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Predigt über Apg 6, 1-7

am 24. August 2008
von Pfarrer i.R. Martin Bregenzer
Apostelgeschichte 6,1-7:

„In den Tagen, als die Zahl der Christen zunahm, beschwerten sich die griechischen Juden in der Gemeinde über die hebräischen Juden, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die Menge der Christen zusammen und sprachen: Es kann nicht so weitergehen, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.

Darum, liebe Geschwister, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, damit wir sie zu diesem Dienst bestellen. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Diese Rede gefiel der ganzen Gemeinde gut. Und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Judengenossen aus Antiochia. Diese Männer stellten sie vor die Apostel. Die beteten und legten die Hände auf sie. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Christen wurde sehr groß in Jerusalem; sogar viele Priester kamen zum Glauben.“


Ein Konflikt der ersten christlichen Gemeinde wird uns da geschildert. Wundert uns das? Ein Konflikt? Am Anfang? War denn der Anfang nicht nur gut und ideal, weil noch am nächsten zeitlich an der Jesuserfahrung dran?

Nein! Christliche Gemeinde war nie ideal. Von Anfang an und immer hat es in der christlichen Kirche gemenschelt. Weil es die vollkommenen Menschen nicht gibt. Schon im Jüngerkreis Jesu gab es Eifersüchteleien und Großmannssucht bis hin zu der Frage: Wer darf in der Ewigkeit neben ihm sitzen? Und das Ende kennen wir ja: feige Flucht. Verrat. Verleugnung. Zweifel.

Nicht ihre Vollkommenheit macht eine christliche Gemeinde aus.“ Allein aus Gnade“ – das macht uns evangelisch.

Der gemeinsame Glaube an den Gott, der uns mit unsern Stärken und Schwächen annimmt, der uns brauchen kann und akzeptiert und die feste Gewissheit, dass trotz unsrer Schwächen nichts vergeblich ist, was wir im Namen Jesu von Nazareth und seiner Liebe tun. Und dass wir an jedem neuen Morgen, den Gott uns schenkt entlastet und befreit neu beginnen dürfen. Natürlich gibt es auch heute in den christlichen Gemeinden Konflikte. Manchmal sind sie so gravierend, dass sie sogar in der Zeitung stehen. Meistens haben sie ihren Grund darin, dass einzelne unter uns sich nicht genügend beachtet und wahrgenommen fühlen, nicht genügend gelobt und wichtig. Auch bei uns gibt es Missverständnisse, Konkurrenzdenken zwischen Mitarbeitenden und Gruppen, Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühle, auch Machtmissbrauch.

Das unterscheidet uns nicht von der sogenannten Welt, von andern Organisationen, Vereinen oder Parteien. Was uns leider manchmal unterscheidet ist das, dass wirs in der Kirche gern unter den Tisch kehren, dass wirs nicht offen aussprechen. Streitkultur müssen wir in der Kirche immer noch und immer wieder lernen.

Was uns als Christen unterscheiden müsste von andern, ist die Art wie wir mit Konflikten umgehen. Wie wir den Mut haben, die Dinge offen auszusprechen und beim Namen zu nennen, sachlich – ohne einander zu verletzen - und gemeinsam Lösungen zu finden. Hier können wir durchaus von der sogenannten Ur-Gemeinde lernen. Lukas schildert zunächst wie der Konflikt entstand. Der Grund: Das Wachstum der Gemeinde. Die zahlenmäßige Zunahme der Christen, die ja ein Grund zur Freude ist, bringt auch Probleme. Die Apostel sind überfordert. Es geht auf die Dauer nicht gut, gleichzeitig Theologe zu sein und Arme zu versorgen, also diakonische Arbeit zu leisten. Es konnte nicht ausbleiben, dass Fehler vorkamen.

Von Anfang an gehört die Diakonie zur Kirche. „Diakonie ist gelebter Glaube, Wesensäußerung der Kirche“, lesen wir im Diakoniegesetz. Christen nehmen wahr, was schwach ist und hilflos, ausgegrenzt und arm. Damals war die Armut mitten in der Gemeinde. Heute ist sie – noch – meist weiter weg. Darum spenden wir heute für „Brot für die Welt“ und geben nicht nur „Hilfe für Brüder“ (und Schwestern?). Am Anfang kümmerten sich die Christen zunächst um die Armen in ihrer Mitte. Solche Armut wird bei uns noch versteckt. Mag sein, dass wirs auch wieder praktizieren, wenn die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufgeht und Menschen in unsrer allernächsten Nähe hungern müssen. Mit am ärmsten waren damals die Witwen. Es gab noch keine Rente oder sonstige Versorgung, es sei denn eine Witwe wurde wieder geheiratet. Oft mussten Witwen betteln oder waren zur Prostitution gezwungen. Neben den hebräischen Witwen wurden die griechischen – neben den Alteingesessenen die Zugezogenen - übersehen. Sie beschweren sich. Es gibt Ärger. Was tun?

Ich finde es beachtlich, wie nun in einer Zeit, in der noch das ganze Leben „patriarchalisch“, von oben nach unten, geregelt war, der Geist Jesu sich durchsetzte als demokratischer, gemeinsamer Lernprozess. Was wir heute ganz zaghaft wieder entdecken, war am Anfang offensichtlich selbstverständlich: es wird eine Gemeindeversammlung einberufen. Später, als es dann Ämter in der Gemeinde gab, wurde dieser Brauch leider für Jahrhunderte wieder abgeschafft.

