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Predigt über Jes. 6, 1-13 – Jesajas Berufung

an Trinitatis, 11. Juni 2006

Pfarrer Martin Bregenzer

Liebe Gemeinde,

Hören Sie zunächst den ersten Teil des heutigen Predigttextes, Jes. 6,1-8:
„In dem Jahr als der König Usia starb, sah ich Gott sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl, und sein Mantelsaum füllte den Tempel. Seraphim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel. Mit zweien bedeckten sie ihr Gesicht; mit zweien bedeckten sie ihre Füße; mit zweien flogen sie. Und einer rief dem andern zu und sprach:
„Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll.
Die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das ganze Haus war voll Rauch.
Da sprach ich: Weh mir! ich vergehe! Denn ich habe unreine Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen, denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth gesehen mit meinen Augen.
Da flog einer der Seraphim zu mir her und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, damit sind deine Lippen berührt und deine Missetat von dir genommen und deine Sünde vergeben.
Und ich hörte die Stimme Gottes, der sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich. Sende mich.“

Jesaja sagt Ja. Er weiß: Ich bin gemeint. Ich bin berufen. Berufen durch Gott persönlich. Es ist ihm klar – er weiß es einfach. Es hat ihn mitten ins Herz getroffen. Kurz erschrickt er und sagt „ich habe doch unreine Lippen“. So wie einst Mose, der zu Gott sagte „Ich kann doch nicht reden“ oder Jeremia, der sagte „Ich bin zu jung“. Aber dann ist er bereit.
Berufung! Gibt es das noch? Sind Sie berufen? Bin ich berufen?
Von Gott persönlich beauftragt mit einer Botschaft? Mit einer Aufgabe? Mit einem Lebenssinn? Wie sehen wir unser eigenes Leben?

Ich weiß noch gut wie ich als 20-jähriger Theologiestudent in einem kleinen Dorf im Schwarzwald vor über 45 Jahren in den Semesterferien einen Studienfreund besuchen wollte. Als ich kam war er gerade unterwegs und sein Vater —— der Pfarrer des Dorfs –- empfing mich. Ich sehe ihn noch vor mir –- er war gerade mit seinen Bienenstöcken beschäftigt. „Sie wollen also Pfarrer werden?“ „Ja“ sagte ich – ich will's versuchen.“ „Warum?“ fragte er. Ich höre mich noch etwas herumdrucksen, überrascht von der Frage. „Nun, mein Vater ist auch Pfarrer – ich bin in die Gemeindearbeit hineingewachsen – habe Freude daran, habe Jungschar und Kindergottesdienst gehalten und hoffe, dass das eine sinnvolle Aufgabe für mich ist...“ Er darauf: “Diese Antwort befriedigt mich nicht. Wenn Sie sich nicht von Gott persönlich berufen wissen, überlegen Sie sich's noch einmal gründlich.“ Ich weiß noch wie froh ich war, als mein Freund in diesem Augenblick kam, die unangenehme Befragung ein Ende nahm und der Pfarrer sich wieder seinen Bienen zuwandte.

Wie war das mit Jesajas Berufung? Einige Stichworte lassen deutlich vermuten, dass die Berufung mitten in einem Tempelgottesdienst geschah.
Der Tempel wird erwähnt, die Seraphim, Engel, die über der Bundeslade thronten, der Stuhl des Priesters, der Altar mit den Kohlen, der Weihrauch, der den Tempel füllt. Und dann muss etwas Geheimnisvolles mit Jesaja passiert sein, das sich schlecht erklären lässt. Der Stuhl des Priesters verwandelt sich in seiner Vorstellung in den Thron Gottes; sein Gewand wird zum Gewand Gottes, dessen Saum den ganzen Tempel ausfüllt. Die Seraphim werden lebendig und fliegen. Einer berührt ihn mit der Kohle. Der Tempelchor wird zum Gesang der Engel. Und plötzlich redet nicht mehr der Priester,sondern Gott. Eine Vision, verbunden mit einer Audition nennen die Theologen das. Aber erklärt ist es damit auch nicht. Vermutlich muss man eine Antenne dafür haben, die so etwas empfängt und nicht jede und jeder wird Prophet. Man hat gesagt, es sei der Preis unserer technisierten Welt, dass wir solche Erfahrungen im Gegensatz zu damaligen Menschen heute nicht mehr machen. Aber ich habe da meine Zweifel. Ich glaube, dass das auch damals die große Ausnahme war.

