DBK Startseite    Zurück

Predigt über Kolosser 2,12-15


19.April 2009, 18 Uhr Abendmahlsgottesdienst mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden und ihren Familien

Pfarrer Dr. Hans-Christian Kammler, Tübingen, Eichenweg 4
Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe;
mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben
aus der Kraft Gottes,
der ihn auferweckt hat von den Toten.

Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht,
die ihr tot wart in den Sünden
und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches,
und hat uns vergeben alle Sünden.

Er hat den Schuldbrief getilgt,
der mit seinen Forderungen gegen uns war,
und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.

Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet
und sie öffentlich zur Schau gestellt
und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

I


Gewaltige Worte sind das, liebe Gemeinde, die wir da aus dem Munde des Apostels vernehmen. Gewaltige Worte – in der Tat! Einen geradezu triumphalen Klang haben sie. Paukenschlägen und Trommelwirbeln gleich, vom Osterjubel durchzogen.
Diese Worte, die uns sagen, was Gott am Kreuz und in der Auferstehung seines Sohnes für uns getan hat, – was auf Golgatha und am Ostermorgen an uns und mit uns geschah. „Ihr seid mit Christus begraben worden. Euer altes Leben, das von der Macht der Sünde beherrscht und von eurem Nein zu Gott geprägt war, ist erledigt und abgetan. Es ist vorbei und geht euch nichts mehr an. Eure Sünden sind euch vergeben. Der Schuldbrief ist getilgt – ein für allemal. Ihr seid neue, ganz neue Menschen geworden. Ja, ihr seid mit Christus auferstanden, mit ihm lebendig gemacht und frei vom Tod. So frei, dass der Tod euch nichts mehr anhaben kann. Die Mächte und Gewalten, die euch früher bedroht und in Angst und Schrecken versetzt haben, sie sind entmachtet, an den Pranger gestellt und zu Spott und Hohn geworden.“

„Geschehen ist das alles“, sagt der Apostel, „als Jesus, der Sohn Gottes, für euch am Kreuz starb und als er für euch am Ostermorgen aus dem Grab auferstand.

Und die Geschichte Jesu Christi ist nicht in der Ferne und in der Vergangenheit geblieben. Sie hat euch erreicht! Sie ist für euch Gegenwart geworden! Denn: Ihr seid getauft. In der Taufe hat Gott euch unwiderruflich auf den Leib geschrieben, dass ihr zu Jesus Christus gehört und mit ihm begraben und auferstanden seid. Und ihr seid zum Glauben an Jesus Christus gekommen – und das ‚nicht aus eigener Vernunft noch Kraft’, sondern ‚aus der Kraft Gottes’, ‚der Jesus auferweckt hat von den Toten’.“

Gewaltige Worte, triumphale Worte, jubilierende Worte – fürwahr!

Worte, mit denen der Apostel uns mit aller Macht das Wunder vor Augen stellt und ins Herz schreiben will, das am Karfreitag und am Ostermorgen geschehen ist.

II


Und doch, liebe Gemeinde: Erheben sich hier nicht in uns Bedenken und Zweifel? Bei dem einen leise und verhalten, bei dem anderen laut und bedrängend? Bei dem einen mehr und bei dem anderen weniger? Klingt das nicht alles viel zu schön, um wirklich wahr zu sein? Nimmt der Apostel hier den Mund nicht doch zu voll?
Denn: Lehrt uns unsere Erfahrung – die Erfahrung, die wir als Christen tagtäglich machen – nicht etwas anderes, etwas entschieden anderes?

Ist unsere alte, von der Sünde gezeichnete Existenz – trotz Karfreitag und Ostern, trotz Taufe und Glaube – nicht nach wie vor lebendig, sehr lebendig sogar? Immer wieder neu muss ich ja die Erfahrung machen, dass ich auch als Christ dem Willen und den Geboten Gottes nicht gehorsam bin und Gott nicht „über alle Dinge fürchte, liebe und vertraue“. Und immer wieder müssen wir als Gemeinde vor den heiligen Gott treten und ihm bekennen, dass wir gesündigt haben „in Gedanken, Worten und Werken“ und unseren Nächsten nicht geliebt haben wie uns selbst.

