DBK
Startseite
    Zurück

Predigt über Markus 2, 1-12

vom 26. Oktober 2003
Pfarrerin Angelika Volkmann

Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett hinunter,auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelämten: "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."
Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: "Wie redet er so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?" Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: "Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: 'Dir sind deine Sünden vergeben', oder zu sagen: 'Steh auf, nimm dein Bett und geh umher'? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden" - sprach er zu dem Gelähmten: "Ich sage dir, steh auf, nimm dei Bett und geh heim!" Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: "Wir haben so etwas noch nie gesehen."


Liebe Gemeinde,

das Markusevangelium berichtet uns von vielen Heilungen, die Jesus am Anfang seines Wirkens vollbringt: er heilt einen Mann von einem unreinen Geist, er heilt die Schwiegermutter des Petrus und viele Kranke. Das spricht sich herum, und eine Menge von Menschen bedrängt ihn mit ihren Anliegen. Doch Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Lasst uns anderswo hingehen, in die nächsten Städte, dass ich dort auch predige, denn dazu bin ich gekommen.“ Jesus will nicht einfach die Erwartungen nach schneller, leichter Heilung erfüllen, sondern das Evangelium, die gute Nachricht von Gottes Reich verkünden. Doch unterwegs kommt noch ein Aussätziger zu ihm – auch über ihn erbarmt sich Jesus und heilt ihn, verbietet ihm aber, darüber zu sprechen. Doch der geheilte Aussätzige kann nicht schweigen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen kann, sondern sich draußen an einsamen Orten aufhält, auch dorthin kommen die Menschen von allen Enden. So berichtet das Markusevangelium. Und es geht dabei um die Frage, wer Jesus ist. Ist Jesus ein Wunderheiler – wie es damals viele gab? Ist Jesus mehr? Unser Predigttext von heute antwortet auf diese Frage. Jesus ist wieder in Kapernaum, vermutlich im Haus von Simon Petrus. Und wieder versammeln sich viele um ihn, sodass der Platz im Haus und auch vor dem Haus nicht ausreicht. Jesus lehrt und predigt, diskutiert mit den Schriftgelehrten.

In diese Situation hinein kommen einige, die einen Gelähmten zu Jesus bringen wollen – vier von ihnen tragen ihn. Nun ist es so voll, dass sie keine Chance haben, zu Jesus durchzudringen. Doch so schnell geben sie nicht auf, diese guten Freunde. Im Einsatz für ihren gelähmten Freund sind sie hartnäckig, kreativ – auch durchaus dreist: sie steigen auf das Flachdach, das sie an einer Stelle öffnen und lassen das Bett mit dem Gelähmten an Seilen durch die Öffnung hinab, Jesus direkt vor die Füße.

Wir wissen nicht, was in Jesus vorgeht – ob er sich gestört fühlt in seinen Gesprächen, ob es ihm lästig ist, dass jetzt schon wieder jemand mit dem Wunsch nach Heilung zu ihm kommt. Doch diesmal ist es anders. Dieser kommt nicht von selber, sondern er wird gebracht. Jesus sieht den Einsatz der Freunde, er spürt, wie ernst und wie dringend es ihnen ist, dass sie es auf sich nehmen zu stören; er sieht ihren Glauben. Sie setzen sich voll ein für ihren Freund.

Liebe Gemeinde, es gibt Situationen, in denen wir nicht mehr glauben können, Situationen, in denen wir jede Hoffnung verloren haben. In solchen Situationen ist es ein wahrer Segen, ein großes Geschenk, wenn jemand für uns glaubt. Wenn jemand für uns die Hoffnung behält. Es gibt stellvertretenden Glauben. Und ich bin überzeugt, dass es den Gelähmten auf seinem Bett auch erreicht hat, dass sich seine Freunde so für ihn einsetzen, so für ihn glauben; dass es ihm gut tat.

