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Predigt über 1. Mose 3, 1-24

vom 13.02.2005
Pfarrerin Angelika Volkmann

1. Mose 3, 1-24:
Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werden keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden euch die Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie aß von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht des Herrn unter den Bäumen im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen —— verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich vom ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie Ihnen an. Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


Auf einmal ist alles anders, liebe Gemeinde.


Eine Tat und ihre Folgen lassen sich nicht mehr zurücknehmen. Eine Tat, die so unendlich einfach, unendlich menschlich ist und doch soviel entscheidet. Nicht mehr unbeschwertes Paradies, sondern rauhe Welt und schweißtreibende Arbeit, nicht mehr Einklang mit der Natur, sondern Schmerzen, nicht mehr mühelose Eindeutigkeit, sondern unüberwindliche Zweideutigkeit, nicht mehr Frieden, sondern qälende Beziehungen, verletzliches Leben, das ein Ende hat.

Das haben wir alle gut verstanden, dass es nicht mehr ist, wie es sein könnte in dieser Welt, nicht mehr, wie es sein sollte, nicht mehr, wie es einmal war. Davon erzählt diese Geschichte in unvergesslicher Weise und versucht, Antworten zu finden auf das Rätsel des Menschseins. Sind Adam und Eva an allem schuld? Und ist das, was sie getan haben, Sünde? So hat es jedenfalls die jüdische und die christliche Tradition gedeutet und hat schwerstes Geschütz aufgefahren: hier, in diesen wenigen Versen, die unter dem Baum spielen, hier sei die „Erbsünde“ passiert.

Die kirchlich-theologische Tradition hat hier tatsächlich etwas wahrgenommen, was diese Geschichte auch sagt: dass auf einmal alles anders war und nichts mehr, wie es war. Damit hat sie Recht gehabt und dafür waren ihr die schwersten Geschütze gerade gut genug. Aber damit, dass sie das, was da unter dem Baum geschieht, mit dem Begriff „Sünde“ festmachen, handhabbar machen wollte, ein für alle Mal fassen wollte, damit tut sie der Geschichte Unrecht. Das Wort Sünde kommt hier überhaupt nicht vor, taucht vielmehr erstmals in Kapitel 4 auf, beim Brudermord von Kain an Abel.

Was geschieht denn eigentlich in der Geschichte? Das Eigenartige ist, dass insgesamt gar nicht so viel passiert. Das erste Menschenpaar lässt sich von der Schlange verführen, eine von Gott gesetzte Grenze zu überschreiten. „Und Gott, der Herr gebot dem Menschen und sprach: du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben.“ So hatte es Gott geboten. Doch die listige Schlange, die sich zwischen das Menschenpaar schlängelt, fragt kunstvoll raffiniert, untertreibend und übertreibend zugleich: „Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Das Böse in der Welt, so lässt uns diese Geschichte wissen, ist keine Gegenmacht zu Gott, schon gar keine ebenbürtige, sondern, wie die Schlange, von ihm selbst geschaffen. Vor Gott allein müssen die Menschen sich verantworten, sie können ihr Tun keinem anderen in die Schuhe schieben, auch keinem vermeintlichen Teufel oder Satan. Der Mensch ist verantwortlich für sein Tun, sagt die Geschichte. Eva, entscheidet sich bewusst und mit guten Argumenten dafür, die von Gott gesetzte Grenze zu überschreiten: die Früchte erscheinen ihr lustvoll und die in Aussicht gestellte Klugheit verlockend – sie nimmt und isst von der Frucht und gibt Adam auch davon und er isst auch. Aufgrund dieses Tuns ist die Frau schlechthin von der kirchlichen Tradition als leicht zur Sünde verführbar angesehen worden; man hat sie in größerer nähe zur Sünde gesehen als den Mann, den man als wehrloses Opfer ihrer bösen Verführungskünste dargestellt hat. Damit wird man beiden Geschlechtern in ihrer Würde nicht gerecht. Leider ist hier Jahrhunderte lang viel Schaden angerichtet worden. Läßt man jedoch die Erzählung selber sprechen, dann ist es so, dass das erste Menschenpaar gemeinsam diese gesetzte Grenze überschreitet und dafür zur Verantwortung gezogen wird. Eva bricht die Frucht und sie essen beide davon.

Mehr passiert nicht und bis heute wird daran herumgerätselt, was es denn nun war, das Schlimme.

Denn es fällt auf, dass der Erzähler der Geschichte kein Entsetzen äußert; er legt es auch dem Leser nicht nahe, sich zu entrüsten, im Gegenteil: das Unbegreifliche und Furchtbare ist denkbar einfach und unsensationell beschrieben, so überaus verständlich und nachvollziehbar, dass es geradezu innerlich folgerichtig erscheint. Die Tat hat nicht den Charakter eines Verbrechens; man kann imgrunde in ihr auch keine Bosheit finden. Vielmehr scheint es in der Komposition der Geschichte geradezu so angelegt, dass sie geschehen muss. In vielen mythischen Erzählungen und auch Märchen, kommt dieses Motiv vor, dass etwas verboten ist, z.B. dass der Held eine bestimmte Tür nicht öffnen darf - und natürlich ist die gesamte Handlung darauf hin angelegt, dass er die Tür doch öffnet, und sich dadurch einer neuen Herausforderung stellen muss, sich bewähren muss, um einen wichtigen Schritt weiter zu kommen. Diese Geschichten hätten gar keinen Sinn, wenn sich die Personen an das Verbot halten würden. Damit soll nicht gesagt sein, dass Gebote grundsätzlich zum Übertreten da sind – es geht ganz konkret um diese Geschichte, um die Atmosphäre, die diese Erzählung erzeugt. Das, was Eva und Adam tun, das Verzehren einer Frucht, erscheint fast nicht verwerflich.

