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Predigt über Markus 7, 31-37

vom 7. September 2003
Pfarrerin Angelika Volkmann

Markus 7, 31-37
Und als er wieder fortging aus dem Gebiet vom Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finder in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! das heißt: tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich und er redete richtig.
Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.


Liebe Gemeinde,

wer von uns kann ermessen, was es bedeutet, stumm zu sein? Und wie es ist, nicht zu hören?

Das Bild, das ich Ihnen mitgebracht habe, hat eine Patientin einer Klinik im Rahmen einer kunsttherapeutischen Arbeit gemalt. Sie hat sich selber gemalt - ohne Ohren und ohne Mund – und hat damit zum Ausdruck gebracht, wie es ihr geht. Sie hört nicht und sie spricht nicht.

Am Strand in Griechenland, wo wir unseren Urlaub verbrachten, beobachtete ich einen etwa achtjährigen Jungen, der fast taub war und mit dem sich seine Mutter in der Gebärdensprache verständigte. Er hatte auch sprechen gelernt, doch in der Gebärdensprache war sein Ausdruck viel intensiver. Ich hatte große Hochachtung vor dem Jungen und seiner Mutter, wie sie mit seiner Behinderung umgingen. Und es gab immer wieder Situationen, in denen der Junge mit einer verzweifelten Wut zeigte, wie schwer ihm seine Situation fällt. Nicht hören können. Abgeschnitten und isoliert zu sein. Nicht reden zu können. Nicht einfach sagen können, wie es einem ums Herz ist, was man erlebt, sich nicht verständlich machen zu können – und wiederum isoliert zu sein.

Taub und Stumm zu sein – das kann viele Gründe haben. Manchmal sind es körperliche Gründe, wie bei dem Jungen am Strand. Es gibt aber auch andere Arten des Verstummens, des Schweigens. Z.B. wenn jemand von Menschen umgeben ist, die gar kein Interesse haben, dem Mitmenschen zu verstehen, wenn jemand in einer kalten Atmosphäre lebt oder bei Menschen, die so dermaßen anders sind, dass ein Verstehen von Herz zu Herz sehr schwierig ist. Wenn das liebevolle Zuhören, das mitschwingende Nachfragen, die freundliche Bestätigung fehlen, dann wird es schwierig, sich mitzuteilen. Dann entscheiden sich manche, zu schweigen und sich nicht dem Risiko, verletzt zu werden, auszusetzen. Und es gibt noch schlimmere Situationen. Es gibt Situationen, in denen erleben Menschen, oft Kinder ein Verbot zu reden. Wenn Kinder innerhalb der Familie sexuelle Grenzüberschreitung und Gewalt erleben, werden sie in der Regel mit üblen Drohungen zum Schweigen gezwungen – und können niemandem mitteilen, welcher Wirklichkeit sie ausgesetzt sind.

Oder jemand verstummt vor Angst. Weil er das Grauen gespürt hat, das nur wenige spüren. Das Grauen, das sich den Worten entzieht, weil es vorsprachliche Erlebnisse wiederspiegelt. Oder das Schweigen der Menschen, die resigniert haben vor dem Ausmaß an Leid in ihrem Leben. Das verzweifelte Schweigen derer, dessen ohnmächtige Wut sich nach innen richtet. Das Schweigen der Wut. Das Schweigen der Verweigerung. Und dann noch das Schweigen der Vielredner: die sich hinter einer Fülle von Worten verstecken und viel reden, um sich von ihrem Gefühl abzulenken.

Zu jedem schweigen passt ein bestimmtes Taubsein. Taubsein als Schutz: die schimpfenden Worte nicht mehr wahrzunehmen, die drohenden Worte auszublenden, in Resignation und Verweigerung gar nicht mehr hinzuhören, was jemand sagt.

Es gibt viele Arten von Verstummen und viele Arten von Taubsein. Doch wir dürfen nicht das körperlich bedingte Taub- und Stummsein mit dem seelisch bedingten über einen Kamm scheren: Jedes von beiden hat seine eigene Last und Würde. Wer nie hören kann, wer nie den Worten eines Mitmenschen lauschen kann oder dem Rauschen eines Baumes oder den großartigen Klängen einer Sinfonie, der ist in besonders harter Weise vom Schicksal herausgefordert.

Wir wissen nicht, wie es bei dem Taubstummen war, von dem Markus berichtet: Sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und was Jesus tut, wird in zwei kleinen Versen berichtet: Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

Liebe Gemeinde, dieses Verhalten von Jesus hat mich sehr berührt und beeindruckt. Zunächst einmal: er nimmt den Taubstummen beiseite. Nicht vor den neugierigen Augen der Menge, die eher an einer Sensation interessiert sind als daran, wie es einem geht, sondern abseits davon bringt Jesus den taubstummen zu einem geschützten Ort. Er achtet seine Verletzlichkeit, sein Schutzbedürfnis, sein Bedürfnis nach Privatsphäre. Und Jesus weiß wohl auch: eine Sensation kann diesem Menschen nicht helfen, sondern hier ist eine tiefe Begegnung heilsam.

