DBK Startseite    Zurück

Predigt zu Markus 10,2-9


20.Sonntag nach Trinitatis, 25.10.2009
mit Pfarrerin Angelika Volkmann
Markus 10,2-9
Pharisäer traten zu Jesus und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit.
Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.
Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.


Liebe Gemeinde,

ein älteres Ehepaar erzählt von seiner Ehe. Über fünfzig Jahre sind die beiden verheiratet. Sie wirken zufrieden miteinander. Auf die Frage, was denn das Geheimnis ihres Glückes sei, schauen sie sich lange an. Dann sagt er: Wir lassen uns gegenseitig spüren, dass wir uns achten. Sie sagt: Wir haben gelernt, uns gegenseitig mit unseren Grenzen anzunehmen. Wir können einander nicht alles geben. Auf die Frage, ob es auch Krisen und schwere Zeiten gegeben habe, sagen beide gemeinsam: Ja. Sie meint: Es kam vor, dass wir uns sehr verletzt haben. Er: Und dann ist es wichtig, einander Zeit zu geben. Versuchen zu verstehen. Und zu verzeihen. Sie: Es gab auch Momente, in denen einer von uns an Trennung gedacht hat. Mal ich, mal er. Er: Zum Glück haben wir es nicht getan! Sie: Dass wir verlässlich aneinander gebunden waren, das war gut für uns. Die Ehe hat unsere Liebe geschützt.

Ein anderer Mann erzählt von seiner Ehe. Verzweifelt hat er um diese Ehe gekämpft. Vergeblich. Ich habe gemerkt, so sagt er, dass ich selber vor die Hunde gehe. Es war, als müsste ich mich aufgeben, wenn ich in dieser Ehe bleiben würde. Körperliche Beschwerden begannen. Ich fürchtete auch um meine Gesundheit. Dennoch habe ich es um der Kinder willen lange ausgehalten und vieles versucht – vergeblich. Schweren Herzens habe ich mich zur Trennung entschlossen. Muss ich jetzt davon ausgehen, dass die Kirche mich verurteilt? Dass Jesus mich verurteilt? Ich möchte glauben können, dass ich angenommen bin mit meinem Leben, obwohl ich gescheitert bin.

Zwei Frauen erzählen von ihrer Beziehung. Sie lieben sich. Sie teilen ihr Leben. Sie sind glücklich miteinander und stehen füreinander ein. Sie trauen sich sogar, öffentlich zueinander zu stehen, obwohl sie von vielen verurteilt werden. Eine sagt: Am liebsten würden wir heiraten. Die andere: Ich hoffe, wir schaffen das, unsere Liebe zu erhalten. Ich hoffe, dass wir nicht unter dem Urteil der anderen zerbrechen. Zum Glück haben wir Freunde und Freundinnen, die zu uns stehen.

Liebe Gemeinde, wie geht es uns, wenn wir diesen Menschen zuhören? Fühlen wir mit? Oder merken wir, dass unser Herz hart wird? Was ist denn richtig und was ist falsch? Was entspricht denn dem Willen Gottes? Um diese Frage geht es im heutigen Predigttext.

Pharisäer, die dabei sind, als Jesus das Volk lehrt, fragen ihn: Ist es erlaubt, dass ein Mann seine Frau aus der Ehe entlässt? Diese Frage ist unter den Gelehrten nicht strittig, eher streiten sie theologisch um die Gründe, die einen solchen Schritt rechtfertigten. Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen, und es gehört zur Kultur des Lernens, sich über die Auslegung der Tora auseinander zu setzen, ein kollegiales Streitgespräch zu führen. Unterschiedliche Meinungen werden in so einer Diskussion als bereichernd erlebt und sorgfältig dokumentiert. Die Pharisäer sind also interessiert an Jesus, sie wollen herausfinden, welche Position er vertritt, ob er zu einer der bekannten Parteien gehört oder etwas Neues sagt. Also: Ist es erlaubt, dass ein Mann seine Frau aus der Ehe entlässt?

