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Predigt über Römer 2, 1-4 und 17-24

am 21. August 2005
Pfarrer Dr. Christian Dietzfelbinger

Predigttext:
Darum, oh Mensch, bist du unentschuldbar, jeder, der richtet. Denn worin du den anderen richtest, verurteils du dich selbst, da du, der Richtende, dasselbe tust (wie der, den du verurteilst). Wir wissen aber, dass Gottes Urteil über die, die solches tun, der Wahrheit gemäß ergeht. Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun und tust dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut und weißt nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße führt? ... Wenn du dich einen Juden nennst und dich stützt auf das Gesetz und dich Gottes rühmst —— und du kennst seinen Willen und prüftst, worauf es ankommt, als einer, der aus dem Gesetz unterrichtet ist, und du vertraust darauf, dass du ein Führer der Blinden bist, ein Licht derer, die in Finsternis sind, ein Erzieher der Törichten, ein Lehrer der Einfältigen und du hast im Gesetz den Inbegriff der Erkenntnis und Wahrheit... —— du lehrst den anderen, aber dich selbst lehrst du nicht? Du predigst, mann solle nicht stehlen, und du stiehlst? Du sagst, man darf die Ehe nicht brechen, und du brichst die Ehe? Du verabscheust die Götzenbilder und du plünderst die Tempel? Der du dich des Gesetzes rühmst, entehrst Gott durch die Übertretung des Gesetzes. Denn der Name Gottes wird euretwegen gelästert unter den Heiden, wie geschrieben steht.


Liebe Gemeinde,

Richten, beurteilen, verurteilen - das ist ein gefährliches Geschäft. Soll man nicht die Finger davon lassen? Auch der gewissenhafteste Richter kann ein Fehlurteil fällen, und der einfühlsamste Lehrer kann sich einmal in der Note vergreifen, und die wohlmeinendsten Eltern können ihr Kind durch ein falsches Urteil kränken. Von anderen Gefahren beim Richtenund Urteilenwollen wir gar nicht reden: Dass gewissenlose Richter absichtlich ein falsches Urteil aussprechen, und dass leichtfertige Lehrer sich nicht um die Gerechtigkeit bei ihrer Notengebeung kümmern, und dass Eltern, die keine guten Eltern sind, ihr Kind strafen, wo nichts zu strafen ist, und es damit schädigen für sein ganzes Leben.

Richten, beurteilen, urteilen - ein heikles Geschäft, weil auch der gewissenhafteste Mensch sich irren kann. Aber das Ding hat noch eine andere Seite. Wir haben oft ein heimliches Vergnügen daran, über andere zu urteilen, die Schwächen und Fehler der lieben Nachbarn und Kollegen breitzutreten und darüber Gericht zu sitzen. Und oft genug bereitet uns das nicht ein heimliches, sondern ein ganz offenes Vergnügen. Aber nun kommt dieser Paulus daher und sagt: Lass die Finger von allem Richten und halte den Mund zu, wenn du Lust zum Urteilen und Verurteilen hast. Denn: Indem du den anderen richtest, richtest du dich selbst, und das Urteil, das du über den anderen fällst, fällt auf dich zurück. Wenn du daher gar nichts weißt vondeiner Zukunft - eines kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass dein Richten, mit dem du andere richtest, dich selber trifft; denn du tust dasselbe wie der, den du richtest.

