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Predigt über das Weihnachtsoratorium Teil IV "Fallt mit Loben, fallt mit Danken"


am 1. Januar 2009 in der Stiftskirche Tübingen
Karl Theodor Kleinknecht , Pfarramt Stiftskirche, Neckarhalde 27, 72070 Tübingen
Da bin ich aber echt froh, liebe Gemeinde, daß Sie die Kantate mit Ihrem Singen unterbrochen haben, so daß ich mich jetzt einfach anschließen kann, und die Predigt nun nicht daherkommt wie im Kommerzfernsehen der Werbeblock: immer an der schönsten Stelle störend - und entsprechend als ätzend empfunden.

Denn die schönste Stelle, eine der schönsten im ganzen Weihnachtsoratorium, ist die Echo-Arie, die wir da gerade hören durften, find ich jedenfalls, und das nicht nur weil ich Oboen so mag.

Und es ist auch genau die richtige Stelle für die Predigt, liebe Gemeinde (das haben Sie gut gemacht!), genau mittendrin, so daß wir schon genug gehört haben, um drin zu sein und noch genug vor uns, um auf den zweiten Teil gespannt zu sein. Am zentralen Punkt, auf den die drei ersten Partien hinführten und von dem die drei folgenden genau spiegelbildlich weiterführen.

So wie der ganze heutige Teil des Weihnachtsoratoriums ja seine besondere Stellung hat: nach den drei Weihnachtsfeiertagen (die es zu Bachs Zeiten ja noch gab), an denen ganz kontinuierlich die vertraute Weihnachtsgeschichte des Lukas (so wie wir sie bis heute jeden Heiligabend lesen und hören) Abschnitt für Abschnitt vom Evangelisten-Tenor rezitiert wurde, markiert Teil IV, nach der Halbzeitpause gewissermaßen, ein Innehalten, bevor dann Matthäus die Erzählung übernimmt mit seinen Weisen aus dem Morgenland und Herodes bis zum großen Schluß.

Entsprechend weist unsere Kantate etliche Besonderheiten auf, die die Musikwissenschaft Bach gern als Schwäche angekreidet hat: ohne rechte Pracht komme sie daher, in F-dur, also meilenweit entfernt vom strahlenden D-dur des ersten und letzten Teils, statt Pauken und Trompeten nur Hörner und Oboen, und die Altstimme hat heute ganz frei, gestrichen. Und Neujahr kommt überhaupt nicht vor...

Aber Bach hat das alles so gewollt. An Neujahr ein Innehalten nach Weihnachten, ein Sich-Sammeln und die Summe-Ziehen und Reflektieren: In keiner der sechs Kantaten wird so wenig erzählt und so viel gedacht wie in dieser.

Kurz, liebe Gemeinde: Heute wird aus der Krippengeschichte Dogmatik, Glaubenslehre, hohe Christologie.

Wie Bach das macht, das haben Sie gerade erlebt, nämlich genial: der 1. Januar, wie gesagt, ist nicht nur Neujahr, sondern auch „Festtag der Beschneidung und Namengebung Jesu“. Daraus gewinnt Bach sein Thema und Stichwort: der Name Jesus.

Wer das Krippenkind ist, über dessen Geburt sich die Hörer drei Tage und Kantaten lang ununterbrochen freuen durften, und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, das soll an Neujahr anhand seines Namens bedacht und entfaltet werden. Dazu wird aus dem D-dur das F-dur, aus dem übermütigen Jauchzet frohlocket! das reflektiertere „Fallt (nieder) mit Loben, fallt mit Danken“, weil dem, der darüber nachdenkt, was Weihnachten bedeutet im Blick auf Gott, auf mich selbst und auf die Welt, schon ein bisschen die Luft wegbleiben kann, so daß Horn und Oboe sehr wohl am Platze sind, um die Dimension und Überfülle dessen zu ermessen und zu sortieren, was da geschehen ist.

