Gemeinde: das genügt.

Wir brauchen die besonderen Erfahrungen, den Zauber des Anfangs, als Orientierung für ein Leben im Alltag, ein Leben, das voller Fragmente und halb gelungenem sein darf Wir dürfen uns freuen am Einfachen, am Unvollkommenen. Wir dürfen darin die Gaben Gottes entdecken und ihn dafür loben. Das zu können ist wahrhaftig eine Gabe des Heiligen Geistes.

Amen.