Jesus lässt sich unglaublich einfühlsam auf ihn ein. Ich stelle mir vor, wie er ihn anschaut. Die Augen sind das erste, was wir suchen im Gesicht eines anderen. Bei einem Menschen, der nicht hört und nicht spricht, sind die Augen besonders ausdrucksstark – wie auch auf dem Bild der Frau. Der Blick. Das Wiedererkennen. Vertrautes. Die Augen sind der Spiegel der Seele. Was sagen die Augen dieses Mannes Jesus? Was sieht Jesus mit seinen Augen? Sieht er, wie sie verdunkelt sind, abgeschottet? Sieht er, wie auch der Blick nach innen geht, den Kontakt vermeidet? Sieht er, wie die Augen zu ihm sagen: Mich versteht keiner. Und auch du wirst mich nicht verstehen. Wie könnte jemand verstehen, wie es ist. Oder? Oder sollte da ein Funken von Hoffnung sein neben der Resignation? Auch Augen können reden. Die Augen von Jesus können vor allem sehen. Sie sehen wohl auch das, was der Taubstumme nicht sagt, nie sagen würde. Das Ausmaß seiner Isolation. Seine Sehnsucht nach Menschen, nach Berührung, nach Kontakt. Gepaart mit der verzweifelten Überzeugung, genau das nie bekommen zu werden, was dazu führt, dass er sein Sehnen lieber gar nicht mehr wahrnimmt. Oder flackert da noch etwas?

Jesus lässt sich unglaublich behutsam und unglaublich intensiv auf ihn ein, abseits von der Menge. Er tritt in Kontakt, ohne Worte, ganz langsam legt er seine Finger in die Ohren des Taubstummen, während er ihn weiter anschaut. Seine Augen scheinen zusagen: Ja, ich kenne deine wunden Stellen, genau hier, ja, das muss schlimm für dich sein, all die langen Jahre schon, da kann man wirklich die Hoffnung verlieren; da kann man soweit kommen dass man sich noch nicht einmal mehr vorstellt wie es wäre, hören zu können ... ich ahne es, dass du die Hoffnung so gut wie aufgegeben hast, und ich kann es verstehen ... und dann berührt er die Zunge des Taubstummen mit seinem Speichel, die Zunge, die andere große Not, nie etwas ausdrücken zu können, sich nicht verständlich machen zu können ... Jesus sieht, wie groß und wie speziell diese Not ist und er schaut nicht weg, sondern bleibt im Kontakt; ich halte es aus, ich halte deine Wahrheit mit dir aus, ich berühre dich und schau, fühle es, wenn Worte nicht taugen, nicht hörbar sind, gebe ich deiner Zunge Speichel von meiner Zunge – ich teile deine Not mit dir und möchte dir sehr nahe sein, ganz behutsam.

Dann erst, als dies alles geschehen war, dann erst, als der Kontakt da war und als Jesus ermessen kann, wer ihm da gegenübersteht, und als der Taubstumme erlebt hat, wie vorsichtig , aber beharrlich Jesus die Beziehung zu ihm, dem isolierten, sucht und werbend herstellt, dann erst hebt Jesus die Augen auf zum Himmel. Hier muss eine größere Macht helfen, wenn die Not so groß ist! Und noch einmal würdigt Jesus die Größe der Not und lässt alles, was er erkannt hat, in einen hörbaren, langanhaltenden Seufzer fließen, der ja auch vorsprachlich ist, aber unmittelbare Ausdruckskraft hat und dann spricht er zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf.Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

Liebe Gemeinde, vielleicht ist es für sie etwas von dem spürbar geworden, was sich zwischen Jesus und dem Taubstummen abgespielt hat. Dass es sich hier nicht um eine Sensation handelt, um eine guruhafte Wunderheilung durch bloßes, fast technisches Berühren der Ohren und die Zauberkraft von Speichel, sondern dass sich hier eine tiefe Begegnung abgespielt hat, die die Heilung bewirkt hat. So etwas ist nichts für die große Menge, und deshalb verbietet Jesus den Seinen, darüber zu reden, damit anzugeben, Erwartungen nach schneller leichter Hilfe zu schüren, doch vergeblich.

Wer solche Begegnungen ermöglicht, ist Gott, in dessen Auftrag Jesus handelt, dessen Gesandter er ist. Die Behutsamkeit Gottes, mit der er unsere Nöte und Wunden aufspürt und heilt, die gibt es heute auch noch, und wir können sie finden und uns von ihr finden lassen in der Stille, im Gebet, im seelsorgerlichen Gespräch.

Amen.