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Predigt über 1. Mose 32, 27

bei der Konfirmation am 20.4.200
Pfarrerin Angelika Volkmann
„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“

Liebe Gemeinde, vor allem aber liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Heute ist Euer großer Tag.

Konfirmation: Ihr sagt euer Ja dazu, dass ihr zur Kirche Jesu Christi gehören wollt. Dass ihr - mit allen Zweifeln - versuchen wollt, zu glauben. Das ist einer der wichtigsten Gedanken, die wir euch im vergangenen Jahr vermitteln wollten, dass Glaube und Zweifel Zwillinge sind, dass der Zweifel ein Zeichen für die Lebendigkeit des Glaubens ist, und dass es ausreicht, wenn ihr eurer eigenen Sehnsucht nachgebt, der Sehnsucht nach der allumfassenden Liebe, die uns umgibt. Diese Sehnsucht in sich zu spüren - das ist schon Glaube. So hat es der große Kirchenvater Augustin vor langer Zeit gesagt. Konfirmation: das ist zugleich der Abschied von der Kindheit. Auch wenn dieser Abschied nicht genau heute stattfindet, sondern ein längerer Prozess ist, heute wird er mit gefeiert. Ihr seid keine Kinder mehr. Ihr habt etwas gesehen von der Welt, ihr habt eure Erfahrungen gemacht, auch schwere. Konfirmation: das bedeutet auch, dass ihr heute gesegnet werdet, jeder und jede einzelne bekommt den Segen für die Lebensreise zugesprochen. Wir haben darüber gesprochen, was Segen eigentlich bedeutet: Segen, das ist Gottes gute Kraft, die uns umgibt, behütet, hilft. Eine Kraft, die unsere kleinen menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Ihr versteht, dass wir Menschen nicht alles im Leben in der Hand haben. Ihr habt Euch überlegt, wo Ihr bisher schon Gottes Segen erfahren habt: z.B. als Ihr erlebt habt, dass eine schwierige Situation doch noch gut wurde, oder dass euch jemand sehr geholfen hat. Als ich Euch fragte, in welchen Situationen man Gottes Segen am dringendsten braucht, da meintet ihr: wenn es einem schlecht geht. Wenn man eine sehr schlimme Krankheit bekommt. Oder wenn man Probleme in der Schule hat. Wenn man gemobbt wird. Wenn man Stress zuhause hat. Oder große Probleme, die man keinem sagen will. Ich fragte euch dann, woran man denn merkt, dass man gesegnet ist. Da meintet ihr: Daran, dass es besser wird. Da habt ihr Recht. Das ist eine Form des Segens. Und es geschieht durchaus und gar nicht so selten, dass die Dinge einfach wie von selber besser werden. Das ist dann sehr schön. Aber manchmal ist es nicht so. Und wie ist es dann mit dem Segen? In der Bibel wird uns die Geschichte von einem Mann erzählt, der war in einer sehr schwierigen Situation. Und zwar schon sehr lange. Genauer gesagt: seit zwanzig Jahren. Es wurde einfach nicht von selber besser. Dieser Mann hieß Jakob. Jakob musste es selbst in die Hand nehmen. Er war gefordert. Ein Bild von Jakob ist auf unserem Gottesdienstprogramm zu sehen, ein Holzschnitt von dem Künstler Walter Habdank. Es zeigt Jakob, wie er mit einem geheimnisvollen Gegner kämpft. Wie er sich dem Griff eines dunklen Stärkeren entwinden möchte. Ein verzweifelter Kampf, der aber doch ein wenig wie eine Umarmung aussieht. Eine ganze lange Nacht lang kämpft er neben dem Fluss, den er später überschreiten wird, mit dem Unbekannten, der gleich stark ist, und dann wird es Tag, die Morgenröte bricht an. Ich lese einige Verse aus 1.Mose 32:

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, dann die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und den Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: wie heißest du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte Pnuel; denn, sprach er: ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuel vorbeikam, ging die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte. Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, vorletzten Mittwoch fragte ich euch: was glaubt ihr, mit wem Jakob die ganze Nacht über gerungen hat? Und ihr sagtet: mit einem Engel. Manche sagten: mit sich selbst! Und andere sagten: mit Gott. Alles ist richtig.

