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Predigt über Epheser 5,15-20

am 21. September 2008
Pfarrerin Angelika Volkmann
Epheser 5,15-20

So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise! Kauft die Zeit aus. Denn die Tage sind böse. Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. Und berauscht euch nicht mit Wein - das macht zügellos - , sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder erklingen. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn! Sagt Dank, Gott, dem Vater allezeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde, langweilig und öde mögen diese Worte in unseren Ohren klingen. Wie soll da Freude aufkommen? Gute Ratschläge, Aufforderungen zum Verzicht und Ermahnungen hören wir mündigen Menschen nicht so gerne, wir wollen keine Einmischung in die Art, wie wir unser Leben gestalten.

Doch um was geht es hier?

Es geht um nichts Geringeres als ein Leben im Licht. Das ganze 5.Kapitel im Epheserbrief handelt davon, dass wir als solche leben sollen, können und dürfen, die wir sind: als Kinder des Lichts, als solche, die wissen, wie sehr sie geliebt sind, wie viel Freundlichkeit sie umgibt, als fröhliche Menschen, die ein Sinn erfülltes und lichtvolles Leben genießen, inmitten aller Bedrohungen und Unbillen, ja sogar angesichts der Wirklichkeit des Todes. Offensichtlich kann man dieses verpassen oder verschlafen, denn in V 14 heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Man kann tatsächlich eine große Liebe verpassen, die, in dem Moment, in dem wir uns für sie öffnen würden, unser ganzes Leben in ein anderes Licht taucht, eine andere Grundstimmung mit sich bringt. Darum ist der Epheserbrief so eindringlich und aufrüttelnd mit seinen vielen Ermahnungen, weil er uns aufwecken will zu diesem Leben im Licht und nicht etwa, um uns besserwisserische Vorschriften zu machen.

Auf diesem Hintergrund können wir uns darauf einlassen, fragend über unser Leben nachzudenken anhand der Aufforderungen dieses Abschnitts.

So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise! Lebe ich eigentlich? Oder werde ich gelebt? Was will ich und was tut mir gut? Welche Sehnsüchte trage ich in mir und wo neige ich zu Süchten, um ihnen nahe zu kommen? Wie kann ich in Verbundenheit mit dem großen Frieden und der Liebe leben, die mir längst gilt? Sorgfältige und aufrichtige Selbstreflexion ist eine gute Sache, wenn wir weise leben wollen. Kauft die Zeit aus. Denn die Tage sind böse. Wie gehen wir mit der uns gegebenen Zeit um? Wenn uns Zeitmangel, Streß und Hektik plagt: kann es sein, dass wir zuviel von uns selbst verlangen? Oder gehen wir falsch mit der gegebenen Zeit um? Vergeuden wir Zeit? Wie finden wir in einen guten Lebensrhythmus? Wo brauchen wir mehr Disziplin, wo brauchen wir mehr Großzügigkeit? Und: Haben wir genügend Zeiten, in denen wir vor Gott zur Ruhe kommen - so wie gerade jetzt? Zeiten, in denen unsere Seele aufatmen und froh werden kann, Zeiten, in denen wir Gott unser Leben hinhalten, uns segnen lassen? Ihm im Herzen Psalmen singen ist laut Epheserbrief die beste Art, wie man die Zeit verbringen kann. Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht dankbar sein? Aber ja. In diesem Zusammenhang weise ich gerne einmal auf unser wöchentliches Taizégebet hin, diesen Ort der Ruhe mitten in der Woche, mit viel Singen und Stille - vielleicht auch eine Möglichkeit für manche, die dies noch nicht für sich entdeckt haben. Herzliche Einladung! Kauft die Zeit aus. Denn die Tage sind böse. Unsere Gegenwart legt keinen Wert auf diese Dinge. Unsere Gegenwart meint, Lebensglück dadurch erringen zu können, dass man viel hat, sich nicht um andere schert, viel konsumiert; sie versucht, das Lebensglück zu finden durch Egoismus. Das führt dann viel eher zu Geiz und Hass, Rache und Unfrieden. Zum Gefühl, ein Opfer anderer zu sein. Da ist es in der Tat verlockender, die eigene Lebenszeit für die Dinge zu nutzen, die uns fröhlich machen und herauszufinden, was Gott mit uns und für uns will.