Stimmt das? Wenn es stimmt und wenn ich mit jedem Urteil über einen anderen Menschen mich selbst verurteile —— nehmen wir einmal an, dass das stimmt ——, dann freilich ist es besser, das Richten und Urteilen ganz sein zu lassen. Aber was dann passiert, wenn es unter uns kein Gericht mehr gäbe, kein Abwägen von Recht und Unrecht, kein Urteil über Gut und Böse, kann man sich ohne viel Phantasie vorstellen. Dann ist nicht nur kein Lehrer und Vorgesetzter mehr da, der schlechte und manchmal auch gute Noten gibt. Sondern dann ist keine Polizei mehr da, die den Verbrecher festnimmt, und kein Richter ist mehr da, der den Verbrecher verurteilt. Kein staatliches Gericht kann angerufen werden, das den zu Unrecht Beschuldigten schützt und freispricht, das dem Bedrängten zu seinem Recht verhilft und den Bedränger und falschen Ankläger bestraft. Wir hätten ein Welt um uns, in der das Recht ohnmächtig ist, und nackte Gewalt könnte ihre Triumphe feiern. Die Menschen müssten in Angst und Schrecken leben, wie das ja vielfach in der Welt geschieht und wie das vor 70 Jahren in unserem eigenen Land geschah. Das ist lange her, aber weit entfernt sind wir in unserer heutigen Welt nicht davon, und mancher mächtige Staat, der sich Rechtsstaat nennt, bricht ungeniert und, wie es scheint, ungestraft das Recht, wenn er sich dadurch mehr Macht und Einfluss verspricht; wir haben es erlebt und erleben es weiter.

Kein Richten mehr, weil man sich damit selbst richtet —— ohne Rücksicht auf die Folgen? Hat Paulus es so gemeint? Aber so kann er es nicht gemeint haben, derselbe Paulus, der im 13. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Rom gewichtige Sätze über einen halbwegs gerechten Staat und halbwegs gerechte Gerichte schreibt, und so hat er es auch nicht gemeint. Denn im zweiten Teil unseres Textes tritt es selbst als Ankläger oder Richter auf, und als was für ein Ankläger! Aber was will er dann mit seinen leidenschaftlich-prophetischen Sätzen gegen das Richten und Verurteilen, ohne das wir doch nicht auskommen?

Die Antwort gibt Paulus im zweiten Teil unseres Textes. Er spricht dabei seine Landsleute, die Jude an. Der Jude, sagt Paulus, ist gleichsam der Vertreter des Rechts und der Wahrheit und des göttlichen Gesetzes in der Welt. Darumstimmt Paulus zunächst so etwas wie ein Preislied an auf den frommen und rechtlichen Juden, der Gottes Gerechtigkeit auf Erden vertritt. Paulus, der auch als der Apostel Jesu Christi Jude ist und sein will, weiß, was seinem Volk Israel gegeben wurde, und er unterdrückt nicht den Stolz, den er insich trägt, weil er diesem Volk angehört. Er weiß, wodurch Israel ausgezeichnet worden ist vor allen Völkern, wodurch es freilich auch zum einsamsten aller Völker geworden ist. Israel, sagt Paulus, steht da, kraft göttlichen Willens berufen zum Leiter der Blinden, zum Licht derer, die in Finsternis sind, zum Erzieher der Törichten, zum Lehrer der Einfältigen, und es hat in seinem Gesetz den Inbegriff vonWahrheit und Erkenntnis. Wir fragen jetzt nicht danach, inwiefern das, was Paulus damals über das Volk Israel sagte, heute gültig ist —— das ist ein eigenes Thema. Aber für ihn steht es außer Frage, dass Israel, wenn es denn wirklich das Israel Gottes ist, eine einzigartige und stolze Aufgabe in der Welt hat.

Aber dann, nachdiesem Preislied und mit ihm eng verbunden, fährt es wie ein Sturmwind daher über den Stolz des frommen Juden, und aus dem Preislied wird eine hämmernde Anklage; eine Frage nach der anderen stürzt auf die Gefragten ein: Du frommer Lehrer, der du dich mit Recht deiner ehrwürdige Tradition und des göttlichen Gesetzes rühmst, du lehrst andere, aber dich selbst lehrst du nicht? Du verkündigst, dass man nicht stehlen dürfe, aber du stiehlst? Du verbietest den Ehebruch und du brichst selbst die Ehe? Du rühmst dich des vonGott gegebenen Gesetzes und entehrst Gott, indem dusein Gesetz übertrittst? Was tust du also mit dem dir anvertrauten Gut? Du verschleuderst es und trittst es mit Füßen und machst so das Wort des Propheten wahr, der da sagt: Um euretwillen wird mein Name gelästert unter den Heiden (V 21-24).

