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Predigt über 2.Kor 1, 3-7

gehalten am 14. März 2010 - Lätare - in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen
Pfarrerin Angelika Volkmann

Liebe Gemeinde,

Heute geht es um Trost. Gott geht so mit uns um, wie wir es im besten Fall in unseren Kindertagen erlebt haben. Schauen wir uns an, was ein untröstliches Kind erlebt:
Laut schluchzend kommt die vierjährige Anna durch den Garten gelaufen. Ihr neues Fahrrad ist weg! Jemand hat es genommen, gestohlen! Sie ist untröstlich. Sie hatte sich so darüber gefreut,  als sie es zum Geburtstag bekommen hat. Ein eigenes Fahrrad! Viele schöne Stunden hat sie damit erleben wollen, zusammen mit den anderen Kindern! Und nun ist es weg, einfach weg!

Die Mutter ist im Haus, hört schon von weitem, dass etwas passiert ist, geht ihrer Tochter mit ruhiger Aufmerksamkeit entgegen. Sobald sie ihre Mutter sieht wirft Anna sich ihr in die Arme.  „Jemand hat mein Fahrrad gestohlen!“ schluchzt sie auf. Die Mutter nimmt  sie in die Arme, auf den Schoß, hält sie fest, wiegt sie sacht. „Gestohlen? Das ist ja schlimm!“ Sie lässt ihre Tochter weinen und hält sie. Ab und zu sagt sie einen Satz. „Und du hast dich so über dein Fahrrad gefreut!“ „Der das gemacht hat, hat dir sehr weh getan.“ „So etwas darf der nicht tun, er tut dir Unrecht.“ „Hauptsache, dir ist nichts passiert.“ „Wir werden versuchen, herauszufinden, wer das war.“ Allmählich beruhigt sich das Kind, bleibt aber noch auf dem Schoß sitzen, eng an die Mutter gedrückt. Es atmet tief.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, sagt Gott. (Jes. 66,10) Und niemand sage, dass der Kummer eines Kindes gering sei.
Um Trost geht es am heutigen Sonntag, um wirklichen Trost, darum, dass da jemand ist, der uns sieht, der bei uns bleibt, der den großen Kummer nicht wegredet, sondern mit uns aushält,  und der unseren Horizont weitet. Auch Paulus tröstet.  Hören wir, was er der Gemeinde in Korinth schreibt (2.Kor 1,3-7):

Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen,
so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil.
Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost,
der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt,
die auch wir leiden.
Und unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich, weil wir wissen:
wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

Liebe Gemeinde,

Paulus muss mit widrigsten Lebensumständen zurechtkommen. Es ist so schlimm, dass es ihm über die Kraft geht. Er verzagt an seinem Leben. Er hält es für beschlossen, sterben zu müssen in  der Provinz Asia. Dennoch beginnt er seinen 2. Brief an die Gemeinde in Korinth mit einem Lob Gottes, der selbst im größten Leid trösten kann. Trösten – ein schönes Wort. Wie oft sehnen wir uns danach, einmal so richtig getröstet zu werden.
Was empfinden wir als wirklichen Trost? Und was unterscheidet Trost von billiger Vertröstung?

Die meisten Menschen empfinden es als tröstlich, wenn jemand zuhört, sich ihnen zuwendet, die Gefühle versteht und die ganze Situation mit aushält. Ja, wir können viel aushalten, sogar Kinder können viel aushalten, ohne Schaden zu nehmen, wenn nur jemand da ist, der sagt: ich sehe dich und ich bleibe bei dir. Und uns Erwachsenen geht es nicht anders.

Von Ihnen als Pfarrerin erwarte ich überhaupt keine Antwort und schon gar keinen Trost!“  schleudert mir Herr M. entgegen Er ist untröstlich. Sein sechsjähriger Sohn ist ertrunken. Ertrunken im Pool von Freunden in deren Garten, ganz leise und unbemerkt, unvorstellbar tragisch während die Eltern wenige Meter weiter mit den Freunden am Tisch saßen. Natürlich hatten sie dem Kind verboten, alleine zum Wasser zu gehen. „Ich bin so wütend!“ brach es aus Herrn M. hervor,  „ich bin so wütend auf Gott und die Welt, ich bin wütend auf meine Freunde und auf deren Pool, ich bin wütend auf mich selber und meine Frau, dass wir nicht besser aufgepasst haben, ich bin wütend auf Jonas, der jetzt nicht mehr lebt. Warum nur? Warum? Warum das Ganze?? Und was ist das für ein Gott, der so etwas zulässt? Darf man noch nicht einmal mehr einen Fehler machen?? — Und sagen Sie jetzt bloß nicht, das ist alles dazu da, dass wir seelisch reif werden oder so! Ich pfeife darauf, ich will meinen Sohn wieder!“  Herr M. bricht in Tränen aus. Ich sage gar nichts, fühle mit ihm seinen Schmerz.  Schließlich schaut er mich an, fragend. Er will wohl doch etwas von mir hören. „Ich sehe Ihren großen Schmerz und Sie haben Recht mit ihrer Wut. Sie sind untröstlich, und das ist ein Zeichen dafür, wie sehr Sie ihren Sohn lieb hatten und wie sehr Sie ihn jetzt vermissen.“  Er atmet tief.  „Und Gott? Was sagt Gott dazu?“ Tränen laufen über sein Gesicht. „Gott weint mit Ihnen“, sage ich leise. Verwundert schaut er auf. „Gott wollte, dass Jonas lebt, dass er spielen kann und die Welt entdecken, dass Sie Freude an ihm haben. Ein fröhliches Leben wollte Gott für Sie – und nun ist ihr Sohn tot. Gott konnte das nicht verhindern. Das ist auch für Gott schmerzlich und schlimm.  Ich glaube, dass Gott mit Ihnen trauert.“  „So etwas hat mir noch niemand gesagt“ meinte er. Und nach einer Weile „Das verändert viel, wenn Gott mit mir weint.“