„Gottes Sohn will der Erden Heiland und Erlöser werden“. So weit waren wir noch nicht in den letzten Kantaten: Da ging es um das Kind, das Wunder seiner Geburt, der hohen Geburt in der Niedrigkeit, und um die vorsichtige Annäherung an das kleine Krippenkind. Bis hin zur Erkenntnis: hier geht in Erfüllung, was verheißen ist: „Er hat sein Volk getröst', Er hat sein Israel erlöst, die Hülf aus Zion hergesendet...“, und das alles aus Mitleid, freiem Erbarmen, Liebe.

Jetzt aber erfahren wir noch größeres über das Kind. Der ganzen Erden Heiland und Erlöser will er werden, singt der Chor. Das ist das Programm, das ist seine Bestimmung, sein Werk. Das soll heute entfaltet und betrachtet, verkündet und gepredigt werden. Wohlgemerkt: durch die Kantate. Die Predigt heute.

Und diese Predigt des Johann Sebastian Bach ist mal wieder in mehrfacher Hinsicht ein starkes Stück. Schon wie sie gemacht ist: Wie das ganze Weihnachtsoratorium (Sie wissen's ja alle, und wer die Einführungsvorträge hören konnte, weiß es sogar genau) ist auch der 4. Teil eine Collage: Wenn wir Bachs frühere Werke und sein Kirchengesangbuch daneben legen, sehen wir: Drei der sieben Musikstücke, die Echoarie inclusive, übernimmt er unverändert aus der Ihnen ja mittlerweile sattsam vertrauten Glückwunschkantate („Herkules auf dem Scheidewege“), die er im Jahr zuvor für den elfjährigen sächsischen Kurprinzen komponiert hatte. Was die Texte angeht, finden wir zwei Strophen aus zwei verschiedenen Liedern von Johann Rist wortwörtlich wieder (den Schlusschoral übrigens aus Rists Neujahrslied, von wegen: „Neujahr kommt nicht vor“).

Und wenn wir als drittes noch die Bibel dazulegten, würde sich auch der komplette Rest als vorgeprägt erweisen: keine Zeile, die sich nicht deutlich auf eine Bibelstelle bezöge oder doch wenigstens darauf anspielte. Es wäre spannend, und ich hätte nicht übel Lust, die Kantate jetzt mit Ihnen auseinanderzunehmen, um zu sehen, wie genial Bach, aber auch sein Librettoschreiber Picander diese gemeinsame Predigt „zusammengeklebt“ haben.

Denn eine Predigt ist diese Kantate, wie gesagt, sogar im strengen Sinne: Ihr Ziel, das hörten wir schon, steht im Eingangschor voran, und dann kommt der Predigttext: Ein einziger Bibelvers. Lukas 2,21, also der unmittelbar auf die vertraute Weihnachtsgeschichte folgende Satz (den aber im Gegensatz zu Vers 1-20 kaum ein Mensch mehr kennt): „Und da acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte, „da ward sein Name genennet Jesus, welcher genennet war von dem Engel, ehe denn er im Mutter-Leibe empfangen ward.“

Klingt harmlos, liebe Gemeinde, nicht?

Aber in Wirklichkeit, so wussten die Exegeten der Bachzeit ihn zu deuten, ist dieser Satz ein höchst brisantes dogmatisches Paket, in dem so ziemlich die ganze Christologie, also die Lehre von Jesus Christus, verpackt ist: Das altkirchliche Bekenntnis: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, beides verschränkt ineinander, wesensgleich dem Vater und aus Maria geboren, der einziggeborene Sohn und Herr, der „in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar“ erkannt wird, das fanden sie auch in diesem Satz wieder, wenn da die (gemäß der Sitte bei der Beschneidung vollzogene) Namengebung Jesu durch Maria und Josef und die Erinnerung an den von Gottes Engel in der Verkündigungsszene gegebenen Auftrag an Maria („dem sollst du den Namen Jesus geben“, Lk 1,31) ganz parallel formuliert sind: „Da ward sein Name genennet Jesus, welcher genennet war von dem Engel...“.

Daß auch Bach den uns so harmlos erscheinenden Satz so gewichtig und in dieser Weise verstanden hat, kann man an seinem Rezitativ hören: 7 Takte, deren Melodik und Harmonik einen exakt symmetrischen Bergaufstieg und – abstieg bilden mit dem Namen Jesus als Gipfelpunkt in der Mitte, und die beiden „genennet“-Phrasen ihn umrahmend, exakt auf dem gleichen Ton und in gleicher Länge, eben: identisch: wahrer Mensch und wahrer Gott.

