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Predigt bei der Konfirmation über Matthäus 5, 9

am 06.05. und am 13.05.2007
Pfarrerin Angelika Volkmann

Matthäus 5, 9
Christus spricht: Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Heute ist euer großer Tag. Heute steht ihr im Mittelpunkt. Und wie gut ihr dasteht! Soweit seid ihr nun, so gut herangewachsen, aus der Kindheit herausgewachsen. Erlaubt, dass ich mich kurz an eure Eltern und Großeltern wende.

Liebe Eltern! Erinnern Sie sich noch an den Moment der Geburt Ihres Sohnes, Ihrer Tochter? Haben Sie dieses Bild noch vor Augen, als Sie zum ersten Mal Ihr Kind gesehen haben? Welche Gefühle mögen Sie damals gehabt haben? Überwältigtsein, Freude, vielleicht auch Sorge im Umfeld der Geburt? Vielleicht Staunen und Dankbarkeit: Da bist du also. Ein kleiner Mensch. Lang erwartet. Sehr geliebt - auch von den Großeltern und anderen nahe stehenden Menschen. Mit guten Wünschen für ein glückliches Leben überhäuft.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden! Wie viele Tage sind seither vergangen? Ihr seid herangewachsen, habt Euch entwickelt, ihr wisst und könnt eine ganze Menge. Ihr habt viele glückliche Momente erlebt - mit Euren Eltern, im Spiel, mit Freunden. An manchen Tagen habt Ihr auch Sorgen gehabt und Schwierigkeiten erlebt: Krankheiten, größere und kleinere Unfälle, einschneidende Erlebnisse in der Familie, Trennung und manche von Euch auch den Tod von Menschen, die Euch nahe standen. All das gehört mit zur Zeitspanne, die Euer bisheriges Leben ausmacht.

Ihr seid inzwischen alt genug, um selber zu verstehen, dass Ihr nicht alles im Leben in der Hand habt. Die guten Wünsche für Euer Leben, die gelten Euch immer noch. Heute ganz besonders. Am dem Fest des Abschieds von der Kindheit. Heute werdet Ihr gesegnet für eure Lebensreise, für den Weg Eures Lebens und Eures Glaubens. Wir alle hoffen und wünschen, dass gute Tage für Euch kommen: dass Ihr gesund bleibt, dass Ihr mit der Schule gut zurechtkommt, dass Ihr eine Ausbildung machen könnt, eine Familie gründet - und vor allem, dass ihr glücklich sein könnt, über die Maßen erfüllt von Freude!

Die Bibel sagt dazu: selig! Selig seid ihr! So sagt Jesus zu euch. Stimmt das denn? Wer ist denn wirklich "selig"? Die Reichen und die Starken, würden wir meinen, die sind selig, die super Sportlichen und die mit einer Top-Model-Figur, die sind selig, die, die alles gut hinkriegen, die vom Leben Begünstigten, die, die sich durchsetzen können.

Von Jesus hören wir etwas anderes. Mit ungeheurer Kühnheit sagt Jesus gerade zu den Menschen "selig seid ihr", denen das glatte Gegenteil von Glück und Seligkeit widerfahren ist. Denen, die geistlich arm sind, an erster Stelle. Das sind jene, die mutlos und verzweifelt sind. Ist das nicht der Hohn: "selig sind die Verzweifelten"? Doch Jesus setzt diese Reihe fort: auch die Trauernden und Leidtragenden sind in seinen Augen selig und jene, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit verfolgt werden. Was diese Seliggepriesenen erleben und was Jesus ihnen zuspricht, das steht in einem spannungsreichen Kontrast zueinander.

Wie können wir das verstehen?

Liebe Jugendliche - wir haben im vergangenen Jahr öfter darüber gesprochen, was glauben bedeutet und was nicht. Glauben bedeutet nicht, den gesunden Menschenverstand an der Garderobe abzugeben. Wir müssen die Jungfrauengeburt nicht biologisch verstehen und uns auch nicht vorstellen, dass Jesus im Himmel umherschwebt. Es geht um etwas viel Wichtigeres: der Glaube eröffnet uns den Blick auf eine andere Wirklichkeit. Glauben bedeutet, die Welt mit den Augen Gottes sehen zu lernen. Gott sagt: es ist nicht gut, dass die Reichen und Mächtigen und die, die Gewalt ausüben gelobt und anerkannt werden! Nein! Das, was schwach ist vor den Augen der Menschen, das habe ich mir ausgewählt! Jesus, als der Sohn Gottes, dreht die gewohnten Maßstäbe um. Die Traurigen, die sind wichtig, sagt er, und sie werden Trost finden. Die, denen alles fehlt, die sollt ihr anerkennen, die Sanftmütigen, die auf Gewalt verzichten, denen wird die Erde gehören; die Barmherzigen und die, die Frieden stiften, die werden Gott sehen und Gottes Kinder heißen.

