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Predigt über 1.Kor. 13,1-13


gehalten am 14. Februar 2010 - Estomihi - in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche
mit Pfarrerin Angelika Volkmann
1.Kor. 13,1-13

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.




Liebe Gemeinde,

die Welt ist heute voller Spiegel. Nicht nur in Badezimmern und Garderoben. Überall kann man sich heute spiegeln. Im Auto, im Bus, in den Schaufenstern, in der Sonnenbrille des Gegenübers. Ständig bekommen wir die visuelle Rückmeldung über unsere Erscheinung. Schauen wir selbstverliebt auf unser Spiegelbild, beachten wir es gar nicht oder fürchten wir uns davor?

Manchmal sind es entstellende Spiegel, manchmal sind sie schmeichelhaft, und dann gibt es die aufrichtigen Spiegel, in denen wir unser Gesicht ausforschen, suchen nach den Zeichen der Zeit.

Manche Spiegel sind liebevoll zu uns, zeigen uns unser Gesicht in einem schön gestalteten Rahmen. Ein solcher Spiegel ist dieses Kapitel. Dieser Text redet nicht nur von einem Spiegel, er ist ein Spiegel. Er zeigt der Gemeinde in Korinth ihr Gesicht, genau und aufrichtig, und liebevoll. Ein Spiegel, der die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis bietet, aber nicht aufdrängt. Ein schöner Spiegel.

Alle haben sich versammelt. Im Gemeinderaum in Korinth. Alle sind voller Spannung auf den Brief, den sie erwartet haben, den Brief des berühmten und umstrittenen Apostels Paulus, der diese Gemeinde gegründet hat. Der Vorleser lässt seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Unterschiedlicher können sie gar nicht sein, die Menschen in dieser leichtlebig-lebendigen Stadt Korinth. Reiche Leute aus der römischen Oberschicht, die fasziniert sind von der Klarheit des jungen christlichen Glaubens. Daneben griechische Handwerker und auch Sklaven, die sich freuen über die Wertschätzung, mit der man ihnen hier begegnet, die aber noch unsicher sind, ob sie dem trauen dürfen. Da sitzen christusgläubige Juden, die nach wie vor an die Tora gebunden leben und die sich provoziert fühlen vom Spott der philosophisch Gebildeten, denen der Freiheitsgedanke über alles geht. Dann gibt es die, die von ekstatischer Frömmigkeit hingerissen sind, von Zungenrede und prophetischer Rede, die sich für die Avantgarde halten und etwas mitleidig auf die anderen schauen, denen solche Erlebnisse fremd sind. Ja, sie haben es nicht leicht miteinander. Parteien haben sich gebildet, es gibt spöttische Bemerkungen, üble Nachrede. Der Streit ist so groß geworden, dass er dem fernen Paulus zu Ohren kam und ihn zu diesem Brief veranlasste. Kann man denn so große Verschiedenheiten aushalten? Das ist eine Überforderung! Die Gemeinde droht daran zu zerbrechen.

Das ist also der Leib Christi, denkt der Vorleser.

Dann schreibt Paulus von der Liebe. Sie lauschen der warmen Stimme des Vorlesers.

Wenn ich mit Menschen- oder Engelszungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Beschämt ist der eine. Ärgerlich der andere, und fängt im Stillen an, sich zu verteidigen, was, wieso, ich bin doch nicht lieblos, die anderen sollten sich das zu Herzen nehmen, die denken immer, nur auf sie käme es an .... ... und hätte die Liebe nicht ... liest der Vorleser und der Nachdenkliche merkt, das diese Gedanken, die er da hat, nun wirklich auch nicht liebevoll sind, das ist doch eine Überforderung, stöhnt er innerlich auf. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen ... von diesen größten Opfern, die ein Mensch geben kann liest der Vorleser .... und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Es stimmt, ja, stimmt ja, aber wer kann dann bestehen? Die Liebe ist langmütig und freundlich liest der Vorleser und die Zuhörenden spüren, diese Worte sind ohne Vorwurf, sie beschämen zwar, aber milde, treffen ins Mark und wecken eine große Sehnsucht, die Atmosphäre im Raum hat sich merklich gewandelt.

Und was macht die Liebe? Was macht die Liebe in deinem Leben? Darf man so fragen? In der Gemeinde? Ist das nicht indiskret? Wird jemand antworten? Ich vermisse sie, würde der eine sagen, dessen Frau sich von ihm getrennt hat. Ich genieße sie, sagt jemand anderes, sie hat mich gefunden. Ich übe sie, sagt eine weitere, ich kann sie spüren, die Liebe, die mir gilt, sagt eine andere, im Moment ist sie harte Arbeit, die Liebe, sagt ein Paar, sie ist Spannung, denken die miteinander um die Wahrheit ringen. Was macht die Liebe?

