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Predigt über Matthäus 25, 31-46

am Friedenssonntag (Volkstrauertag) 16. November 2003
Pfarrerin Angelika Volkmann

Matthäus 25, 31-46
[31]Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, [32]und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, [33]und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
[34]Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! [35]Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. [36] Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen."
[37]Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: "Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? [38]Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? [39]Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?" [40]Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: "Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
[41]Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: "Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! [42]Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. [43]Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht."
[44] Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: "Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?" [45]Dann wird er ihnen antworten und sagen: "Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan." [46]Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.


Liebe Gemeinde,


wen von uns beschleichen nicht ungute Gefühle bei diesem Gerichtsszenario? Ein Glaube, der nur funktioniert, weil er Angst vor Strafe verbreitet – gar „ewiger“ Strafe, so ein Glaube gehört doch in die Mottenkiste der Geschichte! Viele bildliche Darstellungen dieser Szene in den Kirchen, bei denen die Einzelheiten der Strafe und die entsetzten Gesichtszüge derer, die ihr entgegengehen gezeigt werden, haben ein Übriges dazu getan, den christlichen Glauben als überkommen und zeitfern erscheinen zu lassen. Bis heute lösen diese Bilder bei manchen religiös sensiblen Menschen Ängste aus. Deswegen will ich gleich vorweg sagen, dass dieser Text keine Angst verbreiten will.

Versuchen wir doch, uns dem Text von einer anderen Seite zu nähern: Wer von uns leidet nicht darunter, dass so viel Böses auf dieser Welt geschehen kann? So viele Kriege? So viele Teufelskreise von Gewalt und Gegengewalt? Wer von uns kennt nicht im Angesicht von schlimmen Gewalttaten, von Kindesmisshandlung und Mord, im Angesicht von Krieg und Kriegsverbrechern – wer von uns kennt nicht in sich den lauten Ruf nach einer ordnenden, wachsamen Instanz, die alle Verbrechen registriert und ahndet, nach einer Instanz, die die Verblendeten und Blinden zur Vernunft bringen könnte?

Oder noch einmal ganz anders gefragt: Haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihnen in einer schwierigen Situation wunderbar geholfen wurde? Dass jemand Ihnen beistand und sich um sie kümmerte, verlässlich und mit großem Einsatz, sodass Sie spüren konnten: Sie sind diesem Mitmenschen wichtig? Dass jemand ihnen geholfen hat – so als ob er in Ihnen Christus begegnete? Hat Sie jemand schon mal so freigebig aufgenommen, als ob er einen Engel beherbergte?

Wenn wir auf diese Weise nachdenken, kommen wir der verborgenen und kostbaren Aussage des Textes näher, die ich in zwei Sätzen zusammenfassen will:

Das Gericht Gottes hat heilende Wirkung.
Christus ist in denen, die leiden.

Das Gericht Gottes hat heilende Wirkung.
In der urprünglichen Situation, als Matthäus sein Evangelium schrieb für seine damalige Gemeinde, da waren diese Worte ein Trosttext für die verfolgten Christen: Christus ist bei ihnen und die Bösen werden gerichtet. Die Bilder und Vorstellungen, die Matthäus dabei verwendet, gehen zurück auf prophetische Bilder. Beim Propheten Daniel lesen wir z.B. von dem Menschensohn, der auf den Wolken des Himmels kommt. Ihm wird die Macht über alle Völker übergeben, d.h. er wird König über alle Völker. Bücher werden aufgeschlagen, das Gericht wird eröffnet.

An diese Vorstellung knüpft Matthäus an, wenn er schreibt, dass der Menschensohn kommen wird und auf dem Thron vor allen Völkern Platz nehmen wird. Matthäus bezeichnet diesen endzeitlichen König zugleich auch als Hirten – wohl weil er durch den Propheten Hesekiel weiß, dass in den letzten Tagen dieser Hirte die verstreute Herde sammeln wird. Schon bei Hesekiel ist das Richten Teil des Hirtenamtes, Teil der Fürsorge für die Herde. Über der Rücksichtslosigkeit der Starken wird Gott sein Recht aufrichten und das „Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten ...“ (Hes 34,16) aus dem Gedankengang bei Hesekiel geht eindeutig hervor, dass das Ziel nicht das Strafgericht über die Bösen ist, sondern die Verkündigung des großen Heils an die bisher Bedrängten. Liebe ist das Motiv des Richter-Hirten, nicht etwa Vergeltungssucht. Er richtet, um die Gerechtigkeit aufzurichten.

Bei Matthäus trennt dieser Richterhirte übrigens die Schafe von den Böcken: die Schafe gehören zur Herde des Hirten, die Ziegenböcke nicht. D.h. es werden nicht die „schwarzen Schafe“, die etwas auf dem Kerbholz haben, aus den „Lammfrommen“ herausgefiltert, sonder getrennt wird nach Zugehörigkeit zu seiner Herde.

Liebe Gemeinde, wir leben in einer Welt, in der viele Grausamkeiten nicht geahndet, nicht einmal richtig erkannt, geschweige denn wieder gut gemacht werden. Die Schuld der Welt ist nicht wirklich kontrollierbar; und sie wird auch nicht abgetragen, nein, sie wird größer, wiegt immer schwerer. Wer sich mit ihr auseinandersetzt, kommt an kein Ende, er verliert sich in einem unendlichen schwarzen Loch. Der Menschenhirt, der große göttliche Richter, will nichts anderes als die Beziehungen untereinander zu heilen: den Opfern und Bedrängten soll Gerechtigkeit widerfahren; die Täter sollen sich verantworten und vor allem: sie sollen zur Einsicht gelangen.