Trotzdem fragen sich viele Menschen heute, warum sie ein Gottesdienst in der Kirche meist nicht so persönlich ins Herz trifft. Nicht wenige sind unzufrieden mit der Liturgie und Gestaltung. Die Gottesdienste seien vor allem in der evangelischen Kirche zu verkopft. Die Sinnlichkeit käme zu kurz und die Gefühle. Es fehle eine Atmosphäre der Ergriffenheit. Viele reden von einer neuen Spiritualität, die notwendig sei, machen neue Versuche innerhalb der Kirchengemeinden oder suchen sie verstärkt auch außerhalb der Kirche. In einer einzigen Zeitschrift fand ich folgende Angebote: Klosterurlaub am Meer; Heilfastenkuren; Yogakurs; Einübung in Kontemplation mit Exerzitien; Pilgerfahrt nach Chartres mit Erfahrung des Labyrinths; Enneagrammtraining; spirituelle Reisen zum Berg Athos. Ich werte das alles nicht ab, will nur zeigen wie groß das Bedürfnis ist nach solchen persönlichen Erfahrungen, nach Ergriffenheit und Betroffenheit.
Wo erleben wir so etwas? Beim Betrachten eines Kunstwerks? Beim Hören einer ergreifenden Musik, einem Gedicht, einem Film, einem guten Buch? Oder vielleicht doch in einem Kirchenraum? Einem alten romanischen oder gotischenß Oder doch während eines Gottesdienstes? Albert Schweitzer berichtet in seinen Lebenserinnerungen wie wichtig es für ihn als Kind gewesen sei, dass seine Eltern ihn in die Gottesdienste mitgenommen hätten. Vom Inhalt habe er nichts oder wenig mitbekommen, aber das Erleben des „Heiligen und Feierlichen“ habe ihn als Kind berührt.

Zurück zu Jesaja! Jesaja hat seine Berufung nicht bewusst gesucht. Sie kam über ihn aus heiterem Himmel. Er hat sie dann zwar bereit aber nicht gerade begeistert angenommen, sondern selbstkritisch seine Unfähigkeit festgestellt: „Ich habe unreine Lippen“, bin also unvollkommen in dem was ich denke, sage, tue. Und machbar ist eine solche Gotteserfahrung schon gar nicht.. Fulbert Steffensky, der Mann der verstorbenen Theologin Dorothee Sölle schlägt in seinem neuen Buch „Schwarzbrotspiritualität“ deshalb vor, dass wir uns bescheiden mit den Erfahrungen, die wir heute machen im Jahr 2006 und den Reichtum unsrer eigenen Tradition wieder neu schätzen lernen, unsere Feste und Riten, Bibelworte, Gebete und Geschichten, die uns wichtig wurden.
Auch Jesaja wurde aus dem Hochgefühl seiner Berufung mit den tiefen Gefühlen herausgerissen und von Gott auf den Boden geholt. Es geht eben nicht um eine Wohlfühl- und Wellnessspiritualität, die letztlich um sich selber kreist und bei sich selber bleibt, sondern um einen nüchternen, unbequemen und sehr frustrierenden gesellschafts-politischen Auftrag. Ich glaube auch, dass Jesaja ein wacher politischer Mensch war, der gelitten hat unter Unrecht und Gewalt und der dieses Leiden auch mit in den Tempel und vor Gott brachte.

