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Predigt über Johnannes 7, 37-39

am Sonntag Exaudi (III), 08.05.2005
Pfarrerin Angelika Volkmann

Liebe Gemeinde,

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Dieser Satz der deutschen Schriftstellerin Christa Wolf die bis zur Wende in der ehemaligen DDR wohnte und arbeitete, trifft auch das heutige Datum, den 8.Mai. Am 60. Jahrestag denkt Europa vor allem unser Land, an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor sechzig Jahren, wie ja auch im Juni vergangenen Jahres der 60jährigen Wiederkehr der Invasion der Aliierten gedacht wurde, mit der das Ende des Krieges, die Niederlage und die Zerstörung Deutschlands begann.

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Ja, das stimmt. Die „Vergangenheit“ der Zerstörung und des Leids, die dieser Krieg über viele Länder und Menschen gebracht hat, ist noch längst nicht vergangen. Manche Wunden werden auch größer und schmerzhafter, je länger ihre Ursache zurückliegt. Erst spät, im Alter nämlich, empfinden Menschen, wie groß der Verlust des Mannes oder des Sohnes oder des Bruders ist, die damals gefallen sind und heute dem Herzen beinahe noch mehr fehlen. Erst später spüren viele Menschen, welche bis heute oft unverheilten Wunden unseren Städten durch die vielen Bomben wirklich zugefügt wurden. Und mit der Einweihung des Holocaust-Mahnmals, die für kommenden Dienstag in Berlin geplant ist, werden wir mit Recht daran erinnert, dass dieses große Verbrechen in deutschem Namen niemals vergessen werden darf. Der Plan zur Ausrottung eines ganzen Volkes ist einzigartig und mit nichts zu vergleichen.

An all das wird heute und in den nächsten Tagen in Europa und auch in den USA gedacht werden, Liebe Gemeinde, wir wissen es, dass Etliche bei uns das gar nicht mehr hören und sehen wollen. Wie steht es mit der Erinnerungskultur in unserem Land? Die Erinnerung tut weh, die Erinnerung an Schuld und die Erinnerung an Wunden, und vielleicht ist es am allerschwierigsten, wenn beides zusammenkommt: Schuld und Wunden. Wenn jemand nicht einfach unschuldiges Opfer ist, sondern selber mit dazu beigetragen hat, dass andere und er selber auch Opfer wurden. Weil er an eine Sache geglaubt hat und ihr zugejubelt hat, die doch so schlecht und so verheerend war. Oft hat wohl das Schuld Thema den Blick dafür verstellt, dass es auch in Deutschland viele Wunden gab. Und wenn jetzt die Traumata derer, die heute um die 70 sind und damals Kinder waren, neu ins Bewusstsein rücken, dann ist das berechtigt und heilsam, denn jeder einzelne hat das Recht auf Anerkennung des Leides, das andere ihm zugefügt haben. Wenn es jedoch aus dem Kontext der Geschichte herausgelöst wird, dann gerät es leicht in eine Schieflage. Leid lässt ich nicht gegeneinander aufrechnen. Es muss gewürdigt werden. Dabei darf nicht ausgeklammert werden, wer die Verantwortung dafür trägt. Auch die Wunden und Traumata dürfen nicht den Blick verstellen für die Verantwortung und die Schuld.

Liebe Gemeinde, was brauchen wir, um mit dem Vergangenen gut umzugehen? Was brauchen wir angesichts der großen Schuld, die niemand aushalten kann? Was brauchen wir, um die Vergangenheit als wichtige Erfahrung bewahren zu können, um einer Wiederholung vorzubeugen, um selber heil werden zu können? Was brauchen wir für unsere Wunden? Wie kann uns unser Glaube dabei helfen?

Im Horizont dieser Fragen und dieses Nachdenkens können wir den Predigttext, der uns heute gegeben ist, zu uns sprechen lassen. Denn uns kann geholfen werden. Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in Johannes 7, 37-39. Jesus tritt am letzten Tag eines großen Festes, des Laubhüttenfestes auf, und sagt zu den Menschen, die um ihn herum stehen und auf gute Worte warten:

„Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“ Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihm glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Liebe Gemeinde, Jesus bietet sich an als Quelle für den, der Durst hat. Zu ihm, der die Quelle des Lebens ist, dürfen alle kommen, ihm dürfen sie glauben.

