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Predigt über Phil. 1, 12-21 an Laetare

26. März 2006
Pfarrer Martin Bregenzer

Liebe Gemeinde,

Paulus schrieb den Philipper-Brief an die Gemeinde der griechischen Stadt Philippi aus der Untersuchungshaft in Ephesus, Kleinasien:
„Ihr müsst wissen, Brüder und Schwestern, dass meine Gefangenschaft dazu beigetragen hat, die Verbreitung des Evangeliums zu fördern. Selbst die Beamten am Sitz des Statthalters nehmen wahr, dass ich deshalb angeklagt bin, weil ich Christus predige. Auch viele Mitchristen haben aufgrund meiner Bande Mut gewonnen nun umso kühner und ohne Scheu von Christus zu reden.
Manche tun es zwar weil sie neidisch sind und mich ausstechen wollen. Andere aber tun es ganz uneigennützig.
Den einen dient die Verkündigung von Christus nur als Vorwand. Sie wollen mir in meiner Gefangenschaft Kummer bereiten. Die andern aber tun es aus Liebe zu mir, denn sie wissen, dass ich vor Gericht den Glauben an Christus verteidigen muss und stehen hinter mir.
Was soll's! Ob's aus falschen Motiven oder aus wahrhaftigen geschieht: Hauptsache Christus wird verkündigt wie auch immer.
Darüber freue ich mich. Denn ich weiß, dass meine Gefangenschaft – egal wie sie ausgeht – zu meiner Rettung führt. Das verbürgen mir eure Gebete und Christus, der mir durch seinen Geist beisteht.
Ich vertraue darauf und hoffe, dass Christus an mir und durch mich groß gemacht wird ob ich nun am Leben bleibe oder sterbe.
Denn Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn.

Paulus ist also im Gefängnis. Das blühte Christen in den ersten drei Jahrhunderten oft. Die ersten Christen behaupteten ja, nicht der Cäsar in Rom, der damals mächtigste Mann der Welt, der Anbetung und Kaiseropfer forderte, sondern Christus sei der Herr, der Kyrios. Christsein führte automatisch in die politische Auseinandersetzung. Es ging immer um die Machtfrage. Da machen Diktaturen seit jeher kurzen Prozess. Unruhe in der Bevölkerung können sie sich nicht leisten. Im Moment erleben wir das in Weißrussland, wo der friedliche Protest einer Minderheit niedergeknüppelt wird. Paulus muss durchaus damit rechnen, dass er das Gefängnis nicht mehr lebendig verlässt.

Was hätten wir gemacht – Sie oder ich – in seiner isolierten Lage? Vielleicht hätten wir auch einen Brief geschrieben wie er. An Menschen, die uns nahe stehen: Vergesst mich nicht.. Betet für mich. Ich bin verzweifelt. Ich habe wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu leben. Vielleicht auch: danke für alle Liebe, die Ihr mir erwiesen habt. Oder wir hätten uns erinnert an schöne Stunden: wisst ihr noch? Damals! Oder wir hätten noch einmal eine Art Vermächtnis versucht, zusammengefasst, was uns wichtig war, was wir im Leben als richtig erkannt haben.

Auch Paulus schreibt an Menschen, die ihn mögen, an seine Lieblingsgemeinde in Philippi. Und man fasst es kaum: er jammert mit keinem Wort. Im Gegenteil: er macht aus der Not eine Tugend und gewinnt der schlimmen Lage noch Gutes ab.

Seht es doch positiv! Meine Gefangenschaft hat sich draußen herumgesprochen, schreibt er. Selbst die Beamten des römischen Statthalters nehmen mich wahr und reden von meinem Mut. Und die Christen, die davon hören, werden angesteckt von meinem Glauben. Sie trauen sich öffentlich vom Glauben an Christus zu reden. Die Gemeinde wächst. Lasst uns nicht fragen „warum“ – so Paulus – sondern „wozu?“

Der Kirchenvater Cyprian wird sich später auf Paulus berufen mit seinem berühmt gewordenen Satz „Sanguis semen ecclesiae“ – das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche....“ Wachstum durch Leiden....
Dieses positive Reden, diese Glaubensfreude mitten im Leid war wohl der Grund, weshalb diese Bibelworte zum Predigttext wurden am Sonntag Lätare, freuet euch, mitten in der Passionszeit.
Paulus macht Mut bis zuletzt. Wer ist dieser Paulus? Ein Übermensch? Ein Glaubensheld? Werden wir vor ihm nicht ganz klein?

Ihnen in dieser Kirche fällt sicher sofort Ihr Namenspatron Dietrich Bonhoeffer ein und sein berühmtes Gedicht aus Widerstand und Ergebung, auch aus dem Gefängnis geschrieben:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz
wie einer, der siegen gewohnt ist...

Und wir? Sind wir nicht froh und dankbar, dass das nicht unsere Lage ist? Wir genießen den Gottesdienst, die Stille, die Gemeinschaft, die vertrauten Gesichter, den schönen Raum, die Bilder, die wohltuenden Töne der Orgel, der Flöte, die vertraute Liturgie, die unser Leben stabilisiert und unsre Gewissheit stützt und nachher draußen den Kirchenkaffee.

Niemand von uns geschieht etwas deshalb. Wir leben in einer Demokratie. Unser Mitdenken, unsere Wachsamkeit, unsre Kritik, unsre Zivilcourage ist sogar regelrecht gefordert, damit Demokratie leben kann. An Wahltagen wie dem heutigen wird es uns bewusst. Anders war's im dritten Reich oder während der DDR-Zeit. Aber wer von uns wünschte sich das zurück?