Haben Sie's noch im Ohr? (Rezitativ erklingt nochmals)

Damit aber haben wir hörend einen Schlüssel zur ganzen Kantate gefunden: das Weihnachtsgeheimnis der „zwei Naturen unvermischt und ungetrennt“, des „wahrer Gott und wahrer Mensch“, diese im Grunde unlösbare Denk-Aufgabe, setzt Bach im Weihnachtsoratorium musikalisch um, indem er dialogisiert, Weihnachten im Zwiegespräch der Stimmen hören läßt.

Das tut er im ganzen Oratorium immer wieder mal, in Teil IV indes treibt er's bewusst auf die Spitze: vom Eingangschor mit seinen wechselseitigen Zurufen und Parallelformulierungen angefangen, über die beiden großen Bass- und Choralsopran-Dialoge (und wo nicht zwei Singstimmen miteinander reden, da tun's halt zwei Violinen) bis zum Höhepunkt der Echo-Arie. Ist es doch beim Echo mit dem Zweierlei-Sein und doch Identisch-Sein eine fast ebenso knifflige Sache wie beim christologischen Dogma.

Aber nicht nur für die musikalische Seite unserer Kantate ist die Zwei-Naturen-Lehre der Schlüssel, sondern auch für vieles von dem, was da gesungen wird, die Texte also. Voran für den Jesus-Namen selbst: Denn Jeschua (Jesus) heißt ja „Gott schafft Heil“ und wird schon bei Matthäus mit dem von Jesaja (7,14) verheißenen „Immanuel“ (zu deutsch: „Gott mit uns“) gleichgesetzt. In beiden Namen kann man also die zwei Naturen entdecken: Es seien „Amts-Namen“, heißt es in jenem Kommentar zur Bachzeit, die zur Sprache brächten, daß Jesus als Gott und Mensch der Mittler sei, der nicht nur wie ein Prophet lehrt und das Geheimnis der Liebe Gottes offenbart, sondern auch wie ein Hoherpriester uns mit Gott versöhnt und uns wie ein König schützt: All das steckt drin in seinem Namen, so daß wir uns nicht mehr zu wundern brauchen, warum die Kantate „das süße Wort“ in immer wieder neuen Variationen entfaltet, und eben nicht bei Weihnachten, an der Krippe, stehen bleibt: sondern Jesu ganzes Werk bis hin zum Tod am Kreuz, den er eben auch erleidet als „wahrer Mensch und wahrer Gott, unvermischt und ungetrennt.“



Der Mensch, der unter Qualen einen entsetzlichen Tod stirbt, ist zugleich, unvermischt und ungetrennt Gott – und darin Jeschua: Gott schafft Heil, Versöhnung, Leben in Fülle. Das predigt unsere Kantate, und von hier aus wird vieles verständlich, was wir gehört haben und was wir gleich noch zu hören bekommen werden.

Freilich: eines muß noch erwähnt werden, um Bachs Predigt zu erfassen, nämlich das Herz. Bach selbst hat in seinem ersten Manuskript dreimal anstelle des geschriebenen Wortes „Herz“ ein kleines Herzchen unter die Noten gemalt. Und wenn es vorhin hieß, in keiner Kantate werde so viel gedacht und Dogmatik entfaltet, dann eben gerade nicht so wie in den altkirchlichen Bekenntnisbeschlüssen und in den Begriffssystemen der lutherischen Orthodoxie. Die liegen der Kantate zugrunde, aber ihre Ausdrucksform ist die des glaubenden, singenden Herzens. Von dem Moment an, da der Evangelist seinen Satz gesungen und den Namen Jesus genannt hat, sagt die Kantate „Ich“, redet nur noch in der 1. Person, vom Ich, das sich diesem Jesus als seinem Du zuwendet. Viele Stimmen, mehrere glaubende Seelen singen da allein und im Dialog, aber alle sagen Ich und Du, Jesus.