Verwunderlich ist für uns womöglich der Satz, den Jesus ihm auf den Kopf zu sagt: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Vielleicht ärgert uns dieser Satz sogar. Heißt das, die Krankheit dieses Menschen ist Folge seiner Sünden? Heißt das am Ende, wenn krank ist, dann ist man selber dran schuld? Die modernen Einsichten über den Zusammenhang von Seele und Körper haben einen neuen Zweig in der Medizin hervorgebracht, die psychosomatische Medizin. Und sie haben eine neue Qualität von Schuldgefühlen hervorgebracht. Besonders Menschen, die an Krebs erkranken, sind häufig mit der bedrängenden Frage konfrontiert: bin ich selber schuld? Hätte ich anders leben sollen – und hätte dann die Erkrankung verhindert? Hätte ich mir mehr Ruhe gönnen, mich nicht so überlasten, nicht so viel Ärger in mich hineinfressen sollen ... Viele kranke Menschen müssen nicht nur eine schlimme Diagnose verkraften, sondern darüber hinaus auch noch mit dem Gefühl fertig werden, selber daran schuld zu sein.

Es ist unbestritten, dass es Zusammenhänge zwischen Seele und Körper gibt und Zusammenhänge zwischen einem ungesunden Lebensstil und einer Erkrankung. Doch ist es nicht sachgemäß und darüber hinaus sehr unbarmherzig und lieblos, einen einfachen Begründungszusammenhang herzustellen nach dem Motto: weil du dies und das getan hast, deshalb bist du krank. Oder eine Kranke scheinbar tiefgründig zu fragen: was hast du denn falsch gemacht? Krankheit hat immer mehrere Gründe.

Jesus selber wurde einmal angesichts eines Blindgeborenen Mannes gefragt: wer hat gesündigt? Dieser oder seine Eltern? Und Jesus hat geantwortet: keiner hat gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.

Wenn Jesus also diesem Gelähmten als erstes die Sünden vergibt, dann nicht, weil er denkt, der Kranke sei selber schuld an seiner Krankheit. Jesus nimmt diesen Kranken an, wie er ist. Ohne Wenn und Aber. Er spricht ihm die Vergebung zu völlig ohne Beichte und Bekenntnis, ohne jede Vorleistung.

Verstehen wir das?

Es scheint so zu sein, dass Jesus diesen Mann zuerst seelisch heilen will, bevor er ihn körperlich heilt. Vielleicht entspricht ja seiner körperlichen Lähmung auch eine Lähmung der Seele. Vielleicht ist seine Seele ganz unbeweglich und starr geworden, voller Angst vor der Zukunft, voller Selbstvorwürfe. Du hättest doch längst ... Warum hast du nicht ... Jetzt ist es ohnehin zu spät ... usw. Menschen können dahin kommen, dass sie sich nur noch treiben lassen, dass sie eine fällige Entscheidung vermeiden, dass sich ihr ganzes Dasein zum Vorwurfmachen, sich selbst selbst ablehnen.

Da ist diese Frau, Ende vierzig. Verhärmt, bitter im Gesicht, freudlos. Entsetzliche Neurodermitis an den Händen. Verheiratet, zwei Kinder. Sie vertraut sich einer Freundin an. Erzählt von ihrer Ehe. Von dem Mann im öffentlichen Leben, beliebt, gerade bei anderen Frauen. Auch als Hobby-Künstler, der zarte Bilder malt. Für sie bleibt wenig. Wenig Zeit, wenig Aufmerksamkeit, Liebe. Aber immer wieder Erfahrungen von Gewalt in der ehe. Auch Schläge. Bierkästen, die die Treppe hinunter geworfen werden. Die Frau deckt zu – nach innen, den Kindern gegenüber und nach außen, den Leuten gegenüber. Nach vielen, langen, sich im Kreise drehenden Gesprächen mit der Freundin scheint sie an einem Punkt angekommen zu sein, an dem sie es nicht mehr ertragen kann. Sie beschließt, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen. Sie will sich scheiden lassen. Nimmt eine Stelle an, sucht sich eine Wohnung, unterschreibt den Mietvertrag. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie geht, nennt das Datum des Auszugs. - Eine Woche später löst sie den Mietvertrag, kündigt die Stelle. Sie kommt nicht mehr zu Gesprächen mit der Freundin. Grüßt sie kaum, wenn sie sich zufällig begegnen.

Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Vor kurzem ist sie mit ihrem Mann in eine andere Stadt gezogen. Alles ist beim alten geblieben. Jetzt ist diese Frau wie gelähmt. Sie kann ihr Leben nicht mehr anpacken, sie schafft nicht den Dreh zum Guten. Und sie ist voller Selbstvorwürfe. Voller Schuldgefühle. Warum bin ich damals nicht gegangen. Ich war doch schon so weit. Jetzt geht es nicht mehr. Was bin ich nur für eine Frau, dass ich mir so etwas antun lasse. Mein Leben ist doch gar nicht mehr lebenswert. Ich hasse mich selber, ich hasse die anderen. Wer sieht mich? Wer hilft mir? Wer kann mich noch gernhaben?

Ich stelle mir vor, diese Frau liegt auf dem Bett, das ihre Freundinnen durch das Dach herunter gelassen haben zu Jesus. Sie rührt sich nicht, hat jede Hoffnung aufgegeben. Und Jesus sieht, wie sich ihre Freundinnen für sie einsetzen, wie sie darauf bestehen, dass es das doch nicht gewesen sein kann, dass es doch anders möglich sein muss und sein wird, ein anderes Leben für ihre Freundin. Und Jesus sieht den Glauben der Freundinnen und er sieht auch die große innere Not der Frau und sagt zu ihr: Du bist angenommen – so wie du bist. Lass deine Selbstvorwürfe, lass sie einfach. Dir ist schon längst vergeben.

Vielleicht bekommen wir eine Ahnung davon, wie befreiend, wie heilend solche Worte sein können. Und dass sie viel eher als jeder Appell geeignet sind, dieser Frau neue Hoffnung und Kraft zum Handeln zu geben. Später, wenn sich ihre Seele genährt hat von diesem Zuspruch, wenn sie satt geworden ist von Liebe und Zuneigung und sich auch selber wieder achten kann, dann mag man zu ihr sagen: Steh' auf und geh!

Liebe Gemeinde, damals in Kapernaum mag es nicht so viel anders gewesen sein. Jesus sieht den Gelähmten und vergibt ihm. Doch die Schriftgelehrten, die in dem überfüllten Haus saßen und hören, was Jesus sagt, sind irritiert. Denn es ist ihrer Überzeugung nach allein Gott vorbehalten, Sünden zu vergeben. Wie kann Jesus so etwas tun?

Jesus versteht nicht nur den Gelähmten, sondern auch die Schriftgelehrten. Sogleich greift er die Irritation auf und stellt ihnen die Frage: Was ist schwerer: Sünden zu vergeben oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh!? Letzteres ist schwerer. Doch noch bevor sie die Frage beantworten, spricht Jesus weiter: damit ihr wisst, dass ich die Vollmacht habe, Sünden zu vergeben, damit ihr wisst, dass ich der von Gott Gesandte bin, und nicht irgendein Wunderheiler – seht! Und er wendet sich zu dem Gelähmten und sagt: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher!

Und tatsächlich steht der Gelähmte auf, die Lähmung ist von ihm abgefallen, er kann laufen und er tut es jetzt auch; und das ist so beeindruckend für alle Anwesenden, auch für die Schriftgelehrten, dass sie einen heiligen Schrecken bekommen und Gott preisen. Auch die Schriftgelehrten erkennen, dass die Werke Gottes an diesem Menschen offenbar wurden.

Liebe Gemeinde, nicht jede körperliche Krankheit wird von Gott geheilt. Auch unter uns sind viele, die mit einer Krankheit leben. Doch jedem Menschen gilt Gottes Heil.

Jedes Mal ist es etwas gewaltiges, Kraftvolles, wenn ein Mensch, ob körperlich krank oder nicht, das Heil Gottes erfährt, wenn er es erfasst und sich dafür öffnet, dass er zutiefst angenommen ist. und wenn er dann imstande ist, sein Leben in guter Weise zu gestalten. Das ist die befreiende Wirkung des Evangeliums, das Jesus verkündet – eine Wirkung, die auch heute noch erfahren werden kann.

Amen.