Stimmt das? So fragen wir noch einmal. Stimmt das Urteil, das Paulus über den frommen jüdischen Lehrer spricht? Die Frage ist erlaubt; mehr noch: Sie ist geboten. Denn so grob, wie Paulus seine Anklage vorträgt, stimmt sie nicht, und —— das kann man im Voraus verraten —— so grob soll sie gar nicht stimmen. Natürlich, einzelne gibt es immer, die das Gegenteil tun von dem, was sie predigen und lehren und was sie von anderen verlangen. Das war und ist immer so, in Israel wie bei uns, und das kann man nicht aus der Welt schaffen. Aber wenn einer in einem bestimmten Berufsstand nichts taugt, heißt das ja nicht, dass alle Vertreter dieses Berufsstandes nichts taugen. Wenn ein Geschäftsmann seine Kunden betrügt, heißt das ja nicht, dass alle Geschäftsleute Betrüger sind. Und wenn ein jüdischer Lehrer damals das Gegenteil von dem tat, was er in seinen guten Lehren vortrug, dann hieß das für Paulus nicht, dass jeder jüdische Lehrer ein heuchlerischer Lehrer war.

Aber das will er ja auch nicht sagen. Was ermit diesenherausfordernden Sätzen wirklich sagen will ——, man kann es wissen. Du lehrst, sagt Paulus zu seinem jüdischen Gesprächspartner, die Gebote; du unterscheidest zwischen Gut und Böse, und du weißt, wieviel daran liegt, dass unter uns das Gute geschieht und das Böse im Zaum gehalten wird. Wohl dir, wenn du so lehrst, und nichts ist dagegen zu sagen; im Gegenteil, es istsehr viel dafür zu sagen. Aber weißt du auch, dass und wie du, der du das Gute lehrst und das Böse verurteilst, selber für das Böse anfällig bist und welche Macht das Böse über dich hat? Bist du dir klar darüber, wie auch du, der gewissenhafte Richter, der einfühlsame Lehrer, der liebevolle Erzieher —— wie du selbst der Versuchung ausgesetzt bist, das Gebot zu übertreten und zu brechen? Du lehrst das Gute und verurteilst das Böse, und dafür seist du gelobt. Aber die Möglichkeit, das Böse zu tun und das Gute ins Böse zu verkehren, steckt auch in dir, schlummert in dir. Was schlummert, kann aufwachen, und es wird aufwachen. Und jetzt muss man, um Paulus zu verstehen, aus der Du-Anrede ind die Ich-Rede wechseln. Ich, der Mensch, der ich bin, meint Paulus, kann eines Tages in eine Lage kommen, in der ich genau das tue, was ich jetzt weit von mir weise. Ich kann in die Fänge von Menschen geraten, die es fertig bringen, mich, der ich die Lüge verabscheue, zum Lügen zu überreden, mich, der ich das Recht liebe, in einen Täter von Unrecht zu verwandeln, mich, der ich Leben schützen will, zum Zerstörer von Leben zu machen. Ich kann, wenn die Verhältnisse danach sind, zu einem Menschen werden, der das Gute kennt und bejaht —— und der das Böse tut. Dazu bin ich fähig; dazu —— sind wir alle fähig. Der Schritt, den ein Mensch tun muss, um von einem Menschen, der nur fähig ist, das Böse zu tun, zu einem Menschen zu werden, der das Böse tatsächlich tut, ist beängstigend kurz; im Nu ist er getan.