Jesus lässt sich auf das Lehrgespräch ein und antwortet „gut jüdisch“ mit einer Gegenfrage: „Was hat euch Mose geboten?“ Er will die konkrete Einzelfrage nach dem Willen Gottes in einen größeren Zusammenhang stellen.

Die Gefragten hätten vieles aus der Tora des Mose zitieren können, z.B. das 6. Gebot: Du sollst nicht ehebrechen. Sie beschränken sich darauf, eine ganz konkrete Handlungsmöglichkeit zu nennen: Mose hat erlaubt, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief ausstellt und sie aus der Ehe entlässt. (5.Mose 24) Beide Partner sind dann frei, wieder zu heiraten.

„Um eures Herzens Härtigkeit willen hat er euch dieses Gebot gegeben“, antwortet Jesus. Er sagt damit: Dieses Gebot ist ein Zugeständnis an die menschliche Schwäche! Es ist nicht das, was ursprünglich vorgesehen war, was gemeint war im Zusammenleben von Mann und Frau.

Alle wissen es: Menschen können hart werden in einer Ehe. Das Zusammenleben kann unerträglich werden. Dann, sagt Mose, ist es nicht gut, wenn diese beiden Menschen beieinander bleiben. Es muss eine rechtliche Möglichkeit für diese Situation geben. Doch es wird beobachtet, dass diese Möglichkeit missbraucht wird. Es kommt vor, dass ein Mann seine Frau wegen einer Bagatelle entlässt. Außerdem ist es ungerecht, dass nur der Mann den Scheidebrief ausstellen kann. Die Frau ist nach der Scheidung viel schutzloser als der Mann. Sie ist viel stärker als der Mann auf die Ehe als Schutzgemeinschaft für Sexualität, Kinder und Unterhalt angewiesen als der Mann.

Trotzdem lässt Jesus die Regelung des Mose gelten. Ihr fragt nach Gottes Willen? Diese Regelung ist ein Zugeständnis! Wenn ein Mann diese Möglichkeit leichtfertig ergreift und dabei seiner Frau schadet, handelt er nicht nach Gottes Willen. Was Gott will steht am Anfang der Bibel in der Schöpfungserzählung: „Von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.“

Damit erinnert Jesus an die größte Auszeichnung des Menschen: Gottes Ebenbild zu sein. Mann und Frau sind gemeinsam Gottes Abbild. Gott hat da keine Hierarchie eingerichtet. Die Frau genießt die gleiche Würde, das gleiche Recht wie der Mann. Entsprechend sollen beide miteinander umgehen. Dann zitiert er noch einen Satz vom Ende der Schöpfungserzählung: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen und die zwei werden ein Fleisch sein.“ Dieser Vers steht an der Stelle, wo sich Adam und Eva zum ersten Mal begegnen. Wo Adam, der erste Mensch, der bis dahin allein war mit Pflanzen und Tieren, zum ersten Mal seinen Mitmenschen sieht, sein Gegenüber: Eva. Wo er erschüttert und beglückt ausruft: da ist sie, mir ähnlich, mir entsprechend, mir verwandt! Lang hat er auf sie gewartet, ohne zu wissen, worauf. Nun ist sie da. Die Sehnsucht nach ihr ist ungeheuerlich. Die Sehnsucht zu einem anderen Menschen kann Grenzen sprengen. Sie ist so groß, dass der Mensch seine Eltern verlässt und mit seinem Partner, seiner Partnerin eins wird.

Liebe Gemeinde: Jesus ergreift Partei für die Liebe! Darum geht es doch zwischen Mann und Frau, um die Liebe! In dieser Liebe leuchtet das Abbild Gottes auf. So soll es sein! „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ Jesus plädiert für die lebenslange Ehe als Schutzraum für die Liebe. Das Zugeständnis der Trennung im Falle von Scheitern ist demgegenüber zweitrangig. Als solches lässt auch er es gelten wie Mose - als Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes.