So macht Bach Glauben hörbar, Weihnachtsglauben an den Mensch gewordenen Gott. Immer rückgebunden an die Tradition, den Glauben der Väter und Mütter, die Bibel, und doch ganz er selbst mit seiner Weltsicht und seinen Sorgen. So redet er vom Abendmahl („der Du dich für mich gegeben“) und von der Taufe („Dein Name steht in mir geschrieben“), schlüpft er in die Rolle des ringenden Jakob („Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ - bei Bach: „Mein Herze soll dich nimmer lassen“) und des alten Simeon, (genau, der Greis im Tempel, der Maria das Kind aus den Armen nimmt und sein "Nunc dimittis' singt, in unserer Weihnachtskrippe ist er bekanntlich der Star, wer will, kann ihn nachher noch betrachten) („Ich will dich mit Lust umfassen. Komm, so nimm mich zu dir!), um so auf sein eigenstes Problem zu kommen, die Angst vor dem Tod, vor dem Sterben, vor dem Gericht.

Und festzustellen: Weihnachten, das „Gott wird Mensch“, bedeutet die Befreiung aus dieser Angst: „Mein Jesus! Wenn ich sterbe, so weiß ich, daß ich nicht verderbe.“ Der schreckliche Name Gottes, von dem es im 5. Buch Mose (28,58f.) heißt, Israel solle ihn ja fürchten, er hat seinen Schrecken verloren: Nicht der allerkleinste Same ist mehr davon da: nein, du sagst ja selber nein. („Nein“). Das „süße Wort“ Jesus ist da, Gott selbst ansprechbar als Du, und ermutigt zur Freude: Ja, du sagst ja selber Ja („Ja“).

Diese Gewissheit: das ist für Bach die erste Konsequenz, die er aus dem Weihnachtsevangelium zieht und zu Neujahr 1735 seinen Leipzigern zu bedenken gibt - und zu Neujahr 2009 auch uns. Denn so sehr wir uns schwer tun mögen mit den dogmatischen Begriffsspielen der Zweinaturenlehre, so sehr ist doch dieses Ja als Rückhalt im Leben und im Sterben durchaus auch unser Ding, dieses „Fürchte dich nicht“, auch nicht 2009, dieses Ja Gottes zu mir (das ich mir nicht selber sagen kann!), obwohl ich so bin wie ich bin, und zur Welt gegen allen Augenschein, obwohl sie so ist wie sie ist.

Die zweite Konsequenz aber hören wir nun gleich: Nämlich, daß und wie dieser Glaube zuerst ins Loben und dann ins Laufen kommt. Ins Loben, und auch das wieder mit Pfiff: „Wohlan, dein Name soll allein, in meinem Herzen sein“. Wieder so ein harmlos scheinender frommer Satz. Aber achten Sie mal drauf gleich beim Hören, wie der Baß da mit dem „allein“ herumspielt, mal „dein Name soll allein in meinem Herzen sein“, mal „allein dein Name soll in meinem Herzen sein“ und wie er so Luthers berühmte „allein“-Formeln „sola fide“ und „Solus Christus“ durchbuchstabiert.

Ja, und dann kommt die Kantate ins Laufen. Dem Weihnachtsversprechen der gläubigen Seele: „Ich will nur dir zu Ehren leben“ unterlegt Bach die atemlose Fuge aus der Herkules-Kantate, mit der er gerade noch den kleinen Thronfolger zum Geburtstag erfreut hatte, und macht dadurch nicht nur dem Tenor, sondern auch dem Christenglauben am Schluß seiner Predigt förmlich Beine. Zuversichtlicher, von Angst befreiter Glaube, der auf Praxis drängt, der Leben prägen und gestalten will und dazu Mut und Kraft erbittet, das steht am Ende der Reflexion, steht bereit zum Mitnehmen ins neue Jahr 1735, doch auch für uns. Gewiß mit anderen Akzenten, weil wir andere Nöte und Ängste und andere Möglichkeiten und Ziele haben – und doch als nach wie vor sinnvolle, ja rettende Einladung, seinen Namen über unser Leben zu schreiben und das neue Jahr in seinem Namen zu beginnen: voller Hoffnung und mit großem Engagement, trotz allem. Amen.