Hören Sie nun den zweiten Teil unseres Predigttextes, Jes. 6,9-13:
„Und Gott sprach: Geh hin uns sprich zu diesem Volk: Höret und versteht's nicht! Sehet und merket's nicht!
Verstocke das Herz dieses Volkes und lass ihre Ohren hart sein und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihren Herzen und sich bekehren und gesund werden.
Ich aber fragte: Herr wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden ohne Einwohner und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst liege. Denn der Herr wird die Leute weit weg tun, dass das Land ganz verlassen wird. Und sollte auch der zehnte Teil noch darin bleiben, so wird es abermals verheert werden, doch wie eine Eiche oder eine Linde von welchen beim Fällen noch ein Stumpf übrig bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.“

Man muss das ganze Jesajabuch mitbedenken um zu ermessen, wogegen Jesaja seine Botschaft sagen sollte und man ist verblüfft wie wenig die Welt sich gegenüber damals verändert hat: gegen die ungerechte Verteilung des Reichtums soll er predigen; gegen die Unehrlichkeit der Herrschenden soll er seine Botschaft richten; gegen die Bestechlichkeit der Richter und die Ungerechtigkeit ihrer Urteile; gegen Gewalt und Blutvergießen; gegen den Missbrauch der Religion und die Scheinheiligkeit, die Gott vor den Karren der Mächtigen und ihrer Interessen spannt.
Heute ist seine Botschaft immer noch aktuell. Vermutlich hätte er auch reden müssen gegen Selbstmordterrorismus und Anheizung von Fanatismus und Fundamentalismus im Namen der Religion genauso wie gegen Guantanamo und Abu Ghraib und dagegen dass wenige unglaublich Reiche ihr Geld für sich arbeiten lassen während Millionen nicht für ihr Geld arbeiten dürfen.

Und das Frustrierende an der Botschaft des Propheten: Er weiß von vorn herein und bekommt es klar gesagt, dass seine Botschaft auf taube Ohren stoßen wird und nicht den geringsten Erfolg haben wird.

Und trotzdem muss er sie sagen, die unbequeme Botschaft, weil sie wahr ist. Er muss reden um zu verstocken, gegen eine Wand von Kälte und Gleichgültigkeit, weil die Wahrheit nicht schweigen darf oder wie Bonhoeffer sagte „Nur wer für die Juden schreit, dh zum Unrecht Stellung nimmt, darf auch gregorianisch singen“. Wer Glauben nur als eigene Wohlfühl-Oase sucht, kann sich nicht auf die Bibel berufen.
„Wie lange“? fragt der Prophet. Und er bekommt keine schöne Antwort: Bis sich das Unrecht selber tot gelaufen hat und alles verwüstet ist. Muss sich der Kapitalismus und der islamische Fundamentalismus genauso tot laufen wie einst der Kommunismus?

Ich bin froh, dass ich kein solcher Prophet sein muss wie Jesaja. Und im Gegensatz zu der Meinung des erwähnten Bienenpfarrers bin ich überzeugt, dass Gott vielerlei Wege hat auch uns auf seine Weise anzurühren. Ich glaube, dass es auch eine Berufung im Kleinen gibt, ohne große Vision, einfach durch waches Nachdenken, durch Befragung unsres durch Jesus Christus geprägten Gewissens zum Beispiel beim Zeitunglesen oder der Tagesschau und dass wir mit unsern Erkenntnissen und Gefühlen, mit den Möglichkeiten, die wir haben, und an den Orten, wo wir stehen, in den Gesprächen, die wir führen, und dem Lebensstil, den wir pflegen, genauso gesandt sind gegen jede Anpassung für die Wahrheit einzustehen – hoffentlich heute nicht nur zur Verstockung, sondern manchmal auch zur Veränderung eines kleinen Stückchens Welt. Wir sollen Gott nicht in andern Sphären suchen. Er ist mitten in unserm Alltag.

Ich bin froh, dass unser Text nicht mit Resignation endet und uns nicht ohne Hoffnung entlässt. Er entlässt uns mit dem tröstlichen Bild des Baumstumpfs, der neu ausschlägt und wieder wächst. Also mit dem Bild vom neuen Anfang, der neuen Chance, der neuen Hoffnung. Zerstörung ist bei Gott nie das letzte Wort. Wir dürfen in der Gewissheit leben, dass jeder neue Tag die Möglichkeit der Umkehr, die Möglichkeit eines neuen Anfangs in sich birgt.

Amen.