Es ist, als ob die Liebe selber erscheint und durch den Raum geht mit freundlichen Blicken, und mancher kleinen Berührung hier und da. Die Liebe, ein Subjekt, eine Kraft. Die Liebe ist die, die bleibt. Haben kann man die Liebe nicht wie irgendetwas, haben kann man sie nur als Gehabtwerden (Jüngel). Die Liebe hat uns, sagt eine, wenn wir Glück haben, dann hat die Liebe uns und handelt durch uns. Komm zu mir, Liebe, wünscht einer, ich bin sehnsüchtig, habe mich.

Die Liebe ist langmütig und freundlich, das sind doch die Eigenschaften Gottes, sagt eine, ja eben. Freundlich, da wo Zorn verständlich wäre. Dann hören sie, was die Liebe nicht tut, sie eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern ..... all die vielen Spielarten der Selbstbezogenheit beendet sie.

Der eine fühlt sich ertappt, die andere beginnt zu ahnen, welche Befreiung hier so verlockend anmutet - Wie gefangen ist doch ein Mensch, der der Begrenztheit seiner eigenen Einsichten ausgeliefert ist, der nicht wahrnimmt, dass die eigene Erkenntnis immer nur ein Teil vom Ganzen ist. Und wie entlastend hingegen ist es, sich als Teil eines größeren Ganzen empfinden zu können, offen zu sein für etwas, was mich auf meiner einsamen Denk-Scholle übersteigt, offen zu sein für das Spiel Gottes im Glück der Menschen, so verschieden, wie sie sind (Steffensky).

Die Liebe erträgt alles, auch mal einen ungerechten Vorwurf, auch mal ein Nicht-beachtet werden, sie glaubt alles, sie traut auch den Gescheiterten etwas zu, macht Mut und hofft - im Vertrauen darauf, dass das Vollkommene kommen wird. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Ja, ich ahne, ich verstehe ... so geht es dem einen durch den Kopf ...die Liebe ist das Bindglied zum Vollkommenen, ist der Vorgeschmack auf die kommende Welt, die Liebe gibt es jetzt schon!

Und sie erinnern sich, in Korinth, an diese Momente zwischen ihnen, wo das aufleuchtete, wo die Unterschiedlichkeiten so nebensächlich waren. Sie erinnern sich an die Momente, in denen das Herz höher schlug, in denen die Verbundenheit zu spüren war, und das Ergriffensein von der Liebe, an die Momente, in denen sie gemeinsam Gott feierten und Gäste waren an seinem Tisch. Die Liebe ist der Vorgeschmack auf das kommende Vollkommene. Ja, darum geht es, um das eigene Bruchstückhafte und das kommende Vollkommene. Tröstlich ist es, dass das Vollkommene kommen wird. Und einer beginnt zu ahnen, dass es gar nicht schlimm ist, dass das Eigene fragmentarisch bleibt ... im Gegenteil, das ist das Wesen der Gemeinde, das Kostbare, das auf dem Spiel steht, wenn jeder das eigene durchsetzen will. Im Lichte des Kommenden, ist es Zeit, erwachsen zu werden und es anzunehmen, dass man selbst nur Fragment bleibt.

Jetzt erkennen wir wie ein Kind, jetzt sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild. Gott bleibt Geheimnis. Doch wie ergreifend: Gott spiegelt sich in den Scherben und Splittern und Brüchen der menschlichen Existenz. Gott spiegelt sich darin - großartig, denkt eine, dann kann ich mein eigenes Spiegelbild loslassen - und welch wunderbare Aussicht am Horizont ... da wird sein die Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Gottes Geheimnis wird sich uns erschließen und liebendes Erkanntwerden, der Inbegriff der menschlichen Sehnsucht, wird geschehen - welch eine machtvolle Begegnung! Die eigenen Fragen werden sich auflösen und ich werde erleben, zutiefst erkannt zu werden .... das klingt nach Verliebtsein, das erwidert wird, doch viel viel tiefer; auch Eros ist eine Dimension in der göttlichen Liebe.

Glänzende Augen hängen an den Lippen des Vorlesers. Im Herzen das Glück: Ich bin geliebt. Als Bruchstück des kommenden Ganzen. Geliebtes Bruchstück, denn Gottes Glanz fällt darauf. Ja, so kann die Liebe verzaubern und befreien, die Liebe, die nicht als feste Habe gedacht ist. Sie hält in Bewegung, sie entzieht sich wieder, will immer neu ersehnt und erbeten werden, will uns durchdringen. Sie kann köstliche Momente und wunderbare Begegnungen schenken, den Willen und die Fähigkeit zum Frieden bringen. Sie ist da. Und sie wird bleiben. Immer.

Amen.



Hinweis:

Beim Erstellen der Predigt habe ich profitiert von dem Beitrag von Karin Rieger - Grau, Calwer Predigthilfen 1997/8 Reihe II/1

Erstveröffentlichung dieser Predigt bei den Göttinger Predigten im Internet am 9.2.2010