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Ja, Gott ist der, der uns sieht, mit uns fühlt, Anteil nimmt. Gott ist voller Liebe zu uns, was auch immer wir erlebt haben, was auch immer andere oder das eigene Gewissen uns vorwerfen. Und der wunderbare göttliche Trost hat noch eine weitere Ebene. Das Leiden ist nicht alles. Auch dann nicht, wenn es schlimm ist. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
Christus kann nicht alles Leiden verhindern. Doch er hat es selber auf sich genommen. Christus hat das Leiden überwunden, sogar den Tod. Er hat uns in der Taufe durch das Leiden hindurch mitgerissen zum ewigen Leben. Das kann uns niemand nehmen.
Das ist für Paulus und seine Freunde eine unumstößliche Wirklichkeit, Quelle von Kraft und Lebensfreude trotz allem. Deshalb kann Paulus die Korinther sogar ermutigen, sich im Angesicht seines Leides getröstet zu fühlen:  Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.
Liebe Gemeinde, das ist ein Geheimnis des Glaubens, das schwer zu verstehen ist. Das Lebensbeispiel von Hans und Sophie Scholl zeigt, dass sie von diesem Geheimnis wussten. Wer glaubt, sieht weiter, als man mit den Augen sehen kann.

Für ihre Überzeugung waren Hans und Sophie und die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe “Weiße Rose” bereit, ihr Leben zu opfern. Inge Aicher-Scholl, die Schwester von Hans und Sophie Scholl, beschreibt jene “letzte Stunde” vor der Hinrichtung am 22. Februar 1943, den Abschied der Eltern von ihren Kindern. (Die Weiße Rose. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 1993, S. 63. 63f.):
“Zuerst wurde ihnen Hans zugeführt. Er trug Sträflingskleider. Aber sein Gang, war leicht und aufrecht, und nichts Äußeres konnte seinem Wesen Abbruch tun. Sein Gesicht war schmal und abgezehrt, wie nach einem schweren Kampf.
Er neigte sich liebevoll über die trennende Schranke und gab jedem die Hand. “Ich habe keinen Haß, ich habe alles, alles unter mir”. Mein Vater schloß ihn in die Arme und sagte: “Ihr werdet in die Geschichte eingehen, es gibt noch eine Gerechtigkeit” Darauf trug Hans Grüße an alle seine Freunde auf. Als er zum Schluß noch den Namen eines Mädchens nannte, sprang eine Träne über sein Gesicht, und er beugte sich über die Barriere, damit niemand sie sehe. Dann ging er, aufrecht, wie er gekommen war.” Darauf wurde Sophie von einer Wachtmeisterin herbeigeführt. Sie trug ihre eigenen Kleider und ging langsam und gelassen und sehr aufrecht. (Nirgends lernt man so aufrecht gehen wie im Gefängnis.) Sie lächelte, als schaue sie in die Sonne. Bereitwillig und heiter nahm sie die Süßigkeiten, die Hans abgelehnt hatte: “Ach ja, gerne, ich habe ja noch gar nicht Mittag gegessen”. Es war eine ungewöhnliche Lebensbejahung bis zum Schluß, bis zum letzten Augenblick. Auch sie war um einen Schein schmaler geworden, aber ihre Haut war blühend und frisch – das fiel der Mutter auf wie noch nie -, und tiefrot und leuchtend.
“Nun wirst du also gar nie mehr zur Tür hereinkommen”, sagte die Mutter. “Ach, die paar Jährchen, Mutter”, gab sie zur Antwort. Dann betonte auch sie, wie Hans, fest und überzeugt: “Wir haben alles, alles auf uns genommen”; und sie fügte hinzu: “Das wird Wellen schlagen”.
Das war in diesen Tagen ihr großer Kummer gewesen, ob die Mutter den Tod gleich zweier Kinder ertragen würde. Aber nun, da sie so tapfer und gut bei ihr stand, war Sophie wie erlöst. Noch einmal sagte die Mutter: “Gelt, Sophie: Jesus”. Ernst, fest und fast befehlend gab Sophie zurück: “Ja, aber du auch”. Dann ging auch sie – frei, furchtlos, gelassen. Mit einem Lächeln im Gesicht.
Kurz vor ihrer Hinrichtung werden Sophie Scholl, Hans Scholl und Christof Probst durch Vermittlung der Gefängniswärter noch einmal zusammengeführt. Gemeinsam rauchen sie ihre letzte Zigarette. “Es waren nur ein paar Minuten, aber ich glaube, es hat viel für sie bedeutet”. “Ich wußte nicht, daß Sterben so leicht sein kann”, sagt Christl (Christof) Propst. Und dann: “In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit wieder”.
Dann wurden sie abgeführt, zuerst das Mädchen. Sie ging, ohne mit der Wimper zu zucken. Wir konnten alle nicht begreifen, daß so etwas möglich war. Der Scharfrichter sagte, so habe er noch niemanden sterben sehen.  (I. Aicher-Scholl, S. 64).
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Amen.