Steht – so frage ich weiter –, steht unser ganzes Leben und Wirken mit allem, was wir planen, tun und erhoffen, nicht – trotz der Auferstehung Jesu – noch immer unter dem Vorzeichen des Todes und also noch immer im Schatten der bitteren Wahrheit, dass wir einmal sterben müssen und alles vergänglich ist? In der Tat: Auch nach dem Ostermorgen gilt, was das alte Kirchenlied sagt: „Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen“ (EG 518,1). Der Macht und Gewalt des Todes begegnen wir ja nicht erst da, wo unser letztes Stündlein geschlagen hat und es für uns kein Entrinnen mehr gibt. Wir spüren den Griff des Todes vielmehr schon da, wo eine Krankheit uns trifft oder depressive Stimmungen uns niederdrücken und die Freude am Leben nehmen. Wir spüren diesen Griff, wo unsere Lebensträume zerbrechen und wir mit unseren Lebensplänen scheitern. Und wir spüren diesen Griff ganz besonders schmerzlich da, wo uns der Tod Menschen entreißt, die wir lieb haben, ja die das Glück unseres Lebens bedeuten und ohne die wir uns unser Leben gar nicht vorstellen können. –

Nach allem, was wir in unserem eigenen Leben und in der Welt um uns herum sehen und erfahren, ist die Macht und Gewalt des Todes keineswegs gebrochen. Seine Herrschaft scheint auch nach dem Ostermorgen so unangefochten wie eh und je. Davon, dass der Tod seiner Macht entkleidet ist, davon dass Gott in Christus über ihn triumphiert hat, ist nichts zu sehen. Von alldem – keine Spur!

III


Damit aber, liebe Gemeinde, erhebt sich unabweisbar die Frage: Wie kriegen wir das zusammen – unsere Erfahrung: dass die Sünde noch immer nach uns greift und der Tod keineswegs aus der Welt ist, und das, was der Apostel uns sagt: dass die Sünde aufgehoben und der Tod entmachtet ist, dass Christus am Ostermorgen über die Mächte der Sünde und des Todes gesiegt und triumphiert hat? Lasst es mich gleich ganz deutlich und unmissverständlich sagen: Wenn wir unsere Wirklichkeitserfahrung zu dem festen Punkt machen, von dem her wir alles und so auch das, was der Apostel uns sagt, in den Blick nehmen, – wenn wir hier den entscheidenden Maßstab suchen, an dem wir beurteilen und prüfen, was die Osterbotschaft uns sagt, dann kriegen wir das in gar keiner Weise zusammen! Nein, – dann können und werden wir nicht anders reagieren, als die Jünger am Ostermorgen reagierten, als ihnen die Kunde vom leeren Grab und von der Auferstehung ihres Herrn überbracht wurde: „Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“ (Lk 24,11) Ist unsere Wirklichkeitserfahrung der feste, unbewegliche Mittelpunkt für unser Fragen und Urteilen, dann werden wir – dem Kaninchen vor der Schlange gleich – mit unserem Blick auf die Mächte der Sünde und des Todes fixiert bleiben und vor diesen Mächten in Angst und Ehrfurcht erstarren.

Der Apostel aber will uns aus einer solchen Erstarrung und Fixierung gerade befreien! Mit seinem Ostertext will er uns zu einem radikalen Blickwechsel verhelfen: zu einer Wende um 180 Grad. Wir sollen nicht länger auf uns und auf die uns umgebenden „Mächte und Gewalten“ starren, sondern auf den schauen, dem Gott „alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben“ hat: auf Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn (Mt 28,18). Denn – so ruft der Apostel es uns zu! –, denn Gott hat das, was wir für den Mittelpunkt halten, aus der Mitte getan und hat einen anderen Mittelpunkt gesetzt: Ihn, den ewigen Sohn Gottes, der im Wunder seiner Menschwerdung auf unsere Seite getreten ist, um ganz und gar eins mit uns zu werden. Ihn, den treuen Heiland, der sich unlöslich mit uns und uns unlöslich mit sich verbunden hat, so dass wir mit hineingenommen sind in sein Geschick: in seinen Tod am Kreuz und in seine Auferstehung am dritten Tage. Ihn, den guten Hirten, dem wir mit Leib und Seele gehören und der uns allezeit behütet, so dass niemand und nichts uns aus seiner Hand reißen kann und wird. Ihn – Jesus Christus – hat Gott zum neuen Mittelpunkt gesetzt. Zu dem einzig wirklich festen Punkt, der ewig Bestand hat.

