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Predigt über Hiob 1,1-22


gehalten am 21. März 2010 - Judica - in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen
mit Pfarrerin Angelika Volkmann mit Bibelgesprächs-Teilnehmerinnen B und L
Liebe Gemeinde,

"Es war ein Mann im Lande Uz" ...... Die Geschichte von Hiob beginnt wie ein Märchen. Eine Zeitangabe wird nicht gemacht, und es ist auch keine historische Begebenheit, die hier erzählt wird, sondern eine Geschichte. Das wird auch daran deutlich, dass ja kein Mensch bei der Szene im Himmel dabei gewesen sein kann. Hiob ist ein Mann nach Gottes Herzen, rechtschaffen und integer. Er ist einer der sagenumwobenen Gerechten aus der Vorzeit. Wo das Land Uz liegt, weiß kein Mensch. Uz, das ist der Name eines Neffen von Abraham. Uz, das bedeutet soviel wie Osten, ein Wort, das im Hebräischen auch Vorzeit bedeuten kann. Urzeitliche, vorzeitliche Menschheitsgeschichte wird erzählt, denn ein Problem wird verhandelt, das alle Menschen betrifft. Frauen und Männer aller Zeiten haben sich die Fragen gestellt, mit denen Hiob sich herumquält: "Warum bleiben die Frevler am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?" (21,7) "Wer sagt dem Bösewicht seinen Lebensweg ins Gesicht, wer zahlt ihm heim, was er getan hat? (21,31) Hiob beklagt die Macht, die das Unrecht auf Erden hat, einigen zum Vorteil, vielen zum Elend. Und was tut Gott angesichts des menschlichen Leidens? Wir erleben in dieser Geschichte das unbegreifliche Schicksal, das Hiob erleidet.

B: Ja, das hat gleich bei unserem ersten Abend von den Bibelgesprächen viele Fragen unter uns aufgeworfen. Wir waren entsetzt über Gott, der Hiob frei gibt für so ein grausames Experiment. Warum lässt Gott sich darauf ein? Warum lässt er sich von Satan herausfordern? Muss er es ihm „beweisen“? Kann er den Satan nicht denken lassen, was er will und weiterhin seine Hand über Hiob halten? Und wer ist überhaupt Satan? Und warum hat er freien Zutritt zum Himmel? Wer tut Hiob dieses große Leid an? Gott oder Satan? Und wie kann es sein, dass Hiob so ein unerschütterliches Gottvertrauen hat? Wie kann das sein?

L:
Wir wendeten uns der Szene zu, die im Himmel spielt. Gott hält Hof. Unter den Götterwesen, wir könnten auch sagen, unter den Engeln, die sich um Gott scharen, ist auch der Satan. Das Wörtchen „auch“ unterstreicht, dass sein Erscheinen vor Gott nicht selbstverständlich ist. Das hebräische Wort satan bedeutet anfeinden, anklagen. Der Satan ist also der Widersacher, der Ankläger, eine Figur, die Fehler aufspürt und ihnen eine zerstörerische Dynamik gibt, eine Macht, die gutes Leben hintertreibt und verhindert, ein Unwesen, ein Hinderer. Satan ist keine Macht an und für sich, keine Person, sondern eine Figur, die darstellen soll, dass menschliche Untaten Macht über Menschen gewinnen und das gute Leben verhindern. Gott fragt Satan: Wo kommst du her? Und Satan antwortet: „Ich habe die Erde hin und her durchstreift.“ Er ergeht sich auf der Erde, lebt sich dort aus, macht, was er will. Die paradiesischen Zeiten, in denen Gott sich auf der Erde erging, sind vorbei. Die Erde ist Satans Terrain. Das Böse hat sich unter den Menschen derart ausgebreitet, dass es zum Himmel stinkt und dass Satan nun im Himmel frech vor Gott auftreten kann.