Jakob war in einer schwierigen Situation. Und oft ist es so, dass schwierige Situationen uns herausfordern, damit wir uns weiterentwickeln. Bei Jakob hat das ziemlich lange gedauert. Zwanzig Jahre lang hat er seinen Bruder Esau nicht gesehen. Den hatte er nämlich in übler Weise betrogen, sodass er weggehen musste. Zwanzig Jahre kein Wort. Zwanzig Jahre mit dem Gefühl gelebt: ich habe einen schlimmen Fehler gemacht. Oder zwanzig Jahre lang nicht wahrhaben wollen, dass er einen Fehler gemacht hat. Weil es immer einfacher ist, wenn die anderen schuld sind. Doch untergründig hat er die ganze Zeit über gewusst: eines Tages muss ich meinem Bruder wieder begegnen. Ich komme nicht daran vorbei. Eines Tages muss ich ihm gegenüber treten und mich entschuldigen, ihn um Verzeihung bitten. Eines Tages will ich das auch. Weil ich es auch mir selber schuldig bin. Eines Tages will ich dieses unerledigte Kapitel in meinem Leben in guter Weise abschließen. Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: In jeder Lebenssituation steckt eine Herausforderung. Man kann sie ergreifen. Oder man kann sie ungenutzt verstreichen lassen. Jakob ergreift die Herausforderung. Er kämpft, mit sich selbst, mit einem Engel, mit Gott. Er will sich endlich mit seinem Bruder versöhnen. Er will endlich das tun, was ihm so unendlich schwer fällt, was ihn an den Rand seiner Möglichkeiten bringt. Der Widerstand ist groß. Der ist genauso stark wie er. Doch schließlich will er weichen, doch Jakob lässt ihn nicht gehen. Er fordert den Segen seines Kampfpartners ein! Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Er will die Kraft, mit der er ringt, als Verbündete gewinnen, will sich seinerseits mit seinem inneren Widerstand verbünden, um Kraft zu haben für das, was dran ist. Und er bekommt den Segen, und die Morgenröte geht auf. Es wird wieder hell in seinem Leben. Jakob hätte sagen können: Wenn es Gott gibt und wenn Gott mich segnen will, dann soll er es eben tun, ich habe nichts dagegen, es wird schon nichts schaden. Er hätte auch sagen können: Ist mir doch alles egal, der Esau hat auch schuld, warum hat der mich so provoziert, ist doch klar, dass ich mich dann wehren muss, ich mache gar nichts. Dann hätte sich nichts verändert.

Doch Jakob ist anders. Er fragt sich: was ist meine Aufgabe? Wo liegt die Herausforderung für mich? Um was geht es? Was soll ich lernen? Welchen Weg soll ich gehen? Er will, dass es gut wird. Er will den Segen. Er gibt alles dafür und überwindet sich selbst. Und er verlangt von Gott, dass er ihn segnet. Er verlangt es! Auch dass wollten wir euch nahe bringen in diesem Jahr, dass der Segen Gottes nichts ist, was entweder vom Himmel regnet oder auch nicht, sondern dass wir um diesen Segen bitten können, mit ihm rechnen können und notfalls sogar um ihn ringen können. Das verlangt uns Menschen einiges ab. Jakob geht aus diesem Kampf hervor als ein Gezeichneter: er hinkt für den Rest seines Lebens. Doch er geht aus diesem Kampf hervor als ein Gesegneter. Er hat jetzt die Kraft, sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Er geht ihm entgegen am folgenden Tag und sie liegen sich in den Armen. Alles wird gut. Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: es gibt unzählige Situationen in jedem Lebensalter, in denen wir an unsere Grenzen gebracht werden, in denen wir - symbolisch gesprochen - einen Fluss überschreiten und Neuland betreten müssen. Ihr wisst es selber am besten, womit ihr zu kämpfen habt. Mit dem Alleinsein. Mit dem Nichtverstandenwerden. Mit unerfüllten Wünschen. Mit der Angst davor, zu versagen. Mit der Angst, nicht gut genug, nicht schön genug, nicht cool genug zu sein. Mit der Trauer, weil man eine Heimat verlassen musste oder weil eine Familie zerbrochen ist oder, weil jemand gestorben ist, den ihr gern hattet. Im Leben von euch allen gibt es Herausforderungen, größere oder kleinere. Und andere werden später dazu kommen. Heute, am Tag eurer Konfirmation, sprechen wir es als Wunsch für euch aus:

Gott segne euch. Erwartet diesen Segen! Bittet darum! Und wenn ihr warten müsst: ringt um diesen Segen! Dann wird, was auch immer geschieht, über eurem Leben die Sonne aufgehen.

Amen.