Was für eine Aussicht tut sich vor unseren Augen auf? Wir lesen in der Zeitung von fürchterlichen Verbrechen, und manchmal geschehen sie ganz in unserer Nähe. Eltern prügeln ihr Kind, dass es stirbst, oder sie lassen es verhungern; Jugendliche treten einen Obdachlosen zu Tode; Kinder werden missbraucht und umgebracht. Schauen wir uns in der weiten Welt um, dann werden wir täglich Zeugen dafür, wie Menschenrechte in den Wind geblasen, wehrlose Gefangene entehrt und gefoltert werden. Ganze Dörfer werden ausgemordet, und die Regierung lässt die Mörder gewähren. Menschen sind bereit, sich in die Luft zu sprengen, und der Jubel ist groß, wenn möglichst viele andere dabei umkommen. Fassungslos oder empört fragen wir: Sind das noch Menschen, die derartiges tun? Sie besudeln den Menschennamen, entstellen das Menschegesicht bis zur Unkenntlichkeit. Sind das noch Menschen, oder sind es nicht entmenschlichte Ungeheuer, die das Recht verwirkt haben, als Menschen unter Menschen zu leben? Weg mit Ihnen!

Weg mit Ihnen, weil wir nichts mit ihnen gemein haben? So kann man es landauf, landab hören. Aber "die solches tun" sind Menschen wie du und ich, freilich weit von uns entfernt —— oder doch nicht so weit entfernt? Was wissen wir vom anderen, was weiß ich von mir? Weiß ich, wie verführbar ich bin, wie schnell ich einer Versuchung erliege? Vor ein paar Jahren erschien ein Buch mit dem Titel "Lauter normale Männer". In ihm wurde die Geschichte einer Polizeitruppe im letzten Krieg untersucht und beschrieben, einer Truppe, die hinter der Front in Russland für Ordnung solgen sollte, vielmehr für das, was man damals unter "Ordnung" verstand. Zum Ordnungsauftrag der Truppe gehörte es, Juden zu töten, weil sie Juden waren. Das wollten diese Männer nicht; natürlich wollten sie es nicht; dazu sind wir nicht da, sagten sie. Aber nach ein paar Wochen, in denen sie seelisch bearbeitet wurden, taten sie, was ihnen befohlen worden war. Es waren lauter brave, normale Männer, die sich schließlich beschwätzen, überreden ließen, und Angst hatte man ihnen zusätzlich eingeflößt. Was hätte ich getan, wenn ich dabei gewesen wäre? Hätte ich den Mut und die Standfestigkeit besessen, Nein zu sagen und bei dem Nein zu bleiben? Binich mir sicher, dass ich mein Nein durchgehalten hätte, auch wenn ich für mein eigenes Leben hätte fürchten müssen? Wer unter uns wäre sich dessen sicher?

Der Mörder und ich, der Quäler und der Gequälte, der Verfolger und der Verfolgte, der Betrüger und der Betrogene —— wir sind voneineander durch einen tiefen Graben getrennt, und wir sind einander ganz nahe. Die Mensche, die die Juden zu Hunderttausenden in die Gaskammern schickten —— das waren Menschen, und sie zeigten mit ihrem Tun, wozu Menschen fähig sind, wozu wir Menschen fähig sind. Dass wir, liebe Gemeinde, nicht zu den Quälern und Verfolgern und Betrügern gehören —— nehmen wir einmal an, keiner von uns gehört zu ihnen —— das versteht sich nicht von selbst. Ist es nicht vielmehr ein kleines Wunder, dass ich nicht abgeglitten bin in ein Leben, in dem man so viel an Zerstörung erlebt, dass man fast nichts anderes werden kann als ein Zerstörer? Wem verdanke ich es, dass ich nicht vor dem Ankläger und dem Richter stehe und von der Öffentlichkeit mit Verachtung angesehen werde? Dem Elternhaus, in dem ich die Liebe erfahren habe, ohne die ein Mensch nicht lebens- und liebesfähig wird? Hatte ich gute Lehrer, die mir einen lohnenden Weg gezeigt haben? Bin ich —— niemand weiß warum —— mit einer glücklichen Veranlagung ausgestattet worden oder habe ich in einer mir helfenden Umgebung mit vernünftigen und verantwortlich denkenden Freunden gelebt, die mich vor dem Abrutschen bewahrt haben? Wenn ich anderswo und in anderen Verhältnissen aufgewachsen wäre, vielleicht wäre ich dann ein Mensch, auf den man mit Fingern zeigt ud fragt, ob das noch ein Mensch ist.