Mir persönlich geht es so, dass ich das Gericht Gottes regelrecht herbeisehne, weil ich denke, das ist der Ort, an dem endlich die Opfer Gerechtigkeit erfahren, wo endlich das Ausmaß ihrer Verletzung festgestellt, beurteilt wird, wo sie gewürdigt werden; der Ort, wo die Täter sich den Folgen ihrer Tat stellen müssen, wo sie erkennen werden, was sie angerichtet haben, wo ihre Schuld festgestellt wird, wo ihnen jemand solange zur Seite steht, bis sie es an sich heranlassen können und wirklich Reue empfinden – und wo ihnen dann vergeben wird. Mir leuchtet es zutiefst ein, dass das Gericht Gottes etwas Heilsames ist, noch viel mehr und in noch tieferen Dimensionen als unsere irdische Rechtsprechung. Wo immer in der Bibel von Gottes Gericht die Rede ist, haben wir es mit Gottes heilschaffendem Handeln zu tun, nicht mit einer wütenden Abrechnung.

Das Böse hat in dieser Welt Macht und Raum – seine endgültige Begrenzung erfährt es im Endgericht – welch ein Trost!

Wenn Michelangelo in der sixtinischen Kapelle in Rom den Weltenrichter als starken, muskulösen Mann malt, wie einen antiken Helden, dann ist es, als ob er uns in der Gewissheit stärken will, dass Christus, der Weltenrichter doch am allerstärksten ist und das Böse ein für alle Mal überwindet.

Gottes Gericht hat heilende Wirkung.
Der zweite Kernsatz hieß:
Christus ist in denen, die leiden.
Doch neben Christus, den Weltenrichter, tritt der Mensch Jesus, der Leben und Leiden mit uns Menschen teilte und noch teilt. Der Richter identifiziert sich mit den Geringsten. In denen, die Hunger haben, die Durst haben; in denen die krank sind oder im Gefängnis, in denen begegnet uns Christus. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Christus hat sich auf die Seite der Armen und Bedürftigen gestellt – aus deren Angesicht schaut er uns an. Das Gericht gilt denen, die Gottes Angesicht im anderen Menschen beleidigen und verschmutzen – und sei es durch schlichte Ignoranz. Es ist bezeichnend, dass hier nicht die als Böcke von den Schafen getrennt werden, die offensichtlich Verbrecher sind, sondern die, die ihr Herz vor dem Nächsten verschließen – und es noch nicht einmal bemerken.

Wer dagegen mit den Schwachen mitleidet und ihnen hilft, ihnen beisteht, der gehört zur Herde Christi dazu. D.h. es geht überhaupt nicht um einzelne moralisch gute Taten. Es geht nicht um das Nacheifern aus eigener Kraft, es geht schon gar nicht um das Anhäufen von guten Taten aus Angst davor, beim Gericht nicht zu bestehen, sondern es geht darum, das wir uns von Christus prägen lassen, dass wir ihm ähnlich, ihm gleich werden in unserer Haltung. Und das geht imgrunde ganz von selbst, wenn wir Christus lieben. Die, bei denen, das so ist, die bemerken gar nichts von ihren guten Taten, weil sie sie so selbstverständlich und absichtslos geschehen, ohne mit Gegenleistungen zu rechnen.

Dieser Text ist ein Grundtext für das diakonische Handeln der Kirche, begründet er doch sechs der sog. sieben Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Obdachlose und Nackte bekleiden, Kranke pflegen und besuchen und als siebtes, in diesem Text nicht genannt: Tote begraben.

Liebe Gemeinde, dieser Text, der auf den ersten Blick vielleicht Angst und Unbehagen auslöst, will uns ermutigen. Er sagt uns:

Das Gericht Gottes hat heilende Wirkung.
Christus ist in denen, die leiden.

Und er sagt uns: Es lohnt sich, etwas zu tun. Nichts ist vergeblich! Das Stück Brot, der gereichte Becher, das Geld, das wir spenden, die persönlich eingesetzte Zeit und Nähe, die wir geben, diese Kleinigkeiten sind nicht vergeblich. Der Talmud sieht in ihnen eine der drei Säulen, auf denen, die Welt ruht!

Der Text sagt uns: werdet Christus ähnlich. Lernt, im Gesicht eures Mitmenschen das Angesicht des leidenden Christus zu sehen und ihm zu helfen. Der Ausbruch aus so manchem Teufelskreis erfolgt genau da, wo wir uns für das Gesicht des anderen öffnen.

Das Evangelium zeigt die kleinen Schritte, die die Würde der Menschen und das Recht der Völker und den Frieden auf den Weg bringen. Diese kleinen Schritte sind nicht möglich ohne das feste Vertrauen, dass es einen gibt, der uns sieht, schützt und segnet. Er will, dass wir – auch unbewusst – das Notwendige tun, und dadurch das Angesicht der Erde verändern.

Amen.