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Predigt zur Jahreslosung Jes. 12, 2 im ökumenischen Gottesdienst

am Neujahrstag 2002
Pfarrerin Angelika Volkmann


Liebe Gemeinde,

die Jahreslosung für dieses neue Jahr ist aus Jesaja 12, 2 und heißt:

Ja, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Dies ist ein Vers aus einem Danklied. Ich lese die Verse 1-6 im Zusammenhang:

An jenem Tag wirst du sagen:
Ich danke dir, Herr.
Du hast mir gezürnt,
doch dein Zorn hat sich gewendet
und du hast mich getröstet.
Ja, Gott ist meine Rettung;
ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.
Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr.
Er ist für mich zum Retter geworden.
Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude
aus den Quellen des Heils.
An jenem Tage werdet ihr sagen:
Dankt dem Herrn! Ruft seinen Namen an!
Macht seine Taten unter den Völkern bekannt,
verkündet: sein Name ist groß und erhaben!
Preist den Herrn;
denn herrliche Taten hat er vollbracht;
auf der ganzen Erde soll man es wissen.
Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner von Zion;
denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels.

Liebe Gemeinde, heute wünschen wir uns gegenseitig ein Gutes Neues Jahr, und wir hoffen, dass unsere guten Wünsche füreinander in Erfüllung gehen. Wir hoffen, dass wir bewahrt bleiben vor Schicksalsschlägen, vor Krankheit und Unfällen, wir hoffen, dass wir Glück und Gesundheit und Frieden erleben. Die Menschen, an die diese Zeilen ursprünglich gerichtet waren, lebten nicht im Glück. Im Gegenteil, sie lebten in Trümmern. Sie hatten jahrelang in der Fremde, in der Verbannung gelebt und waren nun nach Jerusalem zurückgekehrt. Doch ihre Heimat sah schlimm aus. Vieles war zerstört. Sie hatten so gut wie keine Perspektive. Es war fraglich, ob das ursprüngliche Leben im Lande wieder in Gang kommen würde, ob jeder wieder seinen Beruf, seine Wohnung, sein Auskommen und seine Aufgabe haben würde. Die Aufgabe, die es anzupacken galt, was so groß, das nicht abzusehen war, ob es gelingen würde. Im Grunde war es eine Überforderung.

In dieser Situation sagt der Prophet zu dem Volk: es wird eine Zeit kommen, da werdet ihr Gott danken, da werdet ihr sagen: Ja, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Liebe Gemeinde, ich könnte es verstehen, wenn sich damals sofort Widerstand geregt hätte. Wenn die Menschen zu dem Propheten gesagt hätten: Was bildest du dir ein! Siehst du nicht, wie groß unsere Not ist? Wie kannst du es wagen, so etwas zu sagen! Ich könnte es verstehen. Ich könnte es verstehen , wenn Menschen im Angesicht der Trümmer des World Trade Centers diesem Propheten widersprechen würden, wenn Angehörige der Opfer in den Trümmern sagen würden: wovor soll man uns noch retten? Ich könnte es verstehen, wenn es den Menschen im zerstörten Kabul ebenso erginge.

Wer in Not ist, wer eine schwere Zeit durchlebt, wer vor den Trümmern seines Lebens steht, weil jemand gestorben ist oder weil jemand seinen Besitz und seine Stellung verloren hat, wer eine Katastrophe erlebt, der will nicht vertröstet werden. Zu Recht. Aber ist es wirklich Vertröstung, was der Prophet hier ausspricht?

Tatsache ist, dass die Jahreslosung, die so positiv und schön klingt, mitten in eine Krisenzeit hinein gesprochen wird. Mitten hinein in eine Zeit, die wohl niemand freiwillig erlebt. Und doch gibt es solche Zeiten in jedem Leben, bei manchen mehr und schlimmer und öfter als bei anderen. Wenn wir uns heute eine Gutes Neues Jahr wünschen, dann wünschen wir uns, dass wir verschont bleiben von einer solchen unfreiwilligen Leidenszeit. Doch wir haben es nicht in der Hand. Unsere Jahreslosung ist mehr als ein einfacher Glückwunsch. Sie entfaltet ihre Kraft gerade dadurch, dass sie Menschen inmitten der Trümmer ihres Lebens zugesprochen wird als Zukunftsvision. Nicht als Vertröstung. Wenn man einem Menschen in Not gedankenlos sagt: „Kopf hoch, wird schon wieder werden“, dann ist das wirklich eine Ver-tröstung, die eher der eigenen Verlegenheit entspringt, als dass sie wirklich mutmachend wäre. Wenn man jedoch wirklich Zuversicht vermittelt, weil man die Vision von kommenden guten Tagen innerlich vor Augen hat, wenn man tröstet, so wie Eltern ihrem Kind, das sich in einem kleinen und doch großen Kummer verloren hat, zusprechen: „Es wird wieder gut“, dann ist das wahrer Trost. Jesaja hat eine Zukunftsvision vor Augen. „Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.“ Sagt er denen in den Trümmern. Und: „An jenem Tage werdet ihr sagen: Ich danke dir Herr, du hast mir gezürnt, doch dein Zorn hat sich gewendet und du hast mich getröstet.“ Er kann es vor seinem inneren Auge sehen, dass diese Menschen Tage erleben, an denen sie sich wieder freuen und ihrem Gott von Herzen danken.