Das ist die Aussicht, die sich uns öffnet, wenn wir und auf das Wort des Paulus einlassen. Eine schöne Aussicht ist es nicht; eine heilsame ist es auf jeden Fall. Wir sind einander näher, als wir das gewöhnlich wahrhaben wollen. Der das Gute tut und der das Böse tut —— sie tragen den einen Menschenamen. Nicht, dass es keine Unterschiede gäbe; die gibt es sehr wohl, und was böse ist, soll beim Namen genannt und ihm muss gewehrt werden, und was gut ist, muss seinen Lohn haben. Aber diese Unterschiede heben nicht die große Wahrheit auf, dass aus dem guten Menschen sehr schnell ein böser Mensch werden kann, dass auch der Zerstörer ein Menschenangesicht trägt, wie ich und du ein Menschenangesicht tragen. Immer da aber, wo einem Menschen die Menschenwürde und der Menschenname abgesprochen wird, wodie Guten über die Bösen urteilen: das sind keine Menschen mehr, wo der Gute vergisst, wie nah er dem Bösen ist, —— immer da wird Gott gelästert, der jedem von uns das Menschenangesicht gegeben hat. Das ist es, was er dem jüdischen Lehrer vorwirft, der das Gute lehrt —— gelobt sei er dafür ——, der aber nicht sieht —— möge er sehend werden! ——, wie nahe die Gten den Bösen sind. Er wirft es nicht nur dem jüdische Lehrer vor.

Jetzt erleben und verstehen wir, worauf Paulus hinaus will. Wir leben in einer Welt, in der unablässig das Gute erkämpft und das Böse bekämpft werden muss, in der unaufhörlich das Recht, das heilsame Recht, erkannt und verteidigt werden muss, in der ebenso unaufhörlich das Unrecht durchschaut und bestraft werden muss. Wenn das nicht geschieht, wird die Welt, auch die kleine uns umgebenden Welt, im Handumdrehen zu einer menschlichen Wüste —— davor bewahre uns lieber Herre Gott. Aber unser Urteilen und Verurteilen, unser Richten und Bestrafen, so wenig wir darauf verzichten können —— was bringen wir, was bringt die menschliche Gesellschaft fertig mit ihrem Urteilen und Richten? Es ist ja schon viel, wenn wir ein völliges Durcheinander, einen Kampf aller gegen alle einigermaßen verhindern und ein halbwegs friedliches, freilich immer bedrohtes Zusammenleben von Menschen und Völkern erreichen; das ist viel, sehr viel. Aber wie wenig wir mit diesem sehr Vielen erreichen, das zeigt uns die Weltgeschichte an jedem Tag, das zeigt uns unsere eigene Geschichte an jedem Tag.

Wenn man einmal durchschaut und erlittenhat, was für eine fragwürdige Sache unsere Gerechtigkeit wirklich ist und das, was wir mi unserem Richten erreichen, dann wacht die tiefe Sehnsucht nach einer wirklich gerechten Welt in uns auf; es erwacht die Sehnsucht nach einer Welt, in der, wie der Prophet Amos sagt, das Recht strömt wie das Wasser und die Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach (Amos 5, 24). Das ist eine Welt, in der nicht bloß unsere halbe, sondern Gottes ganze Gerechtigkeit herrscht, und in der Menschen durch Urteilen und Richten nicht vernichtet und ausgegrenzt, sondern aufgerichtet und zurechtgebracht werden. Ein solches Gericht —— wann bringen wir es zustande? Wann? Aber Gott bringt es zustande, der Gott, der uns das Menschensngesicht und die Menschenwürde gegeben hat, vor dessen Blick micht nur unsere Taten, die guten und die bösen, offen liegen, sondern die letzten Tiefen unseres Lebens und Denkens. Was für eine Aussicht tut sich jetzt vor uns auf? Wir erfahren, dass eigentlich kein Mensch über den anderen richten kann —— was weiß ein Mensch schon vom anderen Menschen? ——, sondern nur Gott, der uns einst, an unserem Anfang, das Leben gegeben hat, und dem wir es einst, an unserem Ende, zurückgeben werden.