Und berauscht euch nicht mit Wein - das macht zügellos - , sondern lasst euch vom Geist erfüllen. In unserer Zeit können die meisten Menschen kaum leben ohne eine Reihe von Stoffen oder auch nichtstofflichen Gewohnheiten, die uns unsere Lebenswirklichkeit ertragen lassen, mit denen wir uns betäuben oder anregen, mit denen wir uns ablenken oder Rauschhaftes suchen. Davon müssen wir uns gar nicht ausnehmen. Der Epheserbrief rät uns von solchem Verhalten ab, da es uns von der wesentlichen Ebene wegbringt, und zeigt uns eine Alternative auf: lasst euch vom Geist erfüllen. Das ist etwas Aktives und etwas Passives zugleich: wir können uns für Gottes Geist öffnen, ihm Raum einräumen und ihm Bedeutung geben - und wir können es dabei geschehen lassen, dass er uns erfüllt. Den Beistand des Heiligen Geistes brauchen wir wohl, wenn wir kritisch unterscheiden lernen wollen, wo wir wirklich genießen, und wo wir zügellos sind. Hier gibt es keine Regeln, die für alle gleichermaßen gültig sind, sondern jede und jeder muss den eigenen Weg finden. Zeitweise zu fasten ist eine gute Möglichkeit, die eigene Freiheit von Gewohnheiten zu stärken bzw. wieder zu erlangen.

Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder erklingen. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn! Liebe Gemeinde, das, was wir in dieser Stunde des Gottesdienstes gemeinsam tun, ist das Beste, was wir tun können. Gemeinsam zu singen, die alten, trostreichen Lieder, in denen sich schon Generationen unserer Vorväter und -mütter Geborgenheit gesucht und gefunden haben, und die neuen Lieder, die mit neuen Worten und neuem Jubel Gott ehren - etwas Besseres können wir nicht anfangen mit unserer Zeit. Wir stellen uns in den Strom der Glaubenden, ermutigen uns gegenseitig, denn es klingt gemeinsam viel voller und kräftiger, wenn jeder sich mit der eigenen Stimme eingebettet fühlen kann in den großen gemeinsamen Klang, mit dem wir miteinander und füreinander und für alle Leidenden beten. Das tut der Seele gut, gemeinsames Singen geistlicher Lieder ist heilsam.

Sagt Dank, Gott, dem Vater allezeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Ist das nun die schwerste Aufforderung? Kann man das überhaupt? Ist das nicht eine einzige Überforderung, gar zynisch? Allezeit für alles?

Diese Aufforderung dürfen wir nicht in dem Sinne begreifen, dass wir Gott danken sollten für das, was diese Welt und uns zerstört.: "Danke für die Kriege und das Leid und das ganze Elend" - nein, das ist nicht gemeint, das wäre sehr ungeistlich, denn Gott will nicht die Zerstörung und das Leid, Gott will das Heil und das Leben für alle Menschen, das Licht. Diese Aufforderung können wir eher so begreifen, als dass wir auch in schweren Zeiten unseres Lebens, auch in dunkeln Stunden innerlich danach Ausschau halten, wofür wir dankbar sein können, und dieser Dankbarkeit großen Raum geben.

Das, was uns fehlt, nehmen wir im allgemeinen verschärft war, das was uns stört, womit wir unzufrieden sind. Was wir Tag für Tag genießen können, was Gott uns alles schenkt, das nehmen wir dagegen oft genug für selbstverständlich. So ist diese kleine Übung zwar überhaupt nicht neu und originell, dafür aber umso wirksamer für alle, die es einmal ausprobieren möchten: wenn wir unzufrieden sind und leiden: suchen wir uns doch drei Dinge, besser fünf oder gar zehn Dinge, wofür wir von Herzen dankbar sein können - auch angesichts des Leides. Und dann sprechen wir diese Dankessätze als Gebet. Je mehr wir Leiden, umso häufiger, mehrmals am Tag. Dankbarkeit als Übung - das macht fröhlich! Und es ist wirklich eine Übung, die vielleicht sogar zunächst anstrengt und erst bei regelmäßiger Praxis ihre volle Wirkung entfaltet. Ich kenne Trauernde, die sich mit tief verwundeten Seelen in Dankbarkeit üben und täglich danken für das große Geschenk, den Verstorbenen gehabt zu haben, gekannt haben zu dürfen, für alle geteilten glücklichen Momente, dafür, dass es ihm jetzt gut geht, für den Trost, den Gott schenkt und für vieles weitere. Dankbarkeit hilft uns auf den schweren Wegen unseres Lebens, auch auf dem weg der Trauer. Es geht nicht darum, Leidenserfahrungen zu verdrängen oder zu überspielen, sondern dem Rechnung zu tragen, dem Ausdruck zu verleihen, dass auch diese Leiderfahrungen eingetaucht sind in das große Licht, das von Gott ausgeht.

Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Liebe Gemeinde, wir müssen diese Sätze nicht als moralische Ermahnung hören, vielmehr können wir in ihnen eine einladende Eröffnung eines heilsamen Horizontes entdecken.

Amen.