Der Apostel sagt deshalb nicht: „Schaut euch selbst an: euer Leben und Handeln, euer Christsein und eure Frömmigkeit, eure tagtäglichen Erfahrungen und Erlebnisse! Dort werdet ihr be­stätigt finden, dass ihr frei seid von den Sünden, dass ihr den Tod und seine Vorboten nicht länger zu fürchten braucht, dass die Mächte und Gewalten der Sünde und des Todes euch nichts mehr anhaben können.“ Nein –, das sagt der Apostel nicht, das gerade nicht! Sondern das sagt er: „Schaut Christus an! Ihn allein! Ihn, der für euch gestorben und auferstanden ist und der euch in der Taufe zugesagt hat, dass ihr ihm auf ewig gehört!“

IV


Wo wir Christus anschauen und uns an ihn halten, da glauben wir, liebe Gemeinde.
Da vollziehen wir jenen Blickwechsel, jene Wende um 180 Grad, zu der uns der Apostel bewegen will. „Sieh nicht an, was du selber bist / in deiner Schuld und Schwäche. / Sieh den an, der gekommen ist, damit er für dich spreche.“ (EG 539,1) So hat Jochen Klepper die Weihnachtsbotschaft dichtend aufgenommen, und eben so lautet auch die Osterbotschaft: „Sieh nicht an, was du selber bist. Sie den an, der auferstanden ist.“

Jesus Christus ansehen, ihm und seinem Wort vertrauen – gegen allen Augenschein und gegen alle Wirklichkeitserfahrung –, das heißt glauben. In diesem Glauben schlagen wir, den neugeborenen Kindern gleich, noch einmal die Augen auf und sehen die Welt mit neuen, mit österlichen Augen an – mit den Augen des Glaubens. Und dann erkennen wir, was wir zuvor nicht wahrnehmen konnten: dass das, was wir mit unseren leiblichen Augen sehen, nicht die letzte und nicht die einzige Wirklichkeit ist. Da erkennen wir: Die Wahrheit, die rettende und selig machende Wahrheit des Ostertages reicht weiter und tiefer als die sichtbare Wirklichkeit, die uns umgibt und noch immer bedrängt.

Im Glauben glauben wir buchstäblich über uns und unsere Wirklichkeitserfahrung hinaus und gegen uns und unsere Wirklichkeitserfahrung an. Im Glauben sprechen wir den Erfahrungen von Sünde und Tod – so bedrängend und erschreckend sie auch sein mögen und auch immer wieder sind – das Recht ab, das letzte Wort über uns zu haben. Dieses Recht hat Jesus Christus allein. Er, der für uns gestorben und auferstanden ist.

V



In meiner Predigt, liebe Gemeinde, habe ich aufzunehmen und nachzusprechen versucht, was der Apostel uns vorgesprochen und zugesprochen hat. Es ist der helle Ton des Osterglaubens, der damit laut geworden ist. Der helle Ton, auf den auch die Lieder gestimmt sind, die wir in diesem Gottesdienst miteinander singen.

Indem wir in diese Lieder einstimmen – und mag das in noch so großer Schwachheit und Verzagtheit geschehen – und indem wir dem Osterzeugnis des Apostels glauben, nehmen wir Gott und sein Wort ernster als alle unsere Erfahrungen, die diesem Wort entgegenstehen, ernster als alle unsere Zweifel und Fragen, ernster als unser Herz. Ja, wir nehmen ernst, was mehr als alles andere ernst genommen zu werden verdient: dass wir – im Leben und im Sterben, für Zeit und Ewigkeit – dem gehören, der für uns gestorben und auferstanden ist und der uns in unserer Taufe gesagt hat, was ewig wahr und gültig bleibt: „Fürchte dich nicht! Denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“ (Jes 43,1). Amen.