Dieses Angebot ruft Jesus aus am letzten Tag des Laubhüttenfestes, dieses Festes voll unbefangener Freude. Kleine Hütten vergegenwärtigen das Wohnen in Zelten während der Wüstenwanderung. Leben ist Unterwegs-Sein und Vertrauen in den schenkenden Gott. Das schützende, aber offene Dach der anspruchslosen Behausung lässt Gottes Fürsorge spüren. Am siebten Tag des Festes wird die Freude des Wasserschöpfens gefeiert. Zwei Priester steigen unter Fanfarenklängen vom Tempel hinunter zur Heilquelle Siloah und füllen dort eine goldene Kanne mit Wasser, das sie zum Altar im Tempel bringen und dort in Silberschalen gießen und in die Röhren an den Ecken des Altars ausgießen. Das Hoffnungswort des Propheten Jesaja klingt an: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Brunnen des Heils.“ „Wer die Freude an der Stätte des Wasserschöpfens nicht gesehen hat, hat seiner Lebtag keine Freude gesehen.“ So Rabbi Jehoschua ben Levi. Das lebensspendende Wasser ist zentrales Thema des Festes, vor allem, wenn am Schlussfest der Schöpfer in Gebeten um Regen bestürmt wird, die Schatzkammern des Himmels zu öffnen, damit die ausgedörrte Erde belebt und befruchtet wird. Die Bitte um Regen wird im Achtzehnbittengebet bewusst vor die zweite Bitte der Belebung der Toten eingefügt. Im Wasser liegt Auferstehungskraft. Es ist ein Gottesgeschenk, unabhängig und frei strömend, nicht durch Menschenhand gepresst wie öl, nicht gekeltert wie Wein. Wasser belebt die ausgetrocknete Erde und vertrocknete Herzen. Seine lebensschaffende Kraft weist über sich hinaus auf die Ausgießung des Lebensgeistes über alle Gotteskinder. Jesus selbst spricht diesen Zusammenhang an. Wasser ist noch mehr als die köstliche Flüssigkeit zum Trinken, Wasser ist auch Symbol für den heiligen Geist Gottes, auf den die Jüngerinnen und Jünger nach der Himmelfahrt Jesu und vor dem Pfingstfest warten.

Jesus als der, den Gott gesandt hat, bietet sich an als das lebendige Wasser, das Leben schafft und das den Lebensdurst stillt, damit Leben in Freude und Frieden möglich ist.

Liebe Gemeinde, was sagen uns diese Worte von Jesus bei unserem Nachdenken am heutigen 8.Mai 2005? Wie kann Jesus Christus, der auch für uns die Quelle des Lebens sein soll, uns helfen bei unserer Erinnerungsarbeit an die Zeit des Zweiten Weltkrieges? Wie können unsere Seelen heil werden?

Beim Thema Schuld hilft nicht ihre Leugnung. Wenn es Gruppierungen in unserem Land gibt, die als Motto für den heutigen Tag auf ihre Fahnen schreiben „Schluss mit dem Schuldkult“, dann ist das ein Armutszeugnis, Verhöhnung der Opfer und keine Erlösung für die Täter. Auch letztere kann nur geschehen, wenn Schuld anerkannt wird, wenn Verantwortung für Untaten übernommen wird, wenn die Schuld getragen wird. Zu dem, der sagt: ich stehe zu meiner Schuld, ich nehme sie auf mich, obwohl sie nicht auszuhalten ist, zu dem sagt Jesus: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Zu dem sagt er: Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke. Jesus will, dass unsere Lebenslasten leichter werden Für den, der zu seiner Schuld steht, hat Jesus Christus große und weite Vergebung bereit. Seltsamerweise ist es für viele von uns trotzdem schwer, Schuld und Fehler einzugestehen. Die Angst davor müsste eigentlich überwunden sein. Vielleicht ist es sogar für die, die persönlich integer waren, am schwersten, zu sagen: „ja, ich habe Schuld auf mich geladen. Ich habe kostbare Jahre meines Lebens für eine falsche Sache gegeben.“ Oder auch, zu sagen: „Ja, es ist bitter. Ich habe einem Verbrecher Glauben geschenkt und darauf mein Leben gebaut – und dann ist alles zu Bruch gegangen.“ Oder auch zu sagen: „ich habe schlimme Dinge erlebt – und überlebt. Und wenn ich mein eigenes Leid angemessen würdige, dann will ich das gleiche mit dem Leid anderer tun und die Zusammenhänge nicht verwischen.“ Für den, der Schlimmes erlebt hat, hat Jesus Christus glaubwürdige Nähe und glaubwürdiges Mitleiden, da er selber den Weg des Leidens gegangen ist. Er kann das schlimmste Leid und die schlimmste Schuld mit uns aushalten und uns so helfen, heil zu werden.

Aus diesem Brunnen, aus dem eine unendliche Fülle an Vergebung, an Mitleiden, an Verstehen fließt, eine Fülle an Gnade für alle verwundeten Seelen und alle schuldig gewordenen, aus diesem Brunnen können wir mit Freuden schöpfen, aus diesem Brunnen des Heils. Dann werden auch wir sein wie eine Wasserquelle, der es nie an frischem Wasser fehlt.

Amen.