Sicher – auch wir haben unsre Gefangenschaften. Zwänge, in die wir eingespannt sind. Unsre Haut, aus der wir nicht können. Unser begrenztes Leben, in dem wir uns eingeengt fühlen. Eine Abhängigkeit, der wir in diesen „7 Wochen anders leben“ entgegenzuwirken versuchen. Wir sind auch gefangen in diesem ganzen System von Korruptheit und Verfilzung, das wir heute Globalisierung nennen, verstrickt in weltweite Unrechtsstrukturen, gegen die wir doch nicht ankommen. Und wir sind gefangen in unsrer Angst vor der ungewissen Zukunft.

Und auch wir haben unsre Tiefen und unsre Krisen. Die Psychologen sagen uns zwar, dass Krisen Chancen für Neuaufbrüche und Neuanfänge seien. Aber das sagt sich so leicht, wenn's einem gut geht. Aber wenn man mitten drin steckt? Mag sein, dass wir lange Zeit nach einer Krise, wenn sie bewältigt ist, von hinterher das Gefühl haben, weitergekommen zu sein.
Doch wir können es drehen und wenden wie wir wollen: wir sind jetzt nicht in der Lage des Paulus oder eines Bonhoeffer oder einer Sophie Scholl und wir sind froh und dankbar darum.

Zurück zu Paulus. Sein positiver Ton geht weiter. Er hält ihn durch.
Er macht sich klar: mir sind die Hände gebunden. Ich wäre so gerne bei euch und würde nach dem Rechten sehen. Durch Besuchende im Gefängnis oder durch Briefe aus Philippi scheint er erfahren zu haben, dass nun in der Zeit seiner Abwesenheit andere Apostel dort ihr Wesen – und teilweise auch ihr Unwesen – treiben. Da gibt es solche, die mit Eifer am Werk des Paulus weiterarbeiten. Da gibt es aber auch andere, die ihre eigene Karriere suchen, die großen Macher spielen, die das Vakuum ausnützen, das durch die Abwesenheit des Paulus entstand —— unehrlich, eigennützig, scheinheilig und mit Hintergedanken. Das macht Paulus Kummer und er gibt es auch zu. Aber im nächsten Augenblick gewinnt er auch dem etwas Gutes ab: Hauptsache, Christus wird verkündigt. Er traut der Botschaft der Liebe zu, dass sie nicht abhängt von den Botschaftern, sondern ihre eigene Kraft entfaltet. Anstatt Zwietracht zu säen oder Fanatismus zu schüren, rät er: lasst sie machen. Vermutlich kannte er das alte Jesusgleichnis vom Unkraut nicht, aber ganz in seinem Sinn redet er: lasst wachsen. Reisst nicht aus. Ausreißen ist nicht eure Sache.
Nicht immer hat Paulus so geredet. Es gibt auch Stellen in seinen Briefen, in denen er dazu auffordert, Leute aus der Gemeinde auszuschließen. Da ist ganz menschlich der Gaul mit ihm durchgegangen und fast tut mir das gut, dass auch er sich nicht immer in der Gewalt hatte. Aber hier spricht er ausschließlich positiv.
Jetzt kommt er zum Kern: was wenn ich sterben muss? Ganz ehrlich gibt er zu, dass er lieber wieder frei käme. Aber nicht weil ich meine Haut retten will, nicht weil's mir um mich selber und mein Leben geht, sondern weil ich dann wieder für Christus wirken könnte.
Wieder fällt Ihnen natürlich Bonhoeffer ein. Vielleicht hat er an Paulus gedacht als er dichtete:

Und willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Aber auch wenn Paulus sterben muss, sieht er das noch positiv: Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn....Wie oft haben wir's gesungen bei Beerdigungen! Und dabei vielleicht gedacht: wenn ich's nur wirklich und immer so glauben könnte, für mich! Oder bekommt man diesen Glauben dann in der betreffenden Situation geschenkt? „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin.... Das Reich muss uns doch bleiben.“ Auch Luthers Sätze sind Worte, die in einer Kampfsituation entstanden sind, in einer besonderen Lage. Und wir können sie nicht immer von Herzen mitsingen.
Ich möchte schon gerne lernen von Paulus, noch im Schlimmen das Gute zu sehen, aber wenn's nicht geht?
Was dann? Was mir gut tut ist, dass Jesus am Kreuz auch geklagt hat. Er ist mir hier näher als Paulus.

Er hat ganz menschlich einen Klagepsalm gebetet und warum gefragt: mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wenn Sie nicht von Herzen die Paulusworte nachsprechen können, dann halten Sie sich einfach daran. Die Klagepsalmen stehen auch in der Bibel. Gott versteht auch, wenn wir verzweifelt sind. Gott versteht auch, wenn unser Glaube klein ist. Gott fordert nicht in jeder Lage ein Heldentum von uns. Von allen Glaubenshelden und -heldinnen der Bibel werden auch schwache Augenblicke berichtet, ob sie nun Abraham hießen oder Sara oder Jakob oder David oder Maria oder Martha, Petrus oder Thomas oder Magdalena, oder – Paulus (!), denn ich bin aufgrund von andern Stellen seiner Briefe sicher, dass er oft ein sehr angefochtener Mensch war. Letztlich leben wir ja doch nicht davon dass wir Helden sind und stark, sondern dass wir gehalten sind. Die Freude des Sonntags Lätare ist nicht der Fun, nicht der Spaß. Es ist eine Freude in und trotz allem Leid. Es ist die Gewissheit und das Ur-Vertrauen des Glaubens. Und manchmal dürfen wir's sogar spürbar erleben. Erfahrungen solcher Freude wünsche ich Ihnen in der kommenden Woche.

Amen.