Wie kann man denn zu einer neuen guten Vision kommen, wenn man mitten in der Not steckt? Manchmal geht es nicht. Manchmal sind wir darauf angewiesen, dass andere Menschen für uns glauben, auch für uns an deine gute Zukunft, die kommen wird, glauben, und uns das immer wieder sagen. Wenn Sie mögen, dann erinnern Sie sich doch einmal zurück, was Ihnen geholfen hat, eine schwere Zeit zu überstehen. Was war wirklich hilfreich, um neuen Mut und neue Kraft zu schöpfen?

Ich glaube, das wichtigste für jemanden, der eine schlimme Zeit durchlebt, ist es, mit dem Schlimmen nicht allein zu sein. Eine Frau, die plötzlich schwer krank wurde, sagt rückblickend: Was mir geholfen hat, war jemand, der da war. Ein Mitmensch, eine Freundin, die einfach da war, der ich mein Herz ausschütten konnte, immer und immer wieder, der es nicht zuviel war, meine Geschichte und mein Ergehen immer wieder anzuhören. Dadurch hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein. Die schlimmste Isolation war aufgebrochen, dadurch dass mir jemand zuhörte und mit mir fühlte.

Andere sagen: Was mir geholfen hat, war jemand, der meinen Fragen standhielt. Vielleicht waren es auch die Fragen selber. Warum trifft es mich? Warum komme ich in diese Situation? Was soll ich lernen? Ich habe Eltern getroffen, die das Sterben ihrer einjährigen Tochter verkraften mussten und die voller Trauer und in größtem Schmerz sagen konnten: Wir haben etwas erfasst von der Verletzlichkeit und der Kostbarkeit des Lebens, etwas, was wir vorher so nicht wussten. Dieses eine Jahr war uns geschenkt – und wir möchten es nicht missen. Wir haben Gnade erfahren.

Es ist gut, nach dem Warum zu fragen – auch wenn sich keine schnelle Antwort finden lässt. Denn diese Frage kann uns dazu führen, unser Leben in einem tieferen Zusammenhang zu sehen. Sie kann uns dazu bringen, uns aktiv mit der schlimmen Situation, in die wir geraten sind, auseinander zu setzen, zu ringen, auch um den in ihr verborgenen Segen, so wie Jakob am Jabbok. Wenn wir fragen: Was soll mir gesagt sein? Was soll ich begreifen? Was soll ich ändern? dann ist das mehr als ein psychologischer Trick zur Krisenbewältigung. Wenn wir diese Fragen ernsthaft und suchend vor Gott aussprechen, den wir als Gegenüber unseres Lebens glauben, dann ist schon die Frage Ausdruck unseres Glaubens, selbst wenn wir zweifeln. Was soll mir gesagt sein durch den Tod meines Kindes, durch das Scheitern meiner Ehe, durch die unerbetene Krankheit, die mir meine Möglichkeiten raubt? Was soll mir gesagt sein durch den Verlust meiner Arbeitsstelle? Was soll uns gemeinsam gesagt sein durch die Herausforderung des Terrorismus? Wo sollen wir umkehren?

Es ist gut, mit diesen Fragen nicht allein zu sein, sondern im vertrauensvollen Gespräch mit anderen zu besprechen, der mir helfen kann die Ereignisse des eigenen Lebens zu deuten. Durch diese Fragen hindurchzugehen hilft dabei, eine neue Vision von einer guten Zukunft zu entwickeln. Gut kann die Zukunft nur sein, wenn sie die geschehene Katastrophe nicht leugnet, sondern einbezieht, verwandelt.

Liebe Gemeinde: wir wünschen uns heute Gutes und hoffen, dass es sich erfüllt. Und doch haben wir in den vergangenen Monaten wieder neu gelernt, dass niemand vor einer Katastrophe sicher sein kann. Deshalb passt diese Losung auch besonders gut zu diesem Jahr, weil sie uns Zuversicht und Zukunftsvisionen vermittelt im Angesicht einer geschehenen Katastrophe. Gott ist unsere Rettung. Was auch immer geschieht: er ist da. Wir sind nie allein. Ihm dürfen wir unser Leid klagen, ihn dürfen wir mit unseren Fragen bestürmen – so oft es uns danach zumute ist. Er ist derjenige, der unseren Fragen standhält, liebevoll und fest, und manchmal hören wir auch eine leise Stimme in uns mit seiner Antwort. Gott ist unsere Rettung. „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ So haben wir vorhin mit Worten des 23.Psalms gebetet. Sehr viel, auch viel Schlimmes lässt sich verkraften, wenn man nur nicht alleine damit ist. Gott ist da, und dadurch ist er unsere Rettung.

Amen.