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Predigt über Epheser 3,14-21

gehalten am 21. März 2010 - Exaudi - in der Albert-Schweizer-Kirche und Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen
Pfarrerin Angelika Volkmann
(angeregt durch die Meditation von Michael Gese in aub 8/2010)

Liebe Gemeinde,

zwei Freundinnen telefonieren miteinander. Durch fast 1000 Kilometer Entfernung sind sie voneinander getrennt. Die eine hat gerade von ihrer verzweifelten Stellensuche erzählt. Ein befristeter Arbeitsvertrag war ausgelaufen, und sie hat trotz mehrerer Berufsabschlüsse und Qualifikationen und über vierzig Bewerbungen noch keine neue Stelle bekommen. Sie kämpft mit aller Kraft und sehr viel Phantasie darum, einer Existenz mit Hartz IV zu entgehen, und stößt dabei immer wieder auf unüberwindliche Hürden. „Ich bete für dich“ sagte die andere. Ich bete für dich, dass du die Kraft hast, diese zermürbende Zeit durchzustehen.“ Und das tut sie. Sie betet dafür, dass ihre Freundin die Kraft haben würde, an bitteren Erfahrungen nicht zu zerbrechen – wenn wieder einmal bei einer Stellenausschreibung jemand mit geringeren Qualifikationen genommen wurde. Sie betet dafür, dass ihre Freundin die innere Zuversicht behalten würde und die Freude an ihren Kindern, die mit ihr von ihrem Einkommen abhängig sind. Sie betet dafür, dass ihre Freundin nicht an sich selbst verzweifelt, sondern sehen kann, wie viel Hochachtung sie verdient für ihre Art, mit der Situation umzugehen. Sei betet dafür, dass ihre Freundin sich trotz allem von guten Mächten umgeben wissen kann. Sie betet auch dafür, dass der Moment kommt, wo ihre Freundin bei einer Bewerbung genommen wird, aber es ist nicht ihre erste Bitte, eher ihre letzte.“ Ihre Freundin hört es natürlich nicht, wie sie betet, sie ist ja weit weg. Doch beim nächsten Telefonat sagt sie: „Das tut gut zu spüren, dass du mit mir verbunden bist in all diesen Fragen – dass ich da nicht ganz alleine bin.“
Liebe Gemeinde: wie fühlt es sich an, wenn jemand für uns betet? Wie viel kann es bewirken, wenn wir für jemanden beten? Und wie verändert es uns selber, wenn wir beten? In dem Abschnitt aus dem Epheserbrief, der uns heute gegeben ist, betet ein Apostel - ein Schüler von Paulus, der in seinem Namen schreibt – intensiv für die Gemeindeglieder in Ephesus. Er selber ist im Gefängnis, also in einer Situation, in der er imgrunde nichts machen kann, in einer Situation, in der ihm im wahrsten Sine die Hände gebunden sind und er selber einer höchst ungewissen Zukunft entgegensieht. Was er tun kann, ist, zu beten. Er betet eindringlich, auf seinen Knien. Hören wir, was er über sein Gebet schreibt:

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Das Gebet des Apostels führt in atemberaubende Weite. Es kann zur Gebetsschule werden für jeden, der beten lernen will. Es lehrt die Welt und die eigene Lebenssituation mit anderen Augen zu sehen. Die Worte des Apostels sind nicht nur hochfahrende geistige Gedanken. Zum alten Wissen des Meisters gehört, das Spiritualität geerdet sein muss. Darum beginnt das Gebet in der leiblichen Gebärde des Kniens. Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater. Wir sehen vor uns das Bild des alternden Apostels in seiner Gefängniszelle, der niederkniet, um Fürbitte zu halten. Die leibliche Gebärde ist der Ausgangspunkt. Sie hilft beim Beten. Denn sie führt zur inneren Haltung der Ehrfurcht und Beugung des Herzens. Ehrfurcht ist jedoch unerlässlich für jedes echte Gebet.

Dann fällt auf, dass das Gebet nichts anderes zum Inhalt hat als die Gedanken, die sich auch sonst in dem Brief an die Epheser wieder finden. Dass Gott unser Vater ist, der unserem inwendigen Menschen Kraft schenkt, dass Jesus Christus in uns wohnt und uns zur Liebe fähig macht. Dass er uns ahnen lässt die Breite und die Höhe und die Tiefe Gottes und seiner allumfassenden Liebe und uns erfüllt mit der ganzen Gottesfülle.
D.h.: der Apostel betet nicht für ein schnelles Ende seiner Gefangenschaft, wie man es erwarten könnte, er betet nicht darum, dass sich die äußere Situation, in der die Gemeinde lebt, verbessern möge. Er betet für das innere Geschehen derer, die ihm so wichtig sind. Damit wird eine landläufige Vorstellung vom Beten radikal korrigiert. Beim Beten geht es nicht darum, Gott mit eigenen Wünschen und Vorstellungen beeinflussen zu wollen. Es geht vielmehr darum, nachzuvollziehen, was in Gottes Wirklichkeit bereits gilt. Im Gebet ergreift und verwandelt Gottes Kraft den ganzen Menschen und strömt durch ihn in die Welt – und sei es in einer Gefängniszelle.
Doch warum soll um etwas gebetet werden, das bereits gilt? Geistliche Übung sucht den Weg von einem bloß gedachten Gott zu einem lebendig erfahrenen. Dass Gott uns alle liebt kann ein völlig banaler, leerer Satz sein. Doch wenn ein Mensch spürt, dass diese Liebe ihn tatsächlich umgibt – sei es im Glück, sei es im Leid- dann kann er eine unglaubliche Freude und Dankbarkeit erleben, eine Kraft, die durch das Leben trägt.
Dafür betet der Apostel. Dass die Glaubenserkenntnis nicht bei einer theoretischen Erkenntnis bleibt, sondern in den Herzen der Glaubenden Wurzeln schlägt.
Wir wissen nicht, wie das auf die Gemeinde in Ephesus gewirkt hat, diese Zeilen zu lesen, ob sie davon berührt waren, dass der Apostel so intensiv für sie betet – wir können das nur vermuten.