Jesus wertet eindeutig: Eine gelingende Beziehung, getragen von Liebe und gegenseitiger Unterstützung ist gottgewollt – in der Ehe zwischen Mann und Frau und – ich ergänze aus heutiger Sicht: auch in anderen Formen des Zusammenlebens der Geschlechter. Liebevolle, ganzheitliche Bindung zwischen zwei Menschen ist gottgewollt. Sich ganz auf den anderen verlassen zu können, ohne Vorbehalte vertrauen zu können, beieinander zu bleiben „in guten und in schlechten Tagen“ – wie es in der Trauagende heißt – das ist gottgewollt. Das ist ein Ziel, eine Form, die nicht aufgegeben werden darf, weil sie auch den Menschen gut tut: den Partnern, den Kindern, den Generationen. Es ist nebenbei gesagt auch etwas ganz Ursprüngliches, wonach sich selbst in unserer trennungsfreudigen Zeit jeder Mensch sehnt, bis hin in die Hollywoodfilme: die große Liebe, du ganz, ich ganz, wir beide für immer.

Doch es ist - damals und heute - eine Realität, dass Menschen an diesem schönen und anspruchsvollen Ziel scheitern. Für die menschliche Wirklichkeit des Misslingens muss es eine menschliche Regelung geben. Jesus ist nicht hartherzig, die Pharisäer sind es auch nicht, wohl aber die Kirche im Umgang mit Geschiedenen – sie ist es jedenfalls oft gewesen. Und sie hat diesen Menschen, die oft verzweifelt sind, die unter ihrem Scheitern und ihrer Schuld leiden, die sich selber Vorwürfe machen und die Folgen ihres Handelns tragen, sie hat diesen Menschen nicht nur den Beistand verweigert, sondern sie obendrein noch bestraft. Dabei hat bereits Martin Luther die Tür dafür geöffnet, bei dieser Frage sinnvolle und humane Lösungen zu finden, dadurch dass er der Ehe den sakramentalen Rang bestreitet und sie als „ein weltlich Ding“ ansieht.

Es steht einer Kirche gut an, wenn sie junge Paare nicht nur traut, sondern ihnen auch Hilfe anbietet: wenn sie Paaren in Krisen Hilfen zur Verfügung stellt, zu begreifen, was mit ihnen los ist und gemeinsam zu lernen. Es ist gut, wenn die Kirche nicht einfach die Forderung aufstellt: Ehen müssen halten, sondern wenn sie unterstützend, annehmend, seelsorgerlich da ist; wenn sie sich freut mit denen, denen es gegeben ist, ein Leben lang beieinander zu bleiben, und wenn in ihr eine offene Atmosphäre herrscht, in der sich auch die, die sich getrennt haben, auch Alleinerziehende, Alleinstehende und Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebensformen angenommen fühlen. So verschieden voneinander sind wir gar nicht, wie es auf den ersten Blick scheint. In der Bruchstückhaftigkeit unseres Lebens dürfen wir uns von Gott angenommen wissen.

Darum:

Wessen Ehe glücklich ist, der sei dankbar dafür. Wer trotz Unvollkommenheiten an einer Ehe festhält, der sei sicher, dass diese Haltung einen guten Wert in sich birgt.
Wessen Ehe in der Krise ist, der bemühe sich, die tieferen Gründe zu verstehen uns suche sich Unterstützung, um, wenn irgend möglich, die Liebe zu retten. Wessen Ehe zerbrochen ist, der wisse sich dennoch von Gott angenommen, mit großer Barmherzigkeit.
Wer alleine lebt und sich nach einer Beziehung sehnt, der wisse sich von Gott angenommen. Wer sich für die Lebensform des Alleinlebens entschieden hat, der möge sich als vollständigen und gesegneten Menschen erfahren. Wer einen Menschen seines eigenen Geschlechtes liebt, der wisse sich von Gott angenommen.

Möge Gott es geben, dass wir einander annehmen in unserer Verschiedenheit.

Amen.


EG 268 Strahlen brechen viele aus einem Licht. Unser Licht heißt Christus.