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Predigt über Römer 8,14-17

vom 12.9.2004 (14. Sonntag nach Trinitatis)
Pfarrerin Angelika Volkmann

Römer 8,14-17: "(14) Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (15) Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten mÜsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
(16) Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. (17) Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden."

Liebe Gemeinde,


„O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!“ - so pflegte eine Großmutter manches, was ihre Enkel taten, zu kommentieren, manches, was eigentlich schlimme Folgen hätte haben können und was auf jeden Fall erzieherische Maßnahmen der Eltern zur Folge hatte. Damit hat sie den belehrenden Sätzen der Erziehungsberechtigten von vorneherein die Spitze genommen: „Es sind doch Kinder, die tun so was, und man kann ihnen nicht böse sein.“ In der Haltung der Großmutter schwingt etwas Liebevolles und Schützendes mit. Wären Sie gerne noch einmal Kind? Und: wie geht es Ihnen, wenn Sie an Ihre eigene Kindheit denken? Kommen da sonnige Erinnerungen, oder traurige? Sind Sie behütet worden oder waren sie ungeschützt in Gefahren?

Der später durch einen Unfall erblindete Jaques Lysseyran beschreibt in seiner Autobiographie mit dem Titel „Das wiedergefundene Licht“ so etwas wie eine ideale Kindheit: „Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich noch heute das Gefühl der Wärme über mir, hinter mir und um mich, dieses wunderbare Gefühl, noch nicht auf eigene Rechnung zu leben, sondern sich ganz, mit Leib und Seele, auf andere zu stützen, welche einem die Last abnehmen ... meine Eltern trugen mich auf Händen, und das ist wohl der Grund, warum ich in meiner Kindheit niemals den Boden berührte. Ich lief zwischen Gefahren und Schrecknissen hindurch, wie Licht durch einen Spiegel dringt. Das ist es, was ich als Glück meiner Kindheit bezeichne, diese magische Rüstung, die – ist sie einem erst einmal umgelegt – Schutz gewährt für das ganze Leben.“

Und weiter schreibt er: „Meine Eltern – das war der Himmel. Ich sagte mir dies nicht so deutlich, und auch sie sagten es mir nicht; aber es war offenkundig. Ich wusste (und zwar recht früh, dessen bin ich sicher), dass sich in ihnen ein anderes Wesen meiner annahm, mich ansprach. Dieses Andere nannte ich nicht Gott – über Gott haben meine Eltern mit mir erst später gesprochen. Ich gab ihm überhaupt keinen Namen. Es war da, und das war mehr. Ja hinter meinen Eltern stand jemand, und Papa und Mama waren nur beauftragt, mir dieses Geschenk aus erster Hand weiterzugeben. Es war der Anfang meines Glaubens.“

Diese Worte können Sehnsucht in uns auslösen: Ja, so Kind sein zu dürfen, das muss schön sein. Paulus erinnert uns daran, dass wir Gottes Kinder sind. "Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. ... ... ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!"

Dürfen wir bei Gott so kindlich sein? Entspricht uns das überhaupt?

Ich denke nicht, dass es in unserer Gottesbeziehung um eine dauernde Regression ins Kindheitsalter geht. Aber auch dem erwachsenen Menschen entspricht die Beziehung zu einem, der größer ist und ihn umfasst. Sogar der skeptische und oft unglückliche Philosoph Arthur Schopenhauer schreibt als junger Mann in sein Tagebuch: "Tief im Menschen liegt das Vertrauen, dass etwas außer ihm sich seiner bewusst ist, wie er selbst; das Gegenteil lebhaft vorgestellt, neben der Unermesslichkeit, ein schrecklicher Gedanke.“

Es gibt einen, der größer ist als wir, der sich unserer bewusst ist, der uns so gut kennt, wie wir selbst, oder sogar noch besser, der uns liebt, wie wir selbst, und auch dann, wenn wir uns selbst nicht lieben. Zu dem können wir rufen: Abba, lieber Vater.