Er wendet sich an den Vater aller Vaterschaft. Jenseitig verborgen ist er in seiner Transzendenz. Damit überwindet das Gebet die Grenzen der vorfindlichen Welt, übersteigt sie und dringt vor bis zu Gottes Thron. Mit diesem Schritt eröffnet sich Weite – und sei es in einer Gefängniszelle. Ich sehe über meine eigene momentane Situation hinaus, sehe mich als einen Teil der Welt, die der Vater Jesu Christi, der Vater aller Glaubenden, der Vater aller Menschen, denen er das Leben gab, in seiner Hand hält. Das Gebet eröffnet personale Verbundenheit zu dem, der in absoluter Transzendenz verborgen ist. Jesaja schildert – wie wir gehört haben - in seiner Vision, wie ihm der höchste Herr der himmlischen Heerscharen, der Verborgene, den niemand von sich aus sehen kann, auf dem Thron sitzend erscheint, umgeben von den sechsflügeligen Seraphim. Sie preisen die Einwohnung der Heiligkeit Gottes im Tempel. Gott wohnt bei den Menschen!
Darum geht es in der ersten Fürbitte des Apostels: um das Wohnung nehmen Christi in unseren Herzen. „Herr, komm in mir wohnen“ – so beginnt der letzte Vers des Liedes von Teerstegen. Der innere Mensch, das ist nicht nur ein Stückchen Innerlichkeit oder das Gute im Menschen. Es ist der ganze Mensch, der eigentliche, wahre und glaubende Mensch im Gegensatz zum vorfindlichen Menschen mit seinen Brüchen, seiner Zerrissenheit und seinen Widersprüchen. Dass dieser innere Mensch wächst und stark wird durch die Kraft des Geistes, dass er sich mehr und mehr ausprägt und unser Leben formt, darum geht es in der stetigen Übung des Betens. Dass diese Formung und Verwandlung andererseits ein unverfügbares Geschenk ist, betont der zweite Teil der ersten Fürbitte: es bleibt der Einwohnung Christi in unseren Herzen vorbehalten, wo und wann immer sie geschieht. Mit der Rede vom inneren Menschen betont der Apostel also, wie wichtig das Wachsen und damit die Einübung des Glaubens und Betens ist. Mit der Rede von der Einwohnung Christi sagt er, dass dies nicht machbar ist, sondern einzig und allein ein Geschenk Christi.

Die zweite Fürbitte, dass wir die Höhe und die Tiefe, die Länge und die Breite der Liebe Gottes erkennen mögen, greift ebenfalls auf die Tempelvision von Jesaja zurück. Denn die Seraphim singen weiter: „Alle Lande sind seiner Ehre voll“ (Jes. 6,3) Gott wohnt im Tempel, damit die ganze Welt sich mit seiner Herrlichkeit erfüllt. Ähnliches geschieht, wenn wir beten. Wir treten ein in den Chor der Heiligen, in den Raum der unsichtbaren Verbundenheit aller betenden Menschen. Das Beten der Glaubenden lässt die Welt durchsichtig werden für die jenseitige Gegenwart Gottes. es zeigt, wie diese Welt von Gottes Liebe erfüllt ist. Wer betet, bekommt einen neuen Blick auf die Welt. Wer betet, fühlt sich verantwortlich für das Leid der Mitmenschen und übernimmt Verantwortung dafür. Wer betet, erkennt, dass nicht der Zufall regiert, sondern die Liebe Gottes. Wer betet, legt die Welt Gott ans Herz, trotz oder gerade wegen des Schrecklichen, das geschieht, damit die Welt nicht im Chaos versinkt. Wer betet, lebt von der Überzeugung, dass die Welt von der Liebe Gottes getragen wird.
Die dritte Fürbitte „damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle“, bringt die vollkommene Erfüllung mit der Herrlichkeit Gottes zum Ausdruck. Es geht um nichts weniger als das, was Mystikerinnen und Mystiker als das Einswerdens mit Gott bezeichnen, die unio mystica. Das eigene wird unwichtiger, weil man sich völlig in Gott aufgehoben fühlt. Wir haben es mit den Worten von Gerhard Teerstegen gesungen: „Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur seh'n und finden.“ (EG 165)
Beten mündet in die Erkenntnis, dass all unser Bitten und Verstehen überstiegen wird von der überschwänglichen Kraft Gottes. das gesprochene Gebet wandelt sich dann in schweigende Anbetung des Geheimnisses Gottes. Die tiefste Sehnsucht des Menschen wird gestillt in der Erfüllung durch Gott selbst.
Ich schließe mit einem Gebet von Nikolaus von Flüe. Danach wollen wir in einer kurzen Zeit der Stille unser Leben und diese ganze Welt im Schweigen Gott hinhalten. Wir knien uns jetzt dazu nicht hin, aber wir stehen – soweit es uns möglich ist – auf, und wer mag, der kann mit der leiblichen Gebärde der geöffneten Hände das Beten unterstreichen.

O mein Gott
Nimm alles von mir
Was mich hindert zu dir
O mein Gott
Gib alles mir
Was mich führet zu dir
O mein Gott
Nimm mich mir
Und gib mich ganz zu eigen dir.

(Wir beten im Schweigen) Stille


O mein Gott
Nimm mich mir
Und gib mich ganz zu eigen dir. Amen.