A.V.
Und dann sagt Gott zu Satan: „Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.“ Wir haben uns gefragt, warum er Hiob dem Satan so ausliefert. Oft wird das so gesehen, als habe Gott sich von Satan provozieren lassen und daraufhin gewettet, dass Hiob ihm treu bleibt. Doch das wäre ein sehr oberflächliches Verständnis. Satan sagt Gott: ich habe Macht über die ganze Erde. Im Blick auf Hiob bestreitet Gott dem Satan seine Macht. Nein, du Widersacher, dir gehört die Erde nicht, denn nicht alle Menschen sind dem Bösen unterworfen. Hiob ist Gottes Beweis, dass es nicht nur Falschheit, Ichsucht und Totschlag unter den Menschen gibt. Gott hält dem Machtanspruch des Satan die Gewissheit entgegen, dass es auf Erden einen Menschen gibt, der Gottes Hoffnungen auf gutes menschliches Leben bewahrheitet. Hiob ist sozusagen Gottes letztes Argument. Hier wird kein Spiel gelangweilter Götter erzählt, sondern der Streit um eine menschliche Erde. Es geht auch nicht darum, Hiob auf die Probe zu stellen, wie viel er verkraften kann, ohne von Gott abzulassen. Es geht um die Frage, ob die Erde zur Hölle geworden ist oder ob es auf der Erde die Möglichkeit von Leben, Liebe und Menschlichkeit gibt. Gott will Satan zum Schweigen bringen. Gott will, dass Satan erkennt: es gibt auf Erden einen Menschen, der Gott liebt. Es geht in der Geschichte von Hiob nicht nur um die Frage des Leidens, sondern noch viel mehr um die Frage der Liebe. Es geht um den Kampf zwischen Gott und Satan um das Herz des Menschen. Hiob ist Gottes ganze Hoffnung.

B
Die Sache so zu betrachten, war für uns eine ganz neue Sichtweise: Gott ist angewiesen auf Hiob! Ist das nicht eine absolute Überforderung für Hiob? Außerdem ist es nicht leicht, auszuhalten, dass Gott Satan gegenüber so schwach ist. Kann Hiob sich denn dann auf Gott verlassen? Im Lauf der Geschichte wird Gott ja unbegreiflich und unkenntlich für Hiob. Er muss es so empfinden, als ob Gott ihm Böses antut und mit giftigen Pfeilen auf ihn schießt (6,4). Hier zeigt sich eine dunkle Seite von Gott.
L
Aus der Rahmenhandlung geht es klar hervor, dass das Böse von Satan kommt. Satan argumentiert sehr trickreich. Er lässt sich von Gottes Rede nicht vertreiben. Er stellt die mehrdeutige Frage: „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?“ Satan unterstellt, dass es nicht Liebe ist, was Hiob und Gott verbindet, sondern dass es sich um ein Lohnverhältnis handelt. Gott „bezahlt“ Hiob doch reichlich für seine Frömmigkeit. Leistung und Gegenleistung werden genau aufgerechnet, „Haut um Haut“ wie es im 2. Kapitel heißt (2,4). Hiob ist ein reicher und glücklicher Mann. Satan sagt: „Du hast das Werk seiner Hände gesegnet und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen.“ (1,10f) Würde Gott Hiob alles wegnehmen, so spekuliert Satan, dann ist es mit Hiobs Treue aus. Dann wird er sich gegen Gott wenden. Seine angebliche Liebe zu Gott ist in Wahrheit nur Eigennutz. Nicht umsonst, sondern aus Berechnung dient er Gott und Menschen.
A.V.
Mit dieser Unterstellung stellt Satan die Gottheit Gottes infrage. Israels Gott, der geliebt werden will von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft (5.Mose 6,4) wird zu einer lächerlichen Figur. Keiner liebt ihn! Auf der Erde herrscht die Bosheit und die Berechnung. Alle dienen dem Bösen, auch Hiob! Teuflisch ist dieser Angriff auf die Beziehung zwischen Hiob und Gott auch wegen seiner Doppeldeutigkeit. Das Wort „umsonst“ ist mehrdeutig und die Frage Satans eine Fangfrage. Umsonst kann heißen „ohne Belohnung“, es kann aber auch heißen „vergeblich, sinnlos“. Wer Satan widerspricht, verstrickt sich. Wenn jemand sagt: „Doch, Hiob glaubt sehr wohl umsonst“, triumphiert Satan und sagt: „ja eben, Hiob glaubt vergeblich, er kann es bleiben lassen, sein Gott wird ihm nicht helfen“. So kunstvoll wird in dieser Geschichte, die ja auch Weltliteratur ist, die perfide und zerstörerische Kraft dargestellt, die von Gewalt und Unrecht ausgeht und alle Lebensbereiche angreift, jegliches Vertrauen untergräbt, manchmal ganz subtil.

B
So erlaubt Gott – schweren Herzens – dem Satan, Hiob alles, was er hat, zu nehmen, und zieht dabei eine Grenze: „nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.“ (1,12) Dabei nimmt Gott in Kauf, dass er unkenntlich wird für Hiob. Im Leben Hiobs wird sich erweisen, ob Gott in den Herzen der Menschen Liebe erwecken kann und ob diese Liebe die Macht hat, das Böse zu überwinden. Die Frage, ob die Erde zum Machtbereich Satans oder zum Machtbereich Gottes gehört, wird sich an Hiobs Treue entscheiden.