Es ist der Mensch, der seine eigene Begrenztheit und Bedürftigkeit erkennt, der so ruft. Wodurch weiß der Mensch von seiner Begrenztheit und Bedürftigkeit? Durch Gottes Geist. Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Der Mensch, der nicht unter dem Einfluss von Gottes Geist steht, macht sich selbst zum Maßstab aller Dinge. Er hält sich selbst für klug, für cool. Er fühlt sich sicher, wenn er sich mit materiellen Gütern umgibt und glaubt an seine eigene Macht. Er hält sich für den Herrn seines Lebens, das er selber entwirft. Geborgenheit hat er kaum nötig, denn er ist ja selber so stark. Bedürftig zu sein ist das letzte, was ihm einfiele, was er sich je eingestehen würde. Doch auch ihn treffen Nöte. Es ist sehr anstrengend, immer stark und gut und perfekt sein zu müssen. Es ist sehr anstrengend, selber der Maßstab aller Dinge zu sein. Eine Schauspielerin sagte einmal.“ Ich schaue nicht mehr so viel in den Spiegel; denn die Augen, mit denen man sich selber anschaut, sind nicht die Augen, in denen man am besten aufgehoben ist.“ Und wenn die materielle Sicherheit sich als unsicher erweist, oder wenn der eigene Wert in den Augen der anderen sinkt, dann ist dieser Mensch schnell bedroht und fängt an zu manipulieren und zu raffen, oder schlimmer noch, Gewalt anzuwenden, zu lügen, zu betrügen. Unsere Welt ist voll von alledem. Die täglichen Nachrichten berichten davon.

Paulus nennt diese Lebensweise: Leben aus dem Fleisch. Leben, bei dem der Mensch neben sich nichts anerkennt, sich selbst vergöttert. Nach Paulus gibt es nur diese beiden Alternativen: Leben aus dem Fleisch oder Leben aus dem Geist.

Offensichtlich ist es nicht so leicht für den Menschen, die Einsicht zuzulassen, dass er bedürftig ist. Dazu braucht es schon den Heiligen Geist. Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Das wir nicht aus uns selbst heraus stark sein müssen. Dass wir nicht auf eigene Rechnung leben. Denn das Ungeheuerliche ist: Die Bedürftigkeit, die der Mensch so scheut, ist unser Schatz (!), nicht unser Ungenügen. (nach Fulbert Steffensky in chrismon 9/2004) Auf unsere Bedürftigkeit antwortet die Güte des Geistes Gottes, spricht liebevoll zu uns und zieht uns ins Leben. Wir sind, weil wir angesprochen sind, weil wir Empfänger einer Botschaft sind, weil uns die Liebe gilt. Wir sind, weil uns etwas bezeugt wird, nicht weil wir uns selbst zum Sein ermächtigt hätten. Unsere Bedürftigkeit ist unser Schatz. Haben wir das als Kinder nicht schon einmal gewusst? Die Kindheitserinnerungen von Jaques Lysseyran jedenfalls lassen diesen Schatz erahnen. Wir müssten verzweifeln, wenn wir nur die wären, die wir sind. Wir sind aber die, die angesehen sind vom Blick der Güte. (Steffensky)

Das zu wissen, ist eine große Lebenskunst. Es ist schwer, sich trösten zu lassen; es ist schwer, von der Sucht zu lassen, sein eigener Meister und Souverän zu sein; es ist schwer sich zu ergeben. Aber nichts macht das Leben heiterer und gibt ihm mehr Spiel als jenes Zeugnis des Geistes, das uns davon befreit, verbissene Selbstzahler im Leben zu sein. „Wir zechen auf Kosten der Liebe“, so schreibt Fulbert Steffensky; „Wir zechen auf Kosten jenes Geistes Christi, der uns ruft, ehe wir uns namhaft gemacht haben.“ Und weiter: “Wenn mir einmal meine Bibel verloren ginge, dann würde ich besonders jenem Satz nachweinen: „Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ Ich wünsche uns allen, dass wir diesen Reichtum der Bedürftigkeit entdecken, dass wir die Stimme von Gottes Geist mit dem Herzen hören.

Amen.