Und er wird richten über uns. Sein Gericht sieht freilich anders aus als unser Gericht, anders noch als das gewissenhafteste menschliche Gericht. Wenn Gottes Gericht über uns wahr wird —— und es wird wahr, so wahr Gott Gott ist ——, dann wird nicht nur wahr, dass unser Urteilen und Richten immer nur ein vorläufiges Urteilen und Richten sein kann. Es wird auch und vor allem wahr, dass Gott seine Hand nicht von uns abzieht und dass er uns nicht uns selbst überlässt. Indem Gott uns richtet, macht er endgültig wahr, dass wir ihm nicht gleichgültig, sondern unendlich viel wert sind und dass er uns darum nicht verkommen lässt in der Wüste unserer Torheiten und Verirrungen. Indem Gott uns vorsein Gericht stellt, nimmt er uns endgültig ernst,und eben dies meint Paulus, wenn er sagt: Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße leitet? Und also gehen wir in das Gericht Gottes nicht mit namenlosem Schrecken hinein; denn mit seinem Gericht versetzt Gott uns in die Wahrheit, und damiterfahren wir, wie Paulus sagt, seine Güte, die Güte, die unserer Lüge ein Ende setzt und unser Dunkel in Licht verwandelt. Denn bei Gott, bei ihm allein, fallen Wahrheit und Güte zusammen.

Sünde und klägliches Versagen und verfehltes Richten können dann nicht mehr versteckt werden; es kommt alles an den Tag. Aber es kommt dazu an den Tag, damit wir jetzt schon ein bisschen vorsichtiger werden bei unserem Urteilen und Richten. Es ist auch wahr: WennGott richtet, werden die Dinge beim Namen genannt, und das kann peinlich und schmerzhaft werden; aber wenn Gott die Dinge beim Namen nennt, wenn Gott uns so beim Namen nennt, wie das nur er kann, dann werden wir endlich zu den Menschen, die wir sein sollen. Wenn Gott richtet ...... wir brauchen dabei nicht an eine unbestimmte Zukunft zu denken, weit weg, und darum geht sie uns wenig an und tut uns wenig weh. Wir haben Gottes Gericht, wir haben das, was man jüngstes Gericht nennt, nicht irgendwann vor uns. Es ist längst schon im Gang und tritt uns in den Weg und hält uns auf und führt uns in die Zukunft, in der Gott mit uns leben will. In diesem Gericht, das schon in unserer Gegenwart hineinwirkt, stehen wir alle auf einer Stufe, diejenigen, die für böse gelten, und die, die für gut gelten, und die vielen, die zwischenhineingehören. Der von mir gerichtete steht nicht unter mir, sondern geschwisterlich neben mir. Beide erwarten, beide erfahren wir das wahrhaftige und gute Gericht Gottes, das uns nicht vernichtet, sondern zurechtbringt. Wenn wir das wissen und leben, liebe Gemeinde, dann fangen wir an, klug und menschlich zu werden. Dann werden wir versuchen, mit unserem notwendigen Urteilen und Richten einander nicht zu zerbrechen, aondern aufzurichten. Und damit öffnet sich uns nicht nur eine heilsame, sondern auch ein wahrhaft menschenfreundliche Aussicht. Ihr gehen wir voller Erwartung entgegen.

Amen.