In der Gemeindeversammlung – oder heute vielleicht bei einer Mitarbeiterversammlung - kann der Konflikt benannt und ausgesprochen werden. Die Gründe kommen auf den Tisch. Die Apostel entschuldigen sich und erklären ihre Überlastung. Es tut ihnen leid. Man bespricht die Sache.

Ergebnis: Die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt. Die erste Mitarbeiterschaft bildet sich, eine Tatsache, die bei uns in noch viel größeren Gemeinden überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

Ich finde es beachtlich, wie es die Apostel fertig bringen, sich selber zurückzunehmen und zu beschränken. Sie müssen nicht alles tun, können abgeben, loslassen, lernen zu delegieren, und es kommt zu einer demokratischen Wahl.

Diese Praxis der ersten Christen hat bei uns neue Aktualität bekommen in den letzten 10, 20 Jahren. Weil wir die reichlichen finanziellen Mittel der guten Zeiten nicht mehr zur Verfügung haben werden, müssen wir neue Formen einüben. Es ist in letzter Zeit viel die Rede gewesen vom notwendigen Wandel, von Konzentration auf Wesentliches, da wir nicht mehr einfach alles machen können, von Kooperation der Gemeinden untereinander, weil nicht jede Gemeinde alles alleine machen muss und von Delegation, also der Verteilung von Arbeit auf mehrere Schultern.

Leider fällt es manchen Pfarrerinnen und Pfarrern immer noch schwer, Aufgabengebiete abzugeben, obwohl die Konzentration auf die theologischen Aufgaben wieder nötiger wird. Manche sind gerne weiter Allroundmanager und Alleinunterhalter und gefallen sich in dieser Rolle. Das legt leider wertvolle Potentiale lahm, die es in jeder Gemeinde gibt. In Jerusalem damals ist es gelungen. Sieben Diakone werden gewählt. Damals waren es noch lauter Männer. Solche Verantwortung auf Frauen zu übertragen, war damals noch undenkbar. Hier sind wir heute weiter. Heute ist es umgekehrt. Es fehlen eher die Männer beim ehrenamtlichen Engagement.

Stellen wir uns vor, alle Frauen, die in der Gemeindearbeit irgendwo aktiv engagiert sind, würden streiken. Unsere Landeskirche könnte dicht machen. Sie lebt heute in erster Linie vom weiblichen Engagement, während Männer weiterhin Schlüsselpositionen besetzen. Immerhin haben wir einige Dekaninnen und hatten schon eine Prälatin. Eine Bischöfin ist in Württemberg leider noch nicht mehrheitsfähig.

Zurück zu Lukas. Mir fällt noch etwas sehr Einfühlsames auf. Wenn man sich in Ruhe die 7 Namen anschaut, merkt man auch als Nichttheologe rasch, dass es sich ausnahmslos um griechische Namen handelt. Ganz bewusst, damit niemand in der Gemeinde mehr Vetternwirtschaft wittern kann, wählte man Mitarbeiter aus der übersehenen Gruppe der Griechen!

Gerade die, die sich beschwert haben, kommen zum Zug. Hier kommt eine großes Vertrauen zum Ausdruck. Das Vertrauen, dass diese sieben griechischen Männer nun ihrerseits auch an die hebräischen Witwen denken werden und sie nun nicht auch übersehen. Das rührt mich an.

Schließlich fällt noch auf, dass die Neugewählten im Gottesdienst der Gemeinde unter Handauflegung und Gebet in ihren Dienst eingeführt werden. Gerne habe ich das auch so praktiziert, habe aber immer wieder die Erfahrung gemacht, dass neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen das nicht wollten und sich genierten. Oder sie wollten nicht da vorne hinstehen und „angeberisch“ erscheinen.

Ich finde es jedenfalls gut und sinnvoll, auch dass man die Arbeit der Ehrenamtlichen immer wieder auch in unsern Gemeindebriefen würdigt. Was wir tun, darf doch auch wahrgenommen werden von der Gemeinde. Miteinander freuen wir uns an dem, was wir können und was uns gelingt, und miteinander leiden wir darunter, wenn uns etwas misslingt. Wir bringen durch die gottesdienstliche Handlung zum Ausdruck, dass wir uns als Teil der Gemeinde, des Leibes Christi verstehen – wir es vorhin in der Lesung aus Röm.12 hörten - wo eins das andere braucht, wo wir miteinander leiden und uns miteinander freuen. „Die Gemeinde wuchs“, heißt es am Schluss, und 2 mal ist im Text von der „Zahl“ die Rede. Dieses Wachsen ist schön, aber es kann auch eine Versuchung sein. Wie oft habe ich mich selber nach Veranstaltungen bei der Frage ertappt „Wie viele waren da?“ Unsere Zeit ist geprägt von Zahlen, und wir starren gebannt darauf – nicht nur beim Dax oder beim Wirtschaftswachstum, auch im Gemeindeleben. Die großen Zahlen machen's nicht. Die großen Zahlen machen in unsrer Volkskirche die Gemeinden auch anonym und unübersichtlich. Darum sind heute unsre Gemeindegruppen so wichtig, in denen wir einander kennen und begegnen, einander wahrnehmen, voneinander lernen, uns miteinander freuen, miteinander lachen und weinen und aufeinander achten.

Ich wünsche Ihrer Gemeinde immer die nötigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das rechte Fingerspitzengefühl im Umgang miteinander, das Wahrnehmen von Konflikten und den Mut sie auszusprechen und zu lösen, nicht mit Machtmitteln, sondern in Wahrheit und Liebe. Ich wünsche Ihnen das Bewusstsein, als Gemeindemitglieder, als Mitarbeitende und als Gruppen als Glieder am gleichen Christusleib zu wirken.