L
Indem Gott sich derart an den Menschen gebunden hat, gibt er dem Satan Raum. Gott rottet das Böse nicht aus. Es gibt keinen Schonraum für Gerechte, wenn teuflische Mächte ihr Unwesen treiben. Doch Gottes Vertrauen in diesen Menschen ist unerschütterlich. Hier zeigt sich Gottes Wesen, in diesem Vertrauen, in dieser unerschütterlichen Liebe, in der Hoffnung, die er in uns Menschen setzt.
Anders als wir denken, kämpft Gott gegen das Böse. Gott bewahrt Hiob nicht vor Unheil und Gefahr. In Unheil und Gefahr spricht Gott sein Vertrauen aus, dass Hiob ihm die Treue hält und auf diese Art die Mächte, die das Leben verhindern, überwindet.

A.V.
Es ist ergreifend, die Geschichte so zu verstehen. Wahrzunehmen, wie sehr Gott Hiob liebt und doch keinen anderen Weg hat, als dem Satan Raum zu geben. Dabei trägt Gott die Verantwortung für das, was er zulässt.
Und Hiob? Innerhalb eines Tages wird ihm alles genommen: er wird er zum Armen, zum verlassenen, um alle Kinder trauernden Vater. „Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ (1,20f)

B
Diese Haltung fanden wir unglaublich, sehr beeindruckend. Wir sprachen aber auch darüber, dass es gefährlich ist, wenn daraus eine Forderung gemacht wird: so gottergeben muss ein wahrhaft glaubender Mensch sein! Dagegen würden wir uns wehren. Leider ist diese Forderung oft erhoben worden. Doch wer ein Leid oder Schicksalsschläge erlebt, hat nur selber das Recht, für sich so zu sprechen. Es darf niemals die Forderung eines anderen Menschen sein, dass jemand sein Leid als von Gott gegeben annehmen muss.

L
Wir betrachteten diese Verse sehr genau und achteten auf die Körpersprache von Hiob: „Da stand Hiob auf“ – so fängt es an. Hiob liegt nicht am Boden! Aufrecht und erhobenen Hauptes stellt er sich vor Gott. Mit großer Würde nimmt er die Schicksalsschläge entgegen. Er wird sich dem Bösen, das ihn getroffen hat, nicht beugen. Dann tut er, was in einer solchen Situation, in der er so getroffen und schockiert und voller Trauer ist, zu tun ist: er zerreißt sein Kleid und schert seine Haare, dann fällt er auf die Erde und neigt sich tief. Ganz bewusst und aktiv beugt er sich vor Gott und gibt ihm die Ehre und lobt ihn. Dann sagt er diesen unglaublichen Satz: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt.“ Das alles tut er aus freien Stücken, niemand hat es von ihm verlangt, jeder hätte es verstanden, wenn er nur noch geschrieen hätte oder völlig verstummt wäre. Dass er das so sagen kann in völligem Vertrauen, das kommt aus seinem Herzen, das ist unbeirrte Liebe zu seinem Gott.

A.V.
Mit dieser Haltung verweigert er der Gewalt, die ihn getroffen hat, die Herrschaft. Er nimmt sein Leiden von Gott an, der mit seinem Namen versprochen hat, da zu sein. Hiob tut dies zum Segen Gottes, d.h. um dem Namen Gottes auf der Erde Raum zu verschaffen. Auf diese Weise wirkt Hiob mit an der Entmachtung des Bösen. Mit seinem Gottessegen bezeugt Hiob, dass Gott die Macht hat, der die Menschen liebt und eine versöhnte und gewaltfreie Erde will. So mancher Mensch hat seither diese Haltung angenommen, viele Märtyrer waren darunter.
Wir schließen die Predigt mit einem Text von der holländischen Jüdin Etty Hillesum über die Gefahr, in die Hände der Nazis zu fallen: „Das Komische ist: Ich fühle mich gar nicht in ihren Klauen, weder wenn ich bleibe, noch wenn ich abtransportiert werde. ... ich fühle mich in niemandes Klauen, ich fühle mich nur in Gottes Armen, um es mal pathetisch zu sagen, und ob ich nun hier an dem mir so lieben und vertrauten Schreibtisch sitze oder ob ich nächsten Monat in einer armseligen Kammer im Judenviertel hause oder vielleicht in einem Arbeitslager unter SS-Bewachung stehe, ich werde mich überall und immer, glaube ich, in Gottes Armen fühlen. Man wird mich möglicherweise körperlich zugrunde richten, aber mir weiter nichts anhaben können“. Amen.

Wir verweilen einige Minuten in der Stille
Anmerkung: die Predigt folgt der Auslegung von Klara Butting in: Hiob. herausgegeben von Klara Butting und Gerard Minaard. Wittingen: Erev-Rav 2003 (Die Bibel erzählt)