Liebe Gemeinde: die Seligpreisungen Jesu setzen eine andere Wirklichkeit in Kraft, die unsichtbare Wirklichkeit des Himmels, die uns doch jeden Tag umgibt, die wir bloß oft nicht mehr wahrnehmen. Jesus macht nicht mit bei dem schneller-schöner-stärker-reicher-Wettbewerb. Und, wenn wir ehrlich sind, haben wir nicht auch schon oft festgestellt, dass dieser Wettbewerb grausam ist und dass wir darunter leiden, unter der ständigen Anstrengung, mithalten zu können, zu müssen? Jesus sagt: bei mir gelten andere Werte, wohltuende Werte - und er lädt uns Menschen ein, daran teilzuhaben, im Glauben.

Naja, das kann er ja behaupten, könnte man jetzt einwenden. Gute Absicht - aber stimmt es denn? Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: Jesus hat es nicht einfach nur behauptet. Er hat es mit seinem eigenen Leben gelebt. Er hat auf Gewalt verzichtet. Er war sanftmütig und friedfertig. Er hat denen vergeben, die ihn verraten, verlassen, verspottet und getötet haben. Er war traurig und verzweifelt, als er starb. Er hat sich die dunkle Seite des Lebens nicht erspart. Er war ohnmächtig und schwach, ist gestorben. Das heißt, Jesus selbst ist auf der Seite derer, die leiden. Ganz nah ist er ihnen. Er weiß, wie es sich anfühlt. Und dann ist er auferstanden am dritten Tag. Daraus, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, aus der Auferstehung kommt die große Kraft, die große Hoffnung, die uns durch unser Leben trägt, auch durch die dunklen Stunden. Gott ist stärker als der Tod! Er hat ihn durchlitten. Dietrich Bonhoeffer hat es so gesagt: Christus hilft nicht kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Ohnmacht, seines Leidens. Nur der leidende Gott kann helfen. Dort drüben im Kirchenfenster ist es nachzulesen. Wir glauben an einen verletzlichen Gott, einen Gott auf der Seite der Schwachen.

Glauben bedeutet, die Welt mit den Augen Gottes sehen zu lernen. Selig seid Ihr! Ja, es ist so: wir sind geliebter als wir wissen. Wir müssen nicht perfekt sein. Wenn man diese Quelle entdeckt hat - und man kann sie auch immer wieder von neuem entdecken - dann sprudelt daraus Lebensfreude pur. Glauben bedeutet, die Welt mit den Augen Gottes sehen zu lernen: Die strahlende Lebensfreude in den Gesichtern der geistig behinderten Menschen von Mariaberg, die wir besucht haben. Das Glück in den Augen der Aidswaisen von Kinshasa, für die ihr heute das Opfer erbittet. Die Kraft und die Güte von denen, die sich eben nicht durchsetzen und scheinbar den Kürzeren ziehen. Fürchte dich nicht, den Frieden zu leben. Fürchte dich nicht, der Schwächere zu sein! Wer glaubt, sieht weiter, als man mit den Augen sehen kann.

Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Wenn das keine Einladung ist! Wer Frieden stiftet, ist von Gott adoptiert! Und wie nötig braucht unsere Welt Friedensstifter! Im Klassenzimmer, auf dem Schulhof, in den Familien, in der Politik! Die, von denen Friede ausgeht! Die, die verstehen und um Verständnis für die andere Seite werben! Die Gutes Nachreden, Unterlegene in Schutz nehmen, Hass besänftigen und alles zum Besten kehren!

Jeder kennt derartige Menschen. Es ist großartig, ihnen zu begegnen; die Seele atmet, wenn man mit ihnen zu tun hat. Ist es Einbildung? Wo man in ihrer Nähe ist, da kann man fast riechen und schmecken, wie es in Gottes Reich zugeht; da ahnt man, was ein Engel sein mag; da hat das Wort "Gotteskind" einen wohltuenden Klang, der noch lange nachhallt.

Liebe Jugendliche, die ihr heute konfirmiert werdet, lasst es euch sagen: Selig seid ihr! Auch dann, wenn ihr traurig seid, wenn ihr nicht perfekt seid, wenn ihr den Kürzeren zieht. Eure Seligkeit kann euch niemand nehmen. Eingeladen seid ihr, die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Das heißt glauben. Aufgefordert seid ihr dazu, Friedensstifter zu werden, mit eurem Leben zu diesem wunderbaren Werk Gottes in dieser Welt beizutragen. In diesem Sinne steht euch eine großartige Zukunft offen. Und dabei seid ihr nicht allein.

Amen.