Um was geht es hier also?

Zum einen will diese Geschichte eine Erklärung dafür geben, dass der Mensch ein sich seiner selbst bewusstes Wesen ist mit der Fähigkeit Gutes zu tun und Böses, und dass er die Verantwortung für sein Tun hat.

Zum anderen geht es um das erkennen der Nacktheit und um das Sterbenmüssen.

Die Geschichte erzählt, dass das erste Menschenpaar die gesetzte Grenze missachtete, dass ihnen die Augen darüber aufgingen, was sie getan hatten und dass es sie reute und sie sich ihrer Nacktheit schämten. Die Geschichte erzählt, dass sie infolge ihrer Tat das erhalten, was Gott ihnen angedroht hatte: sie müssen sterben. Weil die Folge so gewichtig ist, sind wir geneigt zu denken, dass die Verfehlung auch sehr groß gewesen sein müsse. Doch dürfen wir die Sprache der Erzählung so einfach übertragen in die Sprache der Dogmatik? Und darf die Dogmatik die Sprache der Erzählung noch überbieten und von Sünde und Strafe reden, was die Erzählung nicht tut?

Die Erzählung redet nicht von Sünde und sie moralisiert in keiner Weise. Wenn man überhaupt den dogmatischen Sündenbegriff hier geltend machen will, dann in einer vormoralischen Bedeutung. Es handelt sich nicht um eine Verfehlung. Es geht vielmehr um den großen Unterschied zwischen Gott und Mensch, um den unüberbrückbaren und unfassbaren Abstand. Den will die Geschichte erklären. Zu diesem Abstand, dieser Unterschiedenheit des Menschen von Gott kann man allenfalls auch „Sünde“ sagen.

Adam, wo bist du! So fragt Gott. Mensch, wo bist du? Wer bist du? Das ist die Schlüsselfrage. Adam hat sich vor Gott versteckt, weil er sich seiner plötzlich erkannten Nacktheit schämt.

Der Mensch ist der, der sich vor Gott seiner Nacktheit schämt. Der Mensch ist der, der nicht Gott ist, sondern sich in einem unüberbrückbaren und unfassbaren Abstand zu Gott vorfindet. „Auf einmal alles anders.“ Diesen Abstand hat der Mensch auf sich zu nehmen, er ist geradezu sein Menschsein. Das will die Geschichte erklären. Die Sterblichkeit des Menschen ist sein großer Unterschied zu Gott. Das Sterbenmüssen ist also – dogmatisch gesprochen - keine Strafe, es ist – viel fundamentaler – sein Verhältnis zu Gott. Der Mensch, der so klug sein wollte wie Gott, hat durch diese Klugheit etwas erkannt, was ihm bis jetzt verborgen gewesen ist: seine Winzigkeit und Begrenztheit. Vielleicht ist das vergleichbar einem Säugling, der im paradiesischen Urzustand sich eins fühlt mit der Mutter und den Unterschied zwischen der Mutter und sich selbst nicht wahrnimmt, ihn aber später mit Schmerzen hinnehmen muss. Der Mensch ist im Unterschied zu Gott. Wie die jüdische und die christliche Tradition das nicht als Zufall ansieht, hat sie dazu Sünde gesagt. In dieser Geschichte bedeutet Sünde soviel wie Unterschied.

Über diesen unendlichen Unterschied schämt sich der Mensch. Ist das nicht verständlich? Er erkennt seine Nacktheit vor Gott. Er schämt sich, dass er nicht Gott ist. Er schämt sich seines Todes. Aber Gott hat über seine Scham ein Kleid gelegt.

Gott bleibt dem Menschen in seiner Begrenztheit zugewandt. Liebevoll hüllt er ihn in ein Kleid und entlässt ihn in ein Leben innerhalb gesteckter Grenzen in Raum und Zeit, in ein Leben mit Arbeit und Anstrengung, mit Verletzlichkeit und Schmerzen, in ein menschliches Leben. In diesem Leben darf der Mensch seine Würde finden. Er muss nicht vollkommen sein, er darf Fragen haben und, schwach sein. Er darf Fehler machen, auch wenn er dadurch Schmerzen erleidet, er darf fragmentarisch leben, auf Vergebung und Liebe angewiesen sein. In seiner Begrenztheit kann er sich Gott anvertrauen und darin Glück finden. Denn da ist kein Gott, der sich eine Strafe ausgedacht hätte für ungehorsame Menschen. Da ist ein Gott, der wie eine liebevolle Mutter ihren Kindern Kleidung webt und anzieht, damit sie in ihren Räumen und ihrer Zeit nicht frieren, wenn es zuweilen dunkel und kalt ist. Auf seinem Weg darf der Mensch die Sehnsucht nach dem Paradies in seinem Herzen tragen, in der Hoffnung, ja in der Gewissheit, dass es am Ende der Tage auf ihn wartet.

Amen.