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Predigt ü Johannes 19,16-30

am Karfreitag, den 18. April 2003
Pfarrerin Angelika Volkmann
(unter Verwendung von Gedanken von Barbara Eberhardt in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext.)

Liebe Gemeinde,

wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, dann wissen die, die ihn geliebt haben, meistens noch jedes Detail des Todestages. Was jeder gemacht hat oder unterlassen hat, welche Begegnungen noch stattfanden, welche Worte noch gesagt wurden, wo man selber war und wo die anderen ...

Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, erzählen die Trauernden von all diesen Einzelheiten, stellen Fragen dazu, versuchen zu ergründen, ob es einen tieferen Sinn gibt in den Ereignissen. Den Tod können wir nicht begreifen, aber die Kleinigkeiten in seinem Umfeld, die kann man fassen und zur Sprache bringen. Und mit der Zeit bekommen sie auch eine Bedeutung. Hat jemand nach seinem Lieblingsessen verlangt, weil ihn das an die Kindheit erinnerte? War es nicht eine gute Fügung gewesen, dass die Enkelin ausgerechnet an jenem Vormittag noch mal da war? Und war es nicht auch gut, dass er so mitten aus dem Leben heraus gestorben ist, so ohne Krankheit und Leidenszeit?

Liebe Gemeinde, der Predigttext von heute erinnert uns vielleicht an solche Kleinigkeiten im Umfeld des Todes. Die Schilderung von Jesu Tod im Johannesevangelium ist sehr an äußeren Einzelheiten interessiert und in vielem detailgetreuer als die anderen Evangelien: hier wird erwähnt, dass die Kreuzesinschrift in drei Sprachen geschrieben war, wie die Kleider Jesu verteilt wurden, welche Menschen unter dem Kreuz waren. Auch deutet das Johannesevangelium diese Einzelheiten wesentlich stärker als die anderen Evangelisten es tun.

Johannes möchte möglichst genau berichten. An der Art, wie er es tut, ist auch seine Absicht zu erkennen, den Tod Jesu nicht als Geschehen voller Trauer und Verzweiflung darzustellen, sondern im Licht des Glaubens. Johannes möchte, dass diese Bilder für ihn und für seine Gemeinde, für die er schreibt, nicht als Bilder voller Leid und Qualen stehen bleiben, sondern eine tiefere Bedeutung gewinnen. Er erinnert an die Einzelheiten, die für ihn begreifbar sind und die er durch die Schrift erklären kann. Er erzählt, was dem Sterben Jesu einen Sinn gibt, wenn man es mit den Augen des Glaubens betrachtet.

Die Versuche, Gewalt, Leiden und Tod einen Sinn abzugewinnen, gehören zu den schwierigsten und problematischsten Dingen überhaupt. Zu leicht endet man dabei in Phrasen oder man verharmlost das Leiden. Was soll es für einen Sinn haben, wenn eine vierzigjährige Familienmutter an Krebs stirbt? Was hat es für einen Sinn, wenn ein kleines Kind stirbt? Was hat der Tod von Soldaten im Irak für einen Sinn? Der Tod und die schweren Verletzungen der Menschen, die dort leben? Ist es so, dass ihr Leid, ihre Verzweiflung und die Trauer der Angehörigen schlimmeres Leid verhindert?

Liebe Gemeinde, Leiden hat keinen Wert in sich. Der barmherzige Gott der Bibel, der Vater Jesu Christi, der unser aller Vater ist, will nicht, dass Menschen leiden. Solange noch ein Kind auf dieser Welt Tränen vergießt, ist das Reich Gottes noch nicht vollendet. Und es gibt an vielen Orten sinnloses Leid, vermeidbares Leid, Leid, das Menschen einander antun.

In jedem Menschenleben gibt es leidvolle Erfahrungen, schlimmere und weniger schlimme. Es gehört zu den Bedingungen unseres Lebens, dass es verletzlich ist, dass niemand eine Garantie hat, unversehrt zu bleiben. Es gehört zu den Aufgaben unseres Menschseins, Leiderfahrungen zu bewältigen. Hören wir, was uns Johannes dazu zu sagen hat, der für eine von Leiden aufs Äußerste geschüttelte Gemeinde schreibt.

Der Gang zur Kreuzigung

„Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.“ Jesus trägt sein Kreuz selbst. Kein Simon von Kyrene wird aufgefordert, es für ihn zu tragen. Es entspricht dem damaligen Brauch, dass die Verurteilten ihr Kreuz selbst zu tragen hatten. Johannes bringt damit zum Ausdruck: Jesus ist Herr des Geschehens. Er ist nicht einfach ohnmächtiges Opfer, sondern nimmt sein Geschick selbst in die Hand.

"Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben."

Liebe Gemeinde, diese Verse beschreiben einen feinen Triumph. Pilatus wird wider willen zum Verkündiger. Für die weltweite Ökumene sichtbar und verstehbar formuliert er die Wahrheit von der Königsherrschaft Jesu.

Danach folgt die kurze Erzählung, wie die römischen Soldaten die Kleider Jesu unter sich aufteilen. Nach alter Sitte stand den Henkern der Nachlass des Exekutierten zu. Bei dieser Szene ist vor allem die symbolische Ebene wichtig, die sich den Glaubenden erschließt. Die Glaubenden können nämlich erkennen, dass die Soldaten, die Jesus das letzte rauben, was er noch besitzt, doch nicht den Sieg davontragen. Denn ihre Handlungen sind längst in der Schrift vorhergesagt. Die Soldaten, die als Feinde Jesu erscheinen, sind letzten Endes ähnlich wie Pontius Pilatus Werkzeuge Gottes. So wird deutlich, dass in dem schrecklichen Geschehen trotz allem Gott zum Zug kommt.

"Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." Diese Szene bildet das Gegenteil zu dem, was die Soldaten tun. Hier sind die Menschen, die ihm nahe stehen, die bei ihm bleiben, die nicht fliehen vor dieser schweren Stunde. Jesus, der nun aller materiellen Dinge beraubt ist, hat etwas weit Wertvolleres weiter zu geben als seine Kleidung. Er schenkt Gemeinschaft über seinen Tod hinaus. Während die Mächte der Welt glauben, dass sie Jesu Familie auseinander reißen, fügt Jesus sie unter dem Kreuz leise wieder zusammen. Er hinterlässt keine Waisen.

"Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig aufgenommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und neigte das Haupt und verschied." Die letzte Tat Jesu am Kreuz geschieht, um die Schrift zu erfüllen. Jesus, der den Menschen lebendiges Wasser gebracht hat, hat seine Liebe zu den Menschen verströmt bis auf den letzten Tropfen. Nun hängt er ausgetrocknet und durstig am Kreuz. Indem er seinen physischen Durst an dem Schwamm mit dem Essiggetränk stillt, stillt er gleichzeitig seinen Durst nach dem lebendigen Wasser. Er kehrt heim zu seinem Vater, der Quelle des Lebens. Sein Werk ist in Übereinstimmung mit der Schrift vollendet. Und es beginnt der Sabbat, die Zeit der Ruhe.

Liebe Gemeinde, die Versuche, Gewalt, Leiden und Tod einen Sinn abzugewinnen, gehören zu den schwierigsten Dingen überhaupt. Viele Menschen sterben ohne ein „es ist vollbracht“ auf ihren Lippen. Und ob ein gewaltsamer und früher Tod überhaupt einen Sinn hat, daran kann man schon zweifeln. Johannes erzählt uns aber in Bezug auf Jesus genau dieses. Einerseits will er mit den vielen Einzelheiten genau an das erinnern, was geschah, will es nicht vergessen, was sich damals unter dem Kreuz und am Kreuz zugetragen hat. Andererseits wird das Geschehen bis in Kleinste so gedeutet, dass doch Gott derjenige ist, der alles bestimmt, der alles in seinen Händen hat. So kann man es nur sehen, wenn man mit den Augen des Glaubens sehen kann.

Es ist, als ob Johannes zu uns sagt: man kann euch alles nehmen: Besitz, Gesundheit, Sicherheit, ja sogar das Leben. Aber eines kann man euch nicht nehmen: euren Glauben. Er ermutigt diejenigen, für die er schreibt, vor den Mächten des Bösen nicht zu kapitulieren, sich ihnen nicht zu beugen, sondern in dem vertrauen zu leben, dass der barmherzige Gott sich als der Stärkere erweisen wird, auch wenn alles dagegen spricht.

Heute ist Karfreitag, der Tag, an dem uns in besonderer Weise zugemutet wird, uns mit dem Leiden in dieser Welt auseinanderzusetzen. Gottes Sohn selber hat sich nicht gescheut, die Mächte des Bösen, die lebenszerstörerischen Mächte am eigenen Leib zu erfahren, und er hat sich ihnen nicht gebeugt, sondern hat seine Freiheit, die Gott ihm geschenkt hat, behalten bis zuletzt. Davon geht eine große Kraft aus, die Kraft des Glaubens, die